mini|Die Peterskirche in Lindau, Südansicht Die Peterskirche ist der älteste Sakralbau in der bayerisch-schwäbischen Stadt Lindau (Bodensee). Die im Kern romanische Kirche, inzwischen profaniert, geht auf das 11. Jahrhundert zurück und ist aufgrund von spätgotischen Wandmalereien – oft, aber ungesichert Hans Holbein d. Ä. zugeschrieben – von überregionaler Bedeutung. Sie steht am westlichen Altstadtrand auf der Insel Lindau und beherbergt seit den 1920er-Jahren eine Kriegergedächtnisstätte.

Geschichte mini|Peterskirche mit Diebsturm 1910 mini|hochkant|Nordseite mit Turm Um die heutige Peterskirche liegt der älteste Siedlungskern auf der Insel Lindau. Schenkt man einer von Daniel Heider überlieferten, ursprünglich auf die Jahre um 1330 zu datierenden Schrift, dem Rotulus, Glauben, so bestand die „capella St. Petri“, ein wohl hölzerner Vorgängerbau der heutigen Kirche, schon vor der Gründung des Kanonissenstifts. Die lokale Geschichtsforschung geht davon aus, dass eine Fischersiedlung – daher das Petrus-Patrozinium, der Heilige ist der Schutzpatron der Fischer – als frühes Siedlungszentrum neben einer vermutlich ebenfalls schon vor der Stiftsgründung existenten zweiten Keimzelle um den heutigen Marktplatz bestanden hat. Letztere erhielt ihr städtisches Gepräge allerdings erst nach Verlegung des Marktes vom festländischen Aeschach auf die Insel im Jahr 1079, wie von Chronisten bezeugt wird.Alexander von Reitzenstein nimmt allerdings das Errichtungsjahr der Stephanskirche (1180) auch für die Marktverlegung an. Manfred Ott sieht im Historischen Atlas von Bayern (Teil Schwaben, Reihe I, Heft 5: Lindau, München 1968, S. 105 f. Digitalisat, abgerufen am 5. Mai 2015) unter Bezugnahme auf Reitzenstein jedoch keinen Grund, das Jahr 1097 anzuzweifeln. Da nahe dem erhöht liegenden Ort eine Bucht im Bereich des heutigen Paradiesplatzes gelegen hatte, war die Stelle für eine Fischersiedlung prädestiniert.Alexander von Reitzenstein: Historische Einleitung. In: Horn/Meyer: Die Kunstdenkmäler von Lindau (Bodensee). S. 1 ff.

Wahrscheinlich nach der Marktverlegung wich der Vorgängerbau einer Steinkirche, die der gestiegenen Bedeutung des Ortes gerecht wurde. Der Kirchturm lässt durch seine Lage, Gestalt und räumliche Beziehung zum Kirchenschiff vermuten, dass er als ein bereits bestehender Wachturm, der zu Beobachtungs- und Verteidigungszwecken an der damals ufernahen Stelle erbaut worden war, in den Neubau eingebunden wurde.

Nach dem Bau der Stephanskirche als neuer Pfarrkirche der Insel im Jahr 1180 verlor die Peterskirche als nunmehrige Filialkirche an Bedeutung. Fortan wurde sie von einer monastische Beginen-Gemeinschaft genutzt, bestehend aus Frauen, die den niederen Schichten entstammten und sich ganz der Krankenfürsorge verschrieben hatten.Isolde Rieger: Zur Geschichte der St. Peterskirche und ihrer Wandmalereien. In: St. Peter in Lindau, S. 4–7 Die Erbauung des „Closmen“Das Wort ist etymologisch vermutlich über mhd. klôsene auf lat. claudere (abschließen) bzw. die Nebenform cludere zurückzuführen (PPP clusum) und steht für einen abgeschlossenen Raum, im Speziellen für eine Klause oder eine Klosterzelle. Die Bezeichnung „Closmerin“ weist wiederum eine Verwandtschaft zu mhd. klôsenærinne (Klausnerin) auf. (vgl. Eintrag Klosmeren im Appenzeller Namenbuch/ortsnamen.ch und Duden-Herkunftswörterbuch 1989, Stichwort Klause), wie das Gebäude der Gemeinschaft genannt wurde, fällt nach Boulan auf das Jahr 1264.Friedrich Boulan: Lindau vor Altem und Jetzt. Commissionsverlag von J. Th. Stettner, Lindau 1870, S. 452 (Faksimile-Ausgabe vom Antiqua Verlag, Lindau 1980, ISBN 3-88210-058-3) Nachdem die Closmerinnen aufgrund der kirchlichen Missbilligung derartiger ordensähnlicher Lebensgemeinschaften ohne Gelübde und kirchenrechtliche Anerkennung mit der Auflösung rechnen mussten, nahmen sich die franziskanischen Barfüßermönche ihrer an und sicherten mit einer Einbindung in die Strukturen des Minoritenordens als Terziarinnen den Fortbestand des Closmen-Konvents.Christine Riedl-Valder: Lindau, Terziarinnen (Closmerinnen). Projekt Klöster in Bayern, Haus der Bayerischen Geschichte (PDF), abgerufen am 3. Mai 2015

