mini|290px|Platons Definition des Begriffs „Angelfischerei“Platon, Sophistes 218e–221b.

Die Dihairesis (, hier für „Begriffseinteilung“) ist eine in der antiken Logik verwendete Form und Methode der Klassifikation, die es möglich macht, Begriffe in einem System zu ordnen und Begriffe zu definieren. Ein einfaches Beispiel für eine Dihairesis wäre die Unterteilung des Begriffs „Möbel“ in die Unterbegriffe „Tische“, „Sessel“ usw.

Bei Platon ist die Dihairesis eine logische Methode, mit der ein Begriff bestimmt werden kann, indem ein allgemeinerer Begriff solange in (mindestens zwei) Unterbegriffe unterteilt wird, bis man eine Definition des gesuchten Begriffs angeben kann. Außer der Definition eines Begriffs hat sie auch eine hierarchisch geordnete Gliederung von Ober- und Unterbegriffen zum Resultat.

Begründer der Dihairesis war Platon, der im 4. Jahrhundert v. Chr. auch als erster eine Anleitung für die Durchführung einer Dihairesis gegeben hat. Auch spätere antike Logiker (etwa Aristoteles) haben sich zur dihairetischen Begriffseinteilung geäußert, darüber hinaus wurden auch in anderen Wissenschaften bald ähnliche Methoden angewendet, etwa in der antiken Biologie zur Einteilung der Pflanzen. Heute spielen andere Klassifikationsmethoden eine wichtige Rolle in den verschiedenen Wissenschaften. Die Dihairesis hat nur noch historische Bedeutung. Ihre Behandlung beschränkt sich heute auf die philosophiegeschichtliche Fachliteratur.

Übersetzung Das griechische Wort kann mit „Trennung“, „Unterscheidung“ oder „Einteilung“ übersetzt werden. Es ist eine Substantivierung des Verbs dihairéin („auseinandernehmen, trennen, (zwei-)teilen, unterscheiden“), welches sich aus hairéin („nehmen“) und der Vorsilbe diá- („auseinander-“) zusammensetzt. Die Römer haben das griechische Wort mit übersetzt. Die englische Übersetzung ist .

Beispiel Ausgangspunkt der Methode der Dihairesis ist die Frage nach der Definition eines beliebigen Begriffs, etwa: Was ist ein Angelfischer?Dieses Beispiel stammt aus Platons Dialog Sophistes: Platon, Sophistes 218e–221b. Um die Definition des Angelfischers zu finden, stellt man zunächst einen Oberbegriff auf: Der Angelfischer übt eine Kunstfertigkeit aus. Anschließend wird der Oberbegriff in Arten geteilt: Es gibt erwerbende und herstellende Kunstfertigkeiten. Dann wird der gesuchte Begriff einer der zwei Arten des Oberbegriffs untergeordnet: Der Angelfischer übt eine erwerbende Kunstfertigkeit aus. Nun wird die Art selbst so lange in ihre Unterarten weiter unterteilt, bis die unterste, nicht mehr teilbare Art (das atomon eidos) erreicht ist. Aus den zwei untersten Arten (Harpunenfischerei und Angelfischerei) und ihrem Oberbegriff (verwundende Fischerei) kann nun die genaue Definition des gesuchten Begriffs gebildet werden: Die Angelfischerei ist die Kunstfertigkeit einer verwundenden Jagd auf Fische mit einem Haken, bei Tage, zum Zweck des Erwerbs.

