mini|Kirche von Süden mit schiefem und in sich gedrehtem Turm Die Evangelische Kirche in Münzenberg im hessischen Wetteraukreis geht in ihren ältesten Teilen auf das 12. Jahrhundert zurück. Durch zwei Umbauten in der Mitte des 13. Jahrhunderts und im Barock erhielt sie ihre heute maßgebliche Gestalt. Der zweischiffige Bau mit asymmetrischem, auf der Südseite abgeschlepptem Satteldach hat einen mächtigen östlichen Chorturm mit gedrehtem Spitzhelm über vier Dreiecksgiebeln. Die ortsbildprägende Kirche ist hessisches Kulturdenkmal.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Hessen. 1999, S. 777.

Geschichte mini|Südempore (1765) über Arkade, gestaffelte Westempore (1666) Die Kirche wurde wahrscheinlich zu Beginn der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts errichtet. Als erster Patronatsherr wird Kuno I. von Münzenberg angenommen, der auch Burg Münzenberg errichtete.Küther: Die Pfarrkirche Münzenberg. 1969, S. 8–9. Im Jahr 1183 ist ein Kleriker (clericus), im Jahr 1226 ein Pleban namens Conradus nachgewiesen. Unklar ist, ob der Kleriker in der Burgkapelle tätig war.Schütte: Kirchen und Synagogen in den Dörfern der Wetterau. 2004, S. 443. In einer Urkunde von 1248 wird ein Friedhof (cymiterio apud Minzenberg) erwähnt, dessen Erweiterung an der Nordseite der Kirche im Jahr 1319 bezeugt wird.Adamy: Kunstdenkmäler im Großherzogtum Hessen. 1895, S. 205 (online). Spätestens 1255 wurde Münzenberg zur selbstständigen Pfarrkirche erhoben. Bis dahin war es ein Filial der Mutterkirche in Trais-Münzenberg. In diesem Zuge wurde die romanische Kirche erheblich vergrößert. Im Osten wurden der Kirchturm mit der Sakristei und im Süden ein Seitenschiff angebaut, das wahrscheinlich ein eigenes Satteldach erhielt.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Hessen II. 2008, S. 594. Denkbar sind auch mehrere Querdächer.Küther: Die Pfarrkirche Münzenberg. 1969, S. 16. Eine Erweiterung nach Norden war wegen des dort angelegten Friedhofs nicht möglich.Janson: Romanische Kirchenbauten im Rhein-Main-Gebiet und in Oberhessen. 1994, S. 18, 162. Seit 1276 ist ein Frühmesser nachweisbar. Die Kirche war ursprünglich der Maria als Schutzpatronin geweiht und verfügte über acht Altäre. Am 4. April 1294 wurde der Altar des heiligen Georg gestiftet.Wolf: Zur Geschichte von Münzenberg im Mittelalter. 1996, S. 110. Des Weiteren gab es Altäre der Heiligen Johannes, Nikolaus, Maria, Peter und Paul, Elisabeth und Katharina sowie Anna und Sebastian. Entsprechend waren in der Mitte des 15. Jahrhunderts acht Priester in der Pfarrkirche bepfründet.Wolf: Zur Geschichte von Münzenberg im Mittelalter. 1996, S. 111. Noch für 1613 ist ein Katharinenaltar bezeugt. Kirchlich gehörte die Pfarrkirche im Mittelalter zum Archidiakonat von St. Maria ad Gradus im Erzbistum Mainz.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum. (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau 16). N. G. Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 26.

Mit Einführung der Reformation im Jahr 1558 wechselte Münzenberg zum protestantischen Bekenntnis. Ende der 1580er Jahre führte Pfarrer Johannes Heucher zusammen mit seinem Kaplan inoffiziell die reformierte Lehre ein, der auch sein Nachfolger Johann Eitel Rhodius (1598–1612) nahestand. Ab 1614 schloss sich die Gemeinde endgültig dem lutherischen Bekenntnis an.Diehl: Pfarrer- und Schulmeisterbuch für die hessisch-darmstädtischen Souveränitätslande. 1930, S. 442. Im Dreißigjährigen Krieg erlitt das Gebäude schweren Schaden. Ende des 16. oder Anfang des 17. Jahrhunderts wurde im Hauptschiff die bestehende Holztonne des 13. Jahrhunderts samt Kirchendach erhöht. Hierfür wurden die Mauern des Hauptschiffs um etwa 1,5 Meter aufgestockt und die Südmauer erniedrigt. Das Seitenschiff wurde mit dem Hauptschiff unter einem gemeinsamen Schleppdach vereint. Im Jahr 1666 wurde die große Westempore als Männerempore und 1765 eine schmale Südempore vor den Arkaden sowie die Ostempore für die Orgel eingebaut.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien der Souveränitätslande. 1935, S. 599.

