Arthur Bernard Alexander, Jr.Richard Younger: Get a Shot of Rhythm and Blues – The Arthur Alexander Story. Univ. of Alabama Press, 2000, ISBN 0-8173-1024-X, S. 6. (* 10. Mai 1940 in Florence, Alabama; † 9. Juni 1993 in Nashville, TennesseeJon Pareles: Arthur Alexander, Singer, Dies at 53. In: The New York Times. 11. Juni 1993 (Nachruf).) war ein US-amerikanischer Soulsänger, Songschreiber und Pionier des Southern Soul. Er ist der einzige Künstler, dessen Kompositionen zu Lebzeiten auf Studioalben der Bands The Beatles und The Rolling Stones, von Otis Redding und von Bob Dylan verewigt wurden. Sein Titel Anna (Go to Him) ist die erste Coverversion auf einem Beatles-Album.

Werdegang Kindheit und Jugend Arthur Alexander Junior kam 1940 als Sohn des Bauarbeiters und Gelegenheitsgitarristen Arthur Alexander Senior zur Welt. Um Vater und Sohn in der Anrede zu unterscheiden, nannten Familie und Freunde den Junior kurz June. Junes Heimat war Alabama, einer der rassistischen Südstaaten. Das Kind wuchs mit Blues und Country-Musik aus dem Radio auf. Seine Mutter Fannie Scott Springer starb, als June drei Jahre alt war. Als June fünf oder sechs Jahre alt wurde, hängte der Vater die Bluesgitarre an den Nagel und gab sein erfolgloses Musikerdasein endgültig auf. Der Senior hatte mit der Musik kein Geld verdient und wollte darum nicht, dass sein Sohn ebenfalls eine Musikerkarriere einschlug. Nichtsdestotrotz trat Arthur Alexander im Alter von 13 Jahren einer örtlichen Gospel-Gruppe bei, die sich The Heartstrings nannte. Mit ihnen sammelte er erste Auftrittserfahrungen, vor allem in der Kirche. Die Gruppe war eine reine Gesangsformation und besaß keine Instrumente. Die Heartstrings traten sogar zeitweise samstags in einer lokalen Fernsehshow auf.Arthur Alexander: Lonely Just Like Me: The Final Chapter. Original Album Notes by Ben Sandmel, 2007, S. 2.

SPAR und FAME (1960–1962) Tom Stafford betrieb über dem elterlichen Drugstore ein Aufnahmestudio: Stafford Publishing and Recording (kurz: SPAR Music). Stafford produzierte Arthur Alexanders Debütsingle, damals noch unter dessen Künstlernamen „June Alexander“. Die A-Seite enthielt das Lied Sally Sue Brown, die B-Seite den Titel The Girl That Radiates That Charm. Die Single erschien bei Judd Records, dem kurzlebigen Label von Jud Phillips (Bruder des Musikpioniers und Elvis-Entdeckers Sam Phillips). Der große Erfolg blieb aus, aber der Titel entwickelte sich zu einem lokalen Hit.

Als Tom Stafford sich mit seinem Partner Rick Hall zerstritt, gründete Hall sein eigenes Studio Florence Alabama Music Enterprises – kurz FAME Studios.SPAR Recording Studio – Florence, Alabama. Als erste Platte produzierte Rick Hall für FAME eine Komposition von und mit Arthur Alexander. You Better Move On war in der Art der Produktion und Instrumentierung bewusst an Stand by Me von Ben E. King angelehnt. An der Aufnahme beteiligt waren neben David Briggs am Klavier, Norbert Putnam am Bass und Jerry Carrigan am Schlagzeug die beiden Gitarristen Randy Allen und Terry Thompson. Letzterer steuerte mit seiner Komposition Get a Shot of Rhythm and Blues auch die B-Seite bei.Rick Hall: The Man from Muscle Shoals. 2015, S. 185–192.

Die beiden Songs wurden nach mehreren Anläufen live im Studio eingespielt, wobei sich Arthur Alexander als Sänger und der Gitarrist Peanut Montgomery ein Telefunken-Mikrophon teilen mussten. You Better Move On entwickelte sich zum ersten kommerziellen Hit der aufkeimenden Musikszene von Muscle Shoals und rückte bis auf Platz 22 der nationalen Charts vor. Die Single wurde nacheinander von Doris Day, den Hollies und den Rolling Stones gecovert, die You Better Move On auf ihrer nach der Band benannten Debüt-EP (UK 1964) platzierten.Arthur Alexander: Lonely Just Like Me: The Final Chapter. Original Album Notes by Ben Sandmel, 2007, S. 4. Diese Version war jedoch erst 1965 mit dem Album December’s Children (And Everybody’s) auch in den USA erhältlich.

