Die 1934 eröffnete Jüdische Schule in Stuttgart entstand auf dem Gelände der Jüdischen Gemeinde Stuttgart im Hospitalviertel in Stuttgart-Mitte. Gründe waren Repressalien gegen jüdische Schüler an den Staatsschulen und Vorbereitung auf die erzwungenen „Auswanderungen“. Die Schule bestand bis 1941, als das Verbot erlassen wurde, jüdische Schüler zu unterrichten.

Vorgeschichte und Gründe Schon bald nach der Machtübernahme der NSDAP am 30. Januar 1933 begann innerhalb der jüdischen Gemeinschaft die Diskussion über deren Folgen für die jüdischen Kinder an den deutschen Schulen. Die damaligen Verantwortlichen in der Jüdischen Gemeinde in Stuttgart (heute Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs, vgl. auch Theodor Rothschild), unter anderen Otto Hirsch und Hermann Merzbacher, machten sich darum bereits im November desselben Jahres konkrete Gedanken über die Gründung einer jüdischen Schule in StuttgartDr. Hermann Merzbacher: „Eine jüdische Schule in Stuttgart?“, in: „Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“, X. Jahrgang, Heft Nr. 16 vom 16. November 1933, S. 135–137.. Nach reiflichen Überlegungen und dem Abwägen der Vor- und Nachteile kamen sie zum Schluss, die Gründung einer solchen anzustreben. Sie baten darum den Reformpädagogen Theodor Rothschild aus Esslingen am Neckar, dafür ein pädagogisches Konzept auszuarbeiten. Theodor Rothschild war zu jener Zeit in Esslingen Heimleiter des Israelitischen Waisenhauses „Wilhelmspflege“, wo er zuvor Lehrer gewesen war.

Pädagogisches Konzept In dem von Theodor Rothschild verfassten pädagogischen Konzept wurden auch Bedürfnisse in Zusammenhang mit der erzwungenen „Auswanderung“ von jüdischen Kindern berücksichtigt. Es wurde somit großer Wert auf die Erlernung der Sprachen Englisch und Hebräisch gelegt und auch die Schulung von hauswirtschaftlichen und handwerklichen Fähigkeiten sollte nicht zu kurz kommen.Theodor Rothschild: „Die jüdische Schule in Stuttgart“, in: „Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“, X. Jahrgang, Heft Nr. 20 vom 14. Januar 1934, S. 182.„Die jüdische Schulfrage in Stuttgart.“, in: „Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“, X. Jahrgang, Heft Nr. 21 vom 1. Februar 1934, S. 191 und 193.

Realisierung miniatur|300px|Richtfest auf der Jüdischen Schule Stuttgart im Oktober 1934 Die Frage der definitiven Unterkunft der Schule löste in der Gemeinde eine größere Diskussion aus. Letztlich entschieden sich die Gremien für einen Neubau.„Die jüdische Schule in Stuttgart.“, in: „Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“, X. Jahrgang, Heft Nr. 23 vom 1. März 1934, S 209 und 211„Zur Eröffnung der jüdischen Schule in Stuttgart.“, in: „Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“, XI. Jahrgang, Heft Nr. 2 vom 16. April 1934, Seite 17 Der Architekt Oskar Bloch, der mit seinem Partner Ernst Guggenheimer, schon einige Bauten für die Gemeinde errichtet hatte, wurde mit der Aufgabe betraut. Er entwarf ein modernes, helles Gebäude mit sieben Klassenzimmern und einer Turnhalle, die auch als Festsaal Verwendung fand. Dazu gab es einen Werkraum, eine Veranda und Waschräume.„Zum Neubau der Jüdischen Schule in Stuttgart“, in: „Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“, XI. Jahrgang, Heft Nr. 11 vom 1. September 1934, S. 86Maria Zelzer: Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden. Ein Gedenkbuch, herausgegeben von der Stadt Stuttgart, Sonderband der Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, 1964, S. 176 Der Standort war der „Hof- und Gartenplatz hinter dem Gemeindeverwaltungsgebäude“Maria Zelzer: Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden. Ein Gedenkbuch, herausgegeben von der Stadt Stuttgart, Sonderband der Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, 1964, S. 176 in der Hospitalstraße 36A„Ein Festtag der isr. Gemeinde Stuttgart, die neue Schule wird geweiht.“, in: „Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“, XII. Jahrgang, Heft Nr. 2 vom 16. April 1935, S. 15f., unweit der Alten Synagoge. Über das Richtfest im Oktober 1934 berichtete die Gemeindezeitung„Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“,XI. Jahrgang, Heft Nr. 15 vom 1. November 1934, S. 123f.: „Der am Bau vorzugsweise beteiligte Zimmer-Polier sprach den Richtspruch, der in dem Wunsche ausklang, dass in diesem Bau glückliche, junge Menschen heranwachsen mögen“.

