mini|Werner Stertzenbach (links) im Gespräch mit Karl Wloch während des Globke-Prozesses (1963) Werner Stertzenbach (* 4. April 1909 in Mülheim an der Ruhr; † 10. Juli 2003 in Düsseldorf) war ein deutscher Kommunist, Journalist und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.

Jugend und Ausbildung Werner Stertzenbach wurde als zweiter Sohn des Malermeisters Max Stertzenbach und dessen Ehefrau Helene, geborene Cahn, geboren; er hatte einen drei Jahre älteren Bruder, Herbert. Die liberal-jüdische Familie lebte zunächst in Oberhausen und zog später nach Essen. Dort besuchte Stertzenbach die jüdische Volksschule und die Knabenmittelschule. Er war Mitglied der Jugendbewegung Kameraden, deutsch-jüdischer Wanderbund.

Nach dem Abschluss der Mittelschule im Jahr 1923 plante sein Vater, ihn auf das Gymnasium zu schicken, doch fehlten dafür die finanziellen Mittel. Während sein Bruder, wie bereits sein Vater, den Beruf des Malers und Anstreichers ergriff, sollte Stertzenbach eine kaufmännische Laufbahn einschlagen. Er absolvierte eine kaufmännische Lehre und war anschließend als Buchhalter tätig.

Eigenen Angaben zufolge entwickelte er in dieser Zeit eine zunehmend antiklerikale und antireligiöse Haltung. Nach seinem Austritt aus der jüdischen Gemeinde im Jahr 1928 engagierte er sich in mehreren linksorientierten Kulturorganisationen, darunter der Vereinigung der Arbeiterfotografen Deutschlands (VdAFD), dem Arbeiter-Esperanto-Bund und dem Arbeiter-Stenografenverein. 1929 trat er der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei und geriet deswegen erstmals in das Visier der Behörden.

Flucht in die Niederlande Nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 organisierte die Sturmabteilung (SA) massenhaft und willkürlich Verhaftungen von Kommunisten und anderen politischen Gegnern des Nationalsozialismus. Stertzenbach stand auf einer schwarzen Liste der SA und wurde am 3. März 1933 in sogenannte „Schutzhaft“ genommen und im Schutzhaftlager in Kleve gefangengehalten. Dank der Bemühungen seines Vaters, der als Handwerksmeister über gute Kontakte zur Polizei verfügte, wurde Stertzenbach nach sechs Monaten aus der Haft entlassen und somit vor dem Transport in die Emslandlager bewahrt.

Laut Stertzenbach riet ihm nach seiner Freilassung ein Bekannter aus der SA, das Land umgehend zu verlassen, da eine erneute Verhaftung mit hoher Wahrscheinlichkeit dauerhaft gewesen wäre. Im Oktober 1933 überquerte er zu Fuß die Grenze in die Niederlande und floh nach Amsterdam. Dort traf er Stella Pach, die er bereits 1928 auf einem internationalen Esperanto-Kongress kennengelernt hatte und mit der er seither in Kontakt stand. Die Familie Pach nahm ihn freundlich auf, und ihre Eltern boten ihm vorübergehend eine Unterkunft.

Stertzenbach meldete sich bei der Internationalen Roten Hilfe, einer Hilfsorganisation, die kommunistische Flüchtlinge, die in die Niederlande geflohen waren, unterstützte. Friedl Baruch empfahl ihm dort, sich an das Komitee für jüdische Flüchtlinge (Comité voor Joodsche Vluchtelingen, CJV) zu wenden, da jüdische Flüchtlinge bessere Chancen auf eine Aufnahme in den Niederlanden hatten als politische Flüchtlinge. Zudem verfügte das CJV über umfangreichere finanzielle Mittel. Kurz darauf fand Stertzenbach Arbeit im Aufnahmezentrum des CJV am ’s-Gravenhekje in der Amsterdamer Innenstadt. Laut einem Bericht des niederländischen Nachrichtendienstes wohnte er bis März 1934 in der Sarphatistraat.

Werkdorp Wieringermeer mini|Hauptgebäude des Werkdorp Wieringermeer (1936) Im März 1934 gehörte Stertzenbach zur ersten Gruppe, die im jüdischen Werkdorp Wieringermeer in praktischen Fähigkeiten geschult wurde. Die Stichting Joodse Arbeid verwaltete das Werkdorp und brachte damit junge jüdische Flüchtlinge aus Deutschland in Sicherheit. Die Bewohner erhielten eine zweijährige Ausbildung für handwerkliche oder landwirtschaftliche Berufe, wie Landwirt, Bauarbeiter und Tischler, um auf eine mögliche Auswanderung, etwa nach Palästina, vorbereitet zu werden.

