Deutsch-Französische Sommer- und Winteruniversitäten mit Hochschulen aus Drittländern sind Ausdruck der zunehmenden Internationalisierung von Studium und Forschung (Erasmus-Programm; Bologna-Prozess, EU-Erweiterung). In den Rechtswissenschaften kommt bei der Gründung solcher zumeist trinationaler Veranstaltungen den deutsch-französischen Studiengängen der Universität Paris NanterreStephanie Rohlfing-Dijoux (2015): Internationalization of studies and research: the example of the integrated French-German-Law curriculum at the University Paris Ouest Nanterre La Defense, in: Miscellanea Historico+Iuridica on the legal education 2015, University of Bialystok, S. 159–170, online https://pbc.biaman.pl/Content/46865/Mis_Tom_XIII.pdf; Joachim Gruber (2013): Der deutsch-französische Studiengang der Universitäten Paris Ouest Nanterre La Défense und Potsdam, in ZEuP, S. 205–209; Otmar Seul (2003): Les cursus binationaux - une étape vers l’harmonisation des études en Europe. Le cas des cursus intégrés Paris X / Potsdam en sciences juridiques, in O. Seul, B. Zielinski, U. Dupuy (dir.): De la communication interculturelle dans les relations franco-allemandes, Ed. Peter Lang, Bern, Frankfurt a. M., New York, Oxford, Wien 2003, S. 285–310, online https://drive.google.com/file/d/0BwS6msy80fPZNTczOGNiZTUtOTBjMC00MDEyLWFhZTItMTE3ZmUyODk3ZjBh/view?pli=1); Otmar Seul (2006): Interkulturelles Management im Dienste der Europäisierung von Lehre und Forschung, in Deutsch-Französische Gesellschaft für Wissenschaft und Technologie (DFGWT) (Hrsg.): Wissenschaftliche Karrieren in Deutschland und Frankreich, Tagungsband zum gleichnamigen Kolloquium, Berlin 21./22. Oktober 2006, Bonn, DFGWT, 2006, 16 Seiten, online https://drive.google.com/file/d/0BwS6msy80fPZMTRjN2JlYzYtNGVlZC00MmZiLTk0NGMtMGI2YmY0N2FjNzI0/view?pli=1); Otmar Seul (2010) : 25 ans de formations franco-allemandes en sciences juridiques à l’Université de Paris Ouest-Nanterre-La Défense – Historique et impact international. Rede vom 18. März 2010 in Paris, in deutscher Übersetzung, online ); Otmar Seul (2013): La réussite d’un cursus intégré franco-allemand ouvert sur le monde, l’implication de toute une vie – Interview de l’ACFA (Association des Cursus Franco-Allemands des Universités Paris Ouest Nanterre La Défense / Potsdam), online https://acfananterre.wordpress.com/2016/03/12/interview-otmar-seul-co-fondateur-du-cursus; Tilman Bezzenberger, Joachim Gruber, Stephanie Rohlfing-Dijoux (2014): Die deutsch-französischen Rechtsbeziehungen, Europa und die Welt / Les relations juridiques franco-allemandes, l'Europe et le Monde. Liber amicorum Otmar Seul, Nomos Verlag, Baden-Baden, 570 Seiten. eine Pionierrolle zu. Sommer- und Winteruniversitäten entstehen im Rahmen des Nanterre networks, ihres europaweiten Netzwerks für Hochschulkooperation, in Zusammenarbeit mit deutschen und anderen ausländischen Partnern vor allem in Mittel- und Osteuropa, auf dem Balkan sowie im MittelmeerraumActivités en matière d’internationalisation des études et de la recherche depuis 1989, online ; Otmar Seul (2017): Opening speech, Annual Meeting Nanterre network, Porto, online http://www.uceditora.ucp.pt/resources/Documentos/UCEditora/PDF%20Livros/Porto/LAW%20AND%20INTERCULTURALISM.pdf (p. 8–11); Otmar Seul (2015): Un ́réseau international de coopération universitaire: la réussite d’un cursus intégré franco-allemand ouvert sur le monde, in Miscellanea Historico+Iuridica on the legal education 2015, University of Bialystok, S. 170–180, online https://pbc.biaman.pl/Content/46865/Mis_Tom_XIII.pdf; Un réseau international de coopération universitaire en sciences juridique et politique, online https://www.campus-mundus.eu/cooperation-universitaire-internationale, chapitre 1°. – mit finanzieller Unterstützung insbesondere der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH/UFA), des Deutsch-Französischen Jugendwerks sowie des französischen Hochschul- und Forschungsministeriums (Parceco).

