mini|250px|In Halberstadt waren die Franziskaner (mit Unterbrechung von 1814 bis 1920) von 1223 bis 2020 ansässig.
Die Deutsche Franziskanerprovinz von der heiligen Elisabeth ([Provincia] Germania) ist die Ordensprovinz des Franziskanerordens für Deutschland. Sie entstand 2010 als Zusammenschluss der vier bis dahin bestehenden Provinzen als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Schutzpatronin ist die heilige Elisabeth von Thüringen. Die Provinz hat rund 230 Mitglieder und Niederlassungen an 27 Orten in Deutschland. Das Provinzialat ist in München.Stand: März 2022; siehe Franziskaner. Magazin für franziskanische Kultur und Lebensart, Jg. 24 (2022), Heft 3 (Herbst), S. 22.Die Häuser der Franziskaner, franziskaner.net, abgerufen am 8. Juli 2026.
Geschichte
Der Franziskanerorden wurde durch Franz von Assisi 1209 in Italien gegründet und 1210 von Papst Innozenz III. bestätigt. Die ersten Mitglieder kamen bereits 1217 über die Alpen, wurden aber zurückgewiesen, weil man sie für Ketzer (Katharer) gehalten hatte. Ein zweiter Anlauf ab 1221 war erfolgreicher, da besser vorbereitet.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 19.
Die zu der Zeit expandierenden Städte waren offen für die Zuwanderung armer, aber arbeitsfähiger Menschen; Geld- und Marktwirtschaft sowie bürgerliche Autonomiebestrebungen führten zu sozialen Spannungen. In dieser Situation bot die Lebensweise der neuen, päpstlich anerkannten Wanderprediger ohne „Klaustrum“, also ohne fest umgrenzten Klosterbezirk offenbar überzeugende soziale und religiöse Lösungen. Die Minderbrüder stellten eine „vom Evangelium Jesu Christi her gelebte Alternative zur herrschenden Wirtschaft und Gesellschaft, ja zur damals herrschenden Mentalität, Kultur und Religiösität“ dar und waren deshalb erfolgreich.Johannes Schlageter: Die Anfänge der Franziskaner in Thüringen. In: Thomas T. Müller, Bernd Schmies, Christian Loefke (Hrsgg.): Für Gott und die Welt. Franziskaner in Thüringen. Paderborn u. a. 2008, S. 32–37, hier S. 33f.36.
Nach Trient, Bozen und Brixen, Augsburg, Würzburg, Regensburg, Salzburg, Mainz, Worms, Speyer und Straßburg kamen sie bereits 1222 bis nach Köln, das daraufhin zum Zentrum der ursprünglich einzigen deutschen Provinz Teutonia wurde. Binnen eines Jahrzehnts waren die Ordensleute in den wichtigsten Regionen des Reiches bis zur Ostsee präsent.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 19.Bernd Schmies: Aufbau und Organisation der Sächsischen Franziskanerprovinz und ihrer Kustodie Thüringen von den Anfängen bis zur Reformation. In: Thomas T. Müller, Bernd Schmies, Christian Loefke (Hrsgg.): Für Gott und die Welt. Franziskaner in Thüringen. Paderborn u. a. 2008, S. 38–49, hier S. 39ff.
Die franziskanische Bewegung entfaltete sich auch in Deutschland mit erstaunlicher Schnelligkeit – wenn auch nicht ohne einzelne örtliche Misserfolge. Für das Ende des 13. Jahrhunderts sind rund 200 Konvente im deutschsprachigen Raum bezeugt.franziskaner.net: Franziskaner in Deutschland, abgerufen am 22. November 2017. Bereits 1230 wurde die Teutonia in eine rheinische (Provincia Rheni) und eine sächsische Provinz (Provincia Saxonia) geteilt. Als gegenseitige Grenze galt die Weser.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 29. Eine weitere Neuumschreibung der deutschen Provinzen erbrachte nach 1239 die Teilung der rheinischen in die Provincia Argentina (Straßburg) und die Provincia Colonia, von der sächsischen Provinz wurden die Provinzen Dacia (Dänemark) und Bohemia (Böhmen) abgetrennt.Willibald Kullmann: Die Sächsische Franziskanerprovinz, ein tabellarischer Leitfaden ihrer Geschichte. Düsseldorf 1927, 9.14-20.
