Die Geschichte der Eisenbahn in Thailand umfasst die organisatorischen und technischen Entwicklungen des Eisenbahnverkehrs auf dem Gebiet des Königreiches Thailand vom 19. Jahrhundert, damals noch Siam bis zur Gegenwart. Sie begann mit der Eröffnung der Bahnstrecke Bangkok–Samut Prakan (Paknam) am 11. April 1893. mini|300px|Denkmallokomotive vor dem Bahnhof Chachoengsao

Vorgeschichte Erste Eisenbahnprojekte, die ab den 1840er Jahren diskutiert wurden, zielten auf eine Verbindung des damals britischen Burma (heute Myanmar) mit dem chinesischen Markt, die aus Gründen des zugänglicheren Geländes über den Norden Siams geführt werden sollte, ein Projekt, das bis in die 1880er Jahre in verschiedenen Variationen betrieben, aber nie verwirklicht wurde.Whyte: Railway Atlas of Thailand, Laos and Cambodia. S. 1 f. Ein zweites, früh diskutiertes Eisenbahnprojekt war, den Isthmus von Kra, die schmalste Stelle der malaiischen Halbinsel mit einer Eisenbahn zu queren, weil sich der schon seit dem 17. Jahrhundert angedachte Kra-Kanal als technisch undurchführbar erwiesen hatte. Da die Briten aber um die Bedeutung von Singapur fürchteten, wurde auch diese Eisenbahn nicht gebaut, obwohl die siamesische Regierung 1859 zugestimmt hatte.

Der siamesische König erhielt 1856 als Geschenk von Königin Victoria eine Modelleisenbahn, die heute im Nationalmuseum Bangkok ausgestellt ist. 1871 nutzte König Chulalongkorn der Große (Rama V.), der seit 1868 regierte, erstmals selbst bei Staatsbesuchen in Java und Britisch-Indien Eisenbahnen. Die niederländische Kolonialverwaltung hatte 1864 auf Java die erste Eisenbahn Südostasiens in Betrieb genommen.Whyte: Railway Atlas of Thailand, Laos and Cambodia. S. 2.

Erste Projekte In den 1880er Jahren erteilte die siamesische Regierung verschiedenen privaten Konsortien Konzessionen für den Bau von Eisenbahnen. Diese Konsortien erwiesen sich aber in der Mehrzahl als spekulative Unternehmen, die nie auch nur zum Baubeginn für die ihnen konzessionierte Strecke kamen. Letztendlich ging die erste betriebsfähige Eisenbahn aber gleichwohl aus einer solchen privat finanzierten Initiative hervor: Am 11. April 1893 wurde die meterspurige Strecke Bangkok–Samut Prakan (Paknam) durch den König eröffnet.Whyte: Railway Atlas of Thailand, Laos and Cambodia. S. 9 f. Schon den ersten Spatenstich für die Bauarbeiten hatte er 1891 persönlich vorgenommen.Whyte: Railway Atlas of Thailand, Laos and Cambodia. S. 8.

Staatsbahn Die Aktivitäten zum Bau eines Eisenbahnnetzes wurden zunächst im Außenministerium koordiniert, da die gesamte Technologie und das Wissen, das erforderlich war, nur aus dem Ausland importiert werden konnte. 1890 wanderte die Zuständigkeit zum Ministerium der öffentlichen Arbeiten, wo sie als „Königliche Eisenbahnabteilung“ / Royal Railway Department (RRD) organisiert wurde.

Die Regierung erteilte 1888 Sir Andrew Clarke den Auftrag, Pläne für ein Eisenbahnnetz auszuarbeiten. 1890 lagen diese vor.Whyte: Railway Atlas of Thailand, Laos and Cambodia. S. 11. Im November 1888 kam der Eisenbahningenieur Karl Bethge von Krupp nach Siam und bekam von der Regierung diese Pläne zur Begutachtung vorgelegt. Übereinstimmend sprachen sich beide für den Bau einer Strecke von Bangkok über Saraburi nach Korat (heute: Nakhon Ratchasima) aus. Die siamesische Regierung berief den vorher im Deutschen Kaiserreich zum königlich-preußischen Baurat beförderten Bethge in den Staatsdienst. Er wurde 1890 auch Chef des RRD. Dies war ein außenpolitischer Schritt, um die Neutralität zwischen den benachbarten konkurrierenden Kolonialmächten Großbritannien (Indien, Burma, Malaya, Singapur) und Frankreich (Indochina) und damit die Unabhängigkeit von Siam zu bewahren.

