Gavdos ( ) ist eine griechische Insel und Gemeinde (Δήμος, Dimos) im kretischen Regionalbezirk Chania und gilt geografisch als südlichste Insel Europas. Die Inselgemeinde hat 142 Einwohner (nach der Volkszählung 2021) und ist damit die kleinste Gemeinde Griechenlands. Verwaltungssitz ist der Ort Kastri.

Geografie Geografische Lage mini|links|Gavdos und Gavdopoula aus knapp 340 km Höhe

Die Insel Gavdos liegt 34,9 km südlich von Kreta im Libyschen Meer und ist damit geografisch gesehen die südlichste Insel Europas. Zusammen mit ihrer unbewohnten kleineren Schwesterinsel Gavdopoula bildet sie die südlichste griechische Gemeinde. Die geringste Entfernung zur afrikanischen Nordküste beträgt 260 Kilometer. Die Kanarischen Inseln oder die französischen Übersee-Départements liegen zwar, ebenso wie Kap Gata auf Zypern, weiter südlich, werden aber nur politisch, nicht geografisch oder plattentektonisch zu Europa gezählt. Die Insel misst in Nordwest-Südost-Ausdehnung 9,48 und in der Breite 5,45 Kilometer. Ihre Fläche beträgt rund 33 Quadratkilometer. Die höchste Erhebung auf Gavdos erreicht eine Höhe von 368 Metern.Hellenic Army Geographical Service, Blatt „Nisos Gavdhos“ 1:50.000.

Orte der Inselgemeinde Kastri mini|250px| Kastri (), der Hauptort der Insel, zählt weniger als 40 Einwohner. Es gibt eine Poststation, eine medizinische Station, eine Volksschule und das Verwaltungsbüro der Gemeinde Gavdos. Kastri liegt auf 220 Meter Höhe. Eine asphaltierte Straße verbindet das Dorf mit dem Hafen Karave und mit Sarakiniko.

Sarakiniko Sarakiniko () ist eigentlich kein ursprüngliches Dorf, sondern ein in jüngerer Zeit locker bebauter Strand. Es ist trotzdem die bekannteste Örtlichkeit der Insel. Hier befinden sich die meisten Tavernen und Bars, es gibt einen Lebensmittelladen und Telefon, sogar einen Auto- und Rollerverleih. Der Name des Strandes leitet sich vermutlich von griechisch σαρακηνικός (sarazenisch) ab und verweist auf eine ehemalige Besiedlung durch Sarazenen oder die Nutzung der Bucht als Ankerplatz durch dieselben. Die flach abfallende Bucht wird von einem breiten Dünenstreifen umsäumt, der vor allem mit Wacholderbäumen und Thymianbüschen in einer dem Sandgrund angepassten Wuchsform bewachsen ist.

Ambelos Ambelos () liegt im Westen der Insel auf 300 Meter Höhe und ist die höchstgelegene Siedlung der Insel.

Vatsiana 250px|mini| Der Ort Vatsiana () im südöstlichen Teil der Insel hatte im Jahr 2011 31 Einwohner, 1950 waren es noch 100. Der Priester der Inselgemeinde betreibt dort neben einem kleinen Kafenio ein volkskundliches Museum, in dem er mit Gebrauchsgegenständen und Schriftstücken die Vergangenheit des Inselalltags aufzeigt. In Vatsiana beginnt der ca. vier Kilometer lange Schotterweg, der zum Kap Trypiti () führt, dem südlichsten Punkt Europas. Seine Nähe zum Kap macht Vatsiana zur südlichsten Ortschaft Europas.

Metochi ()

Naturraum Gavdos wurde zusammen mit Gavdopoula als Natura 2000 Schutzgebiet mit dem Namen Nisoi Gavdo kai Gavdopoula () ausgewiesen.

Flora und Vegetation 250px|mini| Unter den 457 bisher auf Gavdos festgestellten Farn- und SamenpflanzenErwin Bergmeier, Ralf Jahn, Armin Jagel: Flora and vegetation of Gávdos (Greece), the southernmost European island. I. Vascular flora and chorological relations. In: Candollea. Band 52, Nr. 2, 1997, S. 305–358. ist eine in Nordafrika vorkommende Art (Schöner Wasserstern Callitriche pulchra), die allein auf Gavdos einen Vorposten auf der Nordseite des Mittelmeeres bildet (daneben gibt es weitere Arten, die sowohl auf Gavdos als auch auf den anderen südlich vorgelagerten Inseln vorkommen) sowie eine endemische Art, das unscheinbare, etwa 10 Zentimeter groß werdende Gavdos-Hasenohr (Bupleurum gaudianum).

