mini|hochkant=1.5|Entwurf zu einem Lusthaus an der Havel bei Potsdam, Heft 9, 1826, Tafel 60 Die Sammlung architectonischer Entwürfe: enthaltend teils Werke welche ausgeführt sind teils Gegenstände deren Ausführung beabsichtigt wurde, ist ein druckgrafisches Zeichnungswerk Karl Friedrich Schinkels. Mit ihm vermochte Preußens bedeutendster Baubeamter seine architektonischen Intentionen weiten Kreisen zu vermitteln und dadurch auch indirekt die damalige Architekturentwicklung zu beeinflussen. In der hohen Qualität von Blattentwurf, Bildgestaltung und textlicher Beschreibung setzte die „Sammlung architektonischer Entwürfe“ Maßstäbe und prägte die Architekturdarstellung des 19. Jahrhunderts. Zudem begründete sie eine Veröffentlichungstradition, die bis heute in Architektenkreisen fortwirkt.Jörg Trempler, in: Hein-Thomas Schulze-Altcappenberg, Rolf H. Johannsen und Christiane Lange (Hrsg.): Karl Friedrich Schinkel Geschichte und Poesie. Hirmer, München 2012, S. 178.

Die heute üblicherweise „SAE“ abgekürzte „Sammlung architektonischer Entwürfe“ erschien von 1819 bis 1840 in 29 Lieferungen in Heftform im Folio-Querformat mit zumeist einem Erläuterungsblatt und sechs Abbildungstafeln in einheitlichem Blattformat von 41,5 × 53 cm. Die Hefte hatten einen blauen Umschlag mit Titel. Von den insgesamt 174 Tafeln waren 171 Kupferstiche, später Umrissradierungen und drei Lithografien (Tafeln 171, 173 und 174 der ersten Auflage).

Entstehungsgeschichte mini|Schaubild zum Schauspielhaus, Federzeichnung, um 1819, Vorlage für Heft 2, 1821, Tafel 1 Bis er 1810 durch Wilhelm von Humboldts Vermittlung Baubeamter wurde, hatte Schinkel nur gelegentlich als Architekt wirken können und seinen Lebensunterhalt überwiegend durch Schaubilder, Dioramen und Gemälde bestritten. Erst nach den napoleonischen Kriegen, also ab 1815 als Schinkel Mitte dreißig war, konnte er kontinuierlich Bauten ausführen. Sein erster bedeutender Bau wurde die 1816–1818 erbaute Neue Wache gegenüber dem königlichen Palais in Berlin.

mini|links|Schauspielhaus Perspektive des Konzertsaals, Heft 2, zweite Folge, Tafel 16 Entsprechend begann Schinkel 1819 die erste Lieferung der Sammlung architektonischer Entwürfe mit einem Alternativentwurf und dem Ausführungsentwurf der Wache (zusammen vier Tafeln). Jeweils eine Tafel war einem Entwurf zum Berliner Rathaus und einem Entwurf zu einem Nationaldenkmal in Form eines Brunnens auf dem Schlossplatz gewidmet. Dabei befand sich der Grundriss des Berliner Rathauses auf dem unteren Drittel der vierten Tafel zur Wache. Diese tafelübergreifende Darstellung eines Bauentwurfs ist einmalig innerhalb der SAE und dürfte wohl als eine Unsicherheit der Anfangszeit der Tafelentwürfe anzusehen sein.

Schon in diesem ersten Heft behandelte Schinkel realisierte Bauten und Entwürfe gleichwertig. Dieses Prinzip behielt Schinkel bis zu seinem Tod bei. Auch realisierte Bauten wurden nicht erst nach der Bauausführung veröffentlicht. So zeigten die sechs Tafeln des 6. Heftes von 1825 das erst 1830 eröffnete Museum.

mini|Schauspielhaus, Grundrisse, Heft 2, 1821, Tafel 9 Nicht alle Zeichnungen wurden erst für die Veröffentlichung in der Sammlung architektonischer Entwürfe geschaffen. So verwendete Schinkel beispielsweise das Perspektivschaubild des Schauspielhauses, das er um 1818/19 gezeichnet hatte, für die Veröffentlichung in Heft 2, 1821, Tafel 1. Die Zeichnung wurde für die SAE allerdings von Otto unter Fortlassung der Trümmer und der Wolken neu gefertigt.

