mini|DJ Hell (2002) DJ Hell oder auch Hell (bürgerlicher Name Helmut Josef Geier, * 6. September 1962 in Altenmarkt an der Alz) ist ein deutscher Techno-, House- und Electroclash-DJ, international tätiger Produzent und Verleger elektronischer Musik sowie Gründer und Inhaber des Plattenlabels International Deejay Gigolos.

Leben

1970er und 1980er Jahre Über seine musikalischen Anfänge erzählt DJ Hell in einem Interview mit dem Magazin The European: „Ich wurde mit der deutschen elektronischen Musik der 1960er und 1970er Jahre sozialisiert. Kommerzielle Ansprüche gab es da nicht, alles war immer ein Experimentierfeld.“„Was ist schon grundlegend neu?“ Interview mit dem Magazin The European, 6. Juli 2015.

Seit 1978 war Hell als DJ tätig.„Arbeiter der Nacht“, Interview mit sueddeutsche.de, 23. August 2013. Ab 1983 legte er im Club Libella in Kirchweidach, nahe seinem Heimatort Altenmarkt an der Alz auf. Das war zugleich seine erste Residency, in der er während seiner eklektischen Sets stilistisch New Wave, Ska, Punk, Rockabilly, Hip-Hop und Disco zu mischen pflegte. Weitere Stationen waren Residencies im Park Café und dem Tanzlokal Größenwahn in München, wo er als einer der ersten House-DJs in Deutschland regelmäßig auf House-Partys auflegte, 1987 dort die erste Acid-House-Party organisierte und 1987 im Größenwahn für Run-D.M.C. auf deren Aftershow-Party auflegte. Ende der 1980er Jahre hatte er seinen Stil manifestiert und demonstrierte ihn in diversen Münchner Clubs und Hallen von New Wave, EBM, Electro und Hip-Hop in Richtung House und Techno.

1990er Jahre Anfang der 1990er Jahre war DJ Hell Resident-DJ in Deutschlands erstem Afterhour-Club Babalu Club in München. Ab 1991 war Hell am Entstehen von Peter Wachas Label Disko B und bis 1996 maßgeblich als A&R-Manager beteiligt. Die erste Veröffentlichung des Labels 1991, Silicone Souls Track Who Needs Sleep Tonight, war von Hell lizenziert worden, und die B-Seite ist ein Remix von DJ Hell (The DJ G. Hell Remix).

Seine erste selbstproduzierte Single (My Definition of House Music, auf R&S Records) wurde 1992 mit über 100.000 verkauften Einheiten ein Club-Hit und ordnet DJ Hell somit der ersten Generation von Techno-DJs zu, die selbst auch Platten veröffentlichten.

Während seiner Zeit bei Disko B und noch bis 1997 war DJ Hell zudem Resident-DJ im Münchner Techno-Club Ultraschall auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens München-Riem und später im Kunstpark Ost. Weitere DJ-Residencies in den 1990er Jahren hatte DJ Hell im Berliner E-Werk und im WMF, ab 1992 auch im Tresor sowie im neuen Jahrtausend im Berliner Watergate.

Parallel zu seiner Arbeit als A&R in München wurde DJ Hell 1992 auch A&R-Manager bei dem Label Logic Records in Frankfurt am Main, für das er im selben Jahr die weltweit erste Trance-Compilation Logic Trance kompilierte.

1993 lebte er für ein Jahr in New York, wo er als Resident-DJ mit Jeff Mills im Limelight gebucht war. 1994 zog DJ Hell nach Berlin und arbeitete für den Plattenladen Hard Wax. Im Jahr 1994 erschien auf Disko B Hells Debütalbum Geteert & gefedert. Im Jahr darauf kehrte er nach Bayern zurück. Als einziger deutscher DJ wurde Hell 1995 zu einer John-Peel-Session mit Radio-Interview in London eingeladen. Die Session wurde im selben Jahr auf Disko B veröffentlicht.

Neben seiner Arbeit als DJ und Produzent gründete er 1996 das Label International Deejay Gigolos in München, für das er vom ersten Tag an als Mastermind, A&R und Art Director tätig war. Als DJ und Veranstalter kuratierte DJ Hell parallel zu den Label-Aktivitäten über 40 Bavarian Gigolo Nights mit internationalen DJs und Live Bands in diversen Münchner Clubs.