Eine erste größere bauliche Veränderung erfuhr die Kirche durch die Erweiterung des Schiffs nach Westen um etwa sechs Meter während der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts.In der Literatur, so auch im Dehio-Handbuch und der bayerischen Denkmalliste, stehen falsche Daten bezüglich der Erweiterungszeit. Die Erweiterung kann nicht im 15. Jahrhundert erfolgt sein, da die Christophorus-Zeichnung – einhellig in die Zeit um 1300 datiert – im Erweiterungsteil liegt. Die verbreitete Falschinformation beruht vermutlich auf falschen Zahlen in der Legende einer Grundrisszeichnung im Denkmalinventar von Horn/Meyer. Im Fließtext sind dagegen die schlüssigen Daten zu finden. Dabei wurde in der Apsis ein heute zugemauertes gotisches Maßwerkfenster eingesetzt.Adam Horn, Werner Meyer et al.: Die Kunstdenkmäler von Lindau (Bodensee). S. 60 ff. Wohl um 1300 entstand eine Rötelzeichnung des heiligen Christophorus gegenüber dem Portal. Erhaltene Reste von figürlich-ornamentaler Malerei im Chorbogen und in der Apsis wurden später übermalt. In die Westseite der Kirche wurde ebenfalls ein Maßwerkfenster eingelassen, der Eingang wurde weiter westwärts in den Erweiterungsteil verlegt und darüber mit einem Rundfenster geschmückt, welches das Fischermotiv in Gestalt eines aus vier Fischblasen zusammengesetzten Sonnenrades aufgreift.Sina Setzer: Die Wandmalereien der Bildfelder an der Nordwand in der ehem. Peterskirche in Lindau am Bodensee (PDF; 56 MB), S. 12 ff. Diplomarbeit, TU München, vorgelegt am 3. September 2013, abgerufen am 1. Mai 2015

Die Errichtung des nahen Diebsturms im 14. Jahrhundert und die schon im 13. Jahrhundert erfolgte Aufschüttung der Lände, zu deren Schutz der Wachturm gedient hatte, bedeuteten für den Petersturm einen Funktionsverlust. In der Folgezeit zerfiel er fast völlig, sodass 1425 ein Wiederaufbau ins Auge gefasst wurde. Ermöglicht wurde er durch den reichen Kaplan Peter Glückhaf(f)t.Friedrich Boulan: Lindau vor Altem und Jetzt. Commissionsverlag von J. Th. Stettner, Lindau 1870, S. 450 f. (Faksimile-Ausgabe vom Antiqua Verlag, Lindau 1980, ISBN 3-88210-058-3) Um 1485/90 entstand als Auftragsarbeit die Lindauer Passion an der östlichen Nordwand, deren Urheberschaft umstritten ist. Um 1520 folgte die Ausmalung der östlichen Stirnwand, der Apsis und der Ostseite der Südwand. Eine Mitwirkung von Mathis Miller, Zunftmeister der Lindauer Schmiede und Bildhauer, ist belegt. mini|links|Marmorplastik eines Unbekannten Soldaten, 1928 Mit der Reformation, die 1528 in Lindau Einzug hielt, ging ein schrittweiser Wegfall der kirchlichen Zweckbestimmung einher. Die Closmerinnen traten zum evangelischen Bekenntnis über, gaben ihre Lebensform jedoch bis zur Säkularisation 1802 nicht auf. Die Peterskirche wurde allerdings spätestens im 17. Jahrhundert profaniert und verkam in der Folgezeit zur Lagerstätte. Zunächst wurde sie als Arsenal genutzt – zu diesem Zweck war eine mittlerweile entfernte Zwischendecke eingesetzt worden, von der noch eine Stützkonsole zeugt –, dann ab Anfang des 20. Jahrhunderts unter anderem als Holz- und Kohlelager. Im Jahr 1811 sollte der Petersturm gemeinsam mit dem nahen Diebsturm abgebrochen und die Steine zum Bau des Hafens verwendet werden; der Plan wurde jedoch fallengelassen. Im Jahr 1928 schließlich fand die Peterskirche ihre heutige Nutzungsform als Kriegergedächtnisstätte. Unter dem NSDAP-Bürgermeister Ludwig Siebert rief der Stadtrat in den 1920er-Jahren einen Wettbewerb zur Errichtung eines Ehrenmals aus, bei dem sich unter insgesamt 95 Vorschlägen der Entwurf der Münchner Künstlerin Marie Feulner behauptete. Ihre Marmorplastik eines Unbekannten Soldaten entstand in Anlehnung an den Toten Soldaten von Bernhard Bleeker im Münchner Kriegerdenkmal im Hofgarten. In der Peterskirche wird außerdem mit Gedenktafeln der Lindauer Toten und Vermissten des Deutsch-Französischen Kriegs sowie der beiden Weltkriege gedacht. 1981 wurden die Tafeln um die 17 Lindauer Zeitung vom 13. November 2004, abgerufen am 1. Mai 2015. Opfer der NS-Gewaltherrschaft erweitert, in der Mehrheit jüdische Lindauer. Eine 1921/22 erfolgte Purifizierung unter Entfernung von Einbauten prägt das Kircheninnere bis heute.

