mini|Thomas Nagel: Was bedeutet das alles?
Was bedeutet das alles? Eine ganz kurze Einführung in die Philosophie (engl. Originaltitel: What Does It All Mean? A Very Short Introduction to Philosophy) ist ein Werk des US-amerikanischen Philosophen Thomas Nagel, in dem er eine direkte Einführung in neun philosophische Probleme gibt, wobei er sein eigenes Verständnis dieser Probleme erläutert. Thomas Nagel will jedoch keine Antworten auf die verschiedenen Fragen liefern, sondern lediglich den Leser soweit in die Themen einführen, dass dieser von sich aus über sie nachdenken kann. Dabei handelt es sich um folgende philosophische Themenbereiche: unser Wissen von einer Welt außerhalb unseres Bewusstseins unser Wissen von einem anderen Bewusstsein als dem eigenen die Beziehung zwischen dem Bewusstsein und dem Gehirn wie die Sprache möglich ist ob wir einen freien Willen haben das Fundament der Moral welche Ungleichheiten ungerecht sind das Wesen des Todes der Sinn des Lebens
Das englische Original erschien 1987 im Universitätsverlag Oxford University Press. Es wurde von Michael Gebauer ins Deutsche übersetzt und erscheint mit Genehmigung der Oxford University Press seit 1990 im Reclam-Verlag, Stuttgart. Das Buch hat 104 Seiten und ist in 10 Kapitel unterteilt.
Inhalt Einleitung
Zu Beginn seines Werkes erklärt Thomas Nagel, an welche Zielgruppe er sich richtet: Leser, die noch nicht philosophisch geschult sind. Notwendig sei aber ein Sinn für abstrakte Gedanken und theoretisches Argumentieren.
Nagel gibt einen ersten Ausblick auf die neun philosophischen Probleme, mit denen er sich in seinem Buch befassen wird und die alleinstehend jeweils verständlich sind. Eine Diskussion über große philosophische Schriften der Vergangenheit u. ä. wird es nicht geben.
Des Weiteren gibt Nagel einige allgemeine Informationen zum Charakter der Philosophie. Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften basiert sie weder auf Experimenten noch Beobachtungen, sondern allein auf dem Denken, Fragen, Argumentieren und Ausprobieren von Gedanken. Im Gegensatz zur Mathematik begründet sie sich nicht auf formale Beweisverfahren.
Das Hauptanliegen der Philosophie ist das Infragestellen von allgemeinen und alltäglichen Vorstellungen wie z. B. von Zeit, Zahlen, Wissen, Sprache, Recht und Unrecht.
Nagel betont im Folgenden, sein eigenes Verständnis von den Problemen wiederzugeben. Dabei will der Philosoph keine Antworten geben, da es ohnehin nicht nur zwei mögliche Antworten auf philosophische Fragen gibt, sondern den Leser nur so in die Probleme einführen, dass er von sich aus über sie nachdenken kann.
Woher wissen wir etwas?
Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Frage nach einer bewusstseinsunabhängigen Realität, d. h. nach einer Existenz der Außenwelt außerhalb unseres Bewusstseins.
Es ist unmöglich, für oder gegen die Existenz einer Außenwelt zu argumentieren, da jegliche Argumente auf Eindrücken basieren, die man wiederum nur mit Eindrücken beweisen kann.
Die Auffassung, dass das eigene Bewusstsein das einzige ist, das existiert, nennt man Solipsismus.
Die Auffassung, in keiner Weise entscheiden zu können, ob es eine Außenwelt gibt oder nicht, nennt man Skeptizismus. Argumente einer stärkeren Form des Skeptizismus lauten, dass man sich einzig auf gegenwärtige Bewusstseinsinhalte stützen kann und nicht wissen kann, ob man in der Vergangenheit existiert hat, da man genau so gut vor einer Minute mit all seinen gegenwärtigen Erinnerungen zu existieren begonnen haben hätte können.
Des Weiteren gibt es die Meinung, dass die Vorstellung der Skeptiker von einer Außenwelt, die keiner jemals entdecken könnte, sinnlos sei. Die Vorstellung von einem Traum, aus dem man nicht aufwachen kann, hat keinen Sinn. Eindrücke und Erscheinungen, die nicht wirklich sind, können nur im Gegensatz zur Wirklichkeit stehen, sonst wäre selbst der Gegensatz von Erscheinung und Wirklichkeit sinnlos. Somit ist ein Traum, aus dem man nicht aufwachen kann, die Wirklichkeit.