Während dieser Periode in den späten 1990ern befeuerten zahlreiche Veröffentlichungen auf International Deejay Gigolos nennenswert das 1980er-Jahre-Revival in der deutschen und internationalen Clubszene und machten DJ Hell zu einem Miterfinder des Subgenres Electroclash. Auf International Deejay Gigolos veröffentlichten u. a. bekannte Größen der internationalen Techno-, House- und Electroszene wie Jeff Mills, Miss Kittin & The Hacker, Dave Clarke, Tiga, Fischerspooner, Dopplereffekt, Vitalic, Bobby Konders, KLF, Tuxedomoon und Laurent Garnier. Fischerspooner wurden von DJ Hell entdeckt und veröffentlichten ihr Debüt auf International Deejay Gigolos. Stilistisch fokussierte sich International Deejay Gigolos neben Electroclash auch auf die Genres Electro, EBM, elektronischem Avantgarde House, Tech-House und Techno, mit Einflüssen von 1980er Jahre Pop und Disco. In den 20 Jahren von 1996 bis 2016 veröffentlichte Hell als A&R über 300 Singles und Alben auf dem Label.

Im Jahr 1998 erschien Hells zweites Album Munich Machine auf Disko B und V2 Records. Laut dem britischen Guardian war Munich Machine ein wichtiges Album, welches die Entwicklung von Electroclash katalysierte. Die Zeitschrift De:Bug schrieb 2000: „Die Munich Machine wirkt wie das Ergebnis einer dynamischen Gruppenarbeit von Münchnern, die sich auf ihre Clubsituation eingelassen haben, die mit ihr zu arbeiten wissen. An allen Enden wird hier gewerkt und manchmal hat man den Eindruck, DJ Hell versucht in einer Megamix-ähnlichen Art über sich hinaus wachsen zu wollen. Besonders deutlich wird dies, wenn er wirklich verschiedene Quellen miteinander vermischt.“„DJ Hell – Munich Machine (V2)“, Text vom 1. Januar 2000.

1999 verklagte Arnold Schwarzenegger International Deejay Gigolos, weil Schwarzeneggers Konterfei im Firmenlogo verwendet wurde. Hell musste den Verkauf aller Schallplatten mit dem Logo stoppen, zudem 150.000 Euro Strafe zahlen.

2000er Jahre Von 2000 bis 2003 betrieb er die Villa Traunstein, zugleich Diskothek und Nachtclub, im bayerischen Traunstein und zeichnete für deren profiliertes internationales DJ-Booking verantwortlich. So traten in der Villa Traunstein u. a. WestBam, Sven Väth und Jeff Mills auf.

2003 lebte DJ Hell zum zweiten Mal in New York und produzierte dort auch sein drittes Studioalbum NY Muscle, auf dem er u. a. mit Alan Vega, Erlend Øye, James Murphy und der Sängerin Billie Ray Martin kollaborierte. Die Website allmusic.com schrieb über NY Muscle: „This is the sound of nighttime New York City from the outsider perspective of an infamous German named Hell, and it's dark, dark, debauched fun.“ / „Dies ist der Sound New Yorks bei Nacht, aus der Perspektive eines berühmt-berüchtigten Deutschen namens Hell — ein dunkler, dunkler, zügellos-ausschweifender Spaß.“„Review by Jason Birchmeier“, Artikel vom 6. Januar 2004.

Seit 2005 wohnte Geier abwechselnd in München und Berlin. Ebenso verlegte er das Büro des Labels nach Berlin. Ab den frühen 2010er Jahren lebte Hell wieder vorwiegend in München und in seinem Heimatort Altenmarkt am Chiemsee.

Von 2007 bis 2010 wurde DJ Hell musikalischer Koordinator bei dem Berliner Modedesigner Michael Michalsky, für den er in dieser Zeit regelmäßig die Musik für dessen Modenschauen produzierte. Außerdem legte er auf den Aftershow-Partys von Michael Michalskys StyleNite während der Berlin Fashion Week auf. Musik für Modenschauen von u. a. Hugo Boss, Raf Simons, Patrick Mohr, Dirk Schönberger und Donatella Versace produzierte DJ Hell aber bereits seit Mitte der 1990er Jahre, als er erstmals von dem Modedesigner Kostas Murkudis gebeten wurde, in Berlin eine seiner Modenschauen mit Musik zu bespielen.

