mini|Wilhelm Blos mini|Wilhelm Blos, fotografiert von Alfred Hirrlinger Wilhelm Josef Blos (* 5. Oktober 1849 in Wertheim; † 6. Juli 1927 in Stuttgart-Cannstatt) war ein deutscher Journalist, Historiker, Schriftsteller und Politiker. Blos war Mitglied des Reichstags für die SPD und erster Staatspräsident des Volksstaates Württemberg. Als Journalist war er u. a. erster verantwortlicher Redakteur (Sitzredakteur) der Satirezeitschrift Der Wahre Jacob. Für den Wahren Jacob schrieb er unter dem Pseudonym Hans Flux, eine Schrift erschien unter dem Pseudonym A. Titus.

Leben Wilhelm Blos wurde als Sohn des Landarztes Aloys Blos und dessen Frau Wilhelmine, geb. Schmezer, in Wertheim geboren. Als er sieben Jahre alt war, starb sein Vater. Der Stiefvater misshandelte ihn. Er lebte ab 1863 bei seinen Großeltern und besuchte das Lyzeum in Wertheim. Später verklagte er seinen Stiefvater erfolgreich wegen Erbschleicherei. Er brach eine Kaufmannslehre in Mannheim ab, holte das Abitur nach und studierte ab 1868 Geschichte und Philologie an der Universität Freiburg. Dort wurde er Mitglied im Corps Rhenania Freiburg.

Blos brach das Studium nach drei Semestern aus Geldnot ab und wurde Journalist. Bis 1875 arbeitete er bei wechselnden, teils sozialdemokratischen Zeitschriften. Die kurze Zeit beim Konstanzer Volksfreund brachte ihm eine Anklage wegen Pressevergehens ein. In Nürnberg wurde er im Jahr 1872 Mitglied der SDAP. In Eisenach lernte er August Bebel und Wilhelm Liebknecht kennen. Da Bebel, Liebknecht und Adolf Hepner verhaftet wurden, sollte Blos beim Volksstaat die Redaktionsarbeit übernehmen. Während der Arbeit am Volksstaat wurde Blos 1874 zu einer dreimonatigen Haftstrafe wegen Pressevergehens verurteilt. Nach der Verbüßung seiner Haftstrafe lernte er 1874 Karl Marx kennen.Vom 22. bis 24. September 1874 war Marx mit seiner Tochter Eleanor Marx in Leipzig, nachdem er in Karlsbad zur Kur gewesen war. Siehe: R. Willecke: Eine Erinnerung an Karl Marx. In: Leipziger Volkszeitung. 2. Beilage zu Nr. 37 vom 1. Februar 1928 und Wilhelm Blos: Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten. Erster Band. S. 163–166.

Im Jahr 1875 gründete er in Mainz den Mainzer Eulenspiegel, ein wöchentlich erscheinendes Satireblatt. Bald wurde er erneut angeklagt und inhaftiert. Auf dem Gothaer Vereinigungskongress im Mai 1875 vertrat Blos, damals in Mainz wohnend, 125 Parteimitglieder aus Mainz und Gartenfeld.Dieter Fricke, S. 93. Bei den Reichstagswahlen 1877 und 1881 gewann er den Reichstagswahlkreis Reuß älterer Linie für die SPD.Dieter Fricke, S. 556 und 557.

Von Herbst 1875 an arbeitete Blos in Hamburg bei dem von Wilhelm Hasselmann neu gegründeten Hamburg-Altonaer Volksblatt.Hamburg-Altonaer Volksblatt. 3. Oktober 1875 bis Nr. 131 31. Oktober 1878, (Siehe auch Angela Graf: J. H. W. Dietz. J. H. W. Dietz Nachfolger, Bonn 1998, S. 35 ff.) Die Stelle als Redakteur neben dem Arbeiterdichter Jacob Audorf (1875–1877) behielt er bis 1880. Auch an der GerichtszeitungGerichts-Zeitung. Tageblatt für Hamburg-Altona und Umgegend. 10. November 1878 bis 31. März 1881. arbeitete Blos neben Ignaz Auer. Die Verabschiedung des Sozialistengesetzes am 19. Oktober 1878 beendete das Erscheinen vieler sozialdemokratischer Zeitschriften. Im eher liberalen Hamburg zögerte sich seine Durchsetzung etwas hinaus. Im Jahr 1879 war Blos durch den Verleger Johann Heinrich Wilhelm Dietz erster „verantwortlicher“ Redakteur der monatlichen Satirezeitschrift Der wahre Jacob diese musste Ende 1879 ihr Erscheinen einstellen. Nach der Verhängung des Kleinen Belagerungszustands am 29. Oktober 1880 wurden Blos, Auer und andere Sozialdemokraten aus Hamburg und Preußen ausgewiesen.

