Als Aston Martin Lagonda Series 2–4 werden drei Serien einer sportlichen Luxuslimousine zusammengefasst, die der britische Sportwagenhersteller Aston Martin zwischen Herbst 1976 und Sommer 1989 produzierte.auto, motor und sport: Aston Martin Lagonda (1976–1989)
Die einzelnen Auflagen (Series 2, Series 3 und Series 4) unterschieden sich in technischen und äußerlichen Details voneinander. Sie erregten Aufsehen durch die allen drei Serien gemeinsame ausgeprägte Keilform der Karosserie und durch das von Elektronik dominierte Interieur. Das Auto galt bei seiner Vorstellung 1976 als „absolute Sensation“Giles Chapman: Aston Martin. Warts & all. Markengeschichte in: Octane Classic & Performance Cars, Heft Oktober 2013, S. 90 und polarisierte zugleich.Robert Coucher: Four by four. Four Seater Aston Martins. In: Octane Classic & Performance Cars, Heft April 2010, S. 60 f.William Presland: Aston Martin V8. Crowood Press 2009. ISBN 978-1-84797 066-4, S. 58. Beobachter hielten es für das fortschrittlichste Auto seiner Zeit. Ungeachtet vieler Probleme, die insbesondere auf die ambitionierte Elektronik zurückzuführen waren, sicherte das Auto das wirtschaftliche Überleben Aston Martins in den 1980er-Jahren.
Hintergrund
miniatur|Lagonda Rapide Lagonda war selbst ein eigenständiger, traditionsreicher Sportwagenhersteller, der 1947 von David Brown übernommen – Markenliebhaber sprechen von „annektiert“Rainer Schlegelmilch, Hartmut Lehbrinck, Jochen von Osterroth: Aston Martin. Verlag Könemann 2005. ISBN 3-8331-1058-9, S. 202. – und in das seinerzeit ebenfalls Brown gehörende Unternehmen Aston Martin integriert wurde. In dieser Zeit war Aston Martin für Sport- und Rennwagen zuständig, während Lagonda den Marktbereich der sportlichen Limousinen abdeckte. Bis 1964 entstanden drei Baureihen, die jeweils unter dem Markennamen Lagonda verkauft wurden: der Lagonda 2.6 Litre (1948–1953), der Lagonda 3 Litre (1953–1958) und der Lagonda Rapide (1961–1964). Nachdem zehn Jahre lang keine Lagonda-Modelle angeboten worden waren, reaktivierte Aston Martin 1974 den Namen für eine viertürige Limousine, die die Aston-Martin-Palette abrunden sollte. Anders als bisher wurden diese Wagen allerdings zunächst nicht mehr unter der Marke Lagonda verkauft; die Bezeichnung Lagonda wurde vielmehr zum bloßen Modellnamen herabgestuft, sodass die Autos nun Aston Martin Lagonda hießen.
Diese nachträglich als Aston Martin Lagonda Series 1 bezeichneteMartin Buckley: When mere luxury was not enough. Vergleich Aston Martin Lagonda S2 und Rolls-Royce Camargue. In: Thoroughbred & Classic Cars, Heft 9/2003, S. 83. Limousine war in technischer Hinsicht eine viertürige Version des Aston Martin DBS. Während sich der DBS und sein Nachfolger, der nahezu baugleiche Aston Martin V8, in den frühen 1970er-Jahren erfolgreich entwickelten, stockte der Verkauf der Lagonda-Limousine, die bis 1975 insgesamt nur siebenmal gefertigt wurde. 1974 geriet Aston Martin, der allgemeinen Entwicklung in der Automobilbranche folgend, in eine wirtschaftliche Krise, die Anfang 1975 zur Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens führte. In den ersten sechs Monaten des Jahres 1975 fertigte Aston Martin kein einziges Auto. Erst als im Juni 1975 ein Konsortium aus britischen und kanadischen Geschäftsleuten den Betrieb übernommen und in die Gesellschaft Aston Martin Lagonda (1975) Ltd. überführt hatte,Andrew Noakes: Faszination Aston Martin. Parragon, Bath 2006, ISBN 978-1-4054-7900-4, S. 102. wurde die Produktion in zunächst bescheidenem Ausmaß wieder aufgenommen. Insgesamt entstanden in dem Jahr nur 21 Autos, unter ihnen zwei Aston Martin Lagondas.William Presland: Aston Martin V8. Crowood Press 2009. ISBN 978-1-84797 066-4, S. 55.