Punktuell kollaborierte DJ Hell auch als Namensgeber bzw. Designer mit namhaften Modelabels. So entstanden Unterhosen für Wendy & Jim, Frauen-Slips für Agent Provocateur, CD-Cases für Magma und eine Brille für Freudenhaus. Karl Lagerfeld fotografierte DJ Hell im Jahr 2004 für das V Magazine. Die Fotos wurden anschließend in einer Berliner Galerie ausgestellt. Über seine Affinität zur Mode sagte DJ Hell (in Spex #316/2008, S. 95f): „In England gehören Fashion und Musik schon seit Jahrzehnten zusammen. In Deutschland neigt man hingegen dazu, einem Musiker Kompetenz abzusprechen, wenn er sich auch über die Oberfläche, also das Sichtbare, definiert. Man muss nur an David Bowie auf der männlichen und Grace Jones auf der weiblichen Seite denken, und es wird klar, wie unglaublich fruchtbar eine Liaison von Fashion und Musik sein kann.“

Als DJ tourte Hell durch Städte in allen Teilen der Welt und wurde immer wieder als Headliner internationaler Festivals gebucht, darunter die Loveparade und der Mayday in Berlin, das Fuji Rock Festival und Wire in Tokio, das Montreux Jazz Festival sowie das Time Warp Festival in Mannheim. Als erster Techno-DJ legte Hell 1997 an der Universität von Havanna auf. Der Auftritt wurde von einem deutschen Filmteam unter der Regie von Torsten Schulz gefilmt und 2000 im Kino gezeigt. Auch der deutsche Filmregisseur Romuald Karmakar drehte 2002 ein Kapitel seines Films „196 BPM“ über einen Auftritt Hells im WMF.

Das Style-Magazin GQ kürte DJ Hell 2003 zum „Man of the Year“ in der Kategorie Musik.

2009 veröffentlichte Hell das Album Teufelswerk, das mit Bryan Ferry, Peter Kruder, P.Diddy, Roberto Di Gioia, Mijk van Dijk, Christian Prommer, Billie Ray Martin und anderen abermals mehrere internationale Gaststars auflistete. Das Doppelalbum ist konzeptuell in eine „Day“- und eine „Night“-Hälfte geteilt und stieg in die Top 50 der deutschen Media Control Charts ein.

Hell im Interview mit Resident Advisor: „Ich habe auf eine neue Art und Weise Kosmische Musik produziert. Da komme ich her. Ich bin mit diesen frühen Pionieren deutscher elektronischer Musik aufgewachsen, und deshalb bin auch ich dieses Mal in diese Richtung gegangen, die oft als Deutsche elektronische Avantgarde oder einfach nur Psychedelische Musik bezeichnet wird. Ich ging zurück in die 1970er und versuchte meine eigene Version dieser Musik zu machen.“„Followers of the German techno icon will know that he is fond of grand statements. And this time he's spot on: Teufelswerk - German for ‘Devil's Work’ - is Hell's masterpiece“, Text auf der Website von Resident Advisor, o. D.

The Guardian schrieb 2009 über Teufelswerk: „Zu viert, mit Hell als Kapellmeister sowie Kruder, Prommer und Roberto di Gioia als Musikanten an Synthesizern, akustischen Gitarren und ‘Rhythmusmaschinen’, durchstreifen sie musikalisch Europa, verorten sie die hellseherischen Energielinien, die Kraftwerks Düsseldorf und Jean Michel Jarres imaginäres, futuristisches Paris, Pink Floyd im UFO-Club 1966 und das Café Del Mar des Jahres 1987, die dunkel wummernden Dubstep-Nächte des modernen Berlins und nicht zuletzt das progressive Italien Goblins der 1970er Jahre miteinander verbinden.“

DJ Hell unterstützt seit 2009 mit diversen DJ- und TV-Auftritten die feministische ukrainische Aktionsgruppe Femen.

Privat unterstützt der bekennende Fan des FC Bayern München als Trikotsponsor den TSV Altenmarkt, den Fußballverein seines Heimatortes. Anders als vielfach kolportiert, besitzt er keine professionelle Trainerlizenz. Zur FIFA Fußball-WM 2006 wurde Hell als DJ der Eröffnungsfeier im Berliner Olympiastadion gebucht, allerdings wurde die Veranstaltung kurzfristig von der FIFA abgesagt.

2010er Jahre 2013 hielt sich DJ Hells Remix von Tim Deluxes Track Transformation neun Wochen auf der Nummer 1 Position der Beatport-Techno-Charts.

Im selben Jahr legte DJ Hell anlässlich des 1. Geburtstags eine Stunde live bei Boiler Room TV auf. Eine Aufnahme dieser Session wurde bei Youtube inzwischen fast 970.000 mal abgespielt (Stand: Juli 2024).Clip zum 1. Geburtstag von Boiler Room TV auf YouTube

Der Countertenor und New-Wave-Sänger Klaus Nomi interpretierte die Originalkomposition Henry Purcells aus der Oper King Arthur 1982 als frühen Hybriden von elektronischer und klassischer Musik. DJ Hell, der Klaus Nomi seit seiner Anfangszeit als DJ bewundert und immer wieder auch aufgelegt hat, kaufte die Rechte an der Originalkomposition und veröffentlichte seine neu bearbeitete Version des Songs 2014 als Single auf International Deejay Gigolos.