Am 14. März 1962 durfte Arthur Alexander seinen Hit in der landesweiten Sendung American Bandstand einem Millionenpublikum präsentieren..

Dot Records (1962–1965) You Better Move On konnte an Dot Records mit Sitz in Nashville, der „Hauptstadt der Country-Musik“ verkauft werden und brachte den neugegründeten FAME Studios auf diese Weise das nötige Startkapital. You Better Move On wurde dann auch der Titel des auf Dot Records veröffentlichten Debütalbums von Arthur Alexander. Aus rechtlichen Gründen wurde der Titelsong für das Album neu aufgenommen und mit bereits etablierten Fremdkompositionen aufgestockt, um aus der Langspielplatte ein garantiertes „Hitalbum“ zu machen. Noel Ball von Dot Records vertraute nicht in die Songschreiberqualitäten seines Künstlers, durch seine Songauswahl drängte er Alexander noch dazu vom schwarzen Soul in Richtung weiße Country-Musik. Die LP enthielt neben zwei Eigenkompositionen die Coverversionen Funny How Time Slips Away von Willie Nelson, Love Me Warm and Tender von Paul Anka, The Wanderer von Ernie Maresca, Hey! Baby von Bruce Channel und den Connie-Francis-Hit Don’t Break the Heart That Loves You. Größere Aufmerksamkeit erregte hingegen Alexanders Eigenkomposition Anna (Go to Him), bei der Kenny Buttrey am Schlagzeug agierte.Kenny Buttrey Billboard-Biographie Anna (Go To Him) wurde von den Beatles übernommen und auf deren Debüt-LP Please Please Me verwendet. Every Day I Have to Cry, eine weitere Aufnahme mit Kenny Buttrey am Schlagzeug, blieb hingegen unveröffentlicht, entwickelte sich aber kurz darauf zu Alexanders meistgecoverter Komposition. Künstler wie Steve Alaimo, Dusty Springfield, die Bee Gees und Ike & Tina Turner interpretierten sie neu.

Arthur Alexander gehörte bald zur Klubszene von Nashville. Nach der Arbeit im Studio besuchte er den gemischtrassigen Klub The Club Baron, oder er ging auf einen Drink ins New Era. Im New Era Club kam es 1963 zu einer besonderen Begegnung. Arthur wurde auf der Bühne von dem Bassisten Billy Cox begleitet, der dort zusammen mit einem „lauten“ Gitarristen namens Jimmy Marbles, einem Freund aus Armeezeiten, auftrat. Der „laute Gitarrist“ übernahm sogar den Titel You Better Move On in sein Nashville-Repertoire, bevor er die Stadt verließ und in London als Jimi Hendrix Karriere machte.Richard Younger: Get a Shot of Rhythm and Blues. S. 76 und .

Außerdem freundete sich Arthur Alexander während seiner Tournee 1962 mit Otis Redding an, der im November 1967 Alexanders Komposition Johnny Heartbreak aufnahm und dadurch bekannt machte. Behauptungen, sie hätten den Song gemeinsam geschrieben, verneinte Arthur Alexander stets mit dem Hinweis, dass dieser bereits fertig gewesen sei, als er ihn Otis Redding vorsang. Otis hätte lediglich das Genitiv-„s“ hinzugefügt und damit Johnny Heartbreak zu Johnny’s Heartbreak gemacht. Alexander zeigte sich mit Reddings Version unzufrieden und bezeichnete sie als misslungen.Richard Younger: Get a Shot of Rhythm and Blues. S. 77 u. 118.

Speziell für den britischen und europäischen Markt wurde die Mono-EP Alexander the Great produziert, die die vier Titel You Better Move On, Where Have You Been? Anna (Go to Him) und Go Home Girl enthielt. Arthur Alexander – Alexander The Great auf Discogs.

Monument Records (1965–1969) Arthur Alexander nahm für Dot Records acht Singles auf (produziert vom Radio-DJ Noel Ball), bevor er im November 1965 zu Monument Records wechselte. Fred Fosters Plattenfirma war mit Roy Orbisons Erfolgen groß geworden, musste sich aber nach dessen Weggang neu orientieren. Alexanders Singles für Monument waren wieder sehr countrylastig und floppten durchweg, einige potente Aufnahmen hingegen blieben bis 2001 unveröffentlicht, zum Beispiel Stay By Me, Me and Mine und You Don’t Love Me (You Don’t Care).Richard Younger: Arthur Alexander – The Monument Years. Liner Notes zu Arthur Alexander – The Monument Years, Ace Records, 2001. Zur Aufnahme einer Langspielplatte kam es hingegen nicht.

