In diesem Artikel werden alle bedeutenden Forschungsergebnisse zur Frage der Datierung von Shakespeares Tragödie Hamlet zusammengefasst. Auf die Frage, was eine exakte Datierung eines Stückes sei, machen Shakespeare-Forscher unterschiedliche Angaben. Die Herausgeber der Arden-Ausgabe von The Two Noble Kinsmen (Lois Potter) und Heinrich VI Teil 1 (Edward Burns) erklären, dass sie damit das Datum der ersten Aufführung meinen.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 44. Honigmann bevorzugt die Annahme der Abfassungszeit, also des Zeitpunktes, an dem die Niederschrift eines Werkes abgeschlossen ist.E. A. J. Honigmann „The Date of Hamlet“ in: Shakespeare Survey 9 (1956) 24–34. Harold Jenkins erklärte in der Einleitung seiner Arden-Ausgabe des Hamlet, dass das Entstehungsdatum die Niederschrift und die Aufführung umfasse („written and produced“).William Shakespeare: Hamlet. The Texts of 1603 and 1623.. The Arden Shakespeare. Third Series. Edited by Ann Thompson and Neil Taylor. Volume two. London 2006. In der Einleitung der aktuellen Arden-Ausgabe des Hamlet argumentieren die Autoren Thompson und Taylor, dass es für jedes Shakespeare-Drama mindestens drei relevante Daten geben muss: Niederschrift, Aufführung und Druck. Durch das Vorhandensein verschiedener Ausgaben wird die Angabe einer exakten Datierung praktisch unmöglich.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 44.

Unmittelbare Vorläufer von Shakespeares Hamlet

Die Frage, ob und wenn ja, welche unmittelbaren Vorläufer von Shakespeares Hamlet in den Jahren vor 1600 existiert haben, wird in der Fachwelt kontrovers diskutiert. Konsens besteht nur über die vorhandenen Indizien, nicht über die Bewertung dieser Hinweise. Zu den Indizien für die Existenz einer Vorläuferdichtung des Hamlet gehören Äußerungen und Werke von Shakespeares Zeitgenossen wie Thomas Nashe, Philip Henslowe, Thomas Lodge oder Robert Parry.

mini|hochkant=0.8|Thomas Kyd: Die Spanische Tragödie Der englische Dichter Thomas Nashe war vermutlich der Koautor von Shakespeares Drama Heinrich VI.Gary Taylor: Shakespeare and Others: The Authorship of Henry the Sixth, Part One (= Medieval and Renaissance Drama, 7). 1995, S. 145–205. und Ben Jonsons The Isle of Dogs. Möglicherweise arbeitete er zusammen mit Marlowe an dessen Stück Dido, Queen of Carthage. Er schrieb im Jahre 1589 das Vorwort zu Robert Greene’s Theaterstück Menaphon.Nashe. Bd. 3, S. 315.

Darin sagt er:

Auf diese Bemerkung von Nashe hat zuerst Edmond Malone hingewiesenEdmund Malone: The Plays and Poems of William Shakespeare. Oxford 1790. und damit die Überlegung verknüpft, dies sei ein Hinweis auf eine Hamlet-Aufführung in diesen Jahren.

Philip Henslowe war ein bekannter Impresario und Theaterdirektor des elisabethanischen Zeitalters. In seinen Tagebüchern machte er detaillierte Notizen über zahlreiche Aufführungen.Reginald A. Foakes: Henslowes Diary. 2nd Edn. Cambridge 2002. Im Jahr 1594 berichtet er über eine Aufführung eines Stückes mit dem Titel Hamlet im Theater von Newington Butts. Das Newington Butts Theatre gilt als eines der ältesten in England.William Ingram: „The business of playing: the beginnings of the adult professional theater in Elizabethan London.“ Cornell University Press, 1992, ISBN 978-0-8014-2671-1. Wichtig in diesem Zusammenhang ist der Umstand, dass Henslowe ebenso wie Nashe keinen Autor angibt.

