Die Entwicklung des Jazz in Polen und seine öffentliche Wahrnehmung unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von der im „Mutterland“ des Jazz. Die polnische Jazz-Geschichte wurde stark vom Realsozialismus geprägt. Musikalisch gilt der in den 1950er Jahren entstandene „Polski Jazz“ als ein charakteristischer, eigenständiger Stil. In den 1990er Jahren entstand mit dem Yass erneut ein genuin polnisches Jazz-Phänomen.

mini|300px|Einer der profiliertesten Jazzmusiker Polens – Tomasz Stańko auf dem Deutschen Jazzfestival 2013

Jazz im Polen der Zwischenkriegszeit mini|links|Die Gold-Petersburski-Band Wie in vielen europäischen Ländern, so kam der Jazz auch nach Polen zunächst infolge der wachsenden Faszination für die US-amerikanische Kultur nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Der Jazz wurde zunächst als Tanz- und Vergnügungsmusik in entsprechenden Lokalen gespielt. Die Hörerschaft beschränkte sich auf gehobenere Gesellschaftsschichten in Großstädten (Warschau, Lwiw, Krakau, Łódź, Gdynia, Katowice), später auch in Kurorten wie Krynica-Zdrój oder Ciechocinek.

Der Saxophonist Zygmunt Karasiński (1898–1973) gründete 1922 die wohl erste polnische Jazzgruppe,Pietraszewski: Jazz w Polsce, S. 44. als er ein Engagement im Danziger Lokal Eremitage erhielt; zu seinen Musikern gehörte auch der Pianist und spätere Schlager-Komponist Jerzy Petersburski. Der Auftritt der Band Karasińskis bei der Allgemeinen Landesausstellung (Powszechna Wystawa Krajowa) in Posen 1928 gilt als ein wichtiger Wendepunkt in der Geschichte des polnischen Jazz.Pietraszewski: Jazz w Polsce, S. 51. Bereits um 1925 entstanden die ersten beiden Jazzorchester, Karasiński i Kataszek sowie Gold i Petersburski.

Maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Jazz in Polen nach 1930 hatten die ersten Tonfilme und die Konzerte des afroamerikanischen Revue-Orchesters The Chocolate Kids und des Chors Utica Jubilee Singers, deren Repertoire vorwiegend aus Spirituals und Blues bestand. In den größeren Städten engagierte man zunächst ausländische Orchester mit amerikanischem Repertoire, bevor immer mehr Ensembles entstanden, in denen ausschließlich Polen spielten. Zu den bekanntesten Formationen der Zwischenkriegszeit gehörten Wileńczycy Leonard Ilgowskis, die O’Key Band Leon Mittelbachs, The Jolly Boys von Henryk und Stanisław Sperber und Jan Polockis Melody Maker; das professionellste und bekannteste Orchester war das von Zygmunt Karasiński und Szymon Kataszek, das durch alle größeren Städte tourte und den Dixieland und Chicago-Jazz populär machte. Das Karasiński & Kataszek Jazz-Tango Orchestra tourte 1934/1935 durch Europa und den Nahen Osten.

Weitere populäre Bands dieser Ära waren das Lofka Ilgowski Orchestra (das stark von Benny Goodman beeinflusst war) und das Petersburski & Gold Orchestra, geleitet von Jerzy Petersburski und dem Geiger Arthur Gold. Letzteres war in den 1920er Jahren das erfolgreichste Tanzorchester Warschaus und spielte im Restaurant Adria. Beide Orchester arbeiteten in den 1920er und 30er Jahren neben ihren regulären Engagements auch für die Filmindustrie; Aufnahmen entstanden für das Label Syrena Records, das bereits 1904 gegründet wurde.A Foreigner’s Guide to Polish Jazz bei Culture.pl Einer der wichtigsten polnischen Jazzmusiker der Zwischenkriegszeit, Henryk Wars, komponierte die Musik für ca. 50 Filme (etwa ein Drittel aller in dieser Zeit in Polen entstandenen Filme).Pietraszewski: Jazz w Polsce. mini|hochkant|Eddie Rosner

In der Anfangszeit seiner Entwicklung war der Jazz umstritten und wurde bereits früh in Zeitungsartikeln kritisiert (u. a. wegen vermeintlicher Profanierung der Werke Frédéric Chopins). Dies führte zunächst zu einem Verbot der Anstellung von Jazzbands durch die Polnische Musikergewerkschaft (Związek Zawodowy Muzyków Polskich), das erst 1927 aufgehoben wurde. Ebenfalls 1927 erschien in Polen die erste europäische Jazz-Zeitschrift (Jazz), allerdings nur in einer Ausgabe.