Nordost-Bahn

1891 wurde durch Gesetz die Nakhon Ratchasima Railway Company, deren Mehrheit beim Staat lag, mit dem Ziel errichtet, eine Eisenbahn von Bangkok nach Korat (Nakhon Ratchasima) in Normalspur mit 1435 mm zu errichten. Die Arbeiten wurden – entgegen dem Rat von Bethge – an die englische Firma Murray Campbell als günstigstem Bieter vergeben. Nach zweijähriger Vorbereitung wurde durch Proklamation von König Chulalongkorn am 9. März 1892 der Bau der Nordostbahn begonnen. Die für den ersten Spatenstich verwendeten Werkzeuge, ein reich verzierter Spaten und die dazugehörige Schubkarre, sind heute ebenfalls im Nationalmuseum Bangkok ausgestellt. Die Leitung des Baues übernahm George Murray Campbell.

Karl Bethge verpflichtete weitere deutsche Ingenieure für den Bahnbau. So wird zum Beispiel 1899 in den Amtsblättern der Preußischen Staatseisenbahnen die Stelle des stellvertretenden Werkstättenleiters der „Königlich Siamesischen Staatsbahnen“ ausgeschrieben.Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Sammlung der herausgegebenen Amtsblätter vom 21. Oktober 1899. 3. Jahrgang, Nr. 45. Bekanntmachung Nr. 437, S. 332. Hermann Gehrts (1854–1914) und Luis Weiler (1836–1918), beide von den Preußischen Staatseisenbahnen. Weiler berichtete seinem Vater, der ebenfalls Eisenbahningenieur war, in zahlreichen Briefen von seiner Arbeit. Diese sind nahezu alle erhalten geblieben und befinden sich heute im Archiv des Deutschen Museums in München.

Die Eisenbahnverwaltung kündigte zum 1. September 1896 dem englischen Unternehmen den Vertrag, da es die Bauarbeiten nicht vertragsgemäß durchführte. Die Arbeiten wurden nun in eigener Regie fortgeführt. Zugleich wurde die Nakhon Ratchasima Railway Company verstaatlicht und in eine Staatsbahnverwaltung umgewandelt. Die Strecke war zu diesem Zeitpunkt 135 Kilometer lang. Im Dezember 1896 nutzte König Chulalongkorn die Gelegenheit, mit dem Zug bis zur Betriebsspitze zu fahren. An einem überhängenden Felsen bei Kilometer 136,5 schrieb er seinen Namen auf den Felsen. Der stark verwitterte Schriftzug ist heute noch zu sehen. Am 26. März 1897 wurde der erste Abschnitt von Bangkok nach Ayutthaya eröffnet. Dieses Datum gilt heute als „offizieller Geburtstag“ der Staatsbahn. Vor Eröffnung der Eisenbahn dauerte eine Fahrt zwischen Bangkok und Korat (Nakhon Ratchasima) 5 Tage – jetzt nur noch 6 Stunden.

Netzausbau Am 24. Februar 1898 fasste die Regierung den Grundsatzbeschluss, alle Hauptstrecken im Land künftig als Staatsbahnen zu errichten.Whyte: Railway Atlas of Thailand, Laos and Cambodia. S. 4. Karl Bethge starb 1900 an Cholera, sein Nachfolger, Hermann Gehrts, plante 1904 in den Ruhestand zu treten. Im Frühjahr 1904 erreichte deshalb Luis Weiler in Haifa, wo er am Bau der Hedschasbahn beschäftigt war, die Berufung zum Generaldirektor der siamesischen Bahnen. Als er seine Stelle antrat, war die Nordostbahn fertig gestellt.

Bei der Lieferung der Lokomotiven schnitten deutsche Firmen wie Henschel und Krupp besonders gut ab. 1909 fuhren insgesamt 49 Lokomotiven aus deutscher Produktion für die Staatsbahn. Waggons wurde aus Europa importiert.

Mit Abschluss der Arbeiten an der Nordostbahn begann die Planung unter Karl Bethge für den Streckenverlauf der Südbahn bis Phetchaburi. Die Bauarbeiten begannen im April 1900. Im Gegensatz zum bisher errichteten Eisenbahnnetz, östlich des Chao Phraya, das in Normalspur gebaut wurde, wählte die Staatsbahn hier die Meterspur, um einen späteren nahtlosen Übergang an die ebenfalls meterspurigen Bahnen in Burma und Malaya, beide damals britische Kolonien, zu erleichtern.Whyte: Railway Atlas of Thailand, Laos and Cambodia. S. 40. Dies fiel umso leichter, als die Südbahn zunächst keine Schienenverbindung zum übrigen Netz erhalten konnte, da eine Brücke über den Chao Phraya noch fehlte. Die Strecke ging deshalb auch nicht vom Bangkoker Hauptbahnhof Hua Lamphong aus, sondern erhielt ihren eigenen Endbahnhof in Thonburi, den Bahnhof Thonburi. Dessen Empfangsgebäude wurde im Stil des Backsteinexpressionismus von dem deutschen Architekten Karl Siegfried Döhring entworfen.