Entstehung der Provinz 2010 Am 1. Juli 2010 fusionierten nach mehrjähriger Vorbereitung die vier deutschen Provinzen die Bayerische Franziskanerprovinz vom heiligen Antonius von Padua (Bavaria) mit Provinzialat in München, die Kölnische Franziskanerprovinz von den Heiligen Drei Königen (Colonia) mit Provinzialat in Düsseldorf, die Sächsische Franziskanerprovinz vom heiligen Kreuz (Saxonia) mit Provinzialat in Hannover und die Thüringische Franziskanerprovinz von der heiligen Elisabeth von Thüringen (Thuringia) mit Provinzialat in Fulda
zur Deutschen Franziskanerprovinz von der heiligen Elisabeth.
Erster Provinzialminister der neuen Provinz war ab 2010 P. Norbert Plogmann, vorher seit 2001 Provinzial der Sächsischen Provinz; er starb am 26. Februar 2012. Als Nachfolger wurde der Provinzvikar P. Cornelius Bohl gewählt, P. Franz-Josef Kröger wurde Provinzvikar. Beim Provinzkapitel im Juni 2019 wurde Cornelius Bohl als Provinzialminister bestätigt; Provinzvikar wurde Markus Fuhrmann, und Franz-Josef Kröger gehörte als Provinzökonom weiterhin der Provinzleitung an.franziskaner.net: Franziskaner wählen neue Provinzleitung. Provinzialminister Cornelius im Amt bestätigt. 12. Juni 2019. Im Juni 2022 wählte das Kapitel Markus Fuhrmann zum Provinzialminister und Stefan Federbusch zum Provinzialsvikar.
Fusionsprozess Der Grund für die Fusion war der Wunsch, angesichts gesunkener Mitgliederzahlen in allen vier Provinzen Strukturen zu schaffen, um „die geringer werdenden Kräfte zu bündeln“, voneinander zu lernen und Handlungsspielräume zu gewinnen, um so „auch weiterhin angemessen auf die gesellschaftlichen Verhältnisse des 21. Jahrhunderts reagieren und die Botschaft Jesu Christi zeitgemäß in Worten und Taten verkündigen zu können“. Die Vereinigung geschah aus freiwilligem Entschluss der deutschen Provinzen. Es war „die erste freiwillige Fusion von autonomen Provinzen in der weltweiten Ordensgeschichte“, da frühere Vereinigungen immer auf Anordnung der Ordensleitung in Rom geschahen.franziskaner.de
In den 1920er-Jahren hatte es bereits einmal eine „Deutsche Lektorenvereinigung des Franziskanerordens“ gegeben, die das Ziel hatte, die höheren Studien in den beteiligten sechs Provinzen möglichst weit zu vereinheitlichen sowie das akademische Niveau zu heben und eine stärkere Identitätsfindung franziskanischer Wissenschaft zu fördern. Die Versammlung der Provinziale unterstützte diese Bestrebungen und fasste sogar eine deutschlandweite Zusammenfassung der Studien im Kloster Lebus ins Auge, die aber wegen Finanzknappheit infolge der Inflation und der Weltwirtschaftskrise nicht zustande kam.Gerhard Lindemann: Von der Novemberrevolution bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1918–1962). In: Joachim Schmiedl (Hrsg.): Vom Kulturkampf bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts. (= Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinz von der Gründung bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts, Bd. 3, hrsg. von der Sächsischen Franziskanerprovinz) Paderborn 2010, S. 289–631, hier S. 360ff. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten die Provinzen im deutschen Sprachraum die „Germanische Provinzialenkonferenz“ gegründet, die gemeinsame Fragen beriet und gemeinsame Unternehmungen vereinbarte, ohne die Eigenständigkeit der einzelnen Provinzen zu berühren; auch diente sie dazu, die Kontakte zu den anderen Zweigen der franziskanischen Familie zu fördern.Heribert Schneider: Die Franziskaner im deutschen Sprachraum. Leben und Ziele. Heinrich-Coelde-Verlag, Werl 1985, S. 14. Seit 1971 hatte ein gemeinsames Studium für den Ordensnachwuchs bestanden, die Philosophisch-Theologische Hochschule der Franziskaner und Kapuziner Münster in gemeinsamer Trägerschaft der vier Franziskanerprovinzen zusammen mit der Rheinisch-westfälischen Kapuzinerprovinz, aus der 1997 Philosophisch-Theologische Hochschule Münster in alleiniger Trägerschaft der Kapuziner hervorgegangen war. 1997 begründeten die vier Franziskanerprovinzen ein gemeinsames interprovinzielles Noviziat in St. Ludwig in Nürnberg.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 637.