Nagel ist der Meinung, dass es praktisch unmöglich sei, an die Nichtexistenz der Außenwelt zu glauben, da der Glaube an diese machtvoll und instinktiv ist.
Das Fremdpsychische
Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit einem Skeptizismus in Bezug auf die Natur bzw. mit der Frage nach der Existenz eines Bewusstseins außer unserem eigenen oder Erlebnissen außer unserer eigenen.
Die einzigen Erlebnisse und Erfahrungen, die ein Mensch haben kann, sind die eigenen. Bei Beurteilung psychischen Lebens anderer, kann man sich nur auf Beobachtungen ihrer physischen Verfassung und ihres Verhaltens stützen.
Auch die Annahme, dass beispielsweise Geschmacks- oder Farbempfindungen bei jedem Menschen in konstanter Zuordnung zu physischen Reizungen der Sinnesorgane steht, ist für den Skeptiker bedeutungslos, da keinerlei Beweise für diese vorgebracht werden können. Die Wechselwirkung von Reiz und Erlebnis ist möglicherweise nicht genau die gleiche (harmloser Skeptizismus). Es könnte jedoch auch überhaupt keine Ähnlichkeit zwischen den eigenen Erlebnissen und denen eines anderen Menschen geben (drastischer Skeptizismus).
Der radikalste Skeptizismus in Bezug auf das Fremdpsychische fragt demzufolge, ob es außer dem eigenen überhaupt Bewusstsein gibt: Auch wenn andere Menschen keine eigenen Erlebnisse und kein inneres psychisches Leben hätten, also lediglich sehr komplexe biologische Maschinen wären, würden sie einem trotzdem nicht anders erscheinen. Es gibt keine Beweise dafür, dass das äußere Verhalten anderer ebenso mit inneren Erfahrungen verknüpft ist.
Die instinktive Überzeugung des Menschen ist jedoch, dass andere menschliche Wesen ebenfalls ein Bewusstsein haben wie auch beispielsweise Säugetiere und Vögel. Zweifelhafter ist, ob Insekten oder gar einzellige Lebewesen ein Bewusstsein haben und nahezu niemand glaubt, dass Steine, Autos oder Taschentücher bewusste Erlebnisse haben. Ein Beweis dafür könnte nur bei gemeinsamer Beobachtung von Erlebnissen und externen Äußerungen geliefert werden. Dies ist jedoch unmöglich, da lediglich die Möglichkeit besteht, seine eigenen Erlebnisse zu beobachten.
Das psychophysische Problem
Das vierte Kapitel befasst sich mit der Beziehung zwischen dem Bewusstsein und dem Gehirn. Jeder Vorgang im Bewusstsein hängt von einem entsprechenden Vorgang im Gehirn ab, d. h. zwischen physikalischen Prozessen im Gehirn und den Vorgängen im Bewusstsein oder Geist bestehen komplexe Beziehungen. Die Frage ist jedoch, ob der Geist zwar mit dem Gehirn in Verbindung steht, aber doch von ihm verschieden ist, oder ob der Geist das Gehirn ist.
Dazu gibt es allgemein drei Auffassungen: Die erste ist der Dualismus. Er besagt, dass es eine Seele geben muss, die so an einen Körper gebunden ist, dass beide aufeinander einwirken können. Der Mensch bestehe also aus einem komplexen physischen Organismus und einer rein mentalen Seele, in der sich das psychische Leben abspielt. Die zweite Auffassung, dass der Mensch lediglich aus physikalischer Materie besteht und psychische Zustände gleichfalls physikalische Zustände des Gehirns sind, wird Physikalismus oder Materialismus genannt. Die dritte Auffassung ist die Doppelaspekttheorie. Sie sagt aus, dass das Gehirn der Ort des Bewusstseins ist, dass die bewussten Zustände des Gehirns jedoch keine bloß physikalischen Zustände sind. Das psychische Leben spielt sich also im Gehirn ab, doch Erlebnisse, Gefühle, Gedanken und Wünsche sind keine physikalischen Prozesse im Gehirn, d. h. das Gehirn ist kein rein physikalischer Gegenstand.
Die Bedeutung von Wörtern
Das fünfte Kapitel handelt von der Frage, wie Wörter – ob nur der Laut oder die geschriebenen Buchstaben – eine Bedeutung haben können. Wörter werden beim Sprechen und Schreiben benutzt, und ihre Bedeutung trägt an sich zur Bedeutung eines ganzen Satzes oder einer Aussage bei. Wörter können definiert werden, allerdings sind Definitionen nicht Fundament der Bedeutung, da jedes Wort einer Definition nur auch wieder definiert werden kann. Man müsste jedoch an Wörter gelangen, die eine direkte Bedeutung haben.