mini|Porträtrelief von Wilhelm Blos auf seinem Grabstein in Stuttgart Nach Aufenthalten in Mainz und Bremen holte Dietz ihn 1883 nach Stuttgart, wo die Sozialdemokraten weniger scharf verfolgt wurden. Dort arbeitete er auch als Korrektor„Blos wird die ‚Revisionen‘ der Neuen Zeit nicht wieder lesen.“ (Johann Wilhelm Heinrich Dietz an Friedrich Engels. 7. April 1890. Marx-Engels-Gesamtausgabe. Abteilung III. Band 30. Akademie Verlag, Berlin 2013, S. 241.) für Die Neue Zeit. Nur 1884 schrieb er monatlich ‚quasi offiziell‘ unter dem Kürzel „W. B.“ eine „Politische Rundschau“.W. B.: Politische Rundschau. In: Die neue Zeit. 2(1884), Heft 1, S. 33–40; Heft 2, S. 86–91; Heft 3, S. 135–142; Heft 4, S. 182–188; Heft 5, S. 230–236; Heft 6, S. 279–283; Heft 7, S. 324–329;. Heft 8, S. 375–379; Heft 9, S. 422–428; Heft 10, S. 470–474; Heft 11, S. 518–522 und Heft 12, S. 565–569.

Beim Dampfersubventionsstreit (1884/1885) innerhalb der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion war Blos ein entschiedener Befürworter dieses Gesetzes.Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten. Zweiter Band. G. Birk & Co., München 1919. Kapitel: Der Dampfer-Subventionsstreit.Im Kampf um den revolutionären Charakter der proletarischen Partei. Briefe führender deutscher Arbeiterfunktionäre Dezember 1884 bis Juli 1885. Dietz Verlag, Berlin 1977.

Blos war Mitglied der sogenannten „Preßgalgenkommission“, die den Züricher Sozialdemokrat inhaltlich zensieren wollte.Eduard Bernstein an Karl Kautsky 1. April 1885, (Im Kampf um den revolutionären Charakter der proletarischen Partei. Briefe führender deutscher Arbeiterfunktionäre Dezember 1884 bis Juli 1885. Dietz Verlag, Berlin 1977, S. 126.) Schon 1881 hatte er im Reichstag gesagt: „daß unter uns sozusagen zwei Parteien bestehen, eine gemäßigte und eine extreme oder revolutionäre, wie er sie genannt hat. Ich möchte diese Eintheilung etwas anders machen. Es sind vielmehr die zwei Parteien eine ausländische und eine einheimische;„Ihr habe es begriffen: es gibt nur eine Sozialdemokratie“. In: An unsere Parteigenossen und Freunde im Ausland. (Unterschrieben „Die Parteivertretung Auer, Bebel Blos […]“.) In: Der Sozialdemokrat. 22. Januar 1885. Faksimile in: Das Sozialistengesetz. 1878 1890. Illustrierte Geschichte des Kampfes der Arbeiterklasse gegen das Ausnahmegesetz. Berlin 1980, S. 179. so wird die Sache wohl liegen.“Reichstagsprotokolle, 1881/82,1. 14. Sitzung vom 10. Dezember 1881. S. 316. Der konservative Autor W. Krieter schrieb 1887: „Die Herren Geiser, Blos und Frohme, deren Geisteserzeugnisse in den Dietz’schen Zeitschriften meist zum Abdruck gelangen, haben das gleiche Interesse. […] Die vieljährige Übung dieser gemäßigten Schreibweise bleibt natürlich auch nicht ohne Einfluß auf die Denkweise selbst.“W. Krieter: Die geheime Organisation der sozialdemokratischen Partei. Rathke Magdeburg 1887, S. 49.

Ab 1884 wurde Der Wahre Jacob in Stuttgart neu herausgegeben. Blos schrieb einige Artikel, Satiren und Gedichte für dieses Blatt. Das Berliner Volksblatt führte ihn von 1884 bis 1890 als Sitzredakteur, der für Fälle der Anklage verantwortlich zeichnete. Am 1. Januar 1891 erschien in Berlin das zentrale Organ der SPD Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Chefredakteur war Wilhelm Liebknecht. Blos war für kurze Zeit Mitredakteur der Zeitung.Geschichte der revolutionären Berliner Arbeiterbewegung. Band 1. Dietz Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-320-00825-0, S. 340.

Bei den Reichstagswahlen 1884 bis 1912 wurde er mit Unterbrechungen als Abgeordneter des Reichstagswahlkreis Herzogtum Braunschweig 1 Braunschweig–Blankenburg gewählt.Dieter Fricke, S. 557–562. Blos hat nach eigener Aussage „unter den parlamentarischen Gestirnen […] nicht geglänzt“. Politisch plädierte Blos ab den 1890er Jahren für ein Bündnis mit den Liberalen und bekannte sich zum Reformismus.

