Die Übergabe der Stadt Braunschweig im Zweiten Weltkrieg fand am 12. April 1945 um 02:59 Uhr statt, nachdem offizielle Vertreter der Stadt Braunschweig, darunter Oberbürgermeister Erich Bockler, ein entsprechendes Protokoll unterzeichnet und es zwei Vertretern der 30. US-Infanteriedivision der 9. US-Armee übergeben hatten.Rudolf Prescher: Der rote Hahn über Braunschweig. Luftschutzmaßnahmen und Luftkriegsereignisse in der Stadt Braunschweig 1927 bis 1945. S. 107.
Erste Kapitulations-Verhandlungen hatten am 10. April um 19:00 Uhr zwischen Generalleutnant Karl Veith, dem letzten Kampfkommandanten Braunschweigs und Leland S. Hobbs, dem Kommandierenden General der 30. US-Infanteriedivision, stattgefunden. Sie waren aber nach nur 20 Minuten gescheitertAccount of surrender negotiations between Major General Leland S. Hobbs, Commanding General, 30th Infantry Division and General Leutnant Veith, Commander of the Braunschweig Defenses, 10 April 1945, as observed by 1st Lt John Henderson, 4th Information and Historical Service, 9th U.S. Army. S. 4., weil sich Veith geweigert hatte, bedingungslos zu kapitulieren und die Stadt kampflos zu übergeben. Stattdessen hatte er angeboten, alle in der Stadt verbliebenen deutschen Kampfverbände nach Osten abzuziehen. Dieser Vorschlag wurde wiederum von den Amerikanern abgelehnt.
Die zweiten Verhandlungen zur kampflosen Übergabe des stark zerstörtenBraunschweiger Zeitung (Hrsg.): Die Bomben-Nacht. Der Luftkrieg vor 60 Jahren, Spezial-Heft Nr. 10, Braunschweig 2004, S. 8. Braunschweig fanden in den frühen Morgenstunden des 12. April statt und führten schließlich zur Unterzeichnung des Übergabeprotokolls und damit zum Waffenstillstand und Kriegsende für Braunschweig.
April 1945: Letzte Kriegstage in Braunschweig Zeit des Nationalsozialismus in Braunschweig mini|Die ehemalige Akademie für Jugendführung der Hitlerjugend Unter Dietrich Klagges, NSDAP-Ministerpräsident des Landes Braunschweig, und dem Kabinett Klagges kam es bereits kurz nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 zu zahlreichen Repressalien und Gewaltaktionen gegenüber politischen Gegnern, Juden und anderen Personengruppen. Braunschweig wurde zu einem wichtigen Rüstungszentrum des Deutschen Reiches ausgebaut. Klagges holte auch bedeutende nationalsozialistische Institutionen in die Stadt, wie die Akademie für Jugendführung der HJ, die Führerschule des deutschen Handwerks, die Gebietsführerschule der Hitlerjugend „Peter Frieß“, das Luftflottenkommando 2, den Reichsjägerhof „Hermann Göring“, die SS-Junkerschule und die Truppenführerschule des Reichsarbeitsdienstes.
Rüstungsstandort Braunschweig mini|hochkant=1.8|Die Braunschweiger Innenstadt 1899. Der Straßenverlauf war 1945 noch derselbe. Der Dom befindet sich im Zentrum, der die Stadt umschließende blaue Ring ist die Oker. Im Uhrzeigersinn an der Oker entlang: Im Norden: Löbbeckes Insel und Gaußberg; im Osten Theaterpark, Staatstheater, Museumpark, Herzog Anton Ulrich-Museum, Löwenwall, Windmühlenberg; im Süden Holland’s Garten und Bahnhofs-Park, daneben der Bahnhof; im Westen die Wallanlagen entlang der Oker. Bereits Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkrieges war Braunschweig von den Nationalsozialisten systematisch zu einem wichtigen Standort der deutschen Rüstungsindustrie und einem Verkehrsknotenpunkt mit zahlreichen Forschungsinstituten und Entwicklungseinrichtungen der Technischen Hochschule Braunschweig, großen Unternehmen in den Bereichen Maschinen- und Anlagenbau ausgebaut worden. Die dafür förderliche Verkehrsinfrastruktur war durch einen bedeutenden Eisenbahnknotenpunkt, einen eigenen Hafen mit Anbindung an den Mittellandkanal, die neue Autobahn in Richtung Berlin (die heutige A 2) sowie einige Flugplätze, darunter der Flugplatz Waggum sowie der Flugplatz an der Luftfahrtforschungsanstalt Hermann Göring in Völkenrode, gegeben.
