250px|mini|Radierung von Jan Luyken (1649–1712) zum Gleichnis Das Gleichnis von den Weinbergpächtern oder Winzern (auch: Gleichnis von den bösen / untreuen / treulosen Weingärtnern / Winzern) ist ein Gleichnis des Jesus von Nazaret. Das apokryphe Thomasevangelium und die drei synoptischen Evangelien des Neuen Testaments (NT) überliefern den Text in verschiedenen Varianten.
Das Gleichnis wird oft in die biblisch-jüdische Tradition des Prophetenmords eingeordnet. In der traditionellen christlichen Bibelexegese diente es als Beleg für die Substitutionstheologie. Dies gilt heute als antijudaistische Fehldeutung.
Textfassungen Das Winzergleichnis liegt in vier Textfassungen vor. Als älteste Fassung gilt die des Thomasevangeliums, das nicht in das NT aufgenommen wurde. Diese selbständige Sammlung von teils authentischen, anfangs mündlich überlieferten Jesusworten entstand sehr früh, zum Teil noch vor der ab etwa 40 n. Chr. entstandenen Logienquelle.Reinhard Nordsieck: Das Thomasevangelium. Einleitung. Zur Frage des historischen Jesus. Kommentierung aller 114 Logien. 3. Auflage, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2006, ISBN 3-7887-1867-6, S. 7–23, hier S. 18 Als älteste der drei übrigen Fassungen gilt die des Markusevangeliums. Dieses lag gemäß der weithin anerkannten Zwei-Quellen-Theorie dem Evangelium nach Matthäus und dem Evangelium nach Lukas vor.Reinhard Nordsieck: Das Thomasevangelium, Neukirchen-Vluyn 2006, S. 253
Thomasevangelium Im Logion 65 des Thomasevangeliums lautet das Gleichnis:
Das Gleichnis bildet hier mit den Logien 63 und 64 eine Reihe, die die Nichtannahme der Botschaft Jesu vom Reich Gottes thematisiert. Im Text fehlen sämtliche auf Bibelzitate anspielenden, allegorischen und erläuternden Motive der NT-Fassungen, die dort als redaktionelle Zusätze gelten. Demnach wurde die Fassung des Thomasevangeliums von den Synoptikern unabhängig überliefert. Reinhard Nordsieck stuft sie wegen ihrer sprachlichen und formalen Schlichtheit als wahrscheinlich authentische Rede Jesu ein, die seine innerjüdischen Gegner vor seiner Tötung und vor Gottes Gericht warnte. Nur die Aufforderung am Schluss sei ein redaktioneller Zusatz, um die Hörer und Leser nach Jesu Tod auf die Folgen ihrer Nichtachtung seiner Botschaft hinzuweisen.Reinhard Nordsieck: Das Thomas-Evangelium, Neukirchen-Vluyn 2006, S. 252–258
Vergleich der kanonischen Synoptiker und des Thomasevangeliums EvThom 65 Jesus begann zu ihnen in Gleichnissen zu reden: Hört noch ein anderes Gleichnis: Er erzählte dem Volk dieses Gleichnis: Er sprach: Ein Mann legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land. Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land. Ein Mann legte einen Weinberg an, verpachtete ihn an Winzer und reiste für längere Zeit in ein anderes Land. Ein gutmütiger Mann hatte einen Weinberg. Er gab ihn Bauern, damit sie ihn bearbeiteten und er die Früchte von ihnen bekäme. Als nun die Zeit dafür gekommen war, schickte er einen Knecht zu den Winzern, um bei ihnen seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs holen zu lassen. Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seine Früchte holen zu lassen. Als nun die Zeit dafür gekommen war, schickte er einen Knecht zu den Winzern, damit sie ihm seinen Anteil an der Frucht des Weinbergs geben sollten. Er schickte seinen Diener, damit die Bauern ihm die Frucht des Weinbergs gäben. Sie aber packten und prügelten ihn und jagten ihn mit leeren Händen fort. Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, wieder einen anderen steinigten sie. Die Winzer aber prügelten ihn und jagten ihn mit leeren Händen fort. Die Bauern ergriffen seinen Diener, schlugen ihn, und sie hätten ihn beinahe getötet. Der Diener ging davon und sagte es seinem Herrn. Sein Herr sprach: Vielleicht haben sie ihn nicht erkannt. Darauf schickte er einen anderen Knecht zu ihnen; und ihn schlugen sie auf den Kopf und entehrten ihn. Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso. Darauf schickte er einen anderen Knecht; auch ihn prügelten und entehrten sie und jagten ihn mit leeren Händen fort. Als er einen dritten schickte, brachten sie ihn um. Ähnlich ging es vielen anderen; die einen wurden geprügelt, die andern umgebracht. Er schickte noch einen dritten Knecht; aber auch ihn schlugen sie blutig und warfen ihn hinaus. Er schickte einen anderen Diener und die Bauern schlugen auch diesen. Schließlich blieb ihm nur noch einer: sein geliebter Sohn. Ihn sandte er als Letzten zu ihnen, denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben. Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben. Da sagte der Herr des Weinbergs: Was soll ich tun? Ich will meinen geliebten Sohn schicken. Vielleicht werden sie vor ihm Achtung haben.Nun schickte der Herr seinen Sohn. Er sprach: Vielleicht werden sie Respekt haben vor meinem Sohn. Die Winzer aber sagten zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn umbringen, dann gehört sein Erbe uns. Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn umbringen, damit wir sein Erbe in Besitz nehmen. Als die Winzer den Sohn sahen, überlegten sie und sagten zueinander: Das ist der Erbe; wir wollen ihn umbringen, damit das Erbe uns gehört. Und sie packten ihn und brachten ihn um und warfen ihn aus dem Weinberg hinaus. Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um. Und sie warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um. Diese Bauern, als sie erfuhren, dass er der Erbe des Weinbergs war, packten ihn und töteten ihn. Was wird nun der Besitzer des Weinbergs tun? Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt: Was wird er mit jenen Winzern tun? Was wird nun der Herr des Weinbergs mit ihnen tun? Er wird kommen und die Winzer vernichten und den Weinberg anderen geben. Sie sagten zu ihm: Er wird diese bösen Menschen vernichten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist. Er wird kommen und diese Winzer vernichten und den Weinberg anderen geben. Als sie das hörten, sagten sie: Das darf nicht geschehen! Habt ihr nicht das Schriftwort gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; vom Herrn ist das geschehen und es ist wunderbar in unseren Augen? Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, / er ist zum Eckstein geworden; / vom Herrn ist das geschehen / und es ist wunderbar in unseren Augen? Da sah Jesus sie an und sagte: Was bedeutet dieses Schriftwort: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, / er ist zum Eckstein geworden? Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die Früchte des Reiches Gottes bringt. Jeder, der auf diesen Stein fällt, wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen. Daraufhin hätten sie Jesus gern verhaften lassen; aber sie fürchteten die Menge. Denn sie hatten gemerkt, dass er mit diesem Gleichnis sie meinte. Da ließen sie ihn stehen und gingen weg. Als die Hohepriester und die Pharisäer seine Gleichnisse hörten, merkten sie, dass er von ihnen sprach. Sie suchten ihn zu ergreifen; aber sie fürchteten die Menge, weil sie ihn für einen Propheten hielt. Die Schriftgelehrten und die Hohepriester hätten gern noch in derselben Stunde Hand an ihn gelegt; aber sie fürchteten das Volk. Denn sie hatten gemerkt, dass er sie mit diesem Gleichnis meinte.Wer Ohren hat, der höre.
