Die Sandbauerschaft war bis zu ihrer 1919 erfolgten Eingliederung in die ostfriesische Stadt Norden eine selbständige Landgemeinde. Der Eingemeindung gingen konfliktreiche Verhandlungen voraus. Besonders strittig war die Frage, ob es den Bürgern der Sandbauerschaft auch nach dem Zusammenschluss erlaubt bleiben sollte, auf ihrem Gemeindegebiet Hausschlachtungen durchzuführen.

Name Der Ortsname Sandbauerschaft als Sammelbezeichnung für die Ortschaften rund um Norden taucht zum ersten Mal 1824 in Fridrich Arends’ Erdbeschreibung des Fürstenthums Ostfriesland und des Harlinger Landes auf.Fridrich Arend: Erdbeschreibung des Fürstenthums Ostfriesland und des Harlingerlandes. Emden 1824. S. 396 Arend Remmers deutet den Namen als Bauerschaft auf dem Sand. Mit dem Namensteil Sand ist die Norder Geest gemeint.Arend Remmers: Von Aaltukerei bis Zwischenmooren. Die >Siedlungsnamen zwischen Dollart und Jade. Verlag Schuster: Leer 2004. ISBN 3-7963-0359-5. S. 191; Sp.II

Manchmal wird der Gemeindename auch fälschlich Sandbauernschaft geschrieben.Zum Beispiel

Lage und Ortsgliederung mini|Gulfhaus Seldenrüst (auch Löwenhaus genannt), ehemaliger Verwaltungssitz der Sandbauerschaft mini|Sogenanntes Steinhaus der Ekeler Adelsfamilie Uldinga (16. Jahrhundert) mini|Ortschaft Hollweg um 1900

Die Sandbauerschaft umschloss die Stadt Norden von Westen nach Osten in einem Dreiviertelring. Sie verfügte über keinen eigenen Ortskern, sondern bestand aus einer Reihe kleiner Dörfer und Siedlungen. Ihren Verwaltungssitz hatte die Gemeinde in den Vorderräumen des Westgaster Bauernhofes Seldenrüst an der Alleestraße 33 (heute Hotel Watt Lodge).Gerhard Canzler: Die Norder Schulen. Verlag H. Risius: Weener 2005. ISBN 3-88761-097-0. S. 102; Anmerkung 4

Zur Sandbauerschaft gehörten folgende Ortschaften, Wohnplätze und Gutshäuser:Die Fakten dieses Abschnitts orientieren sich an Heinrich Ringklib: Statistische Übersicht der Eintheilung des Königreichs Hannover nach Verwaltungs- und Gerichtsbezirken in Folge der neuen Organisation der Verwaltung und Justiz. Nebst angehängtem Wörterbuche. Hannover 1852. S. 4; Sp II

Ortschaften: Ekel, Lintel (mit Ostlintel und Westlintel), Hollweg, Westgaste, Martensdorf; die Reihensiedlungen Westliches Ende der Westerstraße (westlich der heutigen Kreuzung Lentz- / Molkereilohne), Mühlenlohne, Mackeriege und Laukeriege galten als „Vorstädte“ der Stadt Norden.

Eine gewisse Sonderstellung nahm die Ortschaft Zingel ein; hier befand sich ursprünglich das Benediktiner-Doppelkloster Marienthal, auf dessen Gelände nach der Reformation ein Gasthaus (Armenhaus) mit dem dazugehörigen landwirtschaftlichen Betrieb sowie eine Schule errichtet wurden. Die Eingemeindung der Ortschaft am Zingel mit ihren auch für die Norder Stadtbevölkerung bedeutsamen sozialen Einrichtungen erfolgte bereits 1900.Ufke Cremer: Norden im Wandel der Zeiten. Im Auftrage der Stadt Norden zur 700-Jahr-Feier herausgegeben (Reprint). Verlag Heinrich Soltau: Norden, 1955. S. 91 (Karte der Entwicklung des Stadtgebietes Norden ... bis 1919; nach einer Skizze des Stadtbauamtes Norden). Heute betreibt die Arbeiterwohlfahrt auf dem ehemaligen Klostergelände eine Seniorenwohnanlage.