Im Werkdorp erlernte Stertzenbach das Maurer- und Betonbauerhandwerk. Er selbst begründete später diese Wahl damit, dass sie seiner körperlichen Verfassung entsprach – er sei „gesund und kräftig“ gewesen – und sein Vater ebenfalls im Bauwesen tätig war. Gemeinsam mit anderen Bewohnern errichtete Stertzenbach die Fundamente für 18 Wohnbaracken und beteiligte sich am Bau der Straßen und des Hauptgebäudes. Der halbrunde Mauerbogen über der Eingangstür des Hauptgebäudes war sein Meisterstück am Ende der Ausbildung.

Neben seiner Ausbildung arbeitete Stertzenbach an der Zeitung Das Werkdorf mit. Zusammen mit einer Gruppe von Kommunisten und Sozialisten übte er Kritik an der Verwaltung und den religiösen Vorschriften des Lagers. Stertzenbach teilte die zionistischen Prinzipien nicht und kritisierte unter anderem die strenge Durchsetzung der Speisegesetze. Nach der Veröffentlichung dieser Kritik wurde die Werkdorf-Zeitung verboten. Die Verwaltung des Werkdorps verfolgte einen politisch neutralen Ansatz und duldete keine politischen Aktivitäten. Die Verantwortlichen untersagten außerdem die Erstellung einer Wandzeitung als Alternative. Nachdem auf einer Abendveranstaltung erneut Kritik geäußert wurde, beschlossen die Verantwortlichen, dass Stertzenbach das Werkdorp verlassen musste.

Ausweisung und Illegalität Am 1. April 1936 wurde Stertzenbach als Einwohner von Amsterdam registriert und bezog eine Wohnung in der Rijnstraat. Ihm wurde die Möglichkeit geboten, nach Paraguay auszuwandern, wofür er ein Transitvisum und ein Überfahrtticket erhielt. Er lehnte diese Option jedoch aufgrund der militärischen Konflikte in dem Land ab. Da er nicht in sein Heimatland zurückkehren konnte, erwog er eine Auswanderung nach Birobidschan in der Jüdischen Autonomen Oblast in der Sowjetunion, erhielt jedoch kein Einreisevisum.

Im August 1936 wiesen ihn die niederländischen Behörden illegal nach Lüttich in Belgien aus. Nach eigenen Angaben hatte er dort keine Kontakte und kehrte daher mit dem Zug in die Niederlande zurück. Nach seiner Rückkehr hielt er sich illegal in Rotterdam auf, wo ihn mehrere Hafenarbeiter mit Lebensmitteln versorgten. Er wandte sich erneut an die Internationale Rote Hilfe, die ihm bei der Suche nach einer Unterkunft unterstützte.

Im Mai 1937 verhaftete ihn die niederländische Polizei bei einer zufälligen Fahrradkontrolle und brachte ihn als illegal im Land lebenden Ausländer in der Haftanstalt in Rotterdam unter. Sozialistische, kommunistische und pazifistische Gruppen protestierten in dieser Zeit gegen die Ausweisung deutscher Flüchtlinge, sodass die Behörden entschieden, ihn nicht nach Deutschland zurückzuschicken. Stattdessen wurde er 1938 in die Kaserne der Militärpolizei (Korps Politietroepen) in Nieuwersluis bei Utrecht verlegt, wo weitere deutsche Flüchtlinge, darunter Kommunisten, Deserteure und Juden, interniert waren. Im Mai desselben Jahres wurde er von der deutschen Reichsregierung ausgebürgert und war fortan staatenlos. Rechtsgrundlage hierfür war das Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit vom 14. Juli 1933, das vorsah, deutschen Reichsangehörigen, die sich im Ausland aufhielten und dort durch ihr Verhalten „gegen die Pflicht zur Treue gegen Reich und Volk“ verstießen, die Staatsangehörigkeit zu entziehen.

Nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande im Mai 1940 boten Stertzenbach und einige Mitgefangene an, sich dem Kampf gegen die deutschen Besatzer anzuschließen, doch aufgrund der Haager Landkriegsordnung war es Zivilisten nicht gestattet, an Kampfhandlungen teilzunehmen. Zusammen mit seinen Mitgefangenen wurde er daraufhin nach Amsterdam evakuiert, wo sie jedoch kurz darauf an die SS und Gestapo ausgeliefert wurden. Stertzenbach wurde nach Deutschland transportiert und zunächst in Kleve, später in Essen inhaftiert.

