mini|Gedenkfeier 750 Jahre Franziskaner in Berlin (1237–1987)
Die Sächsische Franziskanerprovinz (Provincia Saxonia, kurz Saxonia) war eine Ordensprovinz der Franziskaner. Sie entstand 1230 durch Teilung der Provinz Teutonia in eine rheinische und eine sächsische Provinz und bestand nach weiteren Teilungen und Gebietsverschiebungen als Sächsische Provinz vom heiligen Kreuz bis 2010, als sie sich mit den anderen deutschen Ordensprovinzen zur Deutschen Franziskanerprovinz von der hl. Elisabeth zusammenschloss. Insgesamt kam die Saxonia im Verlauf ihres Bestehens auf über 280 Niederlassungen.Bernd Schmies: Klöster der ersten Stunde mit langer Geschichte. 800 Jahre franziskanische Geschichte in Deutschland - Teil 5, abgerufen am 13. April 2021.
Geschichte Gründung und Expansion Entstehung der Strukturen Der Franziskanerorden wurde durch Franz von Assisi 1209 in Italien gegründet und 1210 von Papst Innozenz III. bestätigt. Die ersten Franziskaner kamen im Jahr 1221 dauerhaft nach Deutschland und 1222 nach Köln, das daraufhin zum Zentrum der ursprünglich einzigen deutschen Provinz Teutonia wurde. 1223 erreichten die Brüder mit Hildesheim erstmals das Territorium der späteren Provinz Saxonia.Bernd Schmies und Volker Honemann: Die Franziskanerprovinz Saxonia von den Anfängen bis 1517: Grundzüge und Entwicklungslinien. In: Volker Honemann (Hrsg.): Von den Anfängen bis zur Reformation. Paderborn 2015, S. 21–44, hier S. 26. Weil es gelang, „vor Ort“, in den aufblühenden Städten – vorzugsweise in den Bischofsstädten –, neue Ordensmitglieder zu gewinnen, waren die Sprachschwierigkeiten der aus Italien gekommenen ersten Brüder bald überwunden, und die franziskanische Bewegung entfaltete sich auch in Deutschland mit erstaunlicher Schnelligkeit. Die Provinzialminister der deutschen Provinzen waren in der Anfangszeit nur ausnahmsweise Deutsche; zu Leitern der Provinzen ernannten die Generalminister, später das Generalkapitel besonders fähige Brüder ohne Rücksicht auf deren nationale Herkunft.Dieter Berg: Die Franziskaner in Westfalen. In: Dieter Berg: Armut und Geschichte. Studien zur Geschichte der Bettelorden im Hohen und Späten Mittelalter. Butzon & Bercker, Kevelaer 2001, ISBN 3-7666-2074-6, S. 307–334, hier S. 315.
Bereits 1230 entstanden aus der Teutonia eine rheinische (Provincia Rheni) und eine sächsische Provinz (Provincia Saxonia). Eine weitere Neuumschreibung der deutschen Provinzen erbrachte 1239 die Teilung der rheinischen in die Provincia Argentina (Straßburg) und die Provincia Colonia, im selben Jahr wurden von der Saxonia die Dacia (Dänemark, Norwegen, Schweden, mit Schleswig und Holstein) und die Bohemia (Böhmen) abgetrennt. Die Saxonia erhielt dadurch den Wirkungskreis, in dem sie bis zu Reformation tätig war.Willibald Kullmann: Die Sächsische Franziskanerprovinz, ein tabellarischer Leitfaden ihrer Geschichte. Düsseldorf 1927, S. 9, 14–20.Bernd Schmies, Volker Honemann: Die Franziskanerprovinz Saxonia von den Anfängen bis 1517: Grundzüge und Entwicklungslinien. In: Volker Honemann (Hrsg.): Von den Anfängen bis zur Reformation. Paderborn 2015, S. 21–44, hier S. 29–33.
Umfang der Provinz Die Westgrenze dieser „alten“ Saxonia bildete die Weser. Im Norden schloss die Provinz Hamburg und Lübeck ein, im Süden umfasste sie Schlesien und reichte im Südwesten bis nach Eger, östlich erstreckte sie sich – unter Aussparung von Litauen – bis nach Livland (Riga).