Charakterisierung des Gebäudes Die Einrichtung entsprach – so die Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs im Jahr 1935 – den Anforderungen des zeitgemäßen Schulbaus„Ein Festtag der isr. Gemeinde Stuttgart, die neue Schule wird geweiht.“, in: „Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“, XII. Jahrgang, Heft Nr. 2 vom 16. April 1935, S. 15f.„Zum Neubau der Jüdischen Schule in Stuttgart“, in: „Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“, XI. Jahrgang, Heft Nr. 11 vom 1. September 1934, S. 86, das Gebäude wurde von der Historikerin und damaligen Mitarbeiterin im Stadtarchiv Stuttgart Maria Zelzer im Jahr 1964 als „bescheidener Zweckbau, in Zeichen der Not entstanden“ charakterisiert, „in keiner Weise mit der repräsentativen Synagoge vergleichbar. (…) Bei aller Sparsamkeit an Raum und Geld war es gelungen, einen modernen Bau (…) zu errichten“.Maria Zelzer: Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden. Ein Gedenkbuch, herausgegeben von der Stadt Stuttgart, Sonderband der Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, 1964, S. 176

Eröffnung des Unterrichtes und Einweihung des Gebäudes Bereits am 17. April 1934 war die jüdische Schule in Stuttgart in provisorisch hergerichteten Räumlichkeiten eröffnet worden.„Die Feier anlässlich der Eröffnung der jüdischen Schule in Stuttgart.“, in: „Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“, XI. Jahrgang, Heft Nr. 3 vom 1. Mai 1934, S. 25 und 26 Der Festredner Hermann Merzbacher betonte bei dieser Gelegenheit, die jüdische Schule sei „Ausdruck des starken Lebenswillens der jüdischen Gemeinschaft“.„Die Feier anlässlich der Eröffnung der jüdischen Schule in Stuttgart. Inkl. Weihespruch von Leopold Marx.“, in: „Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“, XI. Jahrgang, Heft Nr. 3 vom 1. Mai 1934, S. 25

Ein Jahr nach der Eröffnung des Unterrichtes wurde das Schulgebäude am 7. April 1935 mit Kammermusik und Wünschen für eine friedvolle, segensreiche Zukunft eingeweiht.„Ein Festtag der isr. Gemeinde Stuttgart, die neue Schule wird geweiht.“, in: „Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“, XII. Jahrgang, Heft Nr. 2 vom 16. April 1935, S. 15f„Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“, XII. Jahrgang, Heft Nr. 1 vom 1. April 1935, S. 3f.

