Der Kampf um Mariupol 2014 fand zwischen Sicherheitskräften der Ukraine und den Volksmiliz genannten prorussischen Kräften in der Stadt Mariupol am Asowschen Meer statt. Die militärischen Zusammenstöße in der Stadt ereigneten sich im Zeitraum vom 9. Mai bis einschließlich zum 13. Juni 2014 und endeten mit der Kontrolle der Stadt durch die ukrainischen Sicherheitskräfte.

Vorgeschichte Mariupol war eines der größten Industriezentren der Ukraine, mit zwei großen Stahlwerken, Iljitsch und Asow-Stahl, direkt im Stadtgebiet. Der Lebensunterhalt von etwa einem Drittel der Einwohner hing von den beiden Werken ab. Wie auch in anderen Städten im Donbass kam es in Mariupol im Laufe des März und April 2014 zu Demonstrationen gegen den Euromaidan und die neue Übergangsregierung unter Arsenij Jazenjuk (siehe auch: Anti-Maidan). Bürgermeister Jurij Chotlubej wandte sich am 1. März an die Teilnehmer einer Kundgebung und erklärte, dass er keinen Einfluss auf die Regierung in Kiew habe, da diese die Sicherheitskräfte kontrolliere. Der einzige Weg, Kiew zu zwingen, Zugeständnisse zu machen, bedeutete seiner Ansicht nach, „zu den Waffen zu greifen und so zu handeln, wie man es auf der Krim getan hat“. Er räumte jedoch ein: „Wir haben weder Waffen noch Rückendeckung.“

Ende März rief sich der Separatistenführer Dmytro Kusmenko zum „Volksbürgermeister“ von Mariupol aus und wurde Anfang April verhaftet. Am 13. April besetzten prorussische Aktivisten das Gebäude des Stadtrats, entfernten ukrainische Flaggen und verbarrikadierten den Eingang des Gebäudes mit Sandsäcken, Reifen und Stacheldraht. Bürgermeister Chotlubej erklärte in den Abendnachrichten des lokalen Fernsehsenders, dass der Donbass Teil der Ukraine bleiben solle: „Wenn sie von einem föderalen System für die Ukraine sprechen, warum haben sie dann die ukrainische Flagge entfernt? […] Aber wir setzen uns dafür ein, Teil der Ukraine zu bleiben, für Frieden und Stabilität.“

In der Nacht vom 16. auf den 17. April versuchte eine Gruppe von Separatisten einen Militärstützpunkt der Nationalgarde unweit des Stadtzentrums einzunehmen. Zuvor hatte Igor Chakimsjanow den Kommandeur des Stützpunkts aufgefordert, sich der „Volksrepublik Donezk“ (DNR) unterzuordnen. Chakimsjanow hatte an der Besetzung von Regierungsgebäuden in Donezk am 7. April teilgenommen und war erster Verteidigungsminister der neu ausgerufenen DNR. Seine Gruppe aus Donezk stellte den Separatisten aus Mariupol Waffen zur Verfügung und sollte diese ausbilden. Nachdem die Separatisten vor dem Stadtrat erklärten, dass Mitglieder des rechtsgerichteten Prawyj Sektors in der Einheit der Nationalgarde angekommen seien, marschierte eine Gruppe von 300 Separatisten zum Stützpunkt. Bei dem Angriff wurden zwei Separatisten durch Schusswaffen getötet und 13 verletzt. Es ist unklar, ob das Feuer von den Separatisten oder der Nationalgarde eröffnet wurde.

Nach diesem Vorfall wurde militärische Ausrüstung aus Sicherheitsgründen weitgehend aus Mariupol abgezogen. Die Ausnahme war das Polizeigebäude, das Hauptquartier der Sicherheitskräfte des Innenministeriums. Am 1. Mai wurde ein neuer Polizeichef aus Kiew für Mariupol ernannt und am 8. Mai wurde das Gebäude des Stadtrats von Spezialeinheiten der Polizei geräumt. Zusätzlich zu den Einheiten der Nationalgarde wurden mehrere Dutzend bewaffnete Männer in schwarzen Uniformen eingesetzt. Dies war der erste öffentliche Auftritt des Freiwilligenregiments Dnipro. Eine den Sicherheitskräften feindlich gesinnte Menschenmenge versammelte sich auf dem Platz und nach fünf Stunden zogen die Polizeikräfte wieder ab. Das Gebäude blieb damit in der Hand der prorussischen Aktivisten.

Kämpfe im Stadtgebiet Am 9. Mai waren viele Bürger Mariupols auf der Straße, um den Tag des Sieges zum Gedenken an die Opfer der Roten Armee im „Großen Vaterländischen Krieg“ zu feiern. Die DNR hielt dabei eine Kundgebung mit Denis Puschilin als Redner ab. Ebenfalls anwesend war Alexander Saldostanow, Gründer und Präsident des russischen Motorrad- und Rockerclubs „Nachtwölfe“. Eine pro-russische Miliz unter dem Kommando von Oleg Nedawni nutzte die Feierlichkeiten für einen Angriff auf das Polizeipräsidium, deren Beamte sich zu diesem Zeitpunkt überwiegend im Außeneinsatz befanden. Die Mitglieder der Miliz hatten zuvor eine militärische Ausbildung und Waffen beim Wostok Bataillon in Donezk und einem Bericht zufolge im Stützpunkt des russischen Militärs in Taganrog erhalten. Nach Angaben des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU) koordinierte Nedawni seine Aktivitäten mit russischen Geheimdiensten und hatte zuvor Igor Girkin in Slowjansk getroffen. Die bekannten Mitglieder der Miliz waren jedoch alle Einheimische.