Kustodien Im Vergleich zur Provinz Colonia ging die Expansion der Saxonia in den sehr großen, weniger urbanisierten Territorien mühsamer und langwieriger vonstatten, die Gründung von Konventen erfolgte gegenüber der Colonia um ein Jahrzehnt verzögert, mit Schwerpunkten im Ostseeraum und in Schlesien.Dieter Berg: Franziskanische Historiographie und der Wandel des franziskanischen Selbstverständnisses. In: Dieter Berg: Armut und Geschichte. Studien zur Geschichte der Bettelorden im Hohen und Späten Mittelalter (= Saxonia Franciscana Band 11). Butzon & Bercker, Kevelaer 2001, S. 127–210, hier S. 169 f. Um 1250 hatte die Saxonia etwa 44 Konvente, um 1300 etwa 93, die sich auf 12 Verwaltungsbereiche, „Kustodien“ genannt, verteilten, nämlich: Brandenburg, Bremen, Breslau, 1239 von der Saxonia abgetrennt als Provinz Bohemia (Böhmen), seit 1274 wieder in der Saxonia als KustodieDieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Chronologischer Abriß der Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinzen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Werl 1999, S. 59, 61, 63, 67. Goldberg in Niederschlesien, bis 1262 als Custodia Budensis in der Bohemia, dann in die Saxonia eingegliedert, 1266 zurückgegliedert, seit 1269 dauerhaft Teil der Saxonia, ab 1274 auf Beschluss des Generalkapitels in Lyon als Kustodie Goldberg.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Chronologischer Abriß der Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinzen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Werl 1999, S. 59, 61, 63, 67. Halberstadt, Leipzig, Lübeck, Magdeburg, Meißen, Preußen, kleinste Kustodie mit 6 Konventen: Braunsberg, Danzig, Kulm, Neuenburg, Thorn, WartenburgVgl. Urkundenbuch der alten sächsischen Franziskanerprovinzen. Stettin, Thüringen.
Nach der Gründung von Oberservantenklöstern in Dorpat, Fellin und Lemsal zwischen 1466 und 1472 bildeten diese mit dem Konvent in Riga die Kustodie Livland, die aber im 16. Jahrhundert infolge der Reformation unterging.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 189.
Entwicklung Das gesamte 14. Jahrhundert hindurch war die Provinz mit rund 100 Niederlassungen und etwa 1000 Brüdern die konventsstärkste im ganzen Franziskanerorden.Lothar Hardick: Ostwestfalen im Plangefüge der Sächsischen Franziskanerprovinz. In: Westfälische Zeitschrift. 110 (1960), S. 305–328. Lothar Hardick: Raumplanung der Saxonia vor der Säkularisation. In: Vita Seraphica. 40/41 (1959/60), S. 85–92. Bernd Schmies: Aufbau und Organisation der Sächsischen Franziskanerprovinz und ihrer Kustodie Thüringen von den Anfängen bis zur Reformation. In: Thomas T. Müller, Bernd Schmies, Christian Loefke (Hrsgg.): Für Gott und die Welt. Franziskaner in Thüringen. Text- und Katalogband zur Ausstellung in den Mühlhäuser Museen vom 29. März bis 31. Oktober 2008. Ferdinand Schöningh, Paderborn/München/Wien/Zürich 2008, ISBN 978-3-506-76514-7, S. 38–49, hier S. 41.
Von Vorteil war, dass die Franziskaner an vielen Orten von den Fürsten und Stadtoberen gefördert und zur Klostergründung ermuntert wurden. Östlich der Elbe waren die Klostergründungen ein Faktor in der deutschen Ostsiedlung und der Festigung des Christentums oder sogar der Christianisierung. Allerdings verlangsamte sich die Expansion in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und kam dann völlig zum Erliegen. Erst mit dem Eindringen der Observanzbewegung kam es etwa ab 1450 noch einmal zur Gründung von etwa 25 Klöstern. Bereits im 13. Jahrhundert entstanden Konflikte um die Provinzzugehörigkeit der Konvente im Grenzgebiet zwischen Schlesien, Polen (Piasten) und Böhmen (Přemysliden), die vor allem die Kustodien Goldberg, Breslau und teilweise auch Preußen betrafen und das ganze Mittelalter hindurch nicht wirklich gelöst werden konnten.Bernd Schmies und Volker Honemann: Die Franziskanerprovinz Saxonia von den Anfängen bis 1517: Grundzüge und Entwicklungslinien. In: Volker Honemann (Hrsg.): Von den Anfängen bis zur Reformation. Paderborn 2015, S. 21–44, hier S. 32–37.