Die neue Unternehmensführung setzte zwar die Fertigung des V8 Saloon fort, entschied sich aber gegen die Weiterführung des davon abgeleiteten Aston Martin Lagonda Series 1, der als nicht ausreichend attraktiv angesehen wurde.Mark Dixon: Five smokin’ saloons. Vorstellung des Aston Martin Lagonda (Series 1) und Vergleich mit dem BMW 3,0 Si, dem Daimler Double Six Vanden Plas, dem De Tomaso Deauville und dem Mercedes-Benz 300 SEL 6,3, in: Thoroughbred and Classic Cars, Heft Februar 1996, S. 79. Stattdessen gab das Management die Entwicklung einer vollständig neuen Limousine in Auftrag, die eigenständig sein sollte: „Ein Hingucker“,Michael Schäfer: Captain Future: Vorstellung und Entwicklungsgeschichte des Aston Martin Lagonda in: Oldtimer Markt, Heft 12/2007, S. 47. der die Leistungsfähigkeit von Aston Martin Lagonda (1975) Ltd. belegen sollte.Andrew Noakes: Faszination Aston Martin. Parragon, Bath 2006, ISBN 978-1-4054-7900-4, S. 103. Daraus resultierte der keilförmige, mit viel Elektronik ausgestattete neue Aston Martin Lagonda.
Mit einigem zeitlichen Abstand schloss sich eine dritte, vom Aston Martin Virage abgeleitete Baureihe an, die von 1992 bis 1996 lediglich auf individuellen Kundenwunsch gefertigt wurde und neun Fahrzeuge umfasste. 2014 folgte mit dem Aston Martin Lagonda Taraf ein weiterer Versuch, die Marke wiederzubeleben.
Das Konzept Die Entwicklung des neuen Lagonda, die 1976 begann, oblag in technischer Hinsicht Mike Loasby. Die Form der Karosserie und des Interieurs gestaltete William Towns.Andrew Noakes: Faszination Aston Martin. Parragon, Bath 2006, ISBN 978-1-4054-7900-4, S. 106.
Der neue Lagonda hatte die Aufgabe, deutlich zu machen, dass der britische Traditionsbetrieb ungeachtet der zurückliegenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten handlungsfähig war. Das Auto sollte Aufsehen erregen, und eine technische Verwandtschaft zum Aston Martin V8 sollte äußerlich nicht erkennbar sein.William Presland: Aston Martin V8. Crowood Press 2009. ISBN 978-1-84797 066-4, S. 58.
Der neue Lagonda erfüllte die Erwartungen der Unternehmensleitung. Er war ein „einzigartiges Auto“. Seine auffälligsten Merkmale waren die niedrige, keilförmige Karosserie und eine aufwendige Elektronik für die Bedienung und die Armaturen. Die Entwicklung des Autos dauerte wesentlich länger und war deutlich teurer als vorhergesehen. Insbesondere die ambitionierte Fahrzeugelektronik verursachte erhebliche Verzögerungen. Die Planungen des Unternehmens sahen ursprünglich Entwicklungskosten von 75.000 £ vor. Tatsächlich fielen bis zur Serienreife des Autos Kosten in Höhe von 1,25 Mio. £ an.William Presland: Aston Martin V8. Crowood Press 2009. ISBN 978-1-84797 066-4, S. 62.
Karosserie und Technik Karosserie miniatur|Keilförmige Karosserie: Aston Martin Lagonda (Series 3) miniatur|In den Kofferraumdeckel integrierte Rückleuchten: Aston Martin Lagonda Series 2 und 3 Die äußere Form des Wagens war spektakulär. Towns entwarf innerhalb nur eines Monats eine Karosserie im sogenannten Folded-Paper-Stil. Im Januar 1976 existierte bereits ein Tonmodell im Maßstab 1:4, zwei Monate später war ein 1:1-Modell aus Holz fertiggestellt.Michael Schäfer: Captain Future. Vorstellung und Entwicklungsgeschichte des Aston Martin Lagonda in: Oldtimer Markt, Heft 12/2007, S. 44.
Die sehr flache, keilförmige Karosserie war von glatten Flächen und Winkeln geprägt. Mit einer Höhe von lediglich 1300 mm war der Lagonda der niedrigste Viertürer seiner Zeit. Der Vorderwagen fiel spitz nach vorne hin ab. Oberhalb der Stoßfänger befanden sich beim Originalentwurf sechs kleine Leuchten für Blinker, Standlicht und Nebelscheinwerfer. Die vier Hauptscheinwerfer waren in den ersten beiden Versionen als Klappscheinwerfer ausgestaltet. Die Heckleuchten bestanden anfänglich aus vier schmalen Streifen, die vollständig in die Heckklappe integriert waren und beim Öffnen mit der Klappe nach oben schwenkten. Da sie bei geöffneter Klappe für nachfolgende Fahrzeuge nicht oder nicht hinreichend erkennbar waren, ordneten die britischen Verkehrsbehörden an, auf der Innenseite der Heckklappe zusätzliche Rückleuchten anzubringen. Das änderte sich erst mit Einführung der Series 4, bei der die Rückleuchten nicht mehr in die Heckklappe integriert waren. William Towns überarbeitete die äußeren Karosserieteile für die 1987 vorgestellte Series 4 in vielen Details, ohne allerdings die stilistische Grundkonzeption des Jahres 1976 aufzugeben.
