Die St.-Laurentius-Kirche ist die 1447 geweihte, seit 1542 evangelisch-lutherische Kirche in Dassel, einer Kleinstadt im Landkreis Northeim in Niedersachsen. Sie gehört zur Emmaus-Kirchengemeinde Dassel-Solling im Kirchenkreis Leine-Solling.
An den Innenwänden der Hallenkirche befinden sich zahlreiche protestantische Seccomalerein aus der Nachreformationszeit um 1577, darunter ein bemerkenswertes Konfessionsbild. Um 1630 mit einer konservierenden Kalkschicht übertüncht, überdauerten die zum Teil großflächigen Wandmalereien nahezu unversehrt mehr als drei Jahrhunderte. Seit ihrer Freilegung 1947 sind sie wieder in einer für Seccomalerei seltenen Farbintensität zu sehen.
Eine weitere Besonderheit der Kirche ist der deutlich ältere, ursprünglich als Wehrturm errichtete Kirchturm mit romanischen Fundament- und Sockelresten. mini|hochkant=1.5|St.-Laurentius-Kirche in Dassel mini|hochkant=1.5|Innenansicht Panorama
Geographische Lage mini|Kirchplatz Dassel und die St.-Laurentius-Kirche wurden in der Nähe alter Handelswege gegründet. Die Kirche steht im Zentrum der Altstadt direkt am Kirchplatz und am östlich benachbarten Marktplatz, im Vergleich zu den umgebenden Straßen leicht erhöht. Mit dem offenen, bis in das 19. Jahrhundert als Friedhof dienenden Kirchplatz auf der Nordseite sowie dem Vorplatz und der Kirchstraße auf der Südseite ist das zentrale Baudenkmal der Stadt angemessen freigestellt. Auf der Nordostseite schließt sich das Ratskellergebäude an, ein als Rathaus errichtetes repräsentatives Fachwerkhaus, das zeitweise das Amtsgericht Dassel beherbergte. Auf der Südwestseite schließt sich Wohnbebauung an. Der denkmalgeschützte Fachwerkkomplex von 1879 auf der Westseite des Kirchplatzes wurde 2016 abgerissen, nachdem er als baufällig eingestuft worden war.leinetal24: Mehrheit einig – Chance nutzen, 14.11.15 Auf dieser Fläche wurden 2017 im Zuge einer Rettungsgrabung bauliche Reste der Frühen Neuzeit nachgewiesen.HNA-online: Erste Ausgrabung – Archäologen finden alte Keramik am Dasseler Kirchplatz, 10.04.17
Auf dem Kirchplatz steht eine 1883 gepflanzte Lutherlinde.
Geschichte Kirchengeschichte mini|Herzog Erich I. mit seiner Frau Elisabeth von Calenberg Im ersten Teil der Corveyer Traditionen findet sich eine Zusammenstellung frühmittelalterlicher Besitzerwerbungen des Klosters Corvey, die den Zeitraum von 822 bis 875 umfasst.Corveyer Traditionen § 428 (Wigand S. 95) Hier ist eine im Suilbergau gelegene Villa Dassila erwähnt.Johannes-Fridericus Falke: Codex traditionum Corbeiensium, 1752, S. 131
Die Urpfarrei in Dassel gehörte zum Grenzbereich des Mainzer Erzbistums, das seine regionale Pfarrorganisation im 11. Jahrhundert im Petersstift Nörten zentralisierte. Graf Simon von Dassel hatte bereits 1310 als letzter seines Geschlechts sämtliche Besitzungen in Dassel an das Bistum Hildesheim verkauft, das bis Ende des Jahrhunderts die Stadtherrschaft ausübte, sie aber dann an einen in eigener Verantwortung handelnden Rat der Dasseler Bürgerschaft abgab. 1495 kam Dassel unter die Herrschaft des Fürstentums Calenberg, das sich bald in die Hildesheimer Stiftsfehde (1519–1523) verstrickte. Zum Ende der Auseinandersetzungen mit dem Fürstentum Lüneburg hatte sich das Fürstentum Calenberg-Göttingen mit Erich I. durchgesetzt. Der Herzog überließ fortan die Regentschaft über das Calenberger Land seiner Frau Elisabeth von Calenberg. Die Herzogin wandte sich, im Gegensatz zu ihrem Gemahl, nach einer Begegnung mit Martin Luther nahe Wittenberg 1535 dem lutherischen Glauben zu und setzte sich in den Folgejahren zusammen mit Anton Corvinus für die Durchführung der Reformation in ihrem Einflussgebiet ein. 1542, zwei Jahre nach dem Tod Ernsts I., trat eine von Corvinus erarbeitete neue Kirchenordnung für das Calenberger Land in Kraft.Manfred Schnepel: St. Laurentiuskirche zu Dassel. Sonderdruck aus der Reihe Zeitspuren. Eigenverlag Kirchengemeinde, Dassel 2010, S. 18–20
Nachdem der Sohn des verstorbenen Herzogs, Erich II., 1546 für volljährig erklärt worden war, versuchte er, sein Calenberger Land wieder zum Katholizismus zurückzuführen. Er scheiterte mit diesem Ansinnen jedoch am Widerstand der benachbarten lutherischen Herzogtümer und Hansestädte und seiner eigenen Untertanen. Pfingsten 1553 erklärte er daraufhin die freie Religionsausübung in seinem Land und wiederholte dies im Juli 1576 in einem schriftlichen Erlass.Johannes Letzner: Dasselische und Einbeckische Chronica, Buch 5,1. Erfurt 1596. S. 43 rechts Ein Jahr später schloss Erich II. sich endgültig seinen in europäischen Ländern kämpfenden Truppen an und kehrte bis zu seinem Tod 1584 nicht wieder in sein Herzogtum zurück.