Das Wort muss also auf etwas Allgemeines zutreffen, sodass auch andere Sprecher mit anderen Wörtern in anderen Sprachen dasselbe meinen können. Diese allgemeine Komponente könnte etwas sein, das alle beim Gebrauch des Wortes in ihrem Geist haben. Sie könnte eine Vorstellung des Begriffs im Bewusstsein sein, jedoch ist eine solche Vorstellung immer eine individuelle Vorstellung und keineswegs bei allen Menschen gleich.
Wörter werden allgemein schlicht weg als Werkzeuge zu Verständigung und Kommunikation verwendet. Sprache ist ein System aus Signalen und Reaktionen, denn Sprache ist ein gesellschaftliches Phänomen. Sie wird nicht zum eigenen Zwecke erlernt, sondern mit dem Erlernen wird der Mensch an ein bereits bestehendes System angeschlossen.
Das Problem, die Bedeutung von Wörtern zu erklären, besteht damit allerdings immer noch. Bedeutung ermöglicht den Menschen, die Welt zu erfassen, sich Dinge auszudenken und zu erklären, wie jedoch das möglich ist, heißt es herauszufinden.
Willensfreiheit
Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit der Willensfreiheit des Menschen. Auch dazu gibt es verschiedene Auffassungen: Die Auffassung, dass es nie möglich ist, etwas anderes zu tun, als man in Wirklichkeit tut, dass also die Umstände, die vor der Handlung bestehen, die Handlung selbst vorherbestimmen und unvermeidlich machen, nennt man Determinismus.
Die Konsequenz daraus besteht darin, dass eine Person für ihre Handlungen nicht mehr sinnvoll verantwortlich gemacht werden kann. Daraus folgt die Frage, ob eine Person z. B. für eine Straftat überhaupt als schuldig verurteilt werden kann. Dazu gibt es zwei Ansichten: Die erste ist, dass eine Person weder für gute Taten gelobt oder für schlechte Taten getadelt werden kann, die zweite ist, dass dies doch sinnvoll ist, da man trotzdem bemüht ist, das künftige Verhalten der Person zu beeinflussen.
Die gegensätzliche Auffassung zum Determinismus ist, dass der Mensch eine Willensfreiheit hat und die Verantwortlichkeit für seine Taten trägt. Es besteht immer eine offene Möglichkeit, sich zwischen verschiedenen Dingen zu entscheiden. Dabei stellt sich die Frage, inwiefern die Tat auch wirklich noch die Tat der jeweiligen Person ist, wenn sie nicht von Wünschen, Überzeugungen und Charakter vorherbestimmt ist und einfach ohne Erklärung passiert. Eine mögliche Antwort ist, dass es keine Antwort gibt, da freies Handeln Grundbestandteil der Welt ist und nicht weiter analysiert werden kann. Daraus schließt sich jedoch, dass auch dann der Mensch nicht für seine Tat verantwortlich gemacht werden könnte, da die Tat einfach passiert und vom Menschen nicht vorher festgelegt wird.
Hierzu gibt es eine besondere Ansicht aus dem Determinismus: der kausale Determinismus. Es ist nicht erforderlich, dass eine Tat vorherbestimmt ist, sie kann es aber sein. Eine Handlung muss in einer Person zustande kommen, damit es wirklich die Handlung dieser Person ist, denn eine Person tut etwas bestimmtes, es passiert nicht einfach so. Für eine solche Handlung muss es also immer eine Erklärung geben.
Ohne eine solche Erklärung, ist die Handlung nicht die eigene. Das hieße also, dass die Handlung in diesem Moment durch die jeweilige Erklärung vorherbestimmt ist. Dieser kausale Determinismus ist jedoch keineswegs eine Bedrohung für die Freiheit des Menschen, da das freie Handeln lediglich voraussetzt, dass die Erklärung bzw. Ursache der Handlung von der gewohnten psychischen Art der Person ist.
Recht und Unrecht
Im siebten Kapitel geht es um die Frage, warum etwas recht oder unrecht ist und was etwas zu etwas Rechtem oder Unrechtem macht. Wenn etwas unrecht ist, bedeutet dies nicht einfach einen Regelverstoß, denn es kann auch schlechte Regeln geben, die verbieten, was nicht unrecht ist. Aus diesem Grund ist der Gedanke von Recht und Unrecht nicht konform mit der Idee von einem Regelverstoß oder einer Regelkonformität.