Nach 1933, dem Jahr der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Deutschen Reich, erlebte der polnische Jazz eine erneute Blüte, als viele jüdische Musiker aus Deutschland (re-)emigrieren mussten. Darunter waren die Trompeter Eddie Rosner (in Polen bekannt als Ady) und Manny Fischer, die Saxophonisten Bobby Fidler, Eryk und Erwin Wolffeiler, der Geiger Arkady Flato, der Schlagzeuger Georg „Joe“ Scharcstein und der Sänger Lothar Lempel. Ady Rosner galt in Polen als der König der Jazz-Virtuosen; ein polnischer Kritiker schrieb: Ady Rosner – Jazz sensation! und im britischen Melody Maker bezeichnete ihn der Leiter des Sweet and Hot Club of Brussels als den Polnischen Armstrong!.

Stark beeinflusst wurden die polnischen Musiker auch von den Schellackplatten des französischen Labels Swing mit Aufnahmen von Rex Stewart, Barney Bigard und Coleman Hawkins. Hinzu kamen die heimischen Platten-Produktionen des Labels Syrena, die in amerikanischer Lizenz hergestellt wurden.Brodowski: Jazz in Polen. Die Jahre 1936–39 gelten als ein vorläufiger Höhepunkt der Jazzentwicklung in Polen und gleichzeitig als die Swing-Ära. Der Jazz wurde zu der dominanten Musikrichtung im polnischen Radio.

Bei seiner Beschreibung der Anfänge des Jazz in Polen stellt Krystian Brodacki in seinem Buch für die Zwischenkriegszeit fest, dass damals keine Jazzmusikerinnen erwähnt worden sind. Frauen haben sich dennoch mit der Bedeutung des Jazz auseinandergesetzt. Besonders eindrucksvoll sind hier Gedichte von Maria Pawlikowska-Jasnorzewska wie „Jazzband“ oder „Krzyk Jazzbandu“ („Jazzband-Ruf“), die vom Interesse an der neuen Musikrichtung zeugen.

Der Zweite Weltkrieg Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs unterbrach zunächst nicht die Spielmöglichkeiten der Bands, doch der Kreis der Musiker verkleinerte sich. So blieb die populäre Band Szal von Franciszek Witkowski nach ihrer Tournee in den Vereinigten Staaten; Henryk Wars, Eddie Rosner und Zygmunt Karasiński gingen mit ihren Orchestern in die Sowjetunion, wo in den Jahren 1939–1941 vor allem Białystok ein Zufluchtsort der polnischen Jazzszene wurde. Auch Bronisław Kaper, der später u. a. den Standard On Green Dolphin Street schrieb und gefragter Hollywood-Komponist wurde, wanderte aus. Zu den Orchestern, die weiter in Polen spielten, gehörten die Bands von Al Tumel, Bronisław Stasiak, Kazimierz Turewicz, Władysław Kowalczyk, Zbigniew Wróbel, Georg Scott und die Bigband von Bobek Brien mit dem tschechischen Saxophonisten Charles Bovery. „Die Mehrheit der Musiker übte einfach ihren Beruf in den von den Okkupationsvorschriften erlaubten Verhältnissen aus und „schmuggelten“ in ihren Konzerten das, was sie für Jazz hielten, ein. Manche von ihnen, z. B. der erwähnte Stasiak, der nach Auschwitz verschleppt wurde, mussten das mit ihrem Leben bezahlen“, schrieb Paweł Brodowski über den Jazz in Polen. Auch im Warschauer Ghetto wurde bis 1943 Jazz gespielt.Pietraszewski: Jazz w Polsce, S. 55. Das von den Besatzern verhängte Tanzverbot verstärkte die Entwicklung des Jazz von Tanz- hin zu Konzertmusik.