Seit 2013 wird das Netzwerk der Sommer- und Winteruniversitäten auch auf außereuropäische Länder ausgeweitet.

Ziele, Funktion und Funktionsprinzipien der Sommer- und Winteruniversitäten Bernard Cazeneuve, Frankreichs beigeordneter Minister für Europaangelegenheiten und Schirmherr der 2. Deutsch-Französischen Sommeruniversität für Energie- und Umweltrecht an der Universität Paris Nanterre, sieht im September 2012 in dem von den Deutsch-Französischen Studiengängen entwickelten Typus der Sommer- und Winteruniversitäten für Juristen eine „erfolgreiche“ Formel zur Überbrückung der vorlesungsfreien Zeit, die sich gar „exportieren“ lässt und somit dem „Ansehen der deutsch-französischen Kooperation in Europa förderlich ist“.Schreiben des Ministre délégué chargé des affaires européennes, Paris, vom 18. September 2012 an Professor Otmar Seul, Université Paris Nanterre. Der Ideengeber dieser „Delokalisierung des Campus“, Otmar Seul, Professor für Rechtssprache an der Universität Paris Nanterre und Leiter der deutsch-französischen Studiengänge, umreißt ihren innovativen Charakter anhand von vier Vorzügen:Universités d’été et universités d’hiver franco-allemandes en sciences juridiques en partenariat avec des Etats tiers, online https://acfananterre.wordpress.com/les-seminaires-et-publications/les-universites-dete/; Universités d’été/d’hiver tri-nationales des cursus franco-allemands en sciences juridiques, organisées en partenariat avec des établissements allemands et des établissements de pays tiers, online https://www.campus-mundus.eu/cooperation-universitaire-internationale, Chap. no. 3.

Die Sommer- und Winteruniversitäten widmen sich den rechtlichen Herausforderungen der europäischen Integration. Sie analysieren Ansätze und Umsetzung des Rechtsangleichungsprozesses in der Europäischen Union (mit Themen wie „Europäischer Rechtsraum“, „Wertegemeinschaft Europa“, „Solidarität in Europa“, „Schutz der Privatsphäre“, „Bürgerpartizipation“, oder „Europäische Angleichung und nationale Identität“). Im Bereich der Rechtsvergleichung verankert, tragen die Sommer- und Winteruniversitäten nicht nur zum gegenseitigen rechtlichen Verständnis, sondern auch zur Erfassung der gesellschaftlichen Dimensionen des Rechts bei: „Das Recht hat begleitenden Charakter, es gibt der Entwicklung unserer Gesellschaften Richtung und Rahmenbedingungen vor: es trägt mithin zu ihrer Konvergenz bei, eine der großen politischen Zielsetzungen der deutsch-französischen Beziehungen seit 1963“ (Bernard Cazeneuve). Seit der Ablehnung des Vertrages über eine „Verfassung für Europa“ bei den Volksabstimmungen von 2005 in den Niederlanden und in Frankreich wird bei diesen Veranstaltungen besonderes Augenmerk auf die Frage der europäischen Identität sowie auf die Zwänge und Hindernisse gelegt, die den europäischen Integrationsprozess beeinträchtigen. Dies implementiert transdisziplinäre Herangehensweisen, also die Einbindung von Historikern, Soziologen, Politologen oder Ökonomen. Eine solch transversale Vorgehensweise fördert das Interesse an Themen, die ansonsten nur vom juristischen Standpunkt aus untersucht würden. In einer weniger förmlichen, entspannteren Atmosphäre als sie der Hochschulalltag bietet, kommen bei Sommer- und Winteruniversitäten Forscher, Dozenten, Rechtspraktiker, Doktoranden und Master-Studierende zusammen. Die Veranstaltungen bieten Gelegenheit für innovative pädagogische Ansätze. Da sie als Forum betrachtet werden, bei dem der interaktive Dialog im Vordergrund steht, tragen sie nicht zuletzt zum besseren Rechtsverständnis und zur geistigen Bereicherung der Doktoranden und Studierenden bei. Erstere haben Gelegenheit, Zwischenergebnisse ihrer Dissertation vorzutragen. Letztere werden in (zumeist) trinationalen Workshops in die Methode der Gruppenarbeit eingeführt. Sie vergleichen Rechtsdokumente, die sie im Vorfeld der Sommer- oder Winteruniversität in ihren Heimatuniversitäten ausgewertet haben. Im Rahmen der Workshops können auch Ergebnisse von Masterarbeiten oder Vorfeldarbeiten für künftige Dissertationen präsentiert werden. Da die Sommer- und Winteruniversitäten zumeist in einem Drittland stattfinden, soll die Rechtskultur der Länder nach Möglichkeit in der jeweiligen Landessprache vermittelt werden. Der Rückgriff auf das Englische ist die Ausnahme. Den Veranstaltungen liegt die Idee eines dynamischen Europas zugrunde, die in Zeiten der Globalisierung jede monokulturelle Entwicklung und uniforme Ausrichtung am anglo-amerikanischen ‘Modell’ verweigert und sich stattdessen zur sprachlichen und kulturellen Vielfalt Europas bekennt.

