ORF Sport ist die Bezeichnung für Sportsendungen des öffentlich-rechtlichen Österreichischen Rundfunks (ORF). Neben kompakter Information zu inländischem und internationalem Sportgeschehen gibt es Live-Übertragungen, aber auch Magazine und bereits aufgezeichnete Sendungen sowie Wiederholungen von Sport-Sendungen.
Nach ORF-Gesetz (ORF-G) gehört es – an das Spartenprogramm als auch an das ORF-Hauptprogramm gerichtet – zum Kernauftrag, dass der ORF Sport durch seine Programme für zu sorgen hat (Abs. 1 Z. 15), folgt also dem allgemeinen Bildungsauftrag der ORF.
Entwicklung des ORF-Sportprogramms Die Pionierjahre Sportreportage an sich hat in Österreich eine lange Tradition; als Pionier gilt der Wiener Victor Silberer, der um 1880 die Allgemeine Sport-Zeitung als erstes deutschsprachiges Fachmedium für Sport gründete.Lit. Wendl, Dissertation 2009, 3.1.2 Zur Entwicklung der Sportberichterstattung, S. 61 ff (einen ersten Sportteil brachte der englische Morning Herald 1817, die erste Radioübertragung betraf den Boxkampf Dempsey–Carpentier 1921 auf KDKA, Pittsburgh, die erste Sport-Fernsehübertragung wurde schon 1931 in Tokio realisiert) In Österreich begann die 1924 gegründete RAVAG (Vorläufer des 1958 gegründeten ORF) ab 1928 mit der Ausstrahlung ständiger Sportreportagen, seinerzeit mittels tragbarer Kurzwellensender. Die von Willy Schmieger kommentierte Radioübertragung des Fußball-Länderspiels Österreich–Ungarn in diesem Jahr erreichte schon 10.000 Zuhörer, und das Match Wiener Eishockeyverein–Universität Cambridge kurz darauf war die erste Live-Übertragung der österreichischen Rundfunkgeschichte.
Sportberichterstattung gehört von Anbeginn zu den Kernbetätigung des Rundfunks mit seiner Zeitnähe, und den populärsten Tätigkeiten des ORF.Lit. Wendl, Dissertation 2009, 4.1 Sport als Programmauftrag, S. 154 ff. Ursprünglich blieb Sport eine Domäne des Radios, und wurde auf dem nationalen Informations-, Kultur-, Bildungs- und Sportprogramm Österreich 1 gebracht.Werner Mück, Gerhard Jelinek: Österreich: die Zweite Republik. Axel Jentzsch bei Linde, 2004, ISBN 978-3-7142-0017-1. Ins Fernsehen kam er sukzessive im Laufe der 1950er- und 1960er-Jahre (Fußballweltmeisterschaft 1954 aus der Schweiz,Für den ORF selbst spielte die Schweizer Fußball-WM noch keine Rolle, der Sendebetrieb wurde erst am 1. August 1955 aufgenommen. Das erste live übertragene Großereignis waren die Olympischen Winterspiele aus Cortina d’Ampezzo 1956. erste Live-Übertragung Österreich–Brasilien in Wien, 1956). Anchormen der Live-Berichtung im ORF waren Edi Finger (sen.), der von 1946 bis in die 1980er kommentierte (primär Fußball), 1965 bis 2008 Heinz Prüller (Formel-1-Rennen, seit 1970 auch Alpine Skiweltmeisterschaften, Fußball-Weltmeisterschaften und Olympische Spiele) und auch Sigi Bergmann (Boxen), deren Kommentierungen für Generationen von Österreichern der Inbegriff einer Sportsendung waren.Dazu zählen Klassiker wie Fingers „I wer’ narrisch“ (Fußball-WM 78), die auch auf einer Langspielplatte Edi Finger Live erschien, oder die gesammelten „Prüllereien“, als Prüllers beste Sprüche auf Ö3 gesendet wurden. In den 1960ern erfolgte ein regelrechter Sportboom im Fernsehen, mit den Winterspielen in Innsbruck 1964 als Markstein, 1968 hatte die Sportberichterstattung dann schon einen Anteil von einem Siebentel (14,7 %) an der Sendezeit (seinerseits ORF 2 kürzlich gestartet, beide nicht im 24-Stunden-Betrieb).Rudolf Müllner: Perspektiven der historischen Sport- und Bewegungskulturforschung. Band 13 von Publikationen zur österreichischen Kulturforschung, LIT Verlag Münster, 2011, ISBN 978-3-643-50308-4,Kapitel 2. Trans-Formation des Sports, Abschnitt Mediatisierung und Ökonomisierung des Sports, S. 56 ff ().Ausführlich in Lit. Wendl, Dissertation 2009, 4.4 Inhaltsanalyse: Zum Stellenwert des Sports im ORF , S. 168 ff, insb. auch 4.4.4.3 Präsentation und Diskussion der Ergebnisse, S. 210 ff. Mit dem Nebelslalom von Grenoble (Winterspiele 1968) – Karl Schranz wurde seinerzeit disqualifiziert – und der vollständigen Disqualifikation desselben in Sapporo 1972 sorgte der Sport dann auch für den ersten medientransportieren Skandal in der Öffentlichkeit der jungen Zweiten Republik.Roman Horak, Otto Penz, Ingo Peyker: Soziale Bedingungen des Spitzensports. Band 4 von Sport und Gesellschaft. LIT Verlag, Münster 2005, ISBN 978-3-8258-8555-7, S. 20 ();vergl. auch Lit. Wendl, Dissertation 2009, S. 116. Einen politischen Rückhalt bekam die öffentlich-rechtliche Sportreportage insbesondere mit Fred Sinowatz, der in den 1970er Jahren als „Minister des Sports“ in Erscheinung trat, und dann auch als Kanzler 1984 das Sportministerium als explizites Ressort einrichtete (heute am Verteidigungsministerium angesiedelt).