Bereits im 13. Jahrhundert entwickelte sich im Orden ein Ausbildungssystem für den Ordensnachwuchs in Form von Hausstudien in einzelnen Konventen (studium custodiale, studium particulare), in denen durch Lektoren Kenntnisse in den Artes liberales und Grundlagen der Theologie vermittelt wurden, wie sie für die Seelsorge und die Predigt notwendig waren. Für Positionen auf der Leitungsebene der Ordensprovinzen, als Hausobere oder Lektoren, wurden bald vertiefte Kenntnisse gefordert, und in den einzelnen Provinzen wurden „Generalstudien“ (studia generalia) errichtet, in denen vier- bis fünfjährige ordensinterne Theologiestudien absolviert wurden. An mehreren Orten kooperierten diese Generalstudien mit den entstehenden Universitäten. Das Generalstudium der Saxonia in Erfurt wurde 1392 mit den Ordensstudien der Augustiner-Eremiten und Dominikaner in die theologische Fakultät der neugegründeten Universität Erfurt integriert; ordensintern bekam Erfurt den Status eines Generalstudiums des Ordens, in das begabte Brüder auch aus zahlreichen anderen Provinzen des Ordens zum Studium entsandt wurden. Für die Saxonia war Erfurt die Ausbildungsstätte der Führungskräfte; sechs der zwölf Provinzialminister bis 1517 hatten in Erfurt einen Doktorgrad erworben. Als erste Franziskaner immatrikulierten sich 1395 der Provinzialminister Johannes von Chemnitz und sein Nachfolger (ab 1396) Johannes von Minden, der ab 1400 auch als Magister regens, Leiter des franziskanischen Studienbetriebs, fungierte und einen Lehrstuhl an der Universität innehatte.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Chronologischer Abriß der Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinzen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Werl 1999, S. 133, 139.Jana Bretschneider: Predigt, Professur und Provinzleitung. Funktion und Struktur des franziskanischen Bildungswesens im mittelalterlichen Thüringen. In: Volker Honemann (Hrsg.): Von den Anfängen bis zur Reformation (= Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinz von der Gründung bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts, Bd. 1). Ferdinand Schöningh, Paderborn 2015, ISBN 978-3-506-76989-3, S. 325–339, hier S. 325–334. Ein weiteres Generalstudium der Saxonia befand sich in Rostock, das gute Beziehungen zu der 1419 gegründeten Universität Rostock unterhielt.Sandra Groß: Rostock Kloster S. Katharina (Ordo Fratrum Minorum/Franziskaner). In: Wolfgang Huschner u. a.: Mecklenburgisches Klosterbuch. Band II., Rostock 2016, S. 873–898, hier S. 875, 879.
Die Kirchenbauten der Saxonia folgten dem Idealplan der Bettelordenskirchen, wie sie der Orden bereits im 13. Jahrhundert festgelegt hatte; der Kunsthistoriker Matthias Untermann charakterisiert sie als „Kastenräume“ von provokativer Schlichtheit.Matthias Untermann: Architektur und Armutsgebot. Zur Charakteristik franziskanischer Kirchen- und Klosterbauten. In: Heinz-Dieter Heimann, Angelica Hilsebein, Bernd Schmies, Christoph Stiegemann (Hrsg.): Gelobte Armut. Armutskonzepte der franziskanischen Ordensfamilie vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Paderborn 2012, S. 335–346, bes. S. 335–338, zitiert bei Markus C. Blaich: Das Franziskanerkloster St. Martini zu Hildesheim. In: Hildesheimer Jahrbuch für Stadt und Stift Hildesheim 90 (2018), S. 9–68, hier S. 18 digitalisat.
Ein Anhaltspunkt für die Bedeutung eines Konvents für die Gesamtprovinz kann davon abgelesen werden, wie häufig an den einzelnen Orten das Provinzkapitel tagte. Spitzenreiter waren vom 13. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts die beiden Studienklöster in Magdeburg und Erfurt, wo das Kapitel jeweils dreizehn mal zu Gast war. Es folgend Bautzen (12), Leipzig (11), Halle, Breslau und Berlin jeweils zehnmal, Halberstadt und Lübeck (je acht), Braunschweig und Stendal (je sieben), Lüneburg (4), Hamburg und Bremen (je vier).Silke Logemann: Die Franziskaner im mittelalterlichen Lüneburg. (Saxonia Franciscana. Beiträge zur Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinz. Band 7) Dietrich-Coelde-Verlag, Werl 1996, S. 17 f.
Um die Mitte des 14. Jahrhunderts litt die Provinz Saxonia wie auch ihre Nachbarprovinz Colonia stark unter dem Ausbruch der Pest. Nach Schätzungen könnten zwei Drittel der Brüder