Wour (in deutschsprachiger Literatur auch Wur) ist eine Oase im Norden des Tschad in der Provinz Tibesti, etwa 140 km westlich von Bardaï. Wour hat nur wenige hundert Einwohner, gehört damit aber schon zu den größten Siedlungen der Region.

Wour in der Administration des Tschad Wour gehört zum Département Tibesti Ouest (West-Tibesti, Hauptort Zouar) und ist Sitz einer Unterpräfektur. Wour ist mit insgesamt nur 1.498 Einwohnern (Stand 2009) die einwohnerschwächste Unterpräfektur des gesamten Tschad. Eine andere Quelle bezeichnet Wour als Hauptort von einer der drei Kommunen, aus denen das Département Tibesti Ouest besteht, wobei diese Kommunen offenbar mit den drei Unterpräfekturen Zouar, Goubone und Wour identisch sind. Wour wurde außerdem 1994 Sitz einer Brigade der tschadischen nationalen Gendarmerie; abweichend vom deutschen Sprachgebrauch stellt die Brigade als Teil einer Kompanie die kleinste Gliederung der Gendarmerie dar. Aktuelle Quellen (2017/18) erwähnen Wour als Standort eines Bataillons der tschadischen Armee (ca. 250 Mann). Das im Jahr 2008 geschaffene Departement Tibesti Ouest (Muqāṭaʿâtu Tibastī l-Ġarbī) entspricht weitgehend der seit 1690 bestehenden erblichen Herrschaft (Maïna) von Zouar, zu der Wour seit jeher gehört. Der Präfekt von Zouar (seit 2014 Mahamat Seid Haggar) ist aber nicht identisch mit dem Maï von Zouar (Jomode Dobimi), vielmehr existieren moderne und traditionelle Autorität parallel.

Ortsbild und Wirtschaft Wour erstreckt sich über gut 3 Kilometer in Ost-West-Richtung im Enneri (Wadi) Wour. Laut Satellitenbildern überwiegt die traditionelle Bebauung in Form von Rundhäusern und Hütten, dazu kommen einige wenige moderne Gebäude, die offenbar staatlichen Zwecken dienen (Garnison, Gendarmerie). Der Ort ist von weitem kaum zu sehen, da die überwiegend unscheinbaren Gebäude im Trockental des Enneri Wour liegen. Die auf Dauer angelegten Gebäude meiden jedoch den Talboden, da das Enneri alle paar Jahre nach kräftigen Regelfällen für einige Stunden bis Tage Wasser führt – manchmal auch als reißender Strom – wodurch Gebäude in tiefen Lagen zerstört würden bzw. werden, so zuletzt im August 2010.

Die Schule liegt am östlichen Ortsrand, ein Krankenhaus oder asphaltierte Straßen gibt es in Wour nicht, eine äußerlich als solche erkennbare Moschee erst seit dem Jahr 2017. Im Unterschied zu anderen Oasen im Tibesti gibt es in Wour auch keinen Palmenhain von nennenswerter Größe. Dieser wurde in den 1970er Jahren im Bürgerkrieg zerstört und nicht wieder angepflanzt. Ein gewisser Bestand an Dattelpalmen ist aber vorhanden, neben einem weiteren, nicht geringen Baumbestand, insbesondere von Akazien, der aufgrund des recht hohen Grundwasserspiegels in diesem Trockental ohne künstliche Bewässerung auskommt. Die Brunnen von Wour führen sehr gutes Wasser in nur 4 Metern Tiefe. Das ist für den Tibesti und die zentrale Sahara ungewöhnlich und einer der Gründe für die relative Attraktivität des Ortes. Die wirtschaftliche Grundlage von Wour bilden eine bescheidene Landwirtschaft auf gartenartigen Parzellen, die nomadisch betriebene Viehzucht (Ziegen, Dromedare), der legale und illegale Handel sowie der öffentliche Dienst, insbesondere das Militär.

Klima und Lage, das Problem der Verminung Wour weist eine durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge von nur 18 mm auf. Infolge seiner vergleichsweise geringen Höhenlage liegt die Durchschnittstemperatur in Wour mit 23,5 °C merklich höher als in anderen Siedlungen des Tibestis.