Im März 1576 trafen sich in der Laurentiuskirche neun Prediger aus dem Calenberger Land. Sie verständigten sich über die Auslegung der Augsburger Konfession und der Schmalkaldischen Artikel. Bei diesem Treffen wurde auch die Ausschmückung des Kirchenraums mit Bekenntnisgemälden beschlossen. Bei deren Ausführung ein Jahr später erhielt Erich II. in dem Bild Weltgericht einen Platz unter der Schar der Verdammten.
Für die Bezeichnung St. Laurentius spielte offenbar, wie bei vielen anderen Kirchen gleichen Namens, die Schlacht auf dem Lechfeld am Gedenktag des Heiligen Laurentius von Rom (10. August 955) eine Rolle, bei der König Otto I. die eingedrungenen Ungarn abwehrte.
2012 wurde die Emmaus-Gemeinde gegründet.Kirchliches Amtsblatt für die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers 4/2012, S. 179ff.
Vorgängerbauten Anstelle der heutigen Kirche stand eine Vorgängerkirche, die erstmals in einem Schutzbrief des Kaisers Heinrich II. zugunsten des Hildesheimer Klosters St. Michael im Jahr 1022 als Ecclesia Daschalon (Dassel) erwähnt wurde und in ihrer Nähe eine Ansiedlung von zwölf Höfen in einer bäuerlichen Gemeinschaft, in der sich auch eine hölzerne Kapelle befunden haben dürfte.RI II Sächsisches Haus (919-1024) – RI II,4 Die dem regionalen Stil entsprechend wahrscheinlich in Fachwerkbauweise errichtete Kirche war an einen steinernen Wehrturm angebaut.Manfred Schnepel: St. Laurentiuskirche zu Dassel. Sonderdruck aus der Reihe Zeitspuren. Eigenverlag Kirchengemeinde, Dassel 2010, S. 11/12
Die hölzerne Kapelle wurde dann im ausgehenden 10. Jahrhundert durch einen massiven Bau ersetzt wurde, die Vorgängerkirche der heutigen Kirche.Manfred Schnepel: St. Laurentiuskirche zu Dassel. Sonderdruck aus der Reihe Zeitspuren. Eigenverlag Kirchengemeinde, Dassel 2010, S. 12
Am 6. Juli 1392 legte eine Feuersbrunst große Teile der Siedlung, die zu dieser Zeit bereits Stadtrechte besaß, nieder. Auch die Kirche St. Laurentius brannte aus. Lediglich der als Kirchturm genutzte Wehrturm blieb verschont.
Baugeschichte Fünf Jahre nach dem verheerenden Brand begann die Bevölkerung Dassels mit dem bescheidenen Wiederaufbau ihrer Kirche. Zunächst errichteten sie eine Art Kapelle, die sich wie der Vorgängerbau an den unversehrten Turm anlehnte. Aufgrund der Armut der Kirchengemeinde zog sich der Wiederaufbau über fünf Jahrzehnte hin und konnte schließlich nur durch die Unterstützung der Hildesheimer Bischöfe und des Stifts Corvey sowie einiger Adliger und der Klöster Amelungsborn und Fredelsloh vollendet werden. Am 12. Mai 1447 wurde die neue St.-Laurentius-Kirche durch den Weihbischof von Hildesheim geweiht.Manfred Schnepel: St. Laurentiuskirche zu Dassel. Sonderdruck aus der Reihe Zeitspuren. Eigenverlag Kirchengemeinde, Dassel 2010, S. 17
Obwohl die Stadt Dassel im folgenden Jahrhundert dreimal erneut niederbrannte (1513, 1519 und 1580), überstand der Kirchenbau diese Katastrophen nahezu unbeschadet.