Zweiter Weltkrieg Als Staatenloser konnte Stertzenbach im nationalsozialistischen Deutschland nicht vor Gericht gestellt werden, was ihn vor der Deportation in das Konzentrationslager Buchenwald bewahrte. Stattdessen wurde er in die Niederlande zurückgebracht und im Februar 1941 im Scholtenhuis in Groningen interniert. Im März 1941 wurde er in das Zentrale Flüchtlingslager Westerbork verlegt, das zu diesem Zeitpunkt noch unter niederländischer Verwaltung stand.

Stella Pach, die er nach seiner Flucht in die Niederlande im Jahr 1933 wiedergetroffen hatte, begann ihm im Oktober 1941 Briefe zu schreiben und schickte ihm Lebensmittel sowie Bücher. Als Lehrerin war sie vorübergehend von der Deportation ausgenommen und konnte ihn mehrmals in Westerbork besuchen. Im Februar und Juli 1942 hielt sich Stertzenbach für kurze Zeit in Amsterdam auf. Die beiden entwickelten eine enge Beziehung und beschlossen zu heiraten. Ihre Korrespondenz lief teilweise über Etty Hillesum, eine Mitarbeiterin des Judenrats in Westerbork und enge Vertraute von Stertzenbach. Über Hillesum ließ Pach ihm 1942 einen Ehering ins Lager liefern, und am 19. September desselben Jahres meldeten sie offiziell ihre Eheschließung an.

Widerstand im Lager Westerbork mini|Lageplan des Durchgangslagers Westerbork. Unten links außerhalb des Lagergeländes befand sich das Krematorium (Stand 1944) mini|Kläranlage des Lagers Westerbork Ab Juli 1942 unterstand das Lager Westerbork der direkten deutschen Verwaltung und diente fortan als Durchgangslager für Deportationen in die Vernichtungslager. Stertzenbach war Zeuge der wöchentlichen Transporte, bei denen jeweils rund tausend Menschen das Lager verlassen mussten. Wie die übrigen Insassen wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, als dass die Deportierten in „Arbeitslager im Osten“ gebracht wurden.

Als „alter Lagerinsasse“, ein Status, der an Personen vergeben wurde, die sich bereits vor dem 14. Juli 1942 im Lager Westerbork aufgehalten hatten, erhielt Stertzenbach eine vorübergehende Schutzstellung vor der Deportation. Er war im technischen Dienst des Lagers tätig, zunächst in der Kläranlage und ab März 1943 auch im Krematorium. Mit Hilfe von zwei gestohlenen Radiogeräten, die in Gebäuden der Kläranlage und des Krematoriums versteckt waren, empfing Stertzenbach Nachrichten über das Kriegsgeschehen, die er mit seinen Lagerkameraden teilte.

Durch seine Tätigkeit im Lager erhielt er regelmäßig die Möglichkeit, den Stacheldrahtzaun des Lagers zu passieren, wodurch er mit Menschen außerhalb des Lagers in Kontakt kam, darunter dem Förster Ger van Reemst, der in den umliegenden Wäldern arbeitete. Van Reemst war der Schwager von Trudel van Reemst-de Vries, die mit der Amsterdamer Widerstandsgruppe Van Dien in Verbindung stand. Die Gruppe bestand aus Personen, die sich über das „Haus Oosteinde“, ein Begegnungs- und Kulturzentrum für deutsch-jüdische Flüchtlinge, kannten. Stertzenbach stand mit der Widerstandskämpferin Alice David, einer der Anführerinnen der Widerstandsgruppe, über eine illegale Telefonleitung in direktem Kontakt.

Ein Teil der Widerstandsarbeit der Amsterdamer Gruppe wurde mit Geld finanziert, das aus der Kläranlage in Westerbork entnommen wurde. Personen, die mit dem Zug in Westerbork ankamen, wurden gewarnt, dass man ihnen im Lager ihr Geld abnehmen würde. Einige von ihnen zerrissen daraufhin ihr Geld und spülten es die Toilette hinunter. Mitarbeiter der Kläranlage sammelten die Reste auf, klebten sie zusammen und leiteten sie an ein Mitglied der Widerstandsgruppe Van Dien in Amsterdam weiter. Auf diese Weise konnten etwa 15.000 Gulden beschafft werden.

In Westerbork leitete Stertzenbach eine von ihm initiierte Widerstandsgruppe, die gefälschte Personalausweise beschaffte und Fluchtwege aus dem Lager organisierte. Mithilfe einer Schub- oder Kippkarre schmuggelten sie Gefangene aus dem Lager oder ließen sie unter dem Stacheldrahtzaun durchkriechen. In einigen Fällen wurden Personen in letzter Minute aus den Deportationszügen geholt.