mini|Bert Hölldobler, 2010 Bert Hölldobler (eigentlich Berthold Karl Hölldobler; * 25. Juni 1936 in Erling-Andechs, Oberbayern) ist ein deutscher Verhaltensforscher, Soziobiologe und Evolutionsökologe.

Leben Bert Hölldobler wurde als Sohn eines Mediziners und Zoologen geboren, wuchs in Ochsenfurt auf und legte am Gymnasium Marktbreit sein Abitur ab.Friedhelm Klöhr: Ein besonderer Tag mit Prof. Dr. Bert Hölldobler. Website des Gymnasiums Marktbreit Er studierte Biologie und Chemie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. 1965 wurde er in Würzburg mit einer Arbeit über das soziale Verhalten der Männchen bei den Rossameisen und Bedeutung der Männchen für die Organisation der Ameisenstaaten zum Dr. rer. nat. promoviert. 1969 habilitierte er sich an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main.

1971 wurde er zum Professor für Zoologie an der Universität Frankfurt ernannt. Von 1973 bis 1990 war er Professor für Biologie und Alexander-Agassiz-Professor für Zoologie an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts). 1989 kehrte er nach Deutschland zurück und übernahm den Lehrstuhl für Verhaltensphysiologie und Soziobiologie am Theodor-Boveri-Institut der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Er war zweiter Inhaber der Johannes-Gutenberg-Stiftungsprofessur im Sommersemester 2001 an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und von 2002 bis 2008 Andrew D. White Professor at Large an der Cornell University, Ithaca, (New York).

Seit seiner Emeritierung im Jahr 2004 ist Hölldobler Forschungsprofessor in der School of Life Sciences an der Arizona State University in Tempe (Arizona). Er ist dort einer der Gründer der Social Insect Research Group (SIRG) und des Center for Social Dynamics and Complexity.

Forschungsfelder Bert Hölldobler ist ein internationaler Spitzenforscher auf dem Gebiet der experimentellen Verhaltensphysiologie und Soziobiologie. Weitere Arbeitsgebiete sind Verhaltensökologie, Evolutionsbiologie, Chemische Ökologie und die Biologie sozialer Insekten.

Seine Arbeiten über soziale Insekten, besonders über Ameisen, brachten viele neue Erkenntnisse zu Paarungsstrategien, Regulation der Reproduktion, Territorialität und Orientierung, Organisation von Superorganismen, Evolution von Eusozialität und Multilevel-Selektion, chemischen Kommunikation und multi-modalen Kommunikation, zu Ameisennestern als ökologische Inseln für myrmekophile Arthropoden.

Forschungsergebnisse Hölldoblers Interesse gilt den Kommunikationsmechanismen sozialer Insekten, durch die das Verhalten der Tausenden von Individuen integriert wird und die den Dominanzstrukturen, den Kasten- und Arbeitsteilungssystemen und der Regulation der sozialen Homöostase einer Tiergemeinschaft zu Grunde liegen. Er betrachtet die sozialen Insekten als ideale Modellobjekte, um verhaltensökologische, soziobiologische und populationsbiologische Konzepte zu entwickeln und zu testen. Die Insektensozietäten zeigen aus seiner Sicht in sehr klarer Weise, wie Constraints in der Lebensgeschichte und ökologische Constraints die Evolution von sozialen Systemen beeinflussen. Im Folgenden werden einige Forschungsthemen Hölldoblers getrennt skizziert und dabei aufgezeigt, wie die Themen zusammenhängen.

Paarungsstrategien Hölldobler gelang es erstmals zu zeigen, dass bei einigen Rossameisenarten (Camponotus) die Männchen im Nest überwintern und dass der Überwinterungsphase eine soziale Phase vorausgeht, während der die Männchen am sozialen Futterfluss beteiligt sind, d. h. nicht nur Futter von den Arbeiterinnen empfangen, sondern auch Futter durch Regurgitation an andere Männchen und Nestgenossinnen weitergeben.J. Heinze, B. Hölldobler, K. Yamauchi, 1998. Male competition in Cardiocondyla ants Behav. Ecol. Sociobiol. 42:239-246 Erst nach der Winterphase beginnt die reproduktive Phase, während der sich die Männchen an dem sozialen Futterfluss nicht mehr beteiligen. Die reproduktive Phase endet mit dem Paarungsflug, und zusammen mit Ulrich Maschwitz gelang der erste Nachweis von chemischen Signalen, durch die die Paarungsflüge der Geschlechtstiere in Rossameisenkolonien synchronisiert werden. Weiterhin wurde von Hölldobler und seinen Mitarbeitern eine Vielfalt von Paarungsstrategien bei Ameisen entdeckt. Dabei gelang der erste Nachweis von weiblichen Sexualpheromonen bei Ameisen und der Nachweis grundlegend unterschiedlicher Paarungsstrategien bei phylogenetisch ursprünglichen und weiteren evolvierten Arten.B. Hölldobler, U. Maschwitz, 1965. Der Hochzeitsschwarm der Rossameise Camponotus herculeanus L. (Hym. Formicidae). Z. Vergl. Physiol. 50:551-568B. Hölldobler, 1971. Sex pheromone in the ant Xenomyrmex floridanus J. Insect. Physiol. 17:1497-1499B. Hölldobler, M. Wüst, 1973. Ein Sexualpheromon bei der Pharaoameise Monomorium pharaonis (L.) Z. Tierpsychol. 32:1-9B. Hölldobler, 1976. The behavioral ecology of mating in harvester ants (Hymenoptera: Formicidae: Pogonomyrmex) Behav. Ecol. Sociobiol. 1:405-423B. Hölldobler, C.P. Haskins, 1977. Sexual calling behavior in primitive ants Science 195:793-794H. Markl, B. Hölldobler, T. Hölldobler, 1977. Mating behavior and sound production in harvester ants (Pogonomyrmex, Formicidae) Insectes Sociaux 24:191-212B. Hölldobler, H. Engel-Siegel, 1982. Tergal and Sternal Glands in Male Ants Psyche 89:113-132B. Hölldobler, S. Bartz, 1985. Sociobiology of Reproduction in ants. Experimental Behavioral Ecology and Sociobiology B. Hölldobler and M. Lindauer (eds.), Fortschritte der Zool. 31:237-257N.R. Franks, B. Hölldobler, 1987. Sexual competition during colony reproduction in army ants Biol. J. Linnean Soc. 30:229-243

