mini|Gefesselter mini|Ein Fesselpärchen präsentiert eine Hängebondage (Suspension) Shibari (, dt. „Festbinden; Fesseln“), auch als Japan-Bondage bekannt, ist eine erotische Kunst des Fesselns, die sich in Japan aus der traditionellen militärischen/polizeilichen Fesseltechnik Hojōjutsu entwickelt hat. Die Bezeichnung Kinbaku (緊縛, dt. „Festbinden; Festschnüren“) wird häufig synonym verwendet.

Im Gegensatz zum westlichen Bondage dient die Fesselung beim Shibari nicht ausschließlich der Immobilisierung zwecks Einleitung sadomasochistischer Praktiken. Durch die Enge der Umschnürung kann das Gefühl der Geborgenheit entstehen, wie es auch beim Pucken in der Säuglingspflege zu finden ist. Eine wesentliche Rolle spielt auch der künstlerische Aspekt beim Arrangieren des gefesselten Körpers in ästhetisch ansprechende Formen und Posen. Der aktive Part (die fesselnde Person) wird häufig Rigger, seltener Nawashi genannt, der passive Part (die gefesselte Person) wird häufig (Rope-)Bunny, bzw. neutraler Model oder Ukete genannt.

Begriffe Begriffsherkunft In Japan selbst spricht man in diesem Zusammenhang häufig von Kinbaku (, „straffes Festbinden; straffes Fesseln“). Der bloße Begriff „Shibari“ bezeichnet dort das „Binden, Schnüren“ allgemein und auch im übertragenen Sinne wie bei „vertraglicher Bindung“.

In Europa und den USA wird der Begriff Shibari oft für rein künstlerische, ästhetische Fesslungen gebraucht, während mit Kinbaku die künstlerische, verbindende, sinnliche, sexuelle Praxis als Ganzes bezeichnet wird. Obwohl zahlreiche Bücher und Artikel in japanischer Sprache über Shibari geschrieben wurden, gibt es keine Belege dafür, dass die japanischen Praktizierenden dieser Kunst diese Unterscheidung vornehmen.

Es gibt die Auffassung, dass der Begriff Shibari ein westliches Missverständnis im Gebrauch des japanischen Vokabulars ist. Das Wort bezeichnet im Japanischen das Fesseln, allerdings in allgemeiner Form und traditionell nicht im Zusammenhang mit erotischen Fesselungen. Viele Bezeichnungen für bestimmte Fesselmuster beinhalten den Begriff Shibari, aber es sei nicht üblich, die gesamte Aktivität so zu nennen. Stattdessen wäre Kinbaku der Begriff für künstlerisches oder erotisches Fesseln in traditionellen japanischen Seilbondage-Kreisen.

Dem gegenüber steht die Auffassung, dass Shibari ein Begriff für erotisches Fesseln in Japan ist, der praktisch mit dem Begriff Kinbaku austauschbar ist. Itoh Seiu (der allgemein als einer der Väter der zeitgenössischen japanischen Seilbondage gilt) verwendete den Begriff in den 1950er Jahren, ohne Anzeichen dafür, dass es sich dabei um einen „westlichen Japonismus“ handelt. Viele andere bekannte japanische Bakushi nutzen den Begriff in gleicher Weise, so trägt zum Beispiel eine der Anleitungsvideoserien von Nureki Chimuo aus den 1980er Jahren den Titel Einführung in Shibari.

Für die Behauptung, dass das Wort Shibari zunehmend aus dem Westen nach Japan re-importiert wird, da die Fesselgemeinschaften sehr eng miteinander verbunden sind, gibt es keine Beweise. Die meisten praktizierenden Bakushi in Japan haben nach wie vor nur sehr begrenzten Kontakt mit dem Westen und fast kein Interesse daran, die Bedeutung von Wörtern zu diskutieren. Die meisten japanischen Kinbakushi haben keine Einwände gegen den Begriff Shibari, der auch in der internationalen Community stark verbreitet ist.

Der eigentliche Begriff Kinbaku wurde erstmals in der Mai-Juni-Ausgabe 1952 des „Kitan Club“ von den Autoren und Bakushi Minomura Kou und Tsujimura Takashi entwickelt und verwendet. Bis zu dieser Ausgabe enthielten die meisten Zeitschriften nur Nacktfotos von Frauen, aber nur wenige in Fesselung. Um den Akt der erotischen Fesselung im Gegensatz zum bloßen Fesseln zu spezifizieren, wurde Kinbaku von dem bereits erwähnten Bakushi geschaffen.