2002 entschlossen sich die deutschen Franziskanerprovinzen, ihre Zusammenarbeit weiter zu intensivieren und auf eine neue Grundlage zu stellen. 2003 erarbeitete eine Kommission ein „Kooperationsstatut“, das die Provinzkapitel der vier Provinzen in der Osterwoche 2004 verabschiedeten. Als Steuerungsgremium fungierte seitdem ein „Kooperationsrat“, der die Vereinigung plante und organisierte. Ihm gehörten die Provinziale und Provinzvikare der vier Provinzen sowie als geschäftsführender Sekretär Thomas Martin Schimmel an.Thomas Martin Schimmel: Der Kooperationsrat der deutschen Franziskaner im Kooperations- und Vereinigungsprozess der vier deutschen Franziskanerprovinzen in den Jahren 2004 bis 2010. Berlin 2012, S. 51f.Maximilian Wagner: Der Vereinigungsprozess der vier deutschen (4D) Franziskanerprovinzen. In: Bayerische Franziskanerprovinz (Hrsg.): 1625–2010. Die Bayerische Franziskanerprovinz. Von ihren Anfängen bis heute. Furth 2010, S. 72–81, hier S. 72f. 2004 wurde erstmals ein gemeinsamer Schematismus aller deutschen Franziskanerprovinzen herausgegeben. Von ihren 450 Mitgliedern mit ewiger Profess war nur ein Drittel jünger als 60 Jahre.
Ein wichtiger Schritt zu einer Meinungsbildung war das erste „4D Mattenkapitel“ im Juni 2006 in Schmerlenbach unter dem Motto „Herr, was willst, dass ich tun soll?“, zu dem alle Brüder der vier Provinzen eingeladen waren. Von Schmerlenbach aus wanderte ein großes San-Damiano-Kreuz im Wochenrhythmus durch alle 52 Häuser der Provinzen. Bei einer Befragung aller Provinzangehörigen im Oktober 2006 beteiligten sich 304 von 406 Stimmberechtigten. 283 stimmten für eine Fusion, 18 dagegen, drei enthielten sich der Stimme. Eine große Mehrheit der Befragten schlug die heilige Elisabeth von Thüringen als neue Provinzpatronin vor. Die Provinzkapitel der vier Provinzen beschlossen im April 2007 gleichlautend „eine Vereinigung der vier deutschen Franziskanerprovinzen unter einer Leitungsstruktur und unter Berücksichtigung der Regionen im Jahr 2010“; von 142 stimmberechtigten Delegierten stimmten bei einer Enthaltung 134 dafür und 7 dagegen.Joachim Schmiedl: Vom Zweiten vatikanischen Konzil bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. In: Joachim Schmiedl (Hrsg.): Vom Kulturkampf bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts. Paderborn u. a. 2010, S. 787–929, hier S. 927ff.Maximilian Wagner: Der Vereinigungsprozess der vier deutschen (4D) Franziskanerprovinzen. In: Bayerische Franziskanerprovinz (Hrsg.): 1625–2010. Die Bayerische Franziskanerprovinz. Von ihren Anfängen bis heute. Furth 2010, S. 72–81, hier S. 76.