Die späteren Evangelisten haben die Markusvorlage zum großen Teil wörtlich übernommen und nur etwas abgewandelt: Wie Mk (11,27) nennt Mt (21,23.45) die Tempelpriester und Ältesten Israels als Adressaten dieser Gleichnisrede Jesu, Lk (20,1.9) zudem das „Volk“. Mt konkretisiert das Subjekt „Mann“ (wörtlich „Mensch“) im Anfangssatz zum „Gutsbesitzer“ (wörtlich „Hausherr“). Lk übernahm den „Mann“, ließ aber „Zaun“, „Kelter“ und „Turm“ weg und ergänzte dafür die Dauer der Auslandsreise. Mt lässt den Gutsbesitzer schon zu Beginn mehrere Knechte senden. Der eine wird geschlagen, der andere wird getötet und der letzte wird gesteinigt. Das wiederholt sich bei weiteren Knechten. Lk überliefert Besuche von drei einzelnen Knechten. Sie werden bei ihm nicht getötet, aber erst geschlagen und fortgeschickt, dann misshandelt, dann verwundet und hinausgestoßen. Bei Mk werden die ersten beiden verprügelt und nur der letzte wird getötet. In allen Versionen fassen die Winzer beim Sohn und Erben des Weinbergbesitzers zuerst einen Tötungsbeschluss. Diesen führen sie bei Mk sofort aus und werfen dann die Leiche hinaus. Mt und Lk kehren die Abfolge um: Zuerst wird der Sohn aus dem Weinberg hinausgeworfen, dann getötet. Auf Jesu Frage nach der Reaktion des Weinbergbesitzers lässt Mt die Zuhörer selbst antworten und ergänzt die Antwort um andere Pächter, die die Ernte später abliefern würden. Dann identifiziert Jesus den Weinberg mit dem „Reich Gottes“ und die „anderen“ mit einem „Volk“, das die künftige Ernte übergeben werde. Lk ergänzt die entsetzte Reaktion der Hörer, wörtlich „Das sei ferne!“ In allen Versionen folgt auf das Gleichnis Jesu Bildwort vom „Eckstein“, ein Zitat von . Lk kürzt das Psalmzitat und ergänzt dafür ein zweites, aus und kombiniertes Zitat zum Zerschellen des Steins.Reinhard Nordsieck: Das Thomas-Evangelium, Neukirchen-Vluyn 2006, S. 254f. Nur bei Mk gehen die Zuhörer zum Schluss fort. Bei allen drei Synoptikern (Mk 12,13–17; Mt 22,15–22; Lk 20,20–26) folgt die Fangfrage der Priester und Schriftgelehrten nach Jesu Stellung zur Kaisersteuer. In allen Versionen folgen den Gleichnisreden und Streitgesprächen Jesu in Jerusalem die Tötungspläne seiner dortigen Gegner.
Biblischer Hintergrund Der Weinberg ist im Tanach, der hebräischen Bibel, ein Bild für das von JHWH erwählte Gottesvolk Israel, so im poetischen „Weinberglied“ des Propheten Jesaja in .Konrad Schmid: Jesaja 1–23. Zürcher Bibelkommentare. Theologischer Verlag, Zürich 2011, ISBN 978-3-290-17605-1, S. 79ff. Prophetische Reden der Bibel begründen die Gerichtsansage gegen bestimmte oder alle Israeliten oft gerade mit Israels Erwählung zum Gottesvolk, die es zum Einhalten der Tora verpflichte. Sie beinhalten und meinen aber keine endgültige Verstoßung und keinen Verlust dieser Erwählung, da sie JHWH einen Neuanfang zutrauen.Helmut Merklein: Die Jesusgeschichte - synoptisch gelesen. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1995, ISBN 3-460-33061-9, S. 181–186
Das Winzergleichnis spielt mit den Motiven vom Anlegen des Weinbergs, Zaun, Turm und Kelter in Mk 12,1 deutlich auf Jesajas Weinberglied an: Dies ist Konsens in der NT-Exegese, nicht aber die Gleichsetzung des Weinbergbesitzers bei den Synoptikern mit dem Gott Israels.Luise Schottrof: Die Gleichnisse Jesu, Gütersloh 2005, S. 30
Antijudaistische Deutungen Im 2. Jahrhundert erlangten Heidenchristen gegenüber Judenchristen die Mehrheit im Christentum. Sie deuteten das Gleichnis seitdem kontinuierlich im Sinne der Substitutionstheologie: Die Juden seien kollektiv und dauerhaft Schuld an Jesu Tod (siehe Gottesmord) und hätten darum Gottes Erwählung zum Volk Gottes verloren. Die Kirche sei das „neue“ oder „wahre“ Volk Gottes, dem Gott die Verheißungen an Israel übergeben oder vererbt habe.Heinz Schreckenberg: Die christlichen Adversus-Judaeos-Texte und ihr literarisches und historisches Umfeld (1. - 11. Jh.). 4., überarbeitete und ergänzte Auflage, Peter Lang, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-631-33945-3, S. 237ff., 244, 317, 355, 360, 366