Bei einer Renovierung im Jahr 1896 wurden das spätmittelalterliche Maßwerk der Fenster entfernt, die Holztonne erneuert und der bemalte Innenputz bis auf wenige Reste abgeschlagen.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien der Souveränitätslande. 1935, S. 599–600. In den Jahren 1900 bis 1901 folgte die Erneuerung des Helmaufbaus. Eine Kirchenrenovierung wurde von 1959 bis 1961 unter Leitung von Karl Gruber durchgeführt. Die Orgelempore wurde über den Chorbogen angehoben (um 1,50 Meter) und die Südempore verkürzt, um den Blick auf den gotischen Chor nicht zu verstellen. Das Kirchengestühl wurde teilweise erneuert, die Holztonne durch eine neue überdeckt, die Kirche innen und außen neu farblich neu gefasst und die fehlenden Teile des Ziboriums wurden rekonstruiert.Gruber, Küther: Minzinberg. Burg, Stadt, Kirche. 1973, S. 56. Eine Renovierung des Kirchturms folgte im Jahr 2007.

Architektur mini|hochkant|Westseite der Kirche mit Portalen des 13. Jahrhunderts mini|hochkant|Turm von Südosten Die geostete zweischiffige Anlage ist nördlich der Burg auf einem Schlepphang im Zentrum der planmäßig angelegten Stadt errichtet. Die romanische Saalkirche (13 × 8 Meter) des 12. Jahrhunderts mit Flachdecke und schmalem, eingezogenem Chor (7,5 × 6 Meter) hatte einen weißen Außenputz mit rot aufgemalter Verfugung. Durch die Erweiterungsumbauten im 13. Jahrhundert und im Barock entstand ein komplexer Baukörper. Die Kirche wird von einer Mauerumfriedung aus Bruchsteinmauerwerk umgeben, die den 35 × 50 Meter großen Kirchenbezirk einschließlich Friedhof umschloss.

Der weiß verputzte, zweischiffige Bau aus Bruchsteinmauerwerk hat ein Langhaus, das höher und breiter als das südliche Seitenschiff ist. Das Langhaus wird von einem asymmetrischen Satteldach bedeckt, das auf der Südseite abgeschleppt ist. Die zweitverwendeten Hölzer der Dachkonstruktion stammen aus mittelalterlicher Zeit. Der alte Ostchor ist an der Nordseite um eine Mauerbreite eingezogen und gegenüber dem Schiff um zwei Stufen erhöht. Von der romanischen Kirche sind die Nordwand, die westliche Schiffswand und das westlichste Stück der Südwand (etwa 3–4 Meter) erhalten. Bei der Restaurierung 1959–1961 wurde beim Abschlagen des Außenputzes der Westwand die Eckquaderung der früheren Südwestecke freigelegt, die das Seitenschiff als späteren Anbau auswies.Gruber, Küther: Minzinberg. Burg, Stadt, Kirche. 1973, S. 52. Im Rest der alten Südwand ist ein vermauertes Rundbogenfenster mit Laibung und Holzumrahmung erhalten. Das reich profilierte, spitzbogige, frühgotische Hauptportal im Westen hat eine Giebelüberdachung mit Spitzbogenfries aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, darüber ein zweibahniges spitzbogiges Maßwerkfenster aus Basalt mit Kreis im Spitzbogen.Adamy: Kunstdenkmäler im Großherzogtum Hessen. 1895, S. 208 (online). In der Nordseite des alten Chors ist ein sekundär vermauertes, bauzeitliches Rundbogenfenster aus romanischer Zeit erhalten. Darüber wurde ein spitzbogiges Fenster eingebrochen. Ein vermauertes, profiliertes, gotisches Nordportal unterhalb dieser Fenster hat einen profilierten Kleeblattbogen und diente als Priesterpforte. In der Ostwand belichtet ein Rundbogenfenster das Ziborium. Das Hauptschiff erhält an der Nordseite durch zwei Spitzbogenfenster und ganz im Westen durch ein kleines trapezförmiges Fenster und ein hochsitzendes, schmales Rundbogenfenster Licht, die im 16. bis 18. Jahrhundert entstanden sind. Die gotischen Nordfenster sind vollständig vermauert.Küther: Die Pfarrkirche Münzenberg. 1969, S. 22.