Wour gehört zu den entlegensten Orten des Tschad. Ein Flugplatz existiert nicht, nur eine vermutlich im Jahre 1942 angelegte und seit langem kaum mehr benutzte Landepiste 23 Kilometer westlich des Ortes bei 21° 21,75' N, 15° 45,49' O. Die Route von Wour nach Nordwesten in Richtung al-Qatrun / Libyen und diejenige nach Nordosten in Richtung Bardai können normalerweise nur mit geländegängigen Fahrzeugen befahren werden. In Richtung Libyen führt die Route teilweise durch nicht geräumte Minenfelder aus dem Libysch-Tschadischen Grenzkrieg, so dass es gefährlich ist, von der Piste abzuweichen. Die Piste nach Süden ist definitiv nur für Geländefahrzeuge und entsprechend befähigte Lkw befahrbar (Stand 1999).

Als Folge des langjährigen Konflikts mit Libyen ist der Norden des Tschad noch stark vermint. Laut Landmine Monitor Report von 1999 waren dort zu diesem Zeitpunkt noch bis zu 70.000 Antipanzer- und Antipersonenminen vorhanden, davon rund 45.000 im Tibesti und allein 31.000 in der Umgebung von Wour.International Campaign to Ban Land Mines: Landmine Monitor Report 1999: Toward a Mine-free World, S. 141 Stark vermint waren zu diesem Zeitpunkt die Nähere Umgebung von Wour bis hinunter zur Flugzeuglandepiste, eine Piste von Wour nach Südwesten, ein Pistenabschnitt im Tal westlich von Wour, die Umgebung einer Wasserstelle 40 Kilometer Luftlinie nördlich von Wour (dort ereigneten sich 1999 zwei schwere Unfälle durch Minen) sowie mehrere Straßenabschnitte in der weiteren Umgebung des Ortes.Website des Sahara-Experten Klaus Därr, Bruckmühl (Stand November 2000) Die Räumung geht nur sehr langsam voran, weil der Norden des Tschad extrem arm und dünn besiedelt ist und weil speziell im Tibesti bis 2010 und teilweise bis heute weitere Konflikte und Aufstände die Räumung behindert haben und noch behindern.

mini|hochkant=1.2|Karte des Tibesti mit der Siedlung Wour im Westen

Aus der Geschichte von Wour Frühe Geschichte von Wour Vor der Kolonialzeit Wie der gesamte Tibesti so wurde auch die Region Wour im späten 11. Jahrhundert vom Fessan her islamisiert, indem der legendäre Derde Dunama („der Mächtige“ in der Sprache der Teda) zum Islam konvertierte. Die Konversion blieb jedoch oberflächlich, viele animistische Vorstellungen und Praktiken blieben bis ins 19. Jahrhundert lebendig, einige bis heute. Der österreichische Ethnologe Peter Fuchs erwähnt Konflikte um Wour um 1700: „Die Keressa … nomadisierten zuerst im Abo-Massiv, stiegen dann nach Wur ab, wo sie mit den Mogodi kämpfen. Von diesen wurden sie zunächst in das Abo zurückgedrängt, später verbündeten sich die beiden Clans und vermischten sich durch zahlreiche Heiraten miteinander.“Peter Fuchs: Die Völker der Südost-Sahara: Tibesti, Borku, Ennedi. Wien 1961, S. 117 Das Abo-Massiv liegt nordöstlich von Wour und bildet den nordwestlichen Ausläufer des Tibesti-Gebirges. Dieser Konflikt kann nicht vor dem späten 17. Jahrhundert stattgefunden haben, als die Mogodi – einige Zeit vor den Keressa – in das Gebiet von Wour eingewandert sind.Jean Schneider: Carnets du Tchad – Au Tibesti, 1995, S. 64 Dieser Konflikt fällt damit in die Zeit der Errichtung der vom Vater auf den Sohn erblichen Herrschaft („Maïna“, im Französischen übersetzt mit „principeauté“, also Fürstentum) von Zouar durch den Derde Kosso Aramimi im Jahre 1690. Wour hat von Anfang an zu dieser Maïna gehört.

Wour im 19. und 20. Jahrhundert

Gustav Nachtigal im Ennerie Wour 1869 Der deutsche Afrikaforscher Gustav Nachtigal, einer der ersten Europäer, der den Tibesti bereiste und der erste, der ihn lebend wieder verlassen konnte, passierte den Ennerie Wour am 11. Juli 1869 knapp 20 Kilometer westlich der Oase Wour. Der Ort selbst wird von Nachtigal nicht erwähnt.Gustav Nachtigal: Tibesti – Die Entdeckung der Riesenkrater und die Erstdurchquerung des Sudan 1868–1874, Edition Erdmann, Wiesbaden 2013, S. 152f.