Braunschweig war unter anderem Zentrum der deutschen Jagdpanther-Produktion. Noch im März 1945 wurden bei der MIAG 32 von insgesamt 52 Panzern dieses Typs im ganzen Reichsgebiet zusammengebaut. Das heißt, dass über 60 % dieses Typs bis kurz vor Kriegsende in Braunschweig noch einsatzbereit an die Truppe übergeben wurden.Norman-Mathias Pingel: Braunschweigische Rüstungsindustrie im Überblick. In: Gudrun Fiedler, Hans-Ulrich Ludewig: Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft im Lande Braunschweig 1939–1945. S. 35 FN 41. Ein Umstand, der von Hitler persönlich gewürdigt wurde.Norman-Mathias Pingel: Braunschweigische Rüstungsindustrie im Überblick. In: Gudrun Fiedler, Hans-Ulrich Ludewig: Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft im Lande Braunschweig 1939–1945. S. 35 FN 40. Am 7. April 1945 übernahm das II./Panzer-Lehr-Regiment 130 35 einsatzbereite Jagdpanther neuester Produktion, die ursprünglich für die 2. Panzer-Division vorgesehenWalter J. Spielberger, Hilary Louis Doyle und Thomas L. Jentz: Schwere Jagdpanzer: Entwicklung, Fertigung, Einsatz. Motorbuch Verlag 1993, ISBN 978-3-613-03296-5, S. 54. waren, sowie 12 schwere Büssing-Lkws und 12 VW-Kübelwagen bei der MIAG in Braunschweig. Am Abend verließen die Panzer Braunschweig in Richtung Westen. Im Bereich der Ortschaften Edemissen und Wenden, nur wenige Kilometer entfernt, kam es zu heftigen Schusswechseln mit US-Panzern. Die verbliebenen deutschen Panzer setzten sich anschließend in Richtung Elbe ab.Eckhard Schimpf: Granatfeuer, Angst und sinnlose Befehle. Die letzten 24 Stunden der „Festung Braunschweig“ vor dem Einmarsch der Amerikaner. In: Braunschweiger Zeitung (Hrsg.): Kriegsende. S. 66. Andere Braunschweiger Unternehmen, die noch bis in die ersten Apriltage kriegswichtiges Material produzierten, waren: Büssing (schwere Lkws), Karges & Hammer (Kanonen für den Panzerkampfwagen III) und die Vereinigten Eisenbahn-Signalwerke (Flak- und Pak-Geschütze).Norman-Mathias Pingel: Braunschweigische Rüstungsindustrie im Überblick. In: Gudrun Fiedler, Hans-Ulrich Ludewig: Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft im Lande Braunschweig 1939–1945. S. 36. Die Niedersächsischen Motorenwerke fertigten noch bis Ende März 1003 Flugmotoren (zum Beispiel für die Messerschmitt Bf 109). Beim Lkw-Hersteller Büssing NAG wurde die Produktion erst am 9. April 1945 eingestellt und unter alliierter Kontrolle bereits am 2. Mai 1945 wieder aufgenommen.Norman-Mathias Pingel: Braunschweigische Rüstungsindustrie im Überblick. In: Gudrun Fiedler, Hans-Ulrich Ludewig: Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft im Lande Braunschweig 1939–1945. S. 37 FN 61.
Letzte Maßnahmen der NS-Führung in Braunschweig mini|Titelseite der Braunschweiger Tageszeitung von Freitag, 6. April 1945, mit der Hetzrede „Lieber tot als Sklav!“ von Gauleiter Hartmann Lauterbacher Anfang April 1945 befanden sich die Spitzen der 30. US-Infanteriedivision etwa im Raum Bielefeld, 160 km südwestlich von Braunschweig. Die NS-Führung Braunschweigs, insbesondere Berthold Heilig, NSDAP-Kreisleiter, und Hartmann Lauterbacher, Gauleiter von Süd-Hannover-Braunschweig, stachelten die Bevölkerung in diesen letzten Tagen in Rundfunkansprachen und Zeitungen permanent zum „Kampf bis zum letzten Mann“ auf. So erschien am 6. April 1945, dem Tag, an dem die ersten US-Einheiten auf dem Gebiet des Landes Braunschweig auftauchten, auf der Titelseite des NS-Kampfblattes Braunschweiger Tageszeitung der fanatische Aufruf Lauterbachers „Lieber tot als Sklav!“Hochdeutsche Übertragung des friesischen Wahlspruchs Liewer düd aß Slaawe. Er zeichnete darin ein apokalyptisches Bild, sollten „die Angloamerikaner“ jemals in Stadt und Land Braunschweig einmarschieren. Die letzte Ausgabe der „Braunschweiger Tageszeitung“ erschien am 10. AprilBritta Berg: Zeitungen und Zeitschriften aus Braunschweig einschließlich Helmstedt (bis 1810) und Wolfenbüttel (bis 1918), Braunschweiger Werkstücke, Band 93, Braunschweig 1995, S. 74. mit der Schlagzeile „Braunschweig ist bereit“.Eckhard Schimpf: Heilig: Die Flucht des Braunschweiger Naziführers auf der Vatikan-Route nach Südamerika. S. 24. An diesem Tag wurde Braunschweig zum ersten Mal von amerikanischer schwerer Artillerie beschossen. Der Beschuss dauerte bis in die Morgenstunden.