Die auf den ersten Blick heute etwas nüchtern erscheinenden Tafeln erweisen sich bei näherer Betrachtung als außerordentlich attraktiv und im Wechsel von Perspektiv-Außenansichten, Innenraumperspektiven, Aufrissen, Grundrissen, Schnittzeichnungen und Detailwiedergaben sehr vielfältig in der Darstellungsweise. Diese rational anmutende Darstellungsweise verzichtet generell auf die Dramatik von Lichtführung, wie sie für die zweite Jahrhunderthälfte typisch werden sollte und auch schon von Schinkels Lehrer Friedrich Gilly angewendet wurde.

mini|links|Schauspielhaus, Schnitte, Heft 2, 1821, Tafel 10 Die Veröffentlichung der Hefte geschah in unregelmäßigen Abständen, so 1819, 1821, 1823, 1824 (2 Hefte), 1825, 1826 (5 Hefte), 1827, 1828, 1829 (4 Hefte), 1831 (2 Hefte), 1833 (2 Hefte), 1834, 1835 (2 Hefte), 1836, 1838 und 1840 (2 Hefte). Es ist nicht überliefert, dass Schinkel weitere Hefte konzipiert hatte, deren Realisierung durch seine krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit verhindert worden wäre.

Die Sammlung architektonischer Entwürfe war nur eines der Veröffentlichungs-Projekte Schinkels. Sie ist im Zusammenhang mit den teilweise parallel veröffentlichten „Werke der höheren Baukunst“, „Vorbilder für Praktikanten und Handwerker“, „Schinkels Möbelentwürfe“, „Decorationen auf den beiden Königlichen Theatern in Berlin“ und weiteren zu sehen, mit denen Schinkel – in Zusammenarbeit mit Peter Beuth – nahezu alle Bereiche der Kunst zu reformieren versuchte. Die Sammlung Architektonischer Entwürfe blieb aber das Herzstück dieser Veröffentlichungen und hatte auch die größte Wirkung.

Schinkel identifizierte offenbar sein architektonisches Schaffen zunehmend mit dieser Veröffentlichung, denn er führte auf seinen zahlreichen (Dienst-)Reisen stets eine Mappe der Sammlung Architektonischer Entwürfe mit sich.

Auch nach Schinkels Tod erfreute sich die Sammlung architektonischer Entwürfe großer Beliebtheit. So wurden posthum drei Auflagen verlegt, von denen zwei in modernen Nachdrucken erhältlich sind: Ausgabe Potsdam: Ferdinand Riegel, 1841–45; Ausgabe Potsdam: Ferdinand Riegel, 1852 (41 × 50,5 cm); Ausgabe Berlin: Ernst und Korn, 1858 (41 × 50 cm); Nachdruck Ausgabe Berlin, Chicago: Exedra Books, 1981 (64 × 50 cm); Nachdruck Ausgabe Potsdam, Nördlingen: Dr. Alfons Uhl, 2006 (37,8 × 28,6 cm).

Die Sammlung architektonischer Entwürfe ist digitalisiert online abrufbar über die Websites der Universitätsbibliothek Heidelberg (HEIDI) und der Staatlichen Museen zu Berlin (siehe Weblinks).

Schinkels Zeichnungen mini|Schaubild zur Bauakademie, Federzeichnung, 1831 Sämtliche Tafeln wurden von Schinkel entworfen. Als Zeichner sind nur auf acht Tafeln Berger und Otto genannt. Vermutlich wurden die übrigen 166 Tafeln von Schinkel selbst gezeichnet,Als Zeichner ist Schinkel auf den Tafeln 1–4, 6, 13–24, 26–30, 32–42, 49–62, 64–119, 124, 166, 167, 170 genannt. Berger ist als Zeichner der sechs Tafeln 5, 7–11 und Otto ist als Zeichner der beiden Tafeln 12 und 18 vermerkt. Die Tafeln 25, 31, 43–48, 63, 121–123, 125–138, 140–165 und 168–174 geben Schinkel nur als Inventor an, ein Zeichner ist nicht vermerkt. Tafel 139 (Lithografie Glienicke) hat gar keine Angaben. (Nummernangaben nach der Auflage 1858) auch wenn dies nur auf 105 Tafeln vermerkt ist, denn zu einigen der Tafeln ohne Zeichnerangabe haben sich eigenhändige Zeichnungen Schinkels erhalten.Es ist nur ein Teil der Zeichnungen zur Sammlung Architektonischer Entwürfe im Schinkel-Nachlass erhalten. Jener wird heute im Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen - Preußischer Kulturbesitz bewahrt.

Die meisten der 174 Tafeln sind Kombinationen aus einzelnen Zeichnungen unterschiedlicher Art. Tafeln mit nur einer Zeichnung existieren 56. Insgesamt handelt es sich um etwa 440 Zeichnungen, die auf komplizierte, aber durchdachte Weise auf der Tafel positioniert worden sind. Davon sind 54 Außenperspektiven, 20 Innenraumperspektiven, 101 Aufrisse (inkl. Wand- und Plafondaufrissen), 97 Grundrisse, 61 Schnitte, 101 Details und 7 Lagepläne. Hierbei besitzen die Einzelzeichnungen sehr unterschiedlichen Grat der Detaillierung, von summarischer Fassadenstruktur bis zur Angabe von einzelnen Steinen beim Sichtziegelbau.