Baubeschreibung mini|Grundriss der Peterskirche Außenraum mini|links|Südseite Außen wie innen ist der Kirchenbau in seiner epochentypischen Schlichtheit der Romanik verpflichtet. Die Peterskirche ist ein einschiffiger Saalbau, dem eine halbkreisförmige Apsis vorgesetzt ist. Das Kirchenschiff, das mit einer Länge von ca. 18 und einer Breite von ca. 8 Metern eine ungefähre Fläche von 144 Quadratmetern einnimmt, trägt ein Satteldach; die Apsis wird durch ein rundes Zeltdach nach oben abgeschlossen. Über dem Eingang verlässt das Dach mit einem Überstand von etwa drei Metern seine symmetrische Form. Das verputzte Kieselstein- und Bruchmauerwerk ist an den Ecken von glatten Steinquadern unterbrochen. Nordöstlich ist der fünfgeschossige Turm in die Kirchenwand eingefügt, dessen Ecken von Buckelquadern gebildet werden. Er ist mit einer offenen neugotischen Laterne bekrönt. In der Turmspitze befindet sich eine Glocke aus dem 15. Jahrhundert mit 53 cm Durchmesser, umschrieben mit dem ersten Satz des lateinischen Ave Maria. Rechts neben dem wohl während der Profanierungsphase entstandenen Rundbogenportal ist der zugemauerte frühgotische Eingang zu erkennen. Die Kirche grenzt westlich an eine ehemalige Glockengießerei. Eine in der Ostpartie der Südfassade eingelassene Steintafel informiert über die Geschichte der Peterskirche:

mini|rechts|Vorplatz und Eingangsbereich der Peterskirche. Innenraum/Fenster mini|Der Innenraum der Peterskirche. Das Bodenniveau des Innenraums ist niedriger als das des Außenraums; eine zwei- bzw. vierstufige Treppe führt hinab, zwei Stufen im Außenraum miteingerechnet. Der Fußboden der Kirche besteht aus rechteckigen Ziegelplatten jüngeren Datums. Vom leicht erhöhten gotischen Erweiterungsteil kommend, müssen wiederum zwei Stufen hinabgestiegen werden. Auf der Raumhöhe von sechs Metern ist eine flache Balkendecke eingezogen. Die nördliche, dem Eintretenden gegenüberliegende Wand ist ebenso wie die Ostseite großteilig ausgemalt. In die Nordwand war wohl ein rechteckiger Durchgang von einer heute nicht mehr vorhandenen Nonnenempore zum damals bestehenden Closmen-Kloster eingelassen. Auf der Nordseite sind die äußeren Laibungen zweier zugesetzter Rundbogenfenster erhalten. Da die Ausmalung im Inneren in diesem Bereich keine Schadspuren aufweist, liegt die Vermutung nahe, dass die Fensteröffnungen zum Zweck der Ausmalung zugemauert worden sind. Nach dem Denkmalinventar von 1955 war die Nordseite nach dem damaligen Forschungsstand fensterlos. Dies lässt den Schluss zu, dass die Fensterfassungen erst im Zuge der Sanierungsmaßnahmen in den 1960er-Jahren entdeckt und freigelegt worden sind.