Wohnplätze: Escher, Korndeich, Sandweg

Gutshäuser und Einzelgehöfte: Gut Barenbusch, Gut Ekeler Vorwerk, Gut Wi(e)rde, Seldenrüst, Ziegelei

Im Adressbuch der Stadt Norden von 1912 werden weitere Ortschaften und Wohnplätze der Sandbauerschaft aufgeführt: Erlängewarf, Hohegaste, Kolkweg und Wildbahn.Elfriede Lottmann: Fast vergessen: Die Sandbauerschaft. Ehemalige Gemeinde umschloß bis 1919 den Stadtkern von Norden. In: Heim und Herd. Beilage zum Ostfriesischen Kurier. Soltau Kurier: Norden. 4/1998. S. 16

Geschichte Die ältesten Nachrichten, die sich auf eine Bebauung des Gemeindegebietes der späteren Sandbauerschaft beziehen, stammen aus dem 12. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde das Benediktiner-Doppelkloster Marienthal errichtet. Das dazugehörige Land reichte von der heutigen Altenwohnanlage der Arbeiterwohlfahrt bis zur nordöstlichen Ecke des Norder Marktplatzes. Die Norder Klosterstraße, die am ehemaligen Klostergrundstück entlangführt sowie eine Marienstatue, die auf dem Gelände des Altenzentrums errichtet wurde, erinnert an die Geschichte des auch als Olde Kloster bezeichneten Konvents.Zur Geschichte des Klosters Marienthal siehe Ufke Cremer: Norden im Wandel der Zeiten. Heinrich Soltau Verlag: Norden 1955. S. 20f

Die Sandbauerschaft umfasste Orte und Siedlungen, die sich zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert um Wehrtürme, Steinhäuser und kleinere Burganlagen gebildet hatten. Dieser sogenannte „Burgenring“ sollte das Norder Stadtgebiet und speziell seinen Marktplatz sichern, denn Norden besaß ebenso wie Leer keine „Befestigungsanlagen […]“.Eberhard Rack: Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden. Band 15 in der Reihe SPIEKER. Landeskundliche Beiträge und Berichte (herausgegeben von der Geographischen Kommission für Westfalen: Wilhelm Müller-Wille und Elisabeth). Selbstverlag der Geographischen Kommission: Münster / Westfalen 1967. S. 34f Erbauer dieser Wehranlagen (bis auf die Olde Borg in der Nähe des Norder Hafens) waren adlige Familien, die für die Entwicklung der Stadt Norden und des umliegenden Norderlandes große Bedeutung hatten. Zu den bekannteren Adelsfamilien, die übrigens alle miteinander verschwägert waren, gehörten die Loringa (Westgaste), Aldersna (Westlintel), Tho Lintel und tho Wichte (Ostlintel), Idzenga (Barenbusch), Uldinga (Ekel) sowie die Attena (Burg Osterhus am östlichen Ende der heutigen Osterstraße).Zu den Burgen siehe Ufke Cremer: Norden im Wandel der Zeiten. Heinrich Soltau Verlag: Norden 1955. S. 27ff

Die genannten Ortschaften führten bis ins 18. Jahrhundert hinein ein starkes Eigenleben. Wann genau der Zusammenschluss dieser ehemaligen Ortschaften zur Sandbauerschaft erfolgte, lässt sich nicht mehr feststellen. Um 1824 erscheint nach der Beschreibung Fridrich Arends’ die Sandbauerschaft als bedeutender Teil der Untervogtei Lintel. Ihre Einwohnerzahl wird mit 1039 angegeben. An Ortschaften, Reihensiedlungen und Wohnplätzen werden genannt: „Sand= und Hollweg, Laukerieger, Makkeriege, Mühlenlohne, Ende der Westerstraße, Westgaste“. Zum Ortsbild insgesamt heißt es: „[…] sämmtlich Reihen kleiner Häuser, im Osten, Norden und Westen der Stadt [Norden], eigentlich bloße Fortsetzung der Straßen derselben oder Vorstädte“. Eine besondere Erwähnung gilt der Burg Osterhus, die sich auf dem Gelände der späteren Norder Eisenhütte (heute: Supermarkt real) befand. Die Westgrenze des ehemaligen Burggrundstücks, das 11 Diemat (= ca. 62700 m²) umfasste und bis zum Galgentief reichte, war gleichzeitig die Ostgrenze des Norder Stadtgebietes. Die Straße Glückauf, die es bereits vor der Eingliederung der Sandbauerschaft in die Stadt Norden gab,Elfriede Lottmann: Fast vergessen: Die Sandbauerschaft. Ehemalige Gemeinde umschloß bis 1919 den Stadtkern von Norde n. In: Heim und Herd. Beilage zum Ostfriesischen Kurier. Soltau Kurier: Norden. 4/1998. S. 15 markiert diese Grenze bis heute.