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Entstehung der Methode Unbekannt ist, ob bereits vor Platon bewusst Begriffseinteilungen aufgestellt wurden. So reichen die unterschiedlichen Vermutungen über mögliche Vorläufer bis zu Homer (8. Jahrhundert v. Chr.) zurück. Plausibler ist jedoch, dass Platon die Methode der Dihairesis aus der antiken Wissenschaft übernommen hat. So wurde behauptet, die Dihairesis habe in der Mathematik schon vor Platons Zeiten eine Rolle gespielt,Hans Leisegang: Denkformen, Walter de Gruyter, Berlin 1951, S. 220. andere Annahmen sehen die ursprüngliche Anwendung in der MusikwissenschaftHermann Koller: Die dihäretische Methode. In: Glotta Bd. 39, 1961, S. 6–21, hier: S. 23. oder der Medizin.Hans Herter: Platons Naturkunde. In: Rheinisches Museum für Philologie Bd. 121, 1978, S. 103–131, hier: S. 116 (online, PDF; 6,6 MB). Auch Vorläufer innerhalb der Philosophie wurden in Betracht gezogen, nämlich Prodikos von Keos,Michael Schramm: Dihairesis. In: Christian Schäfer (Hrsg.): Platon-Lexikon. Begriffswörterbuch zu Platon und der platonischen Tradition. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, S. 92–95, hier: S. 92; John Lloyd Ackrill: In Defense of Platonic Division. In: John L. Ackrill: Essays on Plato and Aristotle, Clarendon Press, Oxford 1997, S. 3–109, hier: S. 105. die SophistenArtur von Fragstein: Die Diairesis bei Aristoteles, Hakkert, Amsterdam 1967, S. 80. sowie Demokrit und Leukipp.Julius Stenzel: Studien zur Entwicklung der platonischen Dialektik von Sokrates zu Aristoteles, 2. Auflage, Leipzig 1931, Nachdruck: Teubner, Stuttgart 1961, S. 112. Einer ganz anderen Hypothese zufolge schreibt sich Platon die Findung der Einteilung selbst zu,Platon, Sophistes 267; siehe dazu Margot Fleischer: Hermeneutische Anthropologie. Platon, Aristoteles, de Gruyter, Berlin 1976, S. 143. was bedeuten würde, dass es keine Vorläufer gibt.Richard Robinson: Plato’s Earlier Dialectic, Oxford University Press, Oxford 1953, S. 89. Und schließlich wurde auch an eine simple Übernahme einfacher und alltäglicher Einteilungen in die Logik gedacht.Hans Herter: Platons Naturkunde (PDF; 6,6 MB). In: Rheinisches Museum für Philologie Bd. 121, 1978, S. 103–131, hier: S. 111.

Philosophiehistorisch betrachtet ist Platons Dihairesis mit ihrem geordneten System von Begriffen vermutlich eine Reaktion auf die willkürliche, oft mutwillig in die Irre führende Begriffsakrobatik der Sophisten, deren Auffassungen und Methoden von Sokrates und Platon kritisiert und bekämpft wurden.Kurt Walter Zeidler: Grundriß der transzendentalen Logik, Junghans, Cuxhaven 1992, S. 127.

Bedeutung der Dihairesis in Platons Philosophie Die Theorie der Dihairesis sowie Anwendungen findet man vor allem in den platonischen Dialogen Sophistes, Politikos, Philebos und Phaidros, weitere Anwendungen unter anderem in den Dialogen NomoiSo etwa das dihairetisch gewonnene Stemma der Bewegungstypen; siehe dazu Christian Pietsch: Die Dihairesis der Bewegung in Platon, Nomoi X 893b1–894c9. In: Rheinisches Museum für Philologie 146, 2003, S. 303–327. und Timaios.

Die drei platonischen Methoden Man kann mit Richard Robinson innerhalb der platonischen Dialektik drei wesentliche Methoden unterscheiden, die zu Erkenntnis führen. Erstens die nach Sokrates benannte Methode der sokratischen Widerlegung in den frühen Dialogen, die zur Einsicht in das eigene Nichtwissen führt. Zweitens die Methode der hypothesis in den mittleren Dialogen, die aufgestellte Hypothesen prüft und drittens die Methode der Dihairesis in den späten Dialogen.Richard Robinson: Plato’s Earlier Dialectic, Oxford University Press, Oxford 1953, S. 65. In den frühen Dialogen, in denen Sokrates der Hauptakteur ist, wird meistens die Definition eines Begriffs gesucht, mit der das Wesen des Bezeichneten eindeutig und vollständig erfasst werden soll (beispielsweise Was ist das Fromme?). Die Methode der Dihairesis ist in den späten Dialogen ein Mittel, ähnliche Definitionsfragen zu beantworten. Mit ihr gelangt man von der Frage Was ist die Angelfischerei? zur Definition Die Angelfischerei ist die Kunstfertigkeit einer verwundenden Jagd auf Fische mit einem Haken bei Tage zum Zweck des Erwerbs.Julius Stenzel: Studien zur Entwicklung der platonischen Dialektik von Sokrates zu Aristoteles, 2. Auflage, Leipzig 1931, Nachdruck: Teubner, Stuttgart 1961, S. 42 f., 53.