Ähnliches berichtet der Dichter Thomas Lodge. Nach seinen Angaben fand 1596 im The Theatre in Shoreditch die Aufführung eines Stückes statt, in dem „a ghost cried so miserably at the Theatre, like an oysterwife, Hamlet revenge.“Thomas Lodge. Wits Miserie and the World’s Madnesse. 1596. Dieser Hinweis ist insofern bedeutsam, als bekannt ist, dass die Lord Chamberlain’s Men unter der Leitung von Shakespeare bis zum Ende 1596 am „Theatre“ Aufführungen gab. Allerdings hat Lodge weder Autor noch Titel des Stückes angegeben, was den Wert seiner Angabe einschränkt. Nashe erwähnt in einem Kommentar zu diesem Stück mehrfach Thomas Kyd. Dieser Hinweis ist einer der Gründe für die Annahme, Kyd habe den sogenannten „Ur-Hamlet“ verfasst. Weitere Gründe sind natürlich die bekannten Ähnlichkeiten zwischen Hamlet und Kyds Die Spanische Tragödie, deren spätere Ergänzungen in der erweiterten, erstmals 1602 im Druck erschienenen vierten Version nach Ansicht verschiedener Forscher teilweise von Shakespeare zwischen 1596 und 1598 selber verfasst worden wurden.Vgl. Günter Jürgensmeier (Hrsg.): Shakespeare und seine Welt. Galiani, Berlin 2016, ISBN 978-3-86971-118-8, S. 428 und 445 sowie die dort als Quelle abgedruckte deutsche Übersetzung der Fassung der Spanischen Tragödie Kyds von 1602 mit den späteren Zusätzen, ebenda S. 445–480.

Der amerikanische Literaturwissenschaftler G. Blakemore Evans hat in einer Untersuchung des höfischen Romans Moderatus des walisischen Dichters Robert Parry auf den Umstand hingewiesen, dass ein für den Hamlet eigentümliches Motiv darin vorkommt, nämlich das Öffnen, Fälschen und Wiederversiegeln eines königlichen Schreibens.G. Blakemore Evans: „An Echo of the Ur-Hamlet?“. In: Notes & Queries 246 (2001) S. 266. Evans interpretiert dies als einen Beleg für die Existenz des sogenannten Ur-Hamlet. Er folgt damit zahlreichen Shakespeare-Forschern, die diese These ebenfalls untersucht haben.C. M. Lewis: The Genesis of Hamlet. New York 1907. S. 64–76.Henry David Gray: Reconstruction of a lost play. In: Philological Quarterly vol. 7 no. 3. 1928, S. 254–274.Hamlet Parrott-Craig. S. 7–15.Fredson Bowers: „Elizabethan Revenage Tragedy 1587–1642“ Princeton NJ 1940. S. 89–93.V. K. Whitacker: Shakespeare’s Use of Learning. San Marino Cal. 1953. S. 329–346.Geoffry Bullough: Narrative and Dramatic Sources of Shakespeare. 8 Vols. London/York 1957–1975. Vol. 7. S. 45, 49 und 51.

„Der bestrafte Brudermord“

Am 24. Juni 1624 hat eine Truppe englischer Schauspieler an einem Theater in Dresden ein Stück aufgeführt mit dem Titel: Tragoedia von Hamlet einen Printzen in Dennemarck.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 45. Bei diesem Theaterstück handelt es sich vermutlich um „Der bestrafte Brudermord oder Prinz Hamlet aus Dännemarck“. Der Prosatext wurde nach einem zunächst verlorenen Manuskript vom Oktober 1710 schließlich 1781 veröffentlicht.Heinrich August Ottokar Reichard Berlin 1781 Olla Potrida, pt. 2, S. 18–68. Bei dem Stück handelt es sich um eine komprimierte Version des Hamlet. Welcher überlieferten Hamlet-Version dieser Prosatext am nächsten steht, ist nach der Überzeugung zeitgenössischer Autoren wie Jenkins nicht zu entscheiden, allerdings waren Gelehrte im 19. Jh. der Meinung, dass Fratricide Punished, wie das Stück im Englischen genannt wird, sein Vorbild im „Ur-Hamlet“ habe.Horace Howard Furness: „New Variorum Shakespeare“. 2 Vol. Philadelphia 1877. William Bernhardy: „Shakespeares Hamlet. Ein literar-historisch kritischer Versuch“. In: Hamburger literarisch kritische Blätter. 49 1857 S. 103. Hamlet. Ed. WG Clark, J Glover, WA Wright. Cambridge Shakespeare. (1863-6) Vol. 8 1866. Albert Cohn: „Shakespeare in Germany in the Sixteenth and Seventeenth Century“. 1865.