Der ORF im Spannungsfeld der Kommerzialisierung des Sports Über viele Jahre gab es dann in Österreich die Einteilung, dass Sport-Sendungen auf ORF 1 gebracht wurden. Dieser war im Programmschema eher breitenwirksam und auf ein tendenziell jüngeres Publikum hin konzipiert, während ORF 2 den Kulturauftrag des staatlichen Fernsehens leistete. Sukzessive galt die Präsenz und Positionierung des Sports dann auch als große Problematik, da besonders am Wochenende auf ORF 1 der Vormittag mit Kinder- und Jugendprogramm besetzt war, und der Nachmittag mit Sport. Das machte das Wochenendfernsehen für Nicht-Sport-Interessierte unattraktiv. Ursprünglich eine Fragestellung des Alltags für die Zuseher, wurde diese Einseitigkeit mit dem Aufkommen der Privatsender zunehmend auch ein wirtschaftlicher Nachteil für den ORF selbst.
Als weiterer Kritikpunkt galt andererseits, dass die für die gesamte Sportwelt knappe Sendezeit im Fenster ORF Sport dann primär mit Fußball, in der Wintersaison mit dem für Österreich bedeutenden Alpin-Skisport, sowie mit Formel 1 besetzt war.Elmar Oberhauser: Zitat in Dialog mit Elmar Oberhauser. In: BSO/BKA/Wirtschaftskammer Tagung Sport – Wirtschaft – Medien am 25. September 1998. Zusammenfassung der Referate, S. 34; zitiert nach Lit. Wendl, Dissertation 2009, S. 120; vergl. auch Diskussion der Fernsehtauglichkeit S. 135 ff.Hinter dem Fußball steht die schiere Seherzahl als Lobby (2008 waren 525.000 Österreichern in 2212 Vereinen aktiv; Angabe Statistik Austria 2009, nach Lit. Wendl 2009 S. 124), hinter dem Wintersport die österreichische Tourismuswirtschaft, die Formel 1 folgt allgemeinen Autointeresse und hat mit Jochen Rindt und Niki Lauda zwei österreichische „Helden“ hervorgebracht. Lange galt es als unausgesprochene Übereinkunft, dass diese Sportarten als Teil der Österreichischen Kulturidentität und Großereignisse von allgemeinem Informationsinteresse sind. Das galt als Rechtfertigung, Programmplätze der Information, Kultur und Bildung für Sport freizumachen.Vergl hierzu etwa Reinhold Lopatka: Sport – Erfolgszwang und Werte in Widerstreit. In: Andreas Khol: Österreichisches Jahrbuch für Politik 2007. Böhlau Verlag Wien, 2008, ISBN 978-3-205-78082-3, S. 513 ff (). Phasenweise mussten andere breitenwirksamere Ereignisse von besonderem nationalem Interesse (etwa zeitweise die Österreich-Rundfahrt im Radsport, Tennis der 1990er in der Ära Thomas Musters, oder Nordische Sportarten wie Skispringen in den 2000ern) zusätzlich eingeschoben werden. Olympiaden und große Weltmeisterschaften blockierten des sonstige Programm komplett und wurden dann auch teils auf ORF 2 eingeschoben, sodass das Normal-Sendeschema wochenlang gutteils ausfiel, teilweise sogar unter Vernachlässigung des Kulturauftrags, etwa beim Kinder- und Jugendprogramm bei Vormittagsereignissen. Alle restlichen Sportarten, insbesondere Randsportarten, bleiben hingegen weitestgehend unberücksichtigt. Auch das wurde den veränderten Terminisierungen von Sportereignissen, wie auch dem Interesse an neu aufkommenden Sportarten bei weitem nicht mehr gerecht: Als private Sport-Spartensender begannen, den Markt für Übertragungsrechte zu dominieren, wurden Events international zunehmend auf die besten Sendeplätze (Prime-Time) geschoben. Breitensport wurde beispielsweise mit dem Laufsport (etwa im Vienna City Marathon) attraktiv,Nach Untersuchungen von 1999/2000 sind die beliebtesten Sportarten in Österreich Radfahren, Skifahren, Schwimmen (einschließlich Badesport), Wandern, Laufen/Joggen, Tennis, Gymnastik – die bis auf das Skifahren im ORF Sport weitgehend unterrepräsentiert waren. Angabe nach Lit. Wendl, Dissertation 2009, 2.3 Sport in Österreich: Daten und Fakten, (5) Österreich: Ein Land der Radfahrer, Skifahrer und Schwimmer, S. 49 f. (die Studien sind Weiß et al. 1999 und eine Gallup-Studie 2000, genaue Literaturangaben dort, insb. S. 45). und das Aufkommen neuer Trendsportart und Funsportarten – und insbesondere im Wintersport denjenigen im Snowboard-Sektor, der auch gesamtwirtschaftlich den österreichischen Wintertourismus grundlegend veränderte – wurde weitgehend übersehen. + Anteile der Sendekategorien (2006, Prozent der Sendezeit) Unterhaltung 43 Information 21 Familie 15 Wissenschaft 10 Sport 6 Kultur/Religion 5
Durch die immens gestiegenen Kosten etwa für ÜbertragungsrechteFranz Ferdinand Wolf, Österreichischer Rundfunk Wien (Hrsg.): 25 Jahre ORF: 1975-2000. Residenz Verlag, 2001, ISBN 978-3-7017-1300-4, S. 178;Vergl. dazu Lit. Wendl, Dissertation 2009, S. 11 f und 3.3.3 Die „Sport-Medien-Spirale“ – Das Geschäft mit dem Mediensport, S. 113 ff. und die zunehmenden Forderungen an eine Eigenfinanzierung staatlicher Unternehmen, wie auch weil das Kinder- und Jugendprogramm möglichst werbefrei gehalten wurde, war der ORF geradezu gezwungen, Kultur auf schlechte Sendetermine zu stellen, und die (neben der Unterhaltung) über Werbeeinschaltungen gewinnbringenden Sportübertragungen auf beste Sendeplätze zu stellen, und sich gleichzeitig auf wenige hochpopuläre – und auch telegene – Sportarten zu konzentrieren. Entgegen der gefühlten Präsenz nahm das Sportfernsehen (vor Schaffung des Spartenkanals) absolut einen vergleichsweise erstaunlich geringen Anteil im gesamten Programmangebot ein, 2006 beispielsweise – trotz der im Juni des Jahres stattgefundenen Fußball-WM – nur 6,6 % (auf ORF 1 und ORF 2 insgesamt 7573 Stunden/42,6 % Unterhaltungsprogramm, 3820 Stunden/21,5 % Informationssendungen, 1179 Stunden Sport).mediaresearch.orf.at, Statistik Austria 2007 sowie eine Programmanalyse von Jens Woelke 2006; Angabe in Lit. Wendl, Dissertation 2009, S. 113 f und S. 165, dort insb. Abb. 19 Die Sendekategorien des ORF-TV-Programms 2006 in % und Tab. 15: Die meistgesehenen ORF-Sendungen von 2000 bis 2008. Der Anteil redaktioneller Sportsendungen war noch weitaus geringer, bei etwa 0,8 % der Gesamtsendezeit. Der Sport liegt aber durchwegs auf guten Sendezeiten, die Zuschauerzahlen stellen sich anders dar. Einzelne Sportereignisse gehören mit zu den meistgesehenen Sendungen überhaupt (bleiben in Österreich aber vergleichsweise trotzdem im Rahmen anderer Themen wie Politik und Unterhaltung).Im Zeitraum 2002–07, in dem vier Sportsendungen unter den zehn meistgesehenen (Einschaltquote) waren, waren in Deutschland beispielsweise allesamt Fußballspiele, die meisten die WM in Deutschland, obwohl auch in Österreich in der Zeit Großereignisse stattfanden. Angabe nach Lit. Wendl, Dissertation 2009, S. 139, Tab. 13 und 14. + Die meistgesehenen ORF-Sendungen von 2000 bis 2008 Sendung Datum DRW in Mio.* MA in % Zeit im Bild – Nationalratswahl 2,600 79 Thema Spezial – Kampusch-Interview 2,553 77 Zeit im Bild – 9/11 2,248 80 WM-Abfahrt Herren 2,217 87 Fußball-EM AUT–GER 2,189 72 Zeit im Bild – Nationalratswahl 2,175 77 Nationalratswahl 2002 2,167 72 Olympiaabfahrt Herren 2,152 73 Villacher Fasching 2,123 69 Zeit im Bild – Angelobung Reg. Schüssel 2,090 77 * Zuschauer ab 12 Jahren
Neuorientierung der 2000er mini|100px|Logo bis 26. Oktober 2011