Der Turm ist der älteste Steinbau der Stadt Dassel. Das genaue Jahr seiner Errichtung ist nicht nachweisbar, jedoch weisen vorhandene Reste romanischer Bausubstanz im unteren Teil des Turms auf eine Entstehung im frühen Mittelalter hin. In Berichten über die verheerenden Stadtbrände der Jahre 1247 und 1392, als die Stadt zweimal völlig niederbrannte, wird der Turm dank seiner zwei Meter dicken Umfassungswände im Sockel als weitestgehend verschont geblieben erwähnt.
Diese ursprünglich schmalere Fensteröffnung wurde erweitert, um die bronzene Hauptglocke zum Einschmelzen aus dem Turm zu schaffenManfred Schnepel: St. Laurentiuskirche zu Dassel. Sonderdruck aus der Reihe Zeitspuren. Eigenverlag Kirchengemeinde, Dassel 2010, S. 35 (siehe Abschnitt „Glocken“).
Die den Turm bekrönende Welsche Haube mit Laterne ersetzte 1753 das ursprüngliche Satteldach, wie es Johannes Letzner in seiner Dasselischen und Einbeckischen Chronica von 1596 skizziert hat.
Bei einer im Juni 1934 vorgenommenen Neuvergoldung der Kugel durch Malermeister Friedrich Malchow fand man in ihr historische Aufzeichnungen des Bürgermeisters Klügel vom 26. Oktober 1874, die Aufschluss über die damalige Einwohnerentwicklung Dassels, Kriegsteilnehmer, Großbrände, Getreidepreise und Wildbestände des Sollings gab.
1989 standen umfangreiche Sicherungsmaßnahmen am Turmschaft an. Zur Sicherung der Standfestigkeit waren der Einbau von Ringankern aus Edelstahl über fünf Etagen sowie eine Verpressung der inneren Mauerwerkshohlräume mit Trasskalkmörtel notwendig. Von Mai bis August 2001 erfolgte eine grundlegende Erneuerung des über 200 Jahre alten Turmdachstuhls, dessen statische Sicherheit durch das Eindringen von Feuchtigkeit nicht mehr gegeben war. Die nahezu unbeschädigte Turmhaube wurde im Original wieder aufgesetzt. Die Renovierungsarbeiten führte eine Arbeitsgemeinschaft aus den Firmen Bade (Bad Bevensen) und Gebrüder Bartels (Dassel) aus.
Wer eigentlich Eigentümer des Turms und damit auch zu seiner Unterhaltung und Instandsetzung verpflichtet war, wurde nach langen Diskussionen erst 1965 geklärt. Bis dahin, so die vorherrschende Meinung, gehörte der alte Wehrturm der Stadt Dassel. Auf Betreiben von Pastor Hans Brandes wurde am 16. September 1965 eine Vereinbarung getroffen, die die Übereignung des Turms an die Kirchengemeinde regeln sollte. Als Ablösung für die Unterhaltungspflicht waren 52.500 DM von der Stadt Dassel vorgesehen. Am 17. März 1966 unterzeichneten Bürgermeister und Stadtdirektor die Vereinbarung und besiegelten somit die bis dahin strittige Eigentumsfrage.
Noch vor der Eigentumsübergabe des Turms ließ die Stadt im Jahr 1962 eine Gedenkstätte für die Gefallenen der beiden Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts im unteren Teil des Turmes einrichten, Hierdurch entfiel die kleine schmale Tür, durch die man ursprünglich an dieser Stelle in das Innere des Turms gelangen konnte. Sie wurde durch einen neuen Mauerdurchbruch nach links versetzt, wobei das historische Türblatt erneut Verwendung fand. Im Zuge der 1989 durchgeführten Baumaßnahmen am Turm wurde diese Gedenkstätte wieder entfernt und der Raum bis 2008 als Abstellkammer genutzt. 2014 schließlich erhielt der Turm einen neuen Verputz aus weißem Muschelkalk.
Architektur mini|Grundriss der St.-Laurentius-Kirche mini|Nordansicht Das Gesamtbauwerk weist eine Länge von 40 Metern und eine Breite von 17 Metern auf. Sein äußeres Erscheinungsbild wird durch Strebepfeiler geprägt, zwischen denen 13 Maßwerkfenster sitzen.
Aus Sicht der Architekturgeschichte besteht der heutige Bau somit aus zwei Teilen: dem teils romanischen Turm und dem gotischen Kirchenschiff.
Kirchenschiff Die dreischiffige Hallenkirche hat einen geosteten Fünfachtel-Chor. An der Westseite des aus heimischem Buntsandstein errichtete Kirchenschiffes erhebt sich der Kirchturm, ursprünglich der Wehrturm der Stadt.