Im Inneren öffnet anstelle des früheren Ostabschlusses ein gestufter großer Spitzbogen über profilierten Kämpfern den gotischen Chor zur romanischen Ursprungskirche.Janson: Romanische Kirchenbauten im Rhein-Main-Gebiet und in Oberhessen. 1994, S. 162. Eine Arkade mit drei großen Rundbögen (die alte Südmauer) und einem kleinen verbindet das südliche Seitenschiff mit dem älteren Mittelschiff (19,80 × 8,50 Meter). Die zwei niedrigen, gestuften Rundbögen im Westen haben kreuzförmige Pfeiler mit Karnieskämpfern, der sich anschließende Bogen gefaste Kanten, die zwei westlichen Pfeiler und attische Basen. Der östliche, gratgewölbte Bereich des Seitenschiffs wird durch einen Gurtbogen auf Konsolen abgetrennt und diente ursprünglich als Raum für einen Nebenaltar, der seine Entsprechung im nordöstlichen Baldachinaltar fand.Janson: Romanische Kirchenbauten im Rhein-Main-Gebiet und in Oberhessen. 1994, S. 19. Das 3,05 Meter breite Seitenschiff hat im Süden zwei spitzbogige und zwei rechteckige Fenster sowie ein Spitzbogenportal mit Fase. Das östliche Spitzbogenfenster der Südwand reicht in Giebelform in den Dachraum hinein und weist auf die Erniedrigung der Südwand im Zeitalter des Barock. Das Westportal aus der Mitte des 13. Jahrhunderts ist älter als das Hauptportal. Das spätromanische Zackenportal aus Lungstein unter einem Rundbogen mit vorkragenden Laibungskämpfern aus Sandstein ist aufwändig gestaltet.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Hessen. 1999, S. 779. Darüber ist ein schmales Spitzbogenfenster eingelassen.

Im Osten erhebt sich über quadratischem Grundriss der aus der Achse gerückte hohe, frühgotische Chorturm (innen 6,10 × 5,95 Meter lichte Weite), dessen dreigeschossiger Turmschaft ungegliedert ist und im Bereich des Erdgeschosses durch Strebepfeiler gestützt wird. Die Eckquaderung ist vom Verputz ausgespart. Das umlaufende Sockelprofil weist eine attische Basis auf.Adamy: Kunstdenkmäler im Großherzogtum Hessen. 1895, S. 209 (online). Der Chorraum ist von einem Kreuzrippengewölbe mit Birnstabrippen über Konsolen mit unterschiedlichen Knospenverzierungen überwölbt. Im Erdgeschoss wird der Chor an der Nord- und Südseite durch je ein schmales Spitzbogenfenster belichtet, an der geraden Ostseite durch ein rundbogiges Zwillingsfenster in einer spitzbogigen Blende. Das Obergeschoss hat gekuppelte Schallöffnungen mit Vierpass im Spitzbogen. Im Westen schneidet das Kirchendach das ältere Turmfenster. Alle Turmfenster haben Basaltumrahmung. Über dem Gesims erheben sich vier steile Dreiecksgiebel, die in einen achtseitig verschieferten Spitzhelm überleiten. Die Giebel haben ebenfalls gekuppelte Schallöffnungen mit Vierpass im Spitzbogen. Darüber sind in den Giebelspitzen Öffnungen in Form von Vierpässen eingelassen,Adamy: Kunstdenkmäler im Großherzogtum Hessen. 1895, S. 210 (online). die heute durch die Ziffernblätter der Turmuhr verdeckt werden. Die Drehung des Helms wurde möglicherweise durch die Verwendung von nicht abgetrocknetem Bauholz bewirkt und sollte den Windwiderstand mindern, kann aber durch Wind und Wetter verursacht sein,Bezzenberger: Sehenswerte Kirchen. 1987, S. 248. zudem sich der Helm westwärts neigt. Der Turmaufbau wird von einem Turmknauf, einem schmiedeeisernen Kreuz und einem Wetterhahn bekrönt. Im Süden des Turms schließt sich eine kleine überwölbte Kapelle auf rechteckigem Grundriss an, die nur vom Chor aus durch eine spitzbogige, profilierte Tür mit Fase aus gotischer Zeit über zwei Stufen zugänglich ist. Der Innenraum wird im Süden durch zwei und im Osten durch ein spitzbogiges Lanzettfenster belichtet.Küther: Die Pfarrkirche Münzenberg. 1969, S. 37. Das niedrige Kreuzgewölbe auf Konsolen und Knospenkapitellen und die Umrandungen von Fenster und Türen sind mit floralen Ornamenten und Rollwerk des 17. Jahrhunderts bemalt. Eine steinerne Außentreppe an der Südseite führt zur Orgelempore und in den Turm.Küther: Die Pfarrkirche Münzenberg. 1969, S. 49.

Ausstattung mini|Innenraum mit Blick nach Osten mini|hochkant|Gotisches Ziborium mit Taufstein