Glossar Kinbaku (緊縛): (Nomen) wörtlich „enge Fesselung“. Außerhalb von SM-Kreisen ohne Bezug zu erotischem Fesseln verwendet. Einige Experten, z. B. Kinoko Hajime und Osada Steve, unterscheiden den Begriff von „Shibari“, indem sie ihn für Shibari-Begegnungen mit starkem emotionalem Austausch verwenden. Kinbakushi (緊縛師): (Nomen) Kinbaku-Meister, oft auf Bakushi verkürzt. Shibari (縛り): (Nomen) Nominalisiertes Verb, bedeutet Binden, Fesseln oder Weben, auch in der Alltagssprache. Außerhalb der Shibari-Szene besteht kein direkter Bezug zu erotischem Fesseln. Shibaru (縛る): (Verb) fesseln, binden oder schnüren. Nawa shibari (縄縛り): (Nomen) wörtlich: Seilfesseln. Ein erfundener Begriff, der im korrekten Japanisch nicht existiert Nawashi (縄師): (Nomen) wörtlich: Seilmacher oder Seilmeister. Wird in SM- und Bondage-Kreisen als Bezeichnung für professionelle Fesselkünstler verwendet.

Überblick Auch wenn es durch die immobilisierende Wirkung der Fesselung zu einem klaren Machtgefälle zwischen der fesselnden und der gefesselten Person kommt, findet eine Shibari-Session doch stets in gegenseitigem Einvernehmen statt. Informationen zum Konsens sind auf zahlreichen Webseiten zu finden und bilden Teil von strukturiertem Unterricht in allen seriösen Schulen. Es ist keine Gewaltausübung, sondern ein Rollenspiel mit dem Ziel, bei der gefesselten Person verschiedene Emotionen zu erzeugen, die von Geborgenheit über Leidenschaft bis hin zu einem emotionalen Rauschzustand, der durch körpereigene Opiate erzeugt wird, gehen können.

mini|Gote und Zungenseil Der emotionale Gewinn der fesselnden Person kann darin liegen, sich an den Reaktionen und Gefühlsäußerungen der gefesselten Person zu ergötzen, aber auch in dem Gefühl der Macht, in dem intensiven Erleben der eigenen Wirksamkeit in der Welt. Auch die Befriedigung sexueller Lust oder ein künstlerischer oder ästhetischer Anspruch können im Vordergrund stehen. Dies ist abhängig davon, in welchem Verhältnis die beteiligten Personen zueinander stehen und in welchem Rahmen (private Session, Fotoshooting, Bühnenshow oder anderes) Shibari betrieben wird.

Gelegentlich ist die Rede davon, dass „durch das Seil kommuniziert wird“. Mit einer Analogie lässt sich das vielleicht näher erläutern: Ein Klavierspieler erzeugt mit seinem Instrument Töne, die, durch die Luft übertragen, physisch das Trommelfell des Zuhörers berühren und letztlich bei ihm Assoziationen und Gefühlsregungen auslösen können. Der Klavierspieler kann auswählen, ob er ruhige, zarte Tonfolgen wählt oder stürmische, mitreißende. Beim Zuhörer entsteht ein Zustand des gebannten Lauschens, des Absorbiert-Seins. Auch die fesselnde Person hat die Wahl, ob sie das Seil nur ganz sachte über die Haut der gefesselten Person gleiten lässt, oder stürmisch, ja sogar ruppig einschnürt (inklusive aller Nuancen dazwischen). Diese Variationen äußerer Reize rufen bei der gefesselten Person verschiedene körperliche Reaktionen und Gefühlsregungen hervor, auf welche die fesselnde Person wiederum reagiert. Eine andere Metapher ist das „Interview“ als Kommunikationsform, wie es zum Beispiel die Shibari-Lehrer Georg Barkas und Addie Thal in ihrem Buch „Archeology of Personalities: a linguistic approach to erotic rope bondage“ beschreiben.

Der Körper des Menschen unterscheidet nicht zwischen realer Bedrohung und simulierter, er schüttet die gleichen Hormone aus, um Kampf oder Flucht einzuleiten (Adrenalin) oder den vermeintlich drohenden Tod so angenehm wie möglich zu machen durch die massive Ausschüttung körpereigener Opiate (Endorphine). Dieser angestrebte, trance-ähnliche Zustand wird „Subspace“ genannt. Einzelne berichten am Folgetag von einem „Hormonkater“, einem Gefühl des traurigen Ausgelaugtseins (drop).

Neben dem Fesseln am Boden (engl. Floorwork, jap. Newaza) gibt es noch die Hängefesselung (engl. Suspension, jap. Tsuri Waza). Das Aufhängen einer gefesselten Person ist äußerst gefährlich und sollte nicht ohne Anleitung versucht werden. Der ungeschützte Fall aus einem halben Meter Höhe kann bereits lebensgefährlich sein, da die gefesselte Person ihren Fall nicht selbst abfangen kann. Schädeltrauma, Genickbruch mit Todesfolge, Querschnittslähmung sind nur einige denkbare Unglücksfälle. Daher sind ein ausgeprägtes Risikobewusstsein und entsprechende Sicherheitsvorkehrungen unabdingbar.