Stilanalysen und die Datierungsfrage

Die Textanalysen von Wells und Taylor gelten in der Fachwelt als Maßstabgebend für die Shakespeareforschung.Diether Mehl: Shakespeare reference books. in: Margareta de Grazia und Stanley Wells (Hrsg.): The Cambridge Companion to Shakespeare. 2001 S. 302. Sie sind der Ansicht, dass die Hamlet-Versionen der Jahre 1604–05 aus stilistischer Sicht nicht in der Zeit vor 1590 entstanden sein können.Wells Stanley Wells and Gary Taylor: William Shakespeare: A Textual Companion. Oxford 1987. S. 138 Thompson und Taylor vermuten trotzdem, dass eine frühe Version von Shakespeares Hamlet Lodge und Nashe um das Jahr 1596 bekannt waren oder möglicherweise schon vor dem Jahr 1589 existiert haben.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 46. Als Grund geben sie an, dass das zentrale Hamlet-Motiv des Rachebegehrens des Geistes („Hamlet, revenge“) in allen drei Versionen Q1, Q2 und F1 vorkommt und genauso für das unbekannte Stück aus dem Jahr 1596 bezeugt ist.

Externe Zeugnisse

Es gibt vier externe Referenzen, die in der Shakespeare-Forschung zur Frage der Datierung diskutiert wurden und in der neuen Arden-Ausgabe von Thompson und Taylor in Bezug auf ihre Aussagekraft kritisch gewürdigt werden.

Viele Gelehrte glauben aufgrund externer Referenzen, dass Hamlet nicht vor dem Jahr 1598 existiert haben kann.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 47. Der Grund ist eine Liste der Stücke von Shakespeare, die den Hamlet nicht enthält. Sie wurde 1598 von Francis Meres angelegt.Francis Meres: Palladis Tamia: Wits Treasury.Chambers. S. 193f.

Für eine Existenz des Hamlet ab dem Jahr 1598 spricht das Vorhandensein kurioser Marginalien. In diesem Jahr erwarb der englische Gelehrte und Schriftsteller Gabriel Harvey ein Exemplar der von Thomas Speght herausgegebenen Werke Chaucers. Harvey hat handschriftliche Notizen in seinen Büchern gemacht, in denen er Hamlet erwähnt, Shakespeare, Edmund Spenser und Thomas Watson „florishing metricians“ nennt, eine Formulierung, die impliziert, dass die Personen schriftstellerisch tätig sind, obwohl Watson schon 1592 gestorben ist. Er erwähnt Empfehlungen des Earl of Essex (der 1601 starb) und die Epigramme von John Owen, die erst 1607 erschienen. Manche Gelehrte errechnen aus den widersprüchlichen Angaben ein Abfassungsdatum für die HamleterwähnungVirginia F. Stern: Gabriel Harvey: His Life, Marginalia and Library. Oxford 1980. S. 127f. andere bestreiten jeden Wert der Marginalien für die Datierungsfrage des Hamlet.Hamlet, Prince of Denmark. Ed. Philip Edwards. New Cambridge Shakespeare. Cambridge 1985, 2003. S. 5.

Aussagekräftiger ist der Eintrag von James Roberts im Stationers’ Register vom 26. Juli 1602.Arber Vol. 3. S. 212. Der Eintrag lautet: „A booke called the Revenge of Hamlett Prince of Denmark as yt was latelie Acted by the Lord Chamberleyne his servantes.“Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 49. In dieser Notiz ist weder der Autor genannt, noch stimmt sie mit den Titeln der folgenden Shakespeare-Ausgaben überein.

Die letzte relevante externe Referenz stammt (vermutlich) von dem Dichter Antony Scoloker. Der neuseeländische Literaturwissenschaftler Andrew Gurr hat darauf hingewiesen, dass das Gedicht „Daiphantus“ und ein Anhang zu dem Gedicht von Scoloker Hinweise auf Shakespeare und den Hamlet enthalten. In Anhang heißt es, das Gedicht sei kürzlich verbrannt worden und enthält eine sinngemäße Widmung an die Leser des Hamlet. Gurr vermutet, dass sich dies auf eine Bücherverbrennung vom 1. Juni 1599, dem sogenannten Bishops Ban bezieht.Andrew Gurr: Hamlet and the auto da fe. Around the Globe 13, 2000. S. 14f.

Werkimmanente Referenzen

Es gibt vier Hinweise im Hamlet selbst, die Vermutungen zur Abfassungszeit erlauben.