Die Wetterauer und Vogelsberger Bande waren Räuberbanden, die Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts in der Wetterau und im Vogelsberg existierten.
Name, Herkunft und Entstehung Die Zusammensetzung und Größe der Banden wechselte oft. Beide Banden pflegten enge personelle Verbindungen. Die meisten ihrer Mitglieder stammten aus Oberhessen.
Die Namensgebung erfolgte nicht, weil sie „ausschließlich im Vogelsberg oder in der Wetterau stehlen, sondern weil sie in diesen Gegenden ihre Hauptschlupfwinkel und ihre nächsten Merkmale haben.“
Sie betrieben meist ein ambulantes Gewerbe und waren selbst Kinder von „Musikanten, Händlern, Landstreichern, entlassenen Soldaten oder Korbmachern“, aber auch oft „Kinder der freien Liebe und nicht im Besitz eines legitimen Vaters.“Karl Roemheld, Aus der Spitzbubenwelt vor 100 Jahren. In: Heimat im Bild, Nr. 33/34 1927, S. 32 und 35. Viele Mitglieder der Wetterauer und Vogelsberger Bande (ca. 40 %) gehörten zum fahrenden Volk, ebenso in der Schinderhannesbande. „In anderen Banden lag er (der Anteil) sogar wesentlich höher.“Udo Fleck: Diebe – Räuber – Mörder. Studie zur kollektiven Deliquenz rheinischer Räuberbanden an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, Diss. Trier 2003, S. 193. Jenisch-Sprecher aus Gießen stammten von ambulanten Händlern des 19. Jahrhunderts ab.Andrew Rocco Merlino D’Arcangelis, Die Verfolgung der soziolinguistischen Gruppe der Jenischen (auch als deutsche Landfahrer bekannt) im NS-Staat 1934–1944. Diss. Hamburg 2004, S. 205ff mit Bezug zu Lerch, Das Manische, S. 33–36.
Gelegentlich fanden sich unter ihnen auch Maurer oder Zimmerleute, die im Vogelsberg ihre Arbeit „ambulant betrieben und dabei eine eigene Sprache – die Vogelsberger Mauersprache – entwickelten, die durchaus jenische Wesensmerkmale aufweist.“Hans-Günter Lerch, Das Manische in Gießen. Die Geheimsprache einer gesellschaftlichen Randgruppe, ihre Geschichte und ihre soziologischen Hintergründe. Diss. Gießen 1976, S. 37 f. Diese Sprache hat sich bis heute noch teilweise im Dialekt erhalten.Kurt Kehr, Geheimsprache im Dialekt. Köddingen und Neuroth heute, S. 73–80. in: Klaus Siewert (Hrsg.), Rotwelsch-Dialekte. Symposion Münster. = Sondersprachenforschung I. Wiesbaden 1996. Johannes Lehn war Zimmermann, Johannes Höhl und Johann Heinrich Brandau Maurer, alle drei Mitglieder der Vogelsberger Bande. Ludwig Funk von der Wetterauer Bande war ebenfalls Maurer. Martin Knaus war Zimmermann und Mühlenarzt, baute und reparierte „Kaffee-, Feeg- und Kartoffelmühlen.“
Teilweise waren die Bandenmitglieder miteinander verwandt. Die „Beyschläferin“ des Johann Heinrich Becker (Vogelsberger Bande) war Christine Dietz aus Aßlar, die Schwester des Johann Justus Dietz, der zur Wetterauer Bande gehörte. Jacob Heinrich Vielmetter hatte unter seinen nächsten Verwandten 25 Gaunerfamilien.Besprechung von Grolmans Actenmäßiger Geschichte. In: Heidelberger Jahrbücher 1813. Zweyte Hälfte Julius bis December, Heidelberg 1813, S. 721–732, S. 727.
Zeitgenössische Darstellungen des 19. Jahrhunderts klammern weitgehend die Frage nach den Ursachen des Räuberunwesens aus. Inzwischen sieht man sie u. a. als eine Folgeerscheinung der Napoleonischen Kriege. Es waren „die durch Verarmung und Obdachlosigkeit herangezogenen asozialen Elemente, die nach dem Zusammenbrechen jeglicher sozialer Ordnung einzeln oder in Banden zusammengeschlossen, ganze Bevölkerungsteile in Angst und Schrecken versetzen können.“Winfried Wackerfuß, Odenwälder Räuberbanden. In: Hessische Heimat. Aus Natur und Geschichte. Die Heimatbeilage der mittelhessischen Tageszeitungen Gießener Allgemeine – Alsfelder Allgemeine, Nr. 24, 1967, S. 93–85, S. 93 Ein wesentlicher Faktor war auch die Kleinstaaterei, die flächendeckende und koordinierte Aktionen gegen die Banden erheblich erschwerte. So fand in Wetzlar 1801 ein Kongress der meisten hessischen Kleinstaaten und ihrer Anrainer statt, um Beschlüsse zu fassen, wie die Räuberbanden effektiv zu bekämpfen seien.Eugen Sandmann, Der Wetzlarer Kongreß wider die Diebe und Räuber, 1801. In: Nassovia 9, 1908, S. 34 f.
Die Banden
Die Unterscheidung in die Vogelsberger und Wetterauer Bande stammt aus dem Jahr 1813, als beide Gruppen bereits zerschlagen waren.
GrolmanFriedrich Ludwig Adolph Grolman, Actenmäßige Geschichte der Vogelsberger und Wetterauer Räuberbanden und mehrerer mit ihnen in Verbindung gestandenen Verbrecher. Nebst Personal-Beschreibung vieler in alle Lande teutscher Mundart dermalen versprengter Diebe und Räuber; Mit einer Kupfertafel, welche die getreuen Bildnisse von 16 Haupt-Verbrechern darstellt. Gießen 1813. unterteilte ihre Mitglieder in zwei Hauptgruppen: die „eigentlichen Gauner, Jenische oder Romanische Leute“ und die Gruppe der „Beherberger (Bayser)“ der Räuber und „Abnehmer (Scharfenspieler)“ des Diebsguts.Grolmann, Actenmäßige Geschichte, S. 1 ff. Dies wurde aber schon von Zeitgenossen als nicht sinnvoll kritisiert, da die Mitglieder der einzelnen Gruppen oft ihre Rollen tauschten.Heidelberger Jahrbücher 1813, S. 722. Vogelsberger Bande Bernhard Bauer aus Volkartshain. Johannes Heinrich Becker, genannt „Weiskopf“ aus Eckartsborn. Johann Heinrich Brandau, der Engelröder Dick, geboren in Buchenau, war mit der ältesten Tochter Jakob Heinrich Vielmetters, Marie Elisabeth, verheiratet. Johann Heinrich Dönges, genannt Katten-Heinrich aus Eichelhain. Heinrich Euler, „Hildebrands-Heinrich“ von Freiensteinau Johann Adam Frank Hermann Glaser, der Lange aus Miesen, Großherzogtum Berg. Johannes Höhl, vulgo Lieschens Hannes, geboren in Ober-Seemen. Ludwig Hofmann aus Fuld. Johannes Hoos aus Reptich, Werra-Departement, Königreich Westphalen. 1811 wurde er mit seiner Geliebten Angelica Krämer, die zuvor mit Ludwig Funk liiert war, ins Gießener Stockhaus eingeliefert. Martin Knaus, genannt der Mühlarzt, aus Düdelsheim, der auch zur Wetterauer Bande gerechnet wird. Johann Benedict Kopf, „vulgo Scheege= oder scheeler Hannes“ aus Herbstein. Johann Heinrich Kurz von Stockhausen. Johann Leonhard Lang aus Rixfeld, genannt Hann-Lehnert. Johannes Lehn I., Franzens Sohn aus Breungeshain. Der Vater Franz Lehn stammte aus dem „Würzburgischen“. Auch er lebte mit einer Tochter des Jakob Heinrich Vielmetter zusammen. Ludwig Möbus aus Bobenhausen. Johannes Müller aus Birklar, der „Birklarer Schneider,“ auch „Grabenschneider“ genannt. Balser Pfeiffer war der Bruder von Johann Georg Pfeiffer, vulgo Weisbrods-Hann_Görg, angeblich in Maar geboren. Dessen Vater hatte u. a. als Hessen-Kasselscher Soldat in Nordamerika gekämpft. Johannes Reitz aus Harbach, genannt der „Haarbacher Hannes“ Johann Heinrich Ritter, vulgo Feldscheersjung, Hennerle, kleiner Heinrich oder Heinrich mit der Geige, aus Landenhausen, später Mitglied der Wetterauer Bande. Johannes Stahl, Kalkhannes genannt, aus Tann (Rhön). Friedrich Adam Thomas, der „lange Friedrich,“ aus Sturzhausen, Sachsen-Gotha. Nach Grolman war er der „vollendeste Spitzbube der Vogelsberger Bande.“Grolman, Actenmäßige, S. 102. Andreas Thron, vulgo Neunfingers Andres, geboren in Ilbeshausen Johann Heinrich Volk, genannt Bick, aus Storndorf. Johann Georg Wehrt vulgo Speckhardt aus Wenholthausen.Friedrich Ludwig Adolph Grolman, Actenmäßige Geschichte der Vogelsberger und Wetterauer Räuberbanden und mehrerer mit ihnen in Verbindung gestandenen Verbrecher. Nebst Personal-Beschreibung vieler in alle Lande teutscher Mundart dermalen versprengter Diebe und Räuber; Mit einer Kupfertafel, welche die getreuen Bildnisse von 16 Haupt-Verbrechern darstellt. Gießen 1813. S. 1–203.
Wetterauer Bande Die Wetterauer Bande wurde auch „die Platten“ genannt. Die „Platten“ bedeutet „Spitzbube“ oder auch „gaunerisch, dem Gaunertum angehörig oder nahestehend.“Andrew D’Arcangelis, Die Verfolgung der soziolinguistischen Gruppe, S. 209. Zu dieser Bande gehörten: Conrad Anschuh. Er hieß eigentlich Conrad Unschick und stammte aus Rodheim. Johannes Borgener, der „Polengängers Hannes“, aus Romsthal und sein Bruder Michael Borgener, der „Polengängers Michel“, aus Flörsbach. Dieser gehörte auch zur Vogelsberger Bande. Johann Justus Dietz, vulgo Lumpen Jost, aus Aßlar Johann Adam Frank* genannt der „große oder älterer Feldscheersjung, Hann-Adam oder Schwubger“ aus Schlitzenhausen, Stiefbruder von Johann Heinrich Ritter. Dieser gehörte auch zur Vogelsberger Bande. Ludwig Funk aus Sellnrod, vulgo „Selnröder Ludwig.“ Peter Görzel, vulgo Heiden-Peter und Schoden-Heinrich, angeblich aus Großenenglis. Er soll aber aus Berlin stammen und in Kransberg gewohnt haben.Grolman, Actenmäßige Geschichte, S. 352. Johann Georg Gottschalk, auch der Schwarze Jung oder Veltens Heinrich genannt, aus Ilbenstadt. Johann Heiland Heinrich Keller, eigentlich Heinrich Baum von Ruppertsburg. Johann Heinrich Oberländer, geboren in Wippershausen. Auch er war mit einer ehemaligen „Beischläferin“ von Ludwig Funk verbunden, nämlich Dorothea Strack, die aus einer Räuberfamilie stammte. Johann Valentin Christian Oberländer, auch „Schwarzer Christel“ oder „Löffelhannes“ aus Urbach, war ein ehemaliger „Luckner-Soldat.“ Gemeint ist wohl, dass er unter Nikolaus Graf Luckner diente. Johann Heinrich Ritter vulgo „der jüngste Feldscheersjung, Hennerle oder Heinrich mit der Geige“ aus Landenhausen, ebenfalls auch Mitglied der Vogelsberger Bande, Johann Adam Steininger, vulgo „Überrheiner Hanadam“, aus Lohnweiler, der vorher zur Schinderhannesbande zählte und elsässische Mundart sprach.Grolman, Actenmäßige, S. 265. Conrad Vielmetter war der Bruder von Jakob Heinrich Vielmetter. Zusammen mit seinem Sohn Ludwig gehörte er ebenfalls zur Bande. Jakob Heinrich Vielmetter oder alter Jacob Heinrich aus Obernhain, der wohl der eigentliche Anführer der Wetterauer Bande war.Hermann Bettenhäuser, Räuber- und Gaunerbanden in Hessen. Ein Beitrag zum Versuch einer historischen Kriminologie Hessens. In: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde. Bd. 75/76. 1964/65, S. 275–348, S. 338. Er war der Kopf einer weit verzweigten Räuberfamilie. Johannes Vielmetter, sein Sohn. Johann Heinrich Vogt, „der Schoden-Heinrich“ aus Gilserberg Henrich Wolf
Weitere Mitglieder waren: Cornelius Kehr oder Köhr, vulgo „Netl“ oder „Nöll“, aus Obersteinbach, „gehörte zu dem Wetterauer Gaunergesindel.“C.P.T. Schwencken, Actenmäßige Nachrichten von dem Gauner= und Vagabunden=Gesindel, sowie von einzelnen professionirten Dieben, in den Ländern zwischen dem Rhein und der Elbe, nebst genauer Beschreibung ihrer Person. Von einem Kurhessischen Criminal=Beamten, Cassel 1822, S. 265. Johann Adam Kühn, vulgo „Grabfelder Han-Adam“ oder „Grünbecks Han-Adam“, „zieht meist als Schweinehändler umher und gehört sonst zu der Wetterauer Bande.“Schwencken, Nachrichten von dem Gauner= und Vagabunden=Gesindel, S. 301.
Beziehungen zu anderen Banden
Auch zu anderen Banden bestanden vielseitige Beziehungen. Peter Görzel, vulgo scheeler Peter oder scheeler Heidenpeter genannt, war ursprünglich Mitglied der Brabanter Bande, ebenso wie die Brüder Claus und Georg Harting sowie Appelinarius Lüzler, genannt Bernhard, die mit dem Heidenpeter Verbrechen verübten.Heidelberger Jahrbücher 1813, S. 726. Dazu gehörten Diebstähle in Appenrod und Kirchberg (Lahn).Grolman, Actenmäßige Geschichte, S. 357.
Johann Adam Steininger, der „Überrheiner Wilhelm,“ hatte auch Beziehungen zu der Bande des Mentel Polas und zu der Niederländischen Bande um Adrian Boßbeck, vulgo „Schifferchen.“ Mit Steininger standen auch die Odenwälder Räuber Veit Krämer, Vater und Sohn, sowie Johann Adam Heußner in Verbindung.Heidelberger Jahrbücher 1813, S. 726.