Verglichen mit anderen griechischen Inseln oder auch mit großen Teilen Kretas erscheint Gavdos ausgesprochen grün, die Insel ist zu großen Teilen bewaldet. Es überwiegt die Kalabrische Kiefer (Pinus brutia), daneben Phönizischer Wacholder (Juniperus phoenicea) und meist in Küstennähe, gelegentlich auch im Inselinneren Großfrüchtiger Wacholder (Juniperus macrocarpa). Diese auch See-Wacholder genannte Art bildet auf der Insel eindrucksvolle, bis zwölf Meter hohe Baumgestalten. Sie kommt auch auf Kreta verstreut in Küstennähe vor, bleibt dort aber strauchförmig. Nur noch auf der Insel Chrysi kommen ähnliche baumförmige Exemplare in größeren Beständen vor. Die baumbewachsenen Sanddünen bieten einen faszinierenden Anblick. Auch der südlichste Baum Europas nahe dem Kap Trypiti gehört dieser Art an.

Der auffallend starke Baumbewuchs hat sich erst in den letzten 150 Jahren entwickelt und bildet einen Sekundärwald. Zeitzeugen im 19. Jahrhundert beschreiben Gavdos als ausgesprochen kahl mit nur vereinzelten Bäumen. Fast ganz Gavdos ist terrassiert, ein Zeichen dafür, dass der Boden in Zeiten stärkerer Besiedelung Kulturland war. Der für die ostmediterrane Phrygana typische Kopf-Thymian (Thymbra capitata) wächst auf den sandigen Stränden in einer den Sandverwehungen angepassten Wuchsform mit deutlich längeren Ästen.

Fauna Auf Gavdos wurden sechs Reptilien-Arten nachgewiesen. Darunter sind die beiden Gecko-Arten Europäischer Halbfinger (Hemidactylus turcicus) und Ägäischer Nacktfinger (Mediodactylus kotschyi kalypsae), wobei letzterer das häufigste Reptil der Insel darstellt. Schildkröten sind mit der Westkaspischen Schildkröte (Mauremys rivulata) und der Maurischen Landschildkröte (Testudo graeca) vertreten und Schlangen mit den Arten Europäische Katzennatter (Telescopus fallax pallidus) und Balkan-Zornnatter (Hierophis gemonensis). Erstere kommt nur auf Kreta und den südlich davon gelegenen Inseln vor. Ungewöhnlich ist das Fehlen von Eidechsen.Mario F. Broggi: The herpetofauna of the isolated Island of Gavdos (Greece). In: Herpetozoa 27, 2014, S. 83–90 ().

Klima Das Klima auf Gavdos ist ausgesprochen mediterran/maritim. Die Winter sind milder und trockener als auf Kreta, die Regenmenge ist kleiner, dafür sind die sommerlichen Hitzewellen weniger ausgeprägt.

Geschichte Urgeschichte Archäologische Untersuchungen zeigten seit 1990, dass die Besiedlung der Insel sehr viel früher als angenommen begonnen hat. So reichen, wie ein Faustkeil belegt, der bei Sarakiniko (site 64A) entdeckt wurde, die Artefakte heute etwa 200.000 bis 120.000 Jahre zurück. Weitere Funde, wie der Cleaver von Kavos Tsargoulio (site 27), stützen die Annahme dieser frühen Besiedlung. Als bedeutendste Fundstätte gilt Agios Pavlos-Fetifes (site 26E), wohl eine Stätte, an der regelmäßig Werkzeuge hergestellt wurden. Die ältesten paläolithischen Artefakte sind die dortigen Abschläge und Kerne.Dies und das Folgende zur vorschriftlichen Geschichte nach Katerina Kopaka, Christos Matzanas: Palaeolithic industries from the island of Gavdos, near neighbour to Crete in Greece, in: Antiquity Project Gallery, 83 (2009).

Ebenfalls in Agios Pavlos, aber auch in Vatsiana und Kavos, ließen sich die sehr viel häufiger aufzufindenden Artefakte des Mittelpaläolithikums belegen, hier der frühen Phase (vor 120.000 bis 75.000 Jahren). Sie weisen eine gelblich-weiße Patina auf. Neben dem lokalen Feuerstein könnte es sich um solchen von Kreta handeln. Die späteren Artefakte bestehen nicht mehr aus grauem Chert wie die altpaläolithischen, sondern ebenfalls aus schwarzem Feuerstein. Sie werden einer Moustérien-Industrie zugeordnet, mithin der Zeit zwischen 75.000 und 50.000 vor heute, und weisen eine weiße Patina auf. In Agios Pavlos waren 34 der 57 Fundstücke aus Quarz gefertigt.

Aus dem Jungpaläolithikum und dem Mesolithikum – damit aus der Epoche unserer unmittelbaren Vorfahren – liegen deutlich weniger Funde vor. Nur ein einziger Schaber oder Abschlag lässt sich dem Aurignacien zuordnen. Rückenmesser aus dem Gravettien ließen sich nur durch wenige Exemplare belegen, wie in Kavos oder Kefala. Ähnliches gilt für Stücke aus dem Epigravettien. Etwa 14.000 bis 10.000 Jahre alt sind einige Artefakte aus Agios Pavlos, auch sie weiterhin aus schwarzem Feuerstein gefertigt. Die dortigen Mikrolithen, die sich auch in Siopata-Metochi fanden, werden in das 11. Jahrtausend datiert. Auf diese Datierung weisen auch Werkzeuge mit Anzeichen bestimmter Schlagtechniken hin. Als einziger Beleg für eine Besiedlung auch im Mesolithikum gilt eine Pfeilspitze aus dem 8./7. Jahrtausend v. Chr.