Nachkriegszeit – Katakomben-Jazz mini|260px|Gedenktafel für Leopold Tyrmand in Warschau Die Zerstörung der Ende der 30er aufgebauten Jazz-Infrastruktur führte nach dem Weltkrieg zu einer „Demokratisierung des Jazz“,Pietraszewski: Jazz w Polsce, S. 56. weil neu eröffnete Lokale, in denen Jazz gespielt wurde, zunächst sehr verbreitet waren. „Eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Weckung des Jazzinteresses haben die Jazzclubs gespielt, die in den polnischen Ablegern des YMCA (Young Men’s Christian Association) in Warschau, Krakau und Lodz entstanden waren“, schrieb Paweł Brodowski zum Jazz im Nachkriegspolen. Den Warschauer Club leitete 1946 Leopold Tyrmand, der neben Marian Eile und Stefan Kisielewski zu den wichtigsten Unterstützern der Jazz-Szene in dieser Zeit gehörten. Tyrmands Initiative war es zu verdanken, dass am 30. Mai 1947 im Warschauer YMCA das erste öffentliche Jazzkonzert nach dem Krieg unter dem Motto Jamsession stattfand, bei dem u. a. der Saxophonist Charles Bovery, die Sängerin Jeanne Johnstone Schiele, der Klarinettist Juliusz Skowroński, der Pianist Wiesław Machan und der Schlagzeuger Janusz „Mrek“ Beliński auftraten. Als „Jazz“ spielte man in dieser Zeit alle Arten amerikanischer Unterhaltungsmusik, gemischt mit Swing-Elementen; Informationsquellen waren die ausländischen Rundfunkstationen – vor allem Voice of America – und eben die Vorträge und Treffen in den YMCA-Clubs. Diese Clubs verfügten über große Schallplattensammlungen. Allerdings wurden sie 1949 aufgelöst, als die Kulturbehörden den „Jazz als bourgeois, dekadent, verdächtig und schädlich deklarierten; ein Großteil der Schallplatten wurde von Mitgliedern der kommunistischen Jugendorganisation ZMP zerstört. Jazz wurde zur verbotenen Musik und mußte in den Untergrund gehen. Es begann die heroische Zeit des Katakomben-Jazz.“ Diese Zeit war entscheidend für den „Gründungsmythos“ des polnischen Jazz und wurde später als eine Zeit der Verfolgung und Opposition stilisiert. Swing wurde teilweise noch in Foxtrot-Stücke bei Tanzveranstaltungen eingeflochten, die Jazz-Szene wurde aber in Privatwohnungen und sog. „Club-Keller“ verlagert.

mini|links|Jerzy Matuszkiewicz, 2006

Mit „Katakomben“ bezeichnete man Privatwohnungen, in denen Jazzkonzerte heimlich im kleinen Kreis veranstaltet wurden; unter diesen Verhältnissen entstand „die erste authentische polnische Jazzgruppe, Melomani aus Warschau, die von Studenten aus Krakau und Lodz gegründet worden war.“ Ihr gehörten der Holzbläser Jerzy Matuszkiewicz, der Pianist Andrzej Trzaskowski, der Bassist Witold Kujawski, der Posaunist Witold Sobociński und der Schlagzeuger und Trompeter Andrzej Wojciechowski an. Viele der Musiker waren Studenten der Filmschule in Łódź und verkehrten im dortigen YMCA-Club. Aus der Abkopplung von westlichen Jazzströmungen spielte Melomani „eine Art von Musik, von der sie dachten, es wäre Jazz, in der Art von Jelly Roll Morton und W. C. Handy.“ Der Kritiker Elliott Simon schrieb:

1953 gründete Andrzej Kurylewicz mit Jerzy Borowiec das Ensemble MM 176, zu dem auch Trzaskowski und ab 1954 die Sängerin Wanda Warska gehörten. Im Untergrund sehr beliebt, musste sich die Gruppe kurz später wieder auflösen. Kurylewicz wurde wegen seines Engagements für den Jazz sogar von der Hochschule verwiesen.

Polnischer Jazz nach Stalins Tod Nach dem Tod Stalins durfte Jazz bald wieder als „die Musik des unterdrückten schwarzen Proletariats“ gespielt werden. Viele Polen hörten regelmäßig Jazz dank entsprechenden thematischen Sendungen von Voice of America. Es entstand bald die Idee zu einem ersten Jazzfestival, das in Polen stattfinden sollte, dem I Krakowskie Zaduszki Jazzowe (I. Krakauer Allerseelen-Festival) im Jahr 1954. An seiner Organisation hatte Leopold Tyrmand einen wichtigen Anteil. Jan Wróblewski erinnert sich:

Mit der 1956 einsetzenden Entstalinisierung bekam Melomani Gelegenheit, reguläre Konzerte im ganzen Land zu geben; ihr Auftritt auf dem I. Nationalen Jazzfestival in Sopot (I Ogólnopolski Festiwal Muzyki Jazzowej Jazz 56) am 6. August 1956 verschaffte dem Jazz den Durchbruch in Polen.

Der Auftritt von Krzysztof Komeda in Sopot gilt oft als die Geburtsstunde eines genuin polnischen Jazz, des Polski Jazz, der sich vor allem durch seine Lyrik auszeichnet.

In Sopot traten nur acht Gruppen auf (Sekstet Komedy, Drążek i Pięciu, Zespół Pawła Gruenspana, Zespół Jerzego Grzewińskiego, Zespół Kamila Hali, die Band von Andrzej Kurylewicz, Melomani, Pinokio), darunter zwei ausländische, einschließlich der Band um den Trompeter Dave Burman.Tom Lord: The Jazz Discography (online, abgerufen am 10. April 2015). Nach Ansicht von Leopold Tyrmand folgte dem „Katakomben-Jazz“ um 1957 die „frenetische Periode, wo Jazzmusik nicht weniger populär war wie heute die Rockmusik“; Joachim-Ernst Berendt, der 1957 Gast beim Zweiten Festival in Sopot war, schrieb euphorisch:

mini|Andrzej Kurylewicz