Interpretationen Einige neuzeitliche Philosophen (vor allem Julius Stenzel) behaupten, Platon beginne sich mit der Einführung der Methode der Dihairesis von einigen Aspekten seiner früheren Ideenlehre zu distanzieren und diese Lehre einem neuen Erkenntnisstand anzupassen.Julius Stenzel: Studien zur Entwicklung der platonischen Dialektik von Sokrates zu Aristoteles, 2. Auflage, Leipzig 1931, Nachdruck: Teubner, Stuttgart 1961, S. 25–44; siehe auch Friedrich Kümmel: Platon und Hegel zur ontologischen Begründung des Zirkels in der Erkenntnis (PDF; 228 kB), Max Niemeyer, Tübingen 1968, Auszug: Erster Teil. Die platonische Dihairesis und ihre ontologischen Voraussetzungen. Zweites Kapitel: Die Dialektik als Teilung und Verknüpfung der Begriffe, S. 74–101 (abgerufen am 2. Januar 2011). Zum Beispiel seien in einer sehr frühen Phase der Entwicklung der Ideenlehre Begriffe (meist ethischer Art) miteinander gleichgesetzt worden (z. B. Das Schöne ist das Gute). Die mangelnde Differenzierung bei solchen Aussagen habe Platon veranlasst, die Subsumtion mittels der Dihairesis, die eine systematische Ordnung von Begriffen festlegt, einzuführen.Julius Stenzel: Studien zur Entwicklung der platonischen Dialektik von Sokrates zu Aristoteles, 2. Auflage, Leipzig 1931, Nachdruck: Teubner, Stuttgart 1961, S. 1, 7 f., 46 f. Viele Interpreten vermuten aber auch, dass die Dihairesis eine generelle Tendenz Platons zeigt, sich verstärkt dem Empirischen zuzuwenden. Innerhalb der frühen Ideenlehre bestehe zwischen der wahren Welt des Seins (der Ideenwelt) und der als bloßer Schein diskreditierten Welt des Werdens (der empirisch gegebenen Welt) noch eine unüberbrückbare Trennung (chorismos), die erst mit Anwendung der Begriffseinteilung überwunden werde. Die Ideen seien nun nicht mehr ausschließlich im transzendenten Bereich jenseits der sinnlich wahrnehmbaren Dinge verortet, wie die Definition des Angelfischers zeige.Z. B. Julius Stenzel: Studien zur Entwicklung der platonischen Dialektik von Sokrates zu Aristoteles, 2. Auflage, Leipzig 1931, Nachdruck: Teubner, Stuttgart 1961, S. 19 f., 54–58. Weiter als Stenzel geht etwa Friedrich Kümmel: Platon und Hegel zur ontologischen Begründung des Zirkels in der Erkenntnis, Max Niemeyer, Tübingen 1968, S. 87, 95. Diese Hypothese einer Entwicklung der platonischen Philosophie wird allerdings nicht von allen Forschern gebilligt. Unter anderem steht ihr die Auffassung entgegen, Platon habe niemals eine strikte Abtrennung der Ideen vom Bereich der empirischen Welt beabsichtigt (er selbst ironisiert diese PositionPlaton, Sophistes 246.). Vielmehr müsse man sich die Ideen als Grundlage jeder Erkenntnis in jeden Weltzugang eingewoben vorstellen.

Theorie der Dihairesis Das Prinzip des Einteilens stellt zwar ein logisches Grundphänomen dar, doch wird kontrovers diskutiert, ob Platons Methode der Dihairesis darüber hinaus für die Logik von hoher Relevanz ist.Zur dihairetischen Logik Platons siehe auch: Walter Cavini: Naming and Argument. Diaeretic Logic in Plato’s Statesman. In: Christopher J. Rowe (Hrsg.): Reading the Statesman. Proceedings of the III. Symposium Platonicum. Bd. 4 der International Plato studies. Academia Verlag, Sankt Augustin 1995, S. 123–138.

Zweck sowie Resultat der Einteilung ist entweder eine Definition oder eine Klassifikation. Die Einteilung resultiert entweder in einer Definition eines einzelnen Begriffs oder in einer Klassifikation einer Mehrzahl von Begriffen in einem System, das heißt aller Arten und Unterarten einer Gattung. In der pseudoplatonischen (Platon zu Unrecht zugeschriebenen) Schrift Horoi wird der Begriff „Definition“ selbst definiert: „Definition (horos): Erklärung (logos) aus der Differenz (diaphora) und der nächstgelegenen Gattung (genos synkeimenon)“.Pseudo-Platon: Definitionen. In: Karlheinz Hülser (Hrsg.): Platon: Sämtliche Werke in zehn Bänden, Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1991, Bd. 10, S. 446 f.; vgl. Platon, Politikos 285a. Die Definition der Frau wäre demgemäß: „Eine Frau ist ein Mensch (nächstgelegene Gattung), dessen Geschlecht nicht männlich ist (Differenz).“ Einteilungskriterium: In unterschiedliche Arten eingeteilt wird eine Gattung immer nach einem bestimmten Einteilungs- oder Unterschiedskriterium (diaphora). „Mann“ und „Frau“ unterscheiden sich hinsichtlich ihres „Geschlechts“. „Zweifüßer“ unterscheiden sich von „Vierfüßern“ hinsichtlich des Kriteriums „Anzahl der Beine“. Trennen und Zusammenfassen: Das Gegenstück zur Methode der Ein- oder Zerteilung (dihairesis) bildet die umgekehrte Methode der Zusammenfassung (synagoge) von Begriffen.Platon, Phaidros 265d, auch Sophistes 253d; 226a; Nomoi 626d; Philebos 16d.