Unterricht, Lehrkörper und Schulentwicklung mini|Zeitungsartikel Schule und Auswanderung von Emil Goldschmidt vom 16. Februar 1938 Neben dem aus Hamburg stammenden promovierten Emil Goldschmidt (1901–1990),Dr. phil. Emil Goldschmidt aus Hamburg war nach seiner Emigration Professor für Germanistik an der Universidad de Chile in Santiago. – Zitiert nach: Dr. Maria Zelzer: Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden – Ein Gedenkbuch. (= Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Sonderband). Ernst Klett, Stuttgart 1964, , S. 522.Emil Goldschmidt: Lectura y comentario de textos politicos. In: Clío, Vol. 12, Núm. 15–16 (1945), Universidad de Chile, auf: uchile.clFamilien Max und Otto Hirsch, Rottstraße 13–14 (PDF-Datei; 3,5 MB, S. 21–23). In: Stolpersteine Steinfurt, auf: stolpersteine-steinfurt.de dem ersten Schulleiter der Schule, war Lotta Stern Konrektorin. Der Lehrkörper bestand aus drei Personen. Zusätzlich zum württembergischen allgemeinen LehrplanMaria Zelzer: Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden. Ein Gedenkbuch, herausgegeben von der Stadt Stuttgart, Sonderband der Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, 1964, S. 176 wurden die Schüler in Judentum und den Sprachen Hebräisch, Englisch und Französisch unterrichtet. Dazu gab es Handarbeits- und Werkunterricht, Musik und Zeichnen.Maria Zelzer: Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden. Ein Gedenkbuch, herausgegeben von der Stadt Stuttgart, Sonderband der Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, 1964, S. 176f Im ersten Jahr besuchten achtzig Schülerinnen und Schüler insgesamt vier Klassen. Im darauf folgenden Schuljahr 1934/35 kam eine weitere Klasse und eine weitere Lehrkraft hinzu. Im Frühjahr 1935 unterrichteten fünf „Lehrpersonen“ in sechs Klassen 120 Schülerinnen und Schüler„Ein Festtag der isr. Gemeinde Stuttgart, die neue Schule wird geweiht.“, in: „Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs“, XII. Jahrgang, Heft Nr. 2 vom 16. April 1935, S. 15f., im Schuljahr 1935/36 wuchs die Zahl der Schülerinnen und Schüler auf 201. Im darauf folgenden Schuljahr 1936/37 wurden 213 Schülerinnen und Schüler verzeichnet, die von acht Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet wurden. 1937/38 kam eine neunte Klasse hinzu.Joseph Walk with the assistance of Bracha Freundlich and others (Herausgeber), Pinkas ha-kehilot Germanyah, Jerusalem (Yad Vashem) 1972, übersetzt ins Englische als Encyclopedia of Jewish Communities, Germany (Vol. 2), (Württemberg, Hohenzollern, Baden), Transcription by Max Kahn and Peter Strauss, YAD VASHEM, The Holocaust Martyrs' and Heroes' Remembrance Authority, Jerusalem 1986, Übersetzung online Eine der Lehrerinnen im Jahr 1937 war Hedi OppenheimerVgl. Gusti Schäfer: Erinnerungen an meine Kindertage in Stuttgart, in: Obwohl die Zahl der erzwungenen „Emigrationen“ zunahm, belief sich die Schülerzahl im August 1938 auf 183. Sie wurden von acht Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet, dazu kamen sieben ergänzende Lehrer.Joseph Walk with the assistance of Bracha Freundlich and others (Herausgeber), Pinkas ha-kehilot Germanyah, Jerusalem (Yad Vashem) 1972, übersetzt ins Englische als Encyclopedia of Jewish Communities, Germany (Vol. 2), (Württemberg, Hohenzollern, Baden), Transcription by Max Kahn and Peter Strauss, YAD VASHEM, The Holocaust Martyrs' and Heroes' Remembrance Authority, Jerusalem 1986, Übersetzung online Nachdem Emil Goldschmidt im Gefolge der Pogrome der „Reichskristallnacht“ für zwei Wochen „Schutzhaft“ in das Konzentrationslager Dachau verbracht worden war, leitete seine Ehefrau Edith (1907–1996), geborene Hirsch, kurzzeitig die Schule. Sie hatte 1933 noch das Erste Staatsexamen für das Lehramt absolvieren können, war aber wegen des „Arierparagraphen“ nicht mehr zum Referendardienst zugelassen worden. Nach der Emigration der Goldschmidts Ende 1939 über das Vereinigte Königreich nach Chile wurde Fräulein Anna Wieler Leiterin der Schule,Dr. Maria Zelzer: Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden – Ein Gedenkbuch. (= Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Sonderband). Ernst Klett, Stuttgart 1964, , S. 176–177.Manuel Werner: Cannstatt – Neuffen – New York. Das Schicksal einer jüdischen Familie in Württemberg. Mit den Lebenserinnerungen von Walter Marx. Nürtingen/Frickenhausen 2005, S. 51Edith Goldschmidt: Drei Leben. Autobiographie einer deutschen Jüdin (Steinfurter Schriften 22), Steinfurt 1992, S. 42f. Nach der Schließung des Jüdischen Waisenhauses „Wilhelmspflege“ in Esslingen am 26. August 1939, das von den Behörden zu einem Seuchen- bzw. Reservelazarett umfunktioniert wurde, war Theodor Rothschild ab 1940 noch ungefähr ein Jahr lang Schulleiter an der Jüdischen Schule in Stuttgart. Auch seiner Frau Ina Rothschild arbeitete an der Schule. Beide wohnten auch ab März 1940 in Stuttgart.Vgl.

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