Einige Details waren sehr einfach gehalten und passten nach der Wahrnehmung von Beobachtern nicht zum aufwändigen Gesamtkonzept. Hierzu gehörten die verspielten und zugleich billig („poor“) wirkenden Türgriffe des Ford Cortina.
Die außergewöhnliche Form brachte einige praktische Nachteile mit sich. In der ersten Version des Fahrzeugs konnten weder die Fenster der vorderen noch die der hinteren Türen geöffnet werden. Zum Beginn der Serienproduktion wurde der Zuschnitt der Türen so geändert, dass zumindest die Fenster der vorderen Türen abgesenkt werden konnten. Hinten hingegen blieben sie zunächst starr; das änderte sich erst mit der Einführung der dritten Serie.Andrew Noakes: Faszination Aston Martin. Parragon, Bath 2006, ISBN 978-1-4054-7900-4, S. 108. Funktionseinschränkungen ergaben sich auch für das Moon Roof genannte Glasdach über den Rücksitzen: Es konnte zwar hochgestellt werden; der in das Dach integrierte Überrollbügel verhinderte aber ein vollständiges Aufschieben des Moon Roof.
William Towns’ Design polarisierte bei seiner Einführung. Gelegentlich wurden einige Designelemente von fremden Herstellern kopiert. Panther Westwinds etwa stellte auf Kundenwunsch mehrere Coupés und Limousinen der W126-Baureihe von Mercedes-Benz mit einer dem Lagonda nachempfundenen Frontpartie her.Abbildung eines W126-Coupés mit veränderter Frontpartie auf der Internetseite (abgerufen am 2. Mai 2015).
Chassis und Fahrwerk Anders als beim Vorgängermodell nutzte Aston Martin für den neuen Lagonda nicht das Chassis des V8. Mike Loasby entwarf einen neuen Plattformrahmen. Darauf war ein Stahlgerüst geschweißt, das seinerseits die Karosserieteile aus Aluminium trug.Michael Schäfer: Captain Future: Vorstellung und Entwicklungsgeschichte des Aston Martin Lagonda in: Oldtimer Markt, Heft 12/2007, S. 45.William Presland: Aston Martin V8. Crowood Press 2009. ISBN 978-1-84797 066-4, S. 59. Das Chassis war steifer und zugleich leichter herzustellen als das des V8. Es wurde auch für dessen 1989 vorgestellten Nachfolger Virage verwendet.William Presland: Aston Martin V8. Crowood Press 2009. ISBN 978-1-84797 066-4, S. 143. Die Vorder- und Hinterradaufhängung des Lagonda entsprach in ihrer Grundkonzeption der des V8, allerdings war an der Hinterachse eine automatische Niveauregulierung vorgesehen. Andrew Noakes: Faszination Aston Martin. Parragon, Bath 2006, ISBN 978-1-4054-7900-4, S. 110.
Antriebstechnik miniatur|Der von Tadek Marek entwickelte Achtzylindermotor von Aston Martin Lagonda (1976) Der neue Lagonda wurde wie schon sein Vorgänger von dem 5,3 Liter großen Achtzylindermotor angetrieben, der 1970 im DBS V8 debütiert hatte. Allerdings passte der Motor in der Basisversion nicht unter die flache Motorhaube des Lagonda, obwohl seine Position im Vergleich zum V8 deutlich nach hinten versetzt war. Um das Triebwerk einzupassen, musste zudem das System der Motorschmierung verändert und der Lufteinlass verkleinert werden.William Presland: Aston Martin V8. Crowood Press 2009. ISBN 978-1-84797 066-4, S. 60. Der Motor leistete in der ersten Version 280 bhp (209 kW; 284 PS). Im Zuge der 1986 vollzogenen Umstellung von Vergaser auf eine elektronische Benzineinspritzung von Marelli stieg die Leistung zunächst – je nach Quelle – auf 221 kW (300 PS)Michael Schäfer: Captain Future: Vorstellung und Entwicklungsgeschichte des Aston Martin Lagonda in: Oldtimer Markt, Heft 12/2007, S. 47. oder 223 kW (304 PS) an, bevor sie mit Einführung der vierten Serie auf 289 PS abgesenkt wurde. Als Kraftübertragung diente eine Dreigangautomatik von Chrysler; Aston Martins eigenes manuelles Fünfganggetriebe wurde nicht angeboten.