Im September 1890 wurde das Sozialistengesetz aufgehoben, und Blos widmete sich seinen historischen Forschungen. Seine Publikationen umfassen zwei Romane mit sozialkritischer Tendenz, Übersetzungen, Arbeiten zur Revolution 1848/49, zum Bauernkrieg und die autobiografischen Arbeiten Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten und Von der Monarchie zum Volksstaat. Horst Krause urteilte: „Seine Geschichtsschreibung wies ihn zwar nicht als großen Wissenschaftler aus […], daß ihm in historischen Fragen von bedeutenden Persönlichkeiten seiner Partei und über die Parteigrenzen hinaus nicht nur Kompetenz attestiert worden ist, sondern daß er ein breites Publikum gefunden und […] das politische Bewußtsein seiner Zeitgenossen mitgeprägt hat.“Horst Krause, S. 9. Er heiratete 1905 Anna Tomasczewska, die Mitglied im Landesvorstand der SPD Württemberg war.

Blos war ein aktiver und bedingter Befürworter der Bewilligung der Kriegskredite am 4. August 1914„Ich war der Meinung, daß unter den bestehenden Umständen die Ablehnung der Kriegskredite ein Verbrechen an Volk und Vaterland sein würde“. (Wilhelm Blos: Von der Monarchie zum Volksstaat. Teil 1, S. 8.) und der Burgfriedenspolitik der SPD-Reichstagsfraktion.

mini|Wilhelm Blos, Porträt durch Oskar Obier, Öl auf Leinwand im Staatsministerium Baden-Württemberg, Villa Reitzenstein Während der Novemberrevolution übernahm Wilhelm Blos am 9. November 1918 die Regierung als Ministerpräsident (ab 1919 mit der Amtsbezeichnung Staatspräsident) und Außenminister des freien Volksstaates Württemberg. Blos hatte das Amt des Ministerpräsidenten nie angestrebt; er hatte sich damals aus der aktiven Politik zurückgezogen und sich auf seine journalistische Tätigkeit konzentriert. Am 9. November 1918 hatte er lediglich seine Frau Anna Blos zu einer Sitzung des Landesvorstands der SPD Württemberg begleiten wollen. Dass die Wahl auf Blos fiel, begründete sich wohl aus seiner moderaten politischen Haltung, die ihm in diesem Moment integrative Kraft verlieh und ihm die Zustimmung sowohl der bürgerlichen Kräfte und der Radikaldemokraten wie die der Sozialdemokratie und der Räte sicherte. Die Regierung wurde zunächst nur von der SPD und der USPD gebildet. Am 11. November traten auch Minister aus bürgerlichen Parteien in die Regierung Blos ein, nachdem der König sie von ihrem Treueid entbunden hatte. Am 30. November 1918 dankte König Wilhelm II. von Württemberg offiziell ab. Er hatte die Hauptstadt Stuttgart bereits am 9. November 1918, nach der Erstürmung seines Palais, verlassen und nahm auf die neu gebildete revolutionäre Regierung Blos keinen Einfluss. Am 12. Januar 1919 fand die Wahl zur Verfassunggebenden Landesversammlung statt, die Blos im Amt bestätigte. Im Juni 1920 erlitten die Sozialdemokraten bei der ersten regulären Landtagswahl eine empfindliche Niederlage.

Paul Sauer schrieb dazu 1982:leo-bw.de Bei der Wahl vom 6. Juni 1920 erlitt die SPD in Württemberg einen schweren Rückschlag. Trotz der Einwände von Blos und Keil beschloß die Landesleitung der Partei, sich an der neuzubildenden Regierung nicht zu beteiligen. Für das hohe Ansehen, das sich der bisherige Regierungschef erworben hatte, spricht, daß die bürgerlichen Parteien, nachdem sie vergeblich versucht hatten, die SPD zum Verbleib in der Regierung zu bewegen, an Blos mit der Bitte herantraten, er solle sich weiterhin für das Amt des Staatspräsidenten zur Verfügung stellen. Blos lehnte jedoch in vornehmer Zurückhaltung und mit Rücksicht auf seine Partei ab. Er wollte nicht als „Kleber am Ministersessel“ erscheinen. Der neue Staatspräsident, der Demokrat Johannes von Hieber, würdigte nach seiner Wahl die großen Verdienste seines Vorgängers um das württembergische Volk. Im besonderen hob er hervor, daß Blos trotz der Last des Alters sein Amt eineinhalb Jahre „mit Ruhe und Würde, mit Klugheit, Besonnenheit und Entschiedenheit“ geführt habe. Ganz ähnlich äußerte sich die Esslinger Zeitung in einem Gedenkartikel, mit dem sie am 7. Juli 1927 den Tod des ersten württembergischen Staatspräsidenten anzeigte: