Die Stadler Rail AG (auch Stadler Rail Group) mit Sitz im schweizerischen Bussnang ist ein Schweizer Hersteller von Schienenfahrzeugen. Der Produktschwerpunkt liegt auf angetriebenen Fahrzeugen wie Triebwagen, Stadtbahnen und Lokomotiven. Dazu kommen immer mehr U-Bahnen, Hochgeschwindigkeitszüge, Intercity- und Schlafwagen. Eine Spezialität sind massgeschneiderte Bahneinzelanfertigungen und Zahnradbahn-Fahrzeuge. Zu einem wichtigen Standbein hat sich Stadler Service entwickelt (Unterhalt einzelner Schienenfahrzeuge oder ganzer Flotten).

Stadler Rail beschäftigt weltweit 13'400 Mitarbeiter mit Standorten in 23 Ländern. Das Unternehmen gehört zu den 100 grössten Unternehmen in der Schweiz und zu den 500 grössten Familienunternehmen der Welt. Es ist einer der weltweit zehn grössten Hersteller von Schienenfahrzeugen.

Geschichte 1942–1961: Anfänge in Zürich und Wädenswil mini|Wendepunkt 1990: Triebwagen der Chemin de fer Orbe–Chavornay mini|Einer der ersten Exporterfolge: GTW für New Jersey Transit 1942 gründete Ernst Stadler in Zürich das Ingenieurbüro Stadler und rüstete in den Kriegsjahren Strassen- und kleine Schienenfahrzeuge auf Akkubetrieb um. Das Unternehmen zog 1945 nach Wädenswil und baute dort als Elektro-Fahrzeuge Ernst Stadler erste kleine Akku-, Elektro- und Dieseltraktoren (Rangierlokomotiven). Allerdings musste das Unternehmen bereits 1951 Konkurs anmelden. Danach arbeitete Ernst Stadler für verschiedene Auftraggeber in deren jeweiligen Werkstätten, bis er erneut eine kleine Werkstatt in Zürich bezog.

1962–1988: Stadler wird heimisch in Bussnang, Gründung Aktiengesellschaft 1962 zog er in den Kanton Thurgau nach Bussnang, wo er eine grössere Werkstatt bauen liess. In den folgenden Jahren verlegte Stadler den offiziellen Geschäftssitz nach Bussnang und wandelte die Firma in eine sich ab 1974 Stadler Fahrzeuge AG nennende Aktiengesellschaft um.

Ernst Stadlers Tod im Jahr 1981 war ein erster Einschnitt in der Geschichte des Unternehmens, dessen Aktien sich im Familienbesitz befanden. Die Witwe Irma Stadler (1924–2020Traueranzeige Irma Stadler auf trauer.nzz.ch vom 2. Dezember 2020.) führte das Unternehmen weiter. 1984 wurden erstmals auch Personenfahrzeuge gebaut, wobei Spezialanfertigungen für Schweizer Privatbahnen einen Schwerpunkt bildeten.

1989–2015: Erste Grossaufträge, Entwicklung Werke Altenrhein und Pankow Eine zweite Zäsur erfolgte 1989, als Irma Stadler das Unternehmen dem Ehemann ihrer Enkelin, dem professionellen Eishockey-Spieler Peter Spuhler, anbot. Mit einer Belegschaft von knapp zwei Dutzend Personen war ein modular aufgebautes Schienenfahrzeug entwickelt worden, dessen Teile von verschiedenen Anbietern gekauft und in Bussnang montiert wurden. Diesem Konzept entstammte 1995 der erste Gelenktriebwagen (GTW).

Mit dessen zunehmender Nachfrage wurde die Belegschaft sukzessive vergrössert und das Unternehmen umgebaut. Von Schindler Waggon (SWG) übernahm man 1997 schliesslich einen Grossteil des Werkes Altenrhein im Kanton St. Gallen und gründete die Stadler Altenrhein AG. Da das am Flugplatz Altenrhein gelegene ehemalige Schindler-Werk, das in Teilen auch die übernommenen Flug- und Fahrzeugwerke Altenrhein (FFA) umfasste, deutlich grösser als der Standort Bussnang ist, wurden bei der Übernahme Teile des Werkes ausgelagert und davon ein Teil als Industriepark Altenrhein, oft Industriepark Stadler genannt, untervermietet.

Der Kauf von Altenrhein initiierte einen unerwarteten Expansionskurs, der auf dem Kauf langsam wegsterbender Werke und Produktionsbereiche basierte. Hierzu wurden aus Stadler Fahrzeuge die neue Familien-Holding Stadler Rail AG und das Werk Bussnang formell in die Stadler Bussnang AG ausgelagert. 1998 wurde der Zahnradbahnbereich der ehemaligen Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) von der Sulzer AG übernommen.

Der Einstieg in den deutschen Fahrzeugmarkt begann mit der Bildung eines Konsortiums mit Adtranz und Bombardier Transportation zur Lieferung von GTW 2/6 DMU an die Hessische Landesbahn sowie DB Regio und deren Tochter Usedomer Bäderbahn in den Jahren 1999 bis 2002.

Das Adtranz-Werk Pankow, in dem die Regioshuttle gefertigt wurden und das sich auf dem Gelände des früheren Berliner Herstellers von Kraftwerksausrüstungen Bergmann-Borsig befindet, wurde 2000 in die Stadler Pankow GmbH (heute: Stadler Deutschland GmbH) ausgelagert, an welcher sich Stadler im Rahmen eines Joint Ventures zu 66 Prozent beteiligte. Aufgrund kartellrechtlicher Auflagen im Zusammenhang mit der Übernahme durch Bombardier Transportation verkaufte Adtranz 2001 schliesslich das gesamte Werk und die Lizenzen für die Fahrzeugfamilien Regioshuttle und Variobahn an Stadler. Unter dem Geschäftsführer Michael Daum, der von Adtranz zu Stadler gewechselt war, folgte ein starkes Wachstum von Umsatz und Arbeitsplätzen. So startete das Unternehmen im Jahr 2000 mit 200 Mitarbeitern, 2003 waren es 300, 2011 zählte man 830, und 2013 wurden 1300 Mitarbeiter beschäftigt. 2002 kam mit Velten in Brandenburg ein weiterer Standort dazu. Im Jahr 2011 eröffnete Stadler ein Montagewerk in Berlin-Hohenschönhausen, das Ende 2015 jedoch wieder geschlossen wurde, zugunsten eines neu gebauten Montagewerks in Pankow. Im Berliner Bezirk Reinickendorf wurde 2012 ein Logistikzentrum in Betrieb genommen.

2001 wurde in Bussnang die neue, moderne Montagehalle 2 eröffnet, welche die erste Halle aus dem Jahr 1962 weitgehend ablösen sollte. Im Rahmen der Modernisierung erhielt auch der Geschäftssitz ein zeitgemässeres Bürogebäude. Sowohl das steigende Auftragsvolumen als auch immer länger werdende Fahrzeuge erforderten einen weiteren Ausbau, der mit der Einweihung der Montagehalle 3 im Jahr 2004 abgeschlossen wurde.

Die im Herbst 2004 in Konkurs gegangene Giesserei Swiss Metal Casting AG in Biel wurde zwecks Eigenbedarf umgehend von Stadler übernommen und produziert als Stadler Stahlguss AG weiter. Nur wenige Wochen später wurde die stufenweise Übernahme der ehemaligen PFA (Partner für Fahrzeugausstattung) in Weiden in der Oberpfalz vereinbart, für welche Anfang 2005 die Stadler Weiden GmbH gegründet wurde. Deren Produktion wurde im Jahr 2007 wegen fehlender Aufträge geschlossen.

mini|Schmalspur-Rangierlok Gm 105 der Zentralbahn (Schweiz)

Einen der bedeutendsten Zukäufe schloss Stadler am 7. September 2005 in Winterthur ab. Der Kauf der Winpro AG, an welcher man zuvor bereits mit 40 Prozent beteiligt war, brachte einen weiteren Teil der Reste der traditionsreichen Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik unter das Dach von Stadler Rail.

mini|KISS von Stadler Rail

Am 30. Juni 2008 gaben die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) bekannt, dass Stadler Rail den Zuschlag für einen Auftrag im Wert von rund einer Milliarde Franken erhalten habe. Dieser umfasste den Bau von 50 sechsteiligen Doppelstocktriebwagen für die vierte Teilergänzung der S-Bahn Zürich. Für Stadler handelte es sich um den Erstauftrag der neu entwickelten Doppelstockzüge Stadler KISS (Regionalverkehr bis 160 km/h), deren Produktion bei Stadler Altenrhein erfolgt; das Werk wurde hierfür um eine Halle erweitert, die Auslieferung der Züge begann im Frühjahr 2012.Walter von Andrian: Neue Doppelstockfahrzeuge für die Zürcher S-Bahn. In: Schweizer Eisenbahn-Revue. Nr. 8–9/2008, Minirex AG, Luzern 2008, , S. 392–396.stadlerrail.com: , abgerufen am 3. September 2011.Sandro Hartmeier: Neuer Doppelstöcker der Zürcher S-Bahn erstmals mit Fahrgästen unterwegs, bahnonline.ch, 7. Juli 2012, abgerufen am 16. Oktober 2018.

Der Bau von sieben (zuzüglich einer Option über drei weitere) Zahnrad-Elektrolokomotiven des Typs Stadler He 4/4 für die Güterzugstrecke São Paulo–Santos in Brasilien stellte einen weiteren bedeutenden Auftrag dar, der am 26. Februar 2010 veröffentlicht wurde.