Französische Präsenz 1913 und ab 1930 Ende 1913 eroberten französische Truppen erstmals das Tibesti-Gebirge. Der Vormarsch einer Kolonne mit mehreren hundert Soldaten unter dem Kommando von Oberst Löfler erfolgte von der Oase Bilma (im heutigen Niger), dabei wurde Wour Ende November/Anfang Dezember 1913 passiert und danach zunächst Zouar besetzt. Nach Kämpfen u. a. in der Umgebung von Wour Anfang 1914 erfolgte im Juli 1914 die Besetzung von Bardai. Die dortige kleine Garnison verließ ihren Posten im Sommer 1916 eigenmächtig. Erst 1929/30 wurde wieder eine französische Militärpräsenz im Tibesti etabliert, dabei wurden 1930 kleine Kontingente in Wour, Bardai, Aouzou und Cherda stationiert. Diese Präsenz dauerte im Prinzip bis zur Unabhängigkeit des Tschad im Jahre 1960, wobei in Wour nicht kontinuierlich eine französische Garnison bestand.

Wour im Zweiten Weltkrieg Trotz seiner extrem entlegenen Lage und seiner sehr geringen Größe war Wour im Zweiten Weltkrieg Ort sowohl französischer als auch deutscher militärischer Aktivitäten.

Französische Operationen im Frühjahr 1942 Im März 1942 führten französische Einheiten unter Generalmajor Leclerc vom Tibesti aus Erkundungen und erfolgreiche Angriffe gegen italienische Positionen im Fessan, dem Süden des heutigen Libyens, durch. Durchgeführt wurden diese Operationen von Patrouillen mit Luftunterstützung, Ausgangspunkte waren Zouar und Wour mit den dortigen Landepisten. Berichte über die Operationen von 1942 lassen den Schluss zu, dass die o. g. Landepiste westlich des Ortes damals angelegt wurde; sie soll (Stand 2018) ausgebaut werden. Zwischenzeitlich blieb sie offenbar weitgehend unbenutzt und wurde vermutlich auch verweht, auf aktuellen Satellitenbildern (2017) ist sie jedenfalls nicht auszumachen. Im Januar 1943 drang Leclerc mit 2500 Mann vom Tibesti aus bis zu den britischen Stellungen in Tripolis vor, um anschließend zusammen mit ihnen das Deutsche Afrikakorps zu bekämpfen. Bei dieser Operation, einer der ersten motorisierten Durchquerungen der Sahara überhaupt, wurden nahezu alle italienischen Stellungen im Süden Libyens genommen.

Deutsche Aufklärungsoperation in und bei Wour im Juni 1942 Nach den französischen Eroberungen im März 1942 im Fessan war dieser Vorstoß für die deutsche Seite indes nicht mehr ganz überraschend gekommen, vielmehr hatte sie versucht, die französischen Truppenbewegungen im Tschad auszukundschaften. Durchgeführt wurde diese Aufklärung ab Juni 1942 vom Sonderkommando Dora, einer wissenschaftlichen Truppe der Deutschen Auslandsabwehr. Zu diesem Zwecke flog man mit einem Lastensegler vom Typ DFS 230, der mit Reservesprit beladen war, im Schlepp in Richtung Tibesti, machte einen Zwischenstopp und ließ den DFS 230 dort. Angeflogen wurden Zouar, Bardai, Wour und als südlichster Ort Cherda, etwa 50 Kilometer südöstlich von Zouar (in damaligen deutschen Quellen Scherda, in englischen Texten meist Sherda geschrieben). Auf dem Rückflug machte man eine Zwischenlandung bei dem abgesetzten Lastensegler, tankte auf und schleppte den DFS wieder mit zum Ausgangspunkt der Operation im Süden Libyens.

Wour nach Beginn der tschadischen Unabhängigkeit 1960 und der libysche Besetzungsversuch 1973 Nach dem Abzug der Franzosen 1960 bezogen tschadische Truppen 1965 Garnisonen im Tibesti, insbesondere in Bardai und Zouar. Wenig später, 1968, begann ein Aufstand der einheimischen Tubu-Bevölkerung gegen diese als Fremdherrschaft empfundene Präsenz von Militär und Verwaltungsbeamten aus dem Süden des Landes. Sowohl Libyen als auch Frankreich intervenierten ab den späten 1960er Jahren in diesen Konflikt, Frankreich tat dies zwischen April 1969 und 1971. Im globalen Maßstab war dieser Konflikt bis zum Sieg des Tschad im Tibestikrieg gegen Libyen von 1986/87 Teil eines Stellvertreterkrieges zwischen dem pro-sowjetischen Libyen und dem politisch der NATO angehörenden Frankreich.