Nach dem Statistischen Handbuch für das Königreich Hannover hatte der „Gemeindeverband Sandbauerschaft“ im Jahr 1848 1290 Einwohner. Zu den zahlenstärkeren Ortsteilen gehörten die „Ortschaften“ Hollweg (179; siehe Bild!) und Ostlintel (166), das „Dorf“ Ekel (158), die „Ortschaft“ Westgaste sowie die „Vorstadt“ Ende der Westerstraße (154).Friedrich W. Harseim, C. Schlüter (Hrsg.): Statistisches Handbuch für das Königreich Hannover. Hannover 1848. S. 40 Um 1892 ist die Sandbauerschaft mit 2562 Einwohnern die drittgrößte Kommune im Kreis Norden. Größer waren nur die Stadt Norden (6759 Einwohner) und die Inselgemeinde Norderney (3615 Einwohner).Königlich-statistisches Bureau (Hrsg.): Viehstandslexikon für den preußischen Staat. Berlin 1895. S. 94 1895 wird eine „ortsanwesende Bevölkerung“ von 2446, 1900 von 3023 angegeben. Zehn Jahre später zählte die Sandbauerschaft 3415 und bei Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 bereits 3896 Einwohner.Gerda Fegter (Hrsg.) / Heinz Ramm: Popke Fegter. 1874–1946. Sein Leben und Wirken im Norderland. Soltau-Kurier: Norden 1989. S. 52

Kirchliche Verhältnisse Die die Stadt Norden umgebenden Geest- und Marschdörfer waren bereits vor der Reformation der Norder Kirchengemeinde angeschlossen. Nach der Reformation änderte sich daran im Wesentlichen nichts. Die umliegenden Kommunen verfügten über keine eigenen Kirchbauten; ihr Gotteshaus war seit dem 13. Jahrhundert die Ludgeri-Kirche, während die fast zeitgleich in direkter Nachbarschaft errichtete Andreaskirche das geistliche Zentrum der sich entwickelnden Stadtgemeinde war. Auf dem Gebiet der Sandbauerschaft existierte allerdings ein weiterer Sakralraum, die sogenannte Gasthaus- oder Armenhauskirche, eine Filiale der Norder Ludgerigemeinde. Unbekannt ist nicht nur ihre Architektur; ungewiss ist auch, ob sie ausschließlich dem Armenhaus und der angeschlossenen Schule als Andachtsstätte diente oder aber auch anderen Einwohnern der Sandbauerschaft zur Verfügung stand. Die Reformierten aus Norden und Umgebung nutzten 1579 die Gasthauskirche mit Erlaubnis des ostfriesischen Grafen Johann als Gottesdienststätte. Erst 100 Jahre später erhielten sie die Genehmigung, in Bargebur bei Norden eine eigene Kirche zu errichten. Reformierte Sandbauerschafter waren dorthin eingepfarrt.Lütetsburg-Norden.reformiert.de: Die Geschichte der Gemeinde; eingesehen am 10. Januar 2022 Katholische Christen gab es nach der Reformation in Norden und Umgebung nur wenige. Sie trafen sich anfangs im Untergrund, ab 1720 in einer Hauskapelle an der Norder Sielstraße, ab 1864 an der Osterstraße 20 in einer neu erbauten Kapelle und ab 1885 in einem neuen Gotteshaus, der St.-Ludgerus-Kirche.Ufke Cremer, Johann Haddinga: Norden. Die Stadtchronik. Verlag Soltau-Kurier: Norden 2001. S. 80f Nach einer Erhebung von 1875 waren von 1767 Einwohnern 1683 evangelisch-lutherischer und 69 evangelisch-reformierter Konfession. Außerdem wurden fünf Katholiken gezählt (1899 waren es bereits 32Anton Iganz Klefner u. a.: Der Bonifatius-Verein. Seine Geschichte, seine Arbeit und sein Arbeitsfeld. 1849–1899. Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum des Vereins. Verlag der Bonifacius-Druckerei (J. W. Schröder): 1899. S. 96) und 10 Christen anderer Benennung.J. Fr. de Vries, Th. Focken: Ostfriesland. Land und Volk in Wort und Bild. Verlag von W. Haynel: Emden 1881. S. 433

Schulgeschichte