Die siebziger Jahre Erst 1972 konnte Alexander für Warner Brothers nach zehn Jahren endlich wieder ein ganzes Album aufnehmen, das er nach sich selbst benannte. Trotz der Beliebtheit bei Musikerkollegen blieb der Erfolg beim Publikum aus. Andere landeten mit seinen Titeln Charterfolge, und andere verdienten das Geld. Alexander hatte in dubiosen Verträgen die Rechte an seinen Titeln an andere abgegeben. Der Abstieg vollzog sich langsam, aber stetig. 1972 coverte Elvis Presley den Song Burning Love, kurz nachdem Arthur Alexander den Titel als erster aufgenommen hatte. Alexanders Originalversion floppte, der King hatte damit seinen letzten Top-10-Hit in den USA. Im Jahre 1976 gelang Alexander dann das erste Mal seit 1962 wieder eine Platzierung in den amerikanischen R&B-Charts: Sharing the Night Together, drei Jahre später ein Top-10-Hit für Dr. Hook, schaffte es immerhin auf Platz 92.Joel Whitburn: Top R&B Singles 1942–1995, 1996, ISBN 0-89820-115-2. Als Elvis im Sommer 1977 starb, zog sich Arthur Alexander aus dem Musikgeschäft zurück und verlegte seinen Wohnort von Alabama nach Cleveland in Ohio. Dort begann er sein neues Leben als Busfahrer und Hausmeister in einer kommunalen Einrichtung. Darüber hinaus engagierte er sich bei den Wiedergeborenen Christen.

Comeback und Tod Im Sommer 1988 coverte Bob Dylan Alexanders Debütsingle Sally Sue Brown und machte aus der R&B-Nummer einen rockigen Blues. Im Juli 1990 wurde Alexander in die Alabama Music Hall of Fame aufgenommen. Infolgedessen keimte neues Interesse an seinen Songs auf. Nach über 20 Jahren Pause erschien 1993 das Comeback-Album Lonely Just Like Me, eingespielt mit den musikalischen Weggefährten Dan Penn, Donnie Fritts und Spooner Oldham von einst. Am 6. Juni 1993 absolvierte Arthur Alexander im Rahmen des Summer Lights Music Festival einen vielbeachteten Auftritt in Nashville.Tony Rounce: Alexander The Greatest, Ace Records. Nur wenige Minuten nach der Unterzeichnung der Verträge, die ihm die Rechte an seinen früheren Kompositionen hatte sichern sollen, erlitt Arthur Alexander einen Herzinfarkt. Drei Tage darauf starb er im Krankenhaus an Herzversagen.Ben Vaughn: The Final Chapter. Liner Notes zum Album Lonely Just Like Me: The Final Chapter, 2007.

Musikalische Leistung Arthur Alexander war ein Pionier des Country-Soul, einer Spielart des Southern Soul mit Country-Elementen. Damit war er seiner Zeit weit voraus, denn er kombinierte zwei genuin amerikanische Musikstile miteinander, die getrennt von schwarzen und weißen Radiostationen gespielten wurden. Somit sprach er eine gemischte Hörerschaft an. Auch bestand das Team, mit dem er seine Platten einspielte, aus weißen Musikern, und das zu einer Zeit, als in Alabama und den anderen Südstaaten Schwarze und Weiße in getrennten Welten lebten. Schwarze mussten im Bus hinten sitzen, separate Waschräume benutzen und in gesonderten Stadtvierteln wohnen. Zu den weißen Musikern, die seine gesungenen oder gesummten Melodien in Begleitmusik umsetzten (Arthur Alexander konnte keine Noten lesen), gehörten Donnie Fritts, Dan Penn und Spooner Oldham.

Vor allem jenseits des Atlantik fühlte sich eine junge, weiße Hörerschaft von Arthur Alexanders eingängiger Musik angesprochen. Die Kids der Hafenstadt Liverpool hörten die aktuellsten Schallplatten aus USA dank der Seeleute früher als die Jugend im Rest Europas. Als Arthur Alexander 1962 sein Debütalbum You Better Move On veröffentlichte, bekam er mit den Beatles und Gerry & the Pacemakers schnell wichtige Fans. Die Beatles übernahmen die Songs Soldier of Love und A Shot of Rhythm and Blues in ihr Live-Repertoire. Der Titel Anna (Go to Him) schaffte es sogar auf das Debütalbum Please Please Me – an prominenter dritter Stelle und als erste Fremdkomposition auf einem Beatles-Album. Gerry and the Pacemakers übernahmen sogar drei seiner Songs auf ihr Debütalbum.