An diesem Tag kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Separatisten und ukrainischen Sicherheitskräften. Der genaue Hergang der Ereignisse bleibt dabei zwischen beiden Parteien umstritten. Nach Angaben der ukrainischen Regierung griffen etwa 30 pro-russische Aktivisten das Polizeipräsidium an, um in den Besitz der dort gelagerten Waffen zu kommen. Eintreffende Verstärkungen der ukrainischen Nationalgarde, des 72. Bataillon der ukrainischen Streitkräfte und der Brigade Asow, die vier Tage zuvor gegründet wurde, gerieten sogleich unter Beschuss. Im weiteren Verlauf kam es im Stadtzentrum zu heftigen Kämpfen. Nach der Darstellung der Separatisten griffen ukrainische Truppen die örtliche Polizeistation an, weil diese sich geweigert habe, die Demonstration aufzulösen und gegen eine Gruppe pro-russischer Demonstranten, von denen einige bewaffnet waren, vorzugehen. Innenminister Arsen Awakow erklärte am selben Tag, dass bei den Kämpfen etwa 20 „Terroristen“ und ein Mitglied der Sicherheitskräfte getötet worden seien. Bis zum 15. Mai konnten 13 Tote, darunter sechs Angehörige der Sicherheitskräfte, namentlich identifiziert werden.

Nach den Operationen bildete sich eine Art Bürgerwehr der Stahlarbeiter des Oligarchen Rinat Achmetow, um wieder Ruhe und Ordnung in der Stadt herzustellen, wobei ein Teil der prorussischen Milizionäre bereits vertrieben werden konnte.Stahlarbeiter gegen Separatisten - Die Putztruppe des Oligarchen, SPON, 16. Mai 2014

Am 25. Mai wurde gemeldet, dass der prorussische Befehlshaber Denis Kuzmenko von einer Spezialeinheit der ukrainischen Polizei festgenommen wurde; einer von Kuzmenkos Leibwächtern soll getötet worden sein.

Am Morgen des 13. Juni 2014 griff die Nationalgarde, unterstützt vom Regiment Asow, das von Andrij Bilezkyj angeführt wurde, die besetzten Gebäude der Stadtverwaltung und das Theater an. Dabei wurden 5 prorussische Bewaffnete und 2 ukrainische Soldaten getötet. Am selben Tag wurden laut ukrainischen Angaben die restlichen Milizenkämpfer, die sich anscheinend unter dem Kommando eines Tschetschenen befunden hatten, aus der Stadt vertrieben., BBC, 13. Juni 2014, Aljazeera, 13. Juni 2014 Infolgedessen übernahmen die ukrainischen Einheiten wieder die vollständige Kontrolle über das Stadtgebiet von Mariupol und der unmittelbaren Umgebung.

Bei den Kämpfen wurde eine unklare Anzahl von Zivilisten verletzt und getötet.

Weitere Angriffe über die russische Grenze

Am 24. August 2014 meldeten ukrainische Stellen, dass ihre Truppen in Nowoasowsk am Schwarzen Meer, an der Grenze zur Russischen Föderation, unter Artilleriefeuer lägen. Kampfpanzer und gepanzerte Fahrzeuge Russlands, unterstützt von Aufständischen, hätten die ukrainischen Truppen zum Rückzug gezwungen. Die Zivilbevölkerung wurde von den Invasoren an der Flucht gehindert. Beobachter gaben sich überzeugt, dass die Fahrzeuge nur vom Territorium der Russischen Föderation in die Ukraine vorgedrungen sein könnten und dass die Stadt von den bekannten Rebellenstellungen in der Ukraine aus nicht mit den üblichen Artilleriesystemen beschossen werden könnte.Annie Gowen und Karoun Demirjian: Ukraine accuses Russia of stepping up military activity in Crimea Wp vom 27. August 2014, gesichtet am 27. August 2014

Die russischen oder prorussischen Kräfte rückten in der Folge bis über Schyrokyne hinaus auf Mariupol vor. Die Milizenführer äußerten auch noch nach dem Waffenstillstand vom 5. September die Absicht, Mariupol einzunehmen. Bis im April 2015 konnten die ukrainischen Truppen, nachdem in Mariupol am 25. Januar 30 Zivilisten bei einem Angriff der feindlichen Kräfte getötet worden waren, die Front wieder nach Schyrokyne zurückdrängen. Im Frühjahr 2018 wurden mutmaßlich Verantwortliche für den Feuerüberfall auf Mariupol vom 25. Januar durch das Investigativnetzwerk Bellingcat benannt.Bellingcat: Das russische Militär war 2015 in das Bombardement von Mariupol verwickelt, Nowaja Gaseta, 7. Mai 2018

Die OSZE versuchte im April 2015 diese Front, die auch unter dem zweiten Waffenstillstand von Minsk nie zur Ruhe gekommen und von der ein Abzug der schweren Waffen nie begonnen worden war, durch eine Tag-und-Nacht-Überwachung zu beruhigen.Prorussische Armee bekennt sich – Großoffensive auf Mariupol hat begonnen, n-tv, 25. Januar 2015; abgerufen am 25. Januar 2015Interview mit OSZE-Vizechef – „Wir haben russische Soldaten gesehen“, n-tv, 11. April 2015Der Schuss zuviel, die Zeit, 16. April 2015

Russische Beobachter vermuteten umgehend, dass der Angriff auf Mariupol ein Versuch Russlands sein könnte, eine Landverbindung zur Krim herzustellen und somit für eine bessere Versorgung der Krim etwa mit russischen Lebensmitteln zu sorgen.Putins Kalkulationen, 25. Januar 2015

Siehe auch Belagerung von Mariupol 2022

Weblinks

Einzelnachweise

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