Kreisleiter Heilig hatte sich bereits in den ersten Apriltagen auf Befehl Lauterbachers zur Verteidigung der „Festung Harz“ in den 60 km südlich liegenden Harz begeben. Als er jedoch am Abend des 10. April erfuhr, dass beabsichtigt sei, Braunschweig den Amerikanern kampflos zu übergeben, machte er sich umgehend auf den Weg zum Kreisbefehlsstand im Nußbergbunker, wo er gegen 02:30 Uhr am frühen Morgen des 11. April eintraf. Gegen 08:00 Uhr setzten die Amerikaner das Artilleriefeuer aus, um eine über Rundfunk angekündigte Rede Heiligs abzuwarten.Eckhard Schimpf: Granatfeuer, Angst und sinnlose Befehle. Die letzten 24 Stunden der „Festung Braunschweig“ vor dem Einmarsch der Amerikaner. In: Braunschweiger Zeitung (Hrsg.): Kriegsende. S. 65. Um 08:15 Uhr erklärte er Braunschweig über Drahtfunk zur „Festung“ und rief die Bevölkerung zum „Kampf bis zum letzten Blutstropfen“ auf: „… Braunschweig kapituliert nicht und wird nicht kampflos dem Feind übergeben …“.Prozessakten gegen Heilig, zitiert nach: Eckhard Schimpf: Heilig: Die Flucht des Braunschweiger Naziführers auf der Vatikan-Route nach Südamerika. S. 28, FN 24. Darüber hinaus drohte er allen Verweigerern und „Defätisten“ mit dem Tode.Karl-Joachim Krause: Braunschweig zwischen Krieg und Frieden. Die Ereignisse vor und nach der Kapitulation der Stadt am 12. April 1945, S. 55. Nur 30 Minuten später erfuhren die Hörer über den britischen „Feindsender“ Radio London, dass sich US-Verbände in großer Zahl vor der Stadt sammelten und 1000 Flugzeuge bereit stünden, Braunschweig „übergabebereit zu bomben“.Eckhard Schimpf: Heilig: Die Flucht des Braunschweiger Naziführers auf der Vatikan-Route nach Südamerika. S. 29. Aus Angst vor einer Belagerung und der ungewissen Zukunft begann die Zivilbevölkerung daraufhin, Vorratslager und Güterzüge mit Lebensmitteln und Versorgungsgütern zu plündern. Gegen 10:00 Uhr setzte das US-Artilleriefeuer wieder ein.
In den letzten Tagen vor dem Ende ließen die NS-Funktionsträger in großem Umfang amtliche Dokumente und Unterlagen der NSDAP und ihrer angeschlossenen Organisationen vernichten.Rudolf Prescher: Der rote Hahn über Braunschweig. Luftschutzmaßnahmen und Luftkriegsereignisse in der Stadt Braunschweig 1927 bis 1945. S. 105. Am 10. April war seitens der Polizei Braunschweig der Befehl ergangen, sämtliche Akten zu vernichten, darunter auch die über Jahren zusammengetragenen Melderegisterunterlagen und verschiedene Karteien. Polizisten, die der NSDAP angehörten, wurden aufgefordert, auch bei sich zuhause Unterlagen zu vernichten.Volker Dowidat: Polizei im Rückspiegel. Die Geschichte der Polizeidirektion Braunschweig. Döring Druck, Braunschweig 2003, ISBN 3-925268-23-5, S. 199.
Verteidigungsmaßnahmen mini|Nachrichten für die Truppe, Nr. 358, vom 9. April 1945, ein Propaganda-Flugblatt der Alliierten. Die Schlagzeile bezieht sich auf die abzusehende Einnahme Braunschweigs am 12. April 1945.