Ein weiteres Projekt war die Ostbahn. 1901 wurde die Vermessung der Strecke angeordnet. Sowohl die Süd- als auch die Ostbahn hatten aber ein außenpolitisches Konfliktpotential: Der Süden und Westen Siams gehörten zum britischen, der Osten zum französischen Interessengebiet. Die Franzosen betrachteten einen siamesischen Bahnbau, der sich auf Indochina zubewegte, ebenfalls als Bedrohung. Als kurz darauf im Norden Siams eine Revolte ausbrach, konzentrierte der Staat seine Ressourcen deshalb zunächst auf den Bau der Nordbahn.Whyte: Railway Atlas of Thailand, Laos and Cambodia. S. 34.

Nordbahn

mini|Bahnhofshalle Bangkok-Hua Lamphong Alle Anstrengungen galten deshalb dem Bau der Nordbahn, die zudem nicht im Interessengebiet der europäischen Kolonialmächte lag. Sie wurde im Endausbau 661 Kilometer lang. Da alle Strecken von Bangkok aus kilometriert wurden und sie bis Ban Bachi Junction die bestehende Nordostbahn nutzte, weist ihr Endbahnhof die Kilometrierung 751 km auf. In den ersten Tagen des Jahres 1908 wurde sie bis Phitsanulok bei Kilometer 389 fertig gestellt. Am 11. November, dem Krönungstag, konnten weitere 67 Kilometer der Nordstrecke eröffnet werden. Somit waren nun insgesamt 844 Kilometer Strecke in Betrieb.

Zu diesem Zeitpunkt befanden sich 228 Europäer im siamesischen Staatsdienst, davon 45 Deutsche und allein 35 bei der Bahn. Für Entwurf und Bau zahlreicher damals errichteter Empfangsgebäude war der deutsche Architekt Karl Siegfried Döhring verantwortlich.

Das Land bestand nach den vorangegangenen Erfahrungen auf staatlichem Bahnbau und versuchte für den Weiterbau der Südbahn in Europa einen Kredit zu erhalten. Als das Deutsche Reich dieser Idee näher trat,In einer vergleichbaren politischen Situation hatten deutsche Kredite dem Osmanischen Reich die Finanzierung der Anatolische Eisenbahn, der Bagdadbahn und der Hedschasbahn gesichert. beschleunigte Großbritannien seine Verhandlungen mit Siam. Es war bestrebt, den Süden – zumindest wirtschaftlich – zu beherrschen und hatte Angst vor deutschem Einfluss auf diese Bahnstrecke. Dies führte zu zwei Verträgen zwischen Großbritannien und Siam, beide unterzeichnet am 10. März 1909. Einer regelte staatsrechtliche Fragen, insbesondere Gebietsabtretungen im Süden an Malaya. Der zweite regelte den Bau der Südbahn. Mit diesem zweiten Vertrag sagte Großbritannien einen Kredit über 4 Mio. Pfund für das Projekt zu. Um jeden deutschen Einfluss auszuschalten, wurde dafür eine zweite siamesische Staatseisenbahnverwaltung unter dem Briten Henry Gittens gegründet (sie hieß ab 1913: „Southern RRD“Whyte: Railway Atlas of Thailand, Laos and Cambodia. S. 42.), weil die bestehende RRD den Deutschen Karl Bethge an der Spitze hatte. Letztere hieß ab 1912 „Northern RRD“.Whyte: Railway Atlas of Thailand, Laos and Cambodia. S. 41.

Im Frühjahr 1909 stellte die Regierung daraufhin den Bau der Nordbahn ein und konzentrierte die Kräfte ganz auf den Bau der Südbahn und Maßnahmen zur Verbesserung der Eisenbahninfrastruktur in Bangkok: 1910 wurde dort ein neuer Güterbahnhof eröffnet, der zugleich Umschlagbahnhof zwischen Flussschiffen und Eisenbahn war. Weiter wurde der Grundstein zum neuen Bangkoker Hauptbahnhof Hua Lamphong gelegt. Die Stahlkonstruktion der Empfangshalle stammte aus deutscher Produktion, errichtet wurde sie von einer italienischen Firma. 1916 wurde der neue Hauptbahnhof eröffnet.

Erst 1912 wurde an der Nordbahn weitergebaut. Zwischen Lampang und Chiang Mai war der 1,4 Kilometer lange Khun-Tan-Tunnel erforderlich. Dessen Erstellung leitete der deutsche Ingenieur Emil Eisenhofer. Als Eisenhofer 1962 hochbetagt starb, wurde er am Nordausgang des Khun-Tan-Tunnels beigesetzt.

Erster Weltkrieg Nach Beginn des Ersten Weltkriegs wurden viele deutsche Ingenieure zur deutschen Armee einberufen und mussten das Land verlassen. Das behinderte den Eisenbahnbau der Northern RRD erheblich. Beim Bau der Südbahn, unter technischer Leitung von Briten, wurden dagegen weiter gute Fortschritte erzielt.Whyte: Railway Atlas of Thailand, Laos and Cambodia. S. 42, 45.