Das Verhältnis von Quer- zu Hochformaten der Tafeln (bei Querformat der Hefte) ist mit 90 zu 84 nahezu ausgeglichen. Einige der Tafeln weisen seltsamerweise ein gewissermaßen unangemessenes Verhältnis von kleinem Bildfeld zur Blattgröße auf. Dies betrifft besonders die Tafeln 1, 2, 27, 28, 33, 34, 85.

Schinkel war sowohl zeichnerisch als auch malerisch ausgesprochen begabt. Dies zeigen besonders die perspektivischen Schaubilder, wie beispielsweise die zum Museum, dem Schauspielhaus und der Bauakademie. Es handelt sich dabei um Federzeichnungen über Graphitstift-Vorzeichnungen. Einige der Perspektiven sind laviert, was die malerische Wirkung verstärkt. Diese Wirkung wurde allerdings durch Umsetzung als Stich gemindert.

mini|links|Schaubild zum Museum, Federzeichnung 1823, Vorlage für Heft 6, 1825, Tafel 37 Aber auch die reinen Strichzeichnungen besitzen hohe Qualität. Der als Schinkelspezialist ausgewiesene Andreas Haus schätzt 2012 die Besonderheit der Zeichnungen folgendermaßen ein: „[…] In seiner Sammlung architektonischer Entwürfe […] hat Schinkel einen singulären zeichnerischen Darstellungsmodus gefunden und ausgebaut. Die Bauten wirken zuweilen stofflos, unkörperlich in der subtilen Auskühlung des für Konstruktionszeichnungen ohnehin angemessenen Reißbrettstrichs, der sich zudem in den Druckfassungen besonders klar realisiert. Dekorative und tektonische Lineatur werden gleichwertig. Die Ästhetik des zunehmend schattenlosen Strichs spinnt sich zu bildlichen Netzwerken weiter. Details wie Profile, Fugen und Dekore reihen und fächern das Bauliche zuweilen zu zusammenhängend rhythmisierten Mustern aus, die flächig in einander übergehen. Nicht selten weitet sich das graphische Muster über das Tektonische hinaus und zieht sich weiter in die umgebende Natur hinein. Pointiert ließe sich sagen: Das Substrat Schinkel’scher Architektur liegt in der Zeichnung. Dies ist anders als in den primär gegenständlich-plastisch aufgefassten Architekturen und Architekturzeichnungen seiner Zeitgenossen […].“Andreas Haus: Perspektive als Idee, in: Hein-Thomas Schulze-Altcappenberg und Rolf H. Johannsen (Hrsg.): Karl Friedrich Schinkel Geschichte und Poesie – Das Studienbuch. Deutscher Kunstverlag, München 2012, S. 51.

Umsetzung in Stich und Lithografie mini|Bauakademie Perspektivansicht, Heft 20, 1833, Tafel 121, Ausschnitt Bildfeld Für die Umsetzung der Zeichnungen zur Veröffentlichung wurden zahlreiche Kupferstecher und Lithografen beschäftigt. Es sind entsprechend der Tafelbezeichnungen 20 Künstler namentlich überliefert. 28 Tafeln, sämtlich ab Heft 17, besitzen keinen Hinweis auf Stecher oder Lithografen.

mini|links|Eine Textseite der posthumen Auflagen Die gleichzeitige Beschäftigung mehrerer Stecher für ein Heft weist darauf hin, gelegentlich eine möglichst zeitnahe Veröffentlichung der einzelnen Hefte bewerkstelligen zu können. Doch sind einige Hefte auch von nur einem Künstler gestochen worden.

Die Stecher waren sehr unterschiedlich an der Veröffentlichung beteiligt. So fertigte Carl Friedrich Thiele in den neun Jahren seiner Tätigkeit für die Sammlung Architektonischer Entwürfe mit 56 Tafeln knapp ein Drittel des Gesamtwerks, während andere Künstler nur ein Blatt schufen. Die Stecher hatten auch unterschiedlichen Bekanntheitsgrad und unterschiedliche Berufe. Bei einigen ist nur eine Tätigkeit anhand von Signaturen auf den Stichen nachweisbar. Andere sind als Künstler auch biografisch bekannt. So war Albert Dietrich Schadow als Architekt erfolgreich. Eduard Mauch war als Stecher seinerzeit bekannt und viel beschäftigt. Johann Conrad Susemihl war Darmstädter Hofkupferstecher und Verleger von druckgrafischen Werken. Der Chodowiecki-Schüler Friedrich Jügel lehrte als Professor, der Kartenstecher Johann Karl Mare und sein Schüler Eduard Mandel waren als Künstler anerkannt.