Minoer, das mythische Ogygia, Gortyn Gavdos könnte in das Verteilungssystem von Gütern und Leistungen integriert gewesen sein, das die sogenannte „Palastwirtschaft“ des bronzezeitlichen Kreta, die Minoische Kultur kennzeichnete.Robert Laffineur, Emanuele Greco: Emporia. Aegeans in the Central and Eastern Mediterranean. Proceedings of the 10th International Aegean Conference, Bd. 25,1, Université de Liège, Lüttich 2005, S. 99. Dabei stammten einige bedeutende Güter von der Insel, wie etwa Meersalz, vielleicht Holz, metallhaltiges Erz, bestimmte für den Haus- und Tempelbau gesuchte Steinarten (S. 97).

Laut einer verbreiteten Vorstellung soll Gavdos die Insel Ogygia gewesen sein, auf der die Nymphe Kalypso den homerischen Odysseus für sieben Jahre festhielt. Bereits Kallimachos setzte im 4. Jahrhundert v. Chr. Ogygia mit der Insel Gaudos gleich.Zitiert bei Strabon, Geographika 7,3,6. Es sind allerdings Zweifel aufgekommen, ob Kallimachos tatsächlich Gavdos meinte oder die Insel Gozo bei Malta.Hierzu bereits (und ablehnend gegenüber Gozo) Der verbreitete Mythos spiegelt sich bis heute in der Namensvergabe für Tavernen und Unterkünfte, welche sich fast ausschließlich aus dieser Episode der homerischen Dichtung speist. mini|Federico Halbherr beim Studium des Stadtrechts von Gortyn Mit Gortyn im zentralen Südkreta bestand (nach einer von Federico Halbherr 1897 publizierten Inschrift) Ende des 3./Anfang des 2. Jahrhunderts v. Chr. eine vertragliche Abmachung, nach der Abgaben der Inselbewohner auf Handelsgüter für Apollon Pythios fällig wurden.Angelos Chaniotis: From Minoan Farmers to Roman Traders. Sidelights on the Economy of Ancient Crete, Franz Steiner Verlag, 1999, S. 185. Die Bewohner behielten darin ihre politische Freiheit, doch in der Außenpolitik banden sie sich an Gortyn, dem sie auf Wechselseitigkeit Waffenhilfe zu leisten hatten. Auch lieferten sie die wichtigsten Produkte der Insel, nämlich Salz und Wacholderbeeren.Giacomo Fadelli: L'esplorazione dell'Isola di Gavdos di Antonio Maria Colini e Doro Levi (Agosto 1925), in: Annuario della Scuola Archeologica di Atene e delle Missioni Italiane in Oriente (1997) S. 347–380, hier: S. 347. 1899 untersuchte Gaetano De Sanctis die Insel erstmals unter dem Blickwinkel der Archäologie, eine zweite Untersuchung erfolgte auf Initiative Halbherrs mit Unterstützung De Sanctis’ vom 13. bis 19. August 1925 durch Doro Levi und Antonio Maria Collini. Ihre Reisenotizbücher (taccuini) wurden allerdings erst 1997 veröffentlicht (S. 351–373). Sie liefern neben zahlreichen archäologischen Hinweisen und den ersten Fotografien der Insel auch seltene Einblicke in das Leben der 45 Familien auf der Insel im frühen 20. Jahrhundert. Dies gilt vor allem für Collinis Aufzeichnungen. Die beiden entdeckten Befestigungen, Nekropolen (Lavrakás, Kaporí, Sellakia) und weitere Inschriften, etwa aus hellenistischer Zeit. Am Kap Chora im Nordosten entdeckten sie zudem Überreste einer venezianischen Festungsmauer (S. 376).

Römerreich, Byzanz, Islamisches Kreta

Gavdos war auch für das Römische Reich von Bedeutung. Zu dieser Zeit wurde die Vegetation der damals Clauda genannten Insel übermäßig ausgebeutet, was einen Verkarstungsprozess in Gang setzte, der bis heute andauert. Vor Gavdos soll außerdem der Apostel Paulus bei seiner Reise nach Rom beinahe Schiffbruch erlitten haben.Apostelgeschichte 27,14–20 Daran erinnert das Kirchlein Agios Pavlos in der Nähe des Strandes von Agios Ioannis. Auch die Sarazenen mischten sich im frühen Mittelalter in die Geschicke der Insel ein, der Name des Strandes Sarakiniko lässt einen sarazenischen Unterschlupf vermuten.