In einer Reihe von Studien wurde die Paarungshäufigkeit in Ameisenpopulationen untersucht, und zwar verhaltensbiologisch wie auch populationsgenetisch. Dabei haben sich große Unterschiede gezeigt. Bei einigen Arten, z. B. der Gattung Pogonomyrmex, paaren sich Weibchen mit mehreren Männchen (5–20), die Weibchen anderer Arten sind dagegen strikt monogam. Polyandrie und Polygynie auf der einen Seite und Monoandrie und Monogynie auf der anderen sind ganz entscheidende Faktoren, die die Populationsstrukturen innerhalb der Sozietäten bestimmen und Rückwirkungen auf intra- und interkoloniale Konflikte, Arbeitsteilungssysteme und Territorialität in Ameisenpopulationen haben. Dazu wurden von Hölldobler und seinen Mitarbeitern zahlreiche Arbeiten vorgelegt.B. Hölldobler, 1962. Zur Frage der Oligogynie bei Camponotus ligniperda LATR. und Camponotus herculeanus L. (Hym. Formicidae). Z. ang. Entomologie 49:337.352B. Hölldobler, 1974. Home range orientation and territoriality in harvesting ants Proc. Nat. Acad. Sci. USA, 71:3274-3277B. Hölldobler, 1976. Recruitment behavior, home range orientation and territoriality in harvester ants, Pogonomyrmex Behav. Ecol. Sociobiol. 1:3-44B. Hölldobler, E.O. Wilson, 1977. The number of queens: an important trait in ant evolution Naturwissenschaften 64:8-15B. Hölldobler, C.D. Michener, 1980. Mechanisms of Identification and Discrimination in Social Hymenoptera Evolution of Social Behavior: Hypotheses and Empirical Tests, ed. H. Markl, Dahlem Konferenzen, 35-38B. Hölldobler, C. Lumsden, 1980. Territorial Strategies in Ants Science 210:732-739B. Hölldobler, N. Carlin, 1985. Colony founding, queen dominance and oligogyny in the Austrian meat ant Iridomyrmex purpureus Behav. Ecol. Sociobiol. 18:45-58K. Sommer, B. Hölldobler, 1992. Pleometrosis in Lasius niger In: J. Billen (Ed.) Biology and Evolution of Social Insects. Leuven University Press, 47-50J. Heinze, N. Lipski, B. 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Determinants of intracolonial relatedness in Pogonomyrmex rugosus (Hymenoptera; Formicidae) – mating frequency and brood raids, Molecular Ecology 12: 1931-1938Frank E. Rheindt, Jürgen Gadau, Christoph-Peter Strehl, Bert Hölldobler, 2004. Extremely high mating frequency in the Florida harvester ant (Pogonomyrmex badius) Behav. Ecol. Sociobiol. 56: 472-481

Regulation der Reproduktion Eng mit dem oben genannten Forschungsbereich sind Fragen verknüpft zur Regulation der Reproduktion innerhalb der Ameisensozietäten. Über die Vielfalt der Mechanismen und ihrer Evolution war lange nichts bekannt. Hölldoblers Arbeitsgruppe hat die Regulationsmechanismen bei sogenannten „primitiven“ Arten (Ponerinae, Myrmeciinae), die in relativ kleinen und hierarchisch organisierten Sozietäten leben, mit denen von „hoch evolvierten“ Arten (Formicinae, Myrmicinae) verglichen, die riesige netzwerkartig organisierte Sozietäten bilden. Bei den hierarchisch organisierten Sozietäten wird Reproduktion durch interindividuelle Konflikte und aggressives „Policing“-Verhalten der Arbeiterinnen und mittels Fertilitätssignalen reguliert. Diese Fertilitätssignale bestehen meist aus komplexen Gemischen von Kohlenwasserstoffen auf der Kutikula (CHC).P.S. Oliveira, B. Hölldobler, 1990. Dominance orders in the ponerine ant Pachycondyla apicalis (Hymenoptera, Formicidae) Behav Ecol Sociobiol 27:385-393P.S. Oliveira, B. Hölldobler, 1991. Agonistic interactions and reproductive dominance in Pachycondyla obscuricornis (Hymenoptera: Formicidae)