Zur Entstehungsgeschichte der ersten Sommer- und Winteruniversitäten Bei der weiteren Typologisierung dieser Sommer- und Winteruniversitäten greifen die Kriterien des geografischen Raumes und des historischen Kontextes, in dem sie begründet werden, ein.

Litauen Die älteste, auf die EU-Rechtsharmonisierung fokussierte Sommeruniversität im litauischen Vilnius – 2004 von der Université Paris Nanterre, der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Universität Vilnius begründet – entsteht im Jahr der EU-Erweiterung auf Länder vor allem in Mittel- und Osteuropa. Mit ihrem Beitritt sehen sich auch die baltischen Staaten in die Pflicht genommen, das gesamte Recht der EU (acquis communautaire) zu übernehmen und die Ziele der politischen Union sowie die der Wirtschafts- und Währungsunion umzusetzen.Zu den Programmen der Sommeruniversität seit 2004 siehe http://www.tf.vu.lt/en/international-relations/summer-schools/europos-teises-vasaros-mokykla/archive/; zum Konzept der Sommeruniversität siehe https://www.campus-mundus.eu/cooperation-universitaire-internationale - Abschnitt 3° Genèse des Universités d’été et d’hiver tri-nationales (choix) : aspects géopolitiques : Liste complète (Vilnius). Zur Sommeruniversität 2008 liegt ein Tagungsband vor: Otmar Seul, Tomas Davulis (dir.): La solidarité dans l’Union européenne / Solidarität in der Europäischen Union, Berne, Berlin, Francfort s. M., New York, Oxford, Vienne (Ed. Peter Lang) 2012, 294 p. Diese trinationale Sommeruniversität fungiert in den ersten Jahren als gemeinsamer Jahresabschluss zweier binationaler Rechtsschulen: der Deutsch-Litauischen Rechtsschule (Johann-Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a. M.) und der Französisch-Litauischen Rechtsschule (Paris Nanterre).

Belarus Die 2011 von den Universitäten Paris Nanterre, Potsdam und der Belarussischen Staatsuniversität begründete Sommeruniversität in Minsk ist Themen von allgemeineuropäischer Relevanz gewidmet, wie ‘alternativer Streitbeilegung’, ‘neuen Informations- und Kommunikationstechnologien’, Umweltfragen und anderen aktuellen Problemfragen.Zu den Programmen der Sommeruniversität, siehe https://www.uni-potsdam.de/de/ls-hellmann/auslandskooperationen/belarussische-staatliche-universitaet-bsu.html; zum Konzept der Sommeruniversität, siehe https://www.campus-mundus.eu/cooperation-universitaire-internationale - Abschnitt 3° Genèse des Universités d’été et d’hiver tri-nationales (choix) : aspects géopolitiques : Liste complète (Minsk). Wie in der EU geht auch in der postsowjetischen Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) die Tendenz zur regionalen Integration mit dem Versuch einer Harmonisierung der nationalen Rechtssysteme einher. Belarus ist Teil der Russisch-Belarussischen Union und Mitglied der (2014 vertraglich vereinbarten) Eurasischen Wirtschaftsunion.

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