Am 9. Mai 2014 erhielt Stadler von den SBB den Zuschlag für den Bau von 29 Triebwagen im Wert von 980 Millionen Franken für den Nord-Süd-Verkehr durch den Gotthard-Basistunnel. Der Vertrag enthält eine Option zur Bestellung von 92 weiteren Zügen. Diese Züge vom Typ EC 250 sind 202 m lang, erreichen eine Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h und werden von Stadler als SMILE vermarktetPressemitteilung: Stadler Rail gewinnt Ausschreibung für NEAT-Züge, 9. Mai 2014., bei den SBB ist der Zug in der Zwischenzeit als Giruno bekannt.

2016 – heute: Globale Expansion mini|Werk in St. Margrethen

Am 7. Januar 2016 gab Stadler bekannt, die Sparte für Streckenlokomotiven im spanischen Valencia vom bisherigen deutschen Konkurrenten Vossloh zu übernehmen. Anfang Dezember 2016 kündigten Stadler und Solaris Bus & Coach (SBC) die Gründung des Joint Ventures Solaris Tram Sp. z o.o. an, unter welchem das Solaris-Werk im polnischen Środa Wielkopolska auf die doppelte Grösse ausgebaut werden sollte. Bei Ausschreibungen von Tramfahrzeugen in Polen traten Stadler Polska und Solaris bereits seit September 2016 gemeinsam als Konsortium unter Führung von Stadler auf. Das Stadler-Werk Siedlce beschäftigte zu diesem Zeitpunkt rund 800 Mitarbeiter und hatte 320 Fahrzeuge für den europäischen Markt hergestellt. Das Joint Venture, welches per 1. April 2017 den Betrieb offiziell aufgenommen hatte, wurde im November 2018 vollständig von Stadler übernommen. Angestossen wurde dies durch den Mitte 2018 erfolgten Verkauf des Konsortialpartners SBC durch die Eigentümerfamilie Olszewski an den spanischen Schienenfahrzeughersteller CAF. Letzterer beabsichtigte mit der Übernahme von Solaris insbesondere den Einstieg in den Nutzfahrzeug-Markt – namentlich mit Trolleybussen, Elektro-Hybrid-Bussen und Batteriebussen – und veräusserte den verbliebenen 40-Prozent-Anteil an Solaris Tram (und inhärent der Produktserie Tramino) an Stadler.

Auf dem asiatisch-pazifischen Markt hatte Stadler zunächst einen schweren Stand. In Indien scheiterte ein 2016 zusammen mit der lokalen Medha Servo Drives gewonnener Auftrag für 40 Züge durch Streitigkeiten zwischen in die Auftragsvergabe involvierten Ministerien.Thomas Griesser Kym: Stadler liefert erstmals nach Asien – 34 Lokomotiven im Wert von 180 Millionen Franken für Taiwan. In: St. Galler Tagblatt (online), 15. Oktober 2019. Im Iran ging 2018 wegen der Sanktionen der USA ein Auftrag von 960 U-Bahn-Wagen verloren.Wegen Trumps Sanktionen: Stadler legt Iran-Auftrag auf Eis. In: St. Galler Tagblatt (online), 7. August 2018. 2019 konnte dann ein Werk in Indonesien eröffnet werden, und Stadler Valencia lieferte 34 dieselelektrische Lokomotiven nach Taiwan.

mini|Bei den Flirt für das «East Anglia»-Netz hatte Stadler mit erheblichen Lieferschwierigkeiten zu kämpfen

Mitte 2018 erfolgte der Spatenstich für den künftigen Produktionsstandort St. Margrethen, welcher ab Ende 2019 schrittweise einen Grossteil des Werks Altenrhein als Doppelstock-Kompetenzzentrum ablöste. Das neue Werk befindet sich nördlich des Bahnhofs auf dem 65'000 Quadratmeter grossen Altfeldareal, welches früher der Holzindustrie diente und derzeit der HIAG Immobilien AG gehört. Einzig die Kastendetailfertigung wird weiterhin am Standort in Altenrhein weitergeführt. Das Bürohaus (Tower), welches 2007 erbaut wurde, wurde 2018 mit einem Anbau erweitert. Insgesamt wurden drei neue Montagehallen gebaut: Halle 4 (2009), Halle 6 (2012) und Halle 8 (2015).

Stadler ist seit dem 12. April 2019 an der Schweizer Börse SIX kotiert. Bis zu diesem Zeitpunkt lagen 80 % der Unternehmensanteile bei Peter Spuhler, 10 % des Konzerns waren im Besitz des Managements, und weitere 10 % gehörten der deutschen RAG-Stiftung. Im Rahmen des Börsengangs wurden rund 40 Millionen bestehende Aktien und damit 40,25 % des Aktienkapitals platziert. Vor dem Börsengang wurden alle paar Tage neue Auftragseingänge kommuniziert und eine Verdoppelung des Umsatzes auf vier Milliarden Franken angekündigt. Wie dies bei bereits ausgelasteten Produktionswerken möglich sein sollte, wurde nicht erklärt.Walter von Andrian: Gewinnwarnung bei Stadler. In: Schweizer Eisenbahn-Revue. Nr. 3/2020, S. 156.