Stilrichtungen Im Shibari existieren verschiedene Stile. Weit verbreitete Ansätze sind zum Beispiel „Semenawa“ und „Aibunawa“.

„Semenawa“ wird häufig als „quälendes Seil“ übersetzt, und kann nur schwer definiert werden. Es muss dabei nicht um physischen Schmerz gehen, aber üblicherweise wird in anstrengenden Körperpositionen gefesselt, die immer wieder die (emotionalen sowie physischen) Grenzen der gefesselten Person herausfordern.

Im Aibunawa, dem „streichelndem Seil“, geht es häufig um Kontakt, emotionale Verbindung und Erotik. Als Begründer wird allgemein Yukimura Haruki anerkannt, welcher in einer Zeit, in der sich viele Fesselnde in Hängebondage übten, den Fokus auf das Bodenfesseln gelegt hat.

Einige Fesselnde verschreiben sich einem „Stil“, allerdings gibt es genauso viele, die Stile mischen oder außerhalb von bereits geebneten Stilen fesseln. Manche dieser Stile werden primär von einer Schule unterrichtet, wie zum Beispiel Aibunawa vom Yukimura-ryu. Semenawa zum Beispiel ist jedoch Bestandteil sowohl vom Naka Stil als auch Kanna-ryu.

Ästhetik mini|alt=Ästhetische Rückenfesselung einer Frau|Ästhetische Rückenfesselung einer Frau Der Anblick von gedrehtem und kunstvoll verflochtenem Seil ist für viele Menschen reizvoll und findet seit Jahrtausenden Eingang in die Bildende Kunst (Seilstab, Knotenmuster) und in die Architektur (Manuelinik).

In der Verbindung von Seil auf (nackter) Haut kommt zu diesem Reiz des Materials auch noch der erotische Reiz des menschlichen Körpers hinzu.

Die Ästhetik kann sich in einer ausgefallenen Ornamentik des aufgebrachten Seils entfalten oder die fesselnde Person bringt die gefesselte Person in künstlerisch ansprechende Posen. Die fesselnde Person gestaltet das entstehende Bild, was sinnbildlich mit der Rolle eines Bildhauers oder eines Marionettenspielers beschrieben werden kann. Viele fesselnde Personen verstehen sich als (Seil-)Künstler und betreiben zudem Fotografie. Beispiele dafür wären Nobuyoshi Araki oder Hajime Kinoko. Die gefesselte Person muss auch nicht zwingend nackt sein in der Fesselung.

Auch die Kleidung wird in das Gesamtbild integriert. Verbreitet sind dabei Yukata oder, seltener, Kimono, wobei die Fesseln auf dem Stoff gelegentlich an Verhüllungskunst von Christo erinnern. Der optische Reiz wird durch den Kontrast zwischen verhüllter und bedeckter Haut verstärkt. Eine auf diese Weise künstlerisch verstandene Session kann sich durchaus auch rein platonisch gestalten.

Wenn die fesselnde Person im Verlauf der Session beschließt, der gefesselten und daher wehrlosen Person diesen zerbrechlichen Schutz des Gekleidet-Seins zu nehmen, indem der Körper teilweise entblößt wird, so kann bei der gefesselten Person im Spannungsfeld zwischen Exhibitionismus und Scham eine starke emotionale Reaktion entstehen. Diese kann, je nach Veranlagung, stark erregend sein.

Generell spielen Sichtbarkeit, Exponiertheit und ein ästhetischer, sinnlicher Gesamteindruck große Rollen im Shibari, die zunehmend ausgearbeitet wurden. Diese Entwicklung wird deutlich, wenn man die frühen Werke von Nobuyoshi Araki oder auch die zahlreichen Darstellungen in japanischen SM-Magazinen der 1940er bis 2000er Jahre (wie „Kitan Club“ (奇譚クラブ), 1947–1957 oder „Sniper“ (スナイパー), das von 1979 bis 2009 erschien) mit den Arbeiten von Shibari-Fotografen wie Sugiura Norio vergleicht.

Ähnlichkeiten zu diesem typischen japanischen Understatement bzw. der minimalistischen Reduzierung auf das Wesentliche finden sich in der japanischen Teezeremonie Sado, der japanischen Blumensteckkunst Ikebana oder dem Gestalten eines Zen-Gartens. Das allen gemeinsame, grundlegende ästhetische Konzept wird mit Wabi-Sabi (japanisch 侘寂) bezeichnet.

Technik Allgemeines Seil mini|A,C - Seilenden, B - Bight