Lestodon ist eine Gattung aus der heute ausgestorbenen Familie der Mylodontidae, die große, bodenlebende Faultiere umfasste. Es gehört neben Megatherium und Eremotherium zu den größten bekannten Faultieren überhaupt, war mit diesen beiden aber nicht näher verwandt. Funde von Lestodon sind vor allem aus der Pamparegion und nördlich anschließenden Gebieten in Südamerika überliefert und datieren vom Pliozän vor rund 5 Millionen Jahren bis in das ausgehende Pleistozän vor etwa 10.000 Jahren, wobei Fossilreste aus dem Oberen Pleistozän weitaus häufiger beobachtet werden. Sie lassen annehmen, dass der Faultiervertreter hauptsächlich offene Landschaften bewohnte.

Höchstwahrscheinlich ernährte sich Lestodon überwiegend von Gräsern, was durch den Bau des Gebisses und der allgemeinen Schädelgestaltung belegt werden kann. Es stellte aufgrund der Körperproportionen einen eher langsamen Wanderer dar, der sich aber bei Bedarf auf den Hinterbeinen aufrichten konnte. Möglicherweise war der Faultiervertreter befähigt, im Boden zu wühlen, wie es von anderen Mitgliedern der Mylodonten belegt ist, doch war er für intensive Grabungsaktivitäten weniger gut ausgestattet. Der Aufbau des Gehörs spricht dafür, dass Lestodon Frequenzen im Infraschall wahrnehmen konnte und wahrscheinlich auch darüber kommunizierte.

Die wissenschaftliche Erstbeschreibung der Gattung geht auf das Jahr 1855 zurück und wurde von Paul Gervais durchgeführt. Bereits 1841 hatte aber ein dänischer Zoologe Funde beschrieben, die heute zu Lestodon gestellt werden. Sein verwendeter Name Platygnathus ist aber nicht anerkannt. Im Laufe der Forschungsgeschichte wurden zahlreiche Arten der Gattung beschrieben. Untersuchungen lassen jedoch vermuten, dass höchstwahrscheinlich nur eine Art im Pleistozän Südamerikas präsent war.

Merkmale Allgemein und Körpergröße Lestodon war ein sehr großer Vertreter der bodenbewohnenden Faultiere und der mit Abstand größte bekannte Vertreter der Mylodontidae. Seine Körperlänge wird mit 4,6 m angegeben. Einigen Berechnungen zufolge erreichten einzelne Individuen ein Körpergewicht von 2,7 bis 3,6 t, andere Annahmen gehen von bis zu 4,1 t aus. Er gehörte somit neben Megatherium und Eremotherium zu den größten bekannten Bodenfaultieren überhaupt, war aber mit beiden nicht näher verwandt. Im Bezug auf die Körperproportionen wich Lestodon von den beiden anderen genannten riesigen Bodenfaultieren ab, da es als Vertreter der Mylodonten sehr kurze untere Gliedmaßen besaß. Wie alle bodenlebenden Faultiere war es insgesamt durch gegenüber den Hinterbeinen kürzere Vorderbeine und durch einen – abweichend von den heutigen, baumlebenden Arten – langen Schwanz gekennzeichnet.

Schädel- und Gebissmerkmale mini|Schädel von Lestodon: Deutlich sichtbar ist die breite Nasenöffnung. Der Schädel von Lestodon ähnelte dem seines nahen Verwandten Glossotherium, war aber deutlich größer. Er zeichnete sich allgemein durch eine in der Aufsicht nahezu prismatisch-rechteckige Form aus. Seine Länge variierte von 52 bis 65 cm, die Gesamthöhe lag bei maximal 19 cm. Der größte Teil des Rostrums wurde durch den Oberkiefer gebildet, der in Seitenansicht rechteckig und sehr hoch gestaltet war. In der Aufsicht erweiterte er sich im vorderen Bereich stark, sodass die maximale Breite am vorderen Ende des Oberkiefers bis zu 25 cm betrug. Dadurch entstand eine sehr weite und hohe Nasenöffnung, was ein deutlicher Unterschied zu der eher schmalen Schnauze von Mylodon ist. Das Nasenbein war seitlich vollständig mit dem Oberkiefer verwachsen, die Knochennähte zwischen den beiden Schädelknochen zeigten einen konvexen Verlauf, sodass das Nasenbein in der Mitte deutlich eingeschnürt war. In der Regel übertraf die hintere Breite in Kontakt mit dem Stirnbein die vordere erheblich. Der Mittelkieferknochen war, wie bei allen Faultieren typisch, sehr kurz. Er hatte eine Bogenform und besaß nur eine lockere Verbindung mit dem Oberkiefer. Ebenso zeichnete sich der Jochbogen entsprechend zahlreichen anderen Faultieren – mit Ausnahme der großen Megatherien – als nicht geschlossen aus. Der vordere, nach hinten orientierte Bogenteil, der vom Jochbein ausgeht, besaß hinten eine massive, plattenartige Verbreiterung und endete in drei Fortsätzen: einem aufsteigenden oberen, einem abwärtsführenden unteren und einem weitgehend horizontal orientierten mittleren. Während der aufsteigende und absteigende Fortsatz jeweils gut entwickelt waren, wies der mittlere in der Regel nur eine geringe Länge auf. Der Bogenabschnitt des Schläfenbeins zeigte nach vorn und besaß eine schlanke, fingerartige Form. Die beiden Enden des vorderen und hinteren Bogenabschnitts lagen wie bei allen Mylodonten sehr eng beieinander. Das Hinterhauptsbein war breiter als hoch und wies einen kräftigen Querwulst auf. In seiner Form unterschied es sich eindeutig von dem deutlich flacheren Hinterhauptsbein bei Glossotherium und dem eher kreisförmigen bei Mylodon.

Der Unterkiefer besaß eine Länge zwischen 37 und 51 cm. Die Unterkante des horizontalen Knochenkörpers verlief weitgehend gerade. Er wies seine größte Höhe am hintersten Backenzahn auf, wo er bis zu 12,5 cm maß. Seine Höhe nahm nach vorn kontinuierlich ab, im Bereich der Symphyse wurde er wieder mächtiger. Die Symphyse selbst war extrem kräftig und breit, analog dem sehr weiten Oberkiefer, und stieg am Vorderrand des Unterkiefers in einem Winkel von 45° auf. Der verlängerte vordere Bereich erreichte die halbe Länge der Zahnreihe, die Gesamtlänge der Symphyse betrug etwa 10 cm. Sie wies vorn eine gerade oder nur leicht gewölbte Abschlusskante auf. Der Winkelfortsatz am hinteren Ende des Unterkiefers war prominent ausgebildet und lag deutlich unterhalb der Zahnebene. Das Gebiss wies die für Faultiere typische Struktur auf. Es setzte sich aus 5 Zähnen je Kieferast im Oberkiefer und 4 je Kieferast im Unterkiefer zusammen, bestand also aus insgesamt 18 Zähnen. Der jeweils vorderste Zahn war in Form eines Eckzahns gestaltet (caniniform) und hatte teilweise recht große Ausmaße. Durch den breiten Bau des Maules standen diese eckzahnartigen Zähne im Unterkiefer bis zu 17 cm auseinander. Zwischen dem vordersten, caniniformen Zahn und den hinteren Zähnen bestand ein sehr ausgedehntes Diasterma, das im Oberkiefer durchschnittlich 6,8 cm, im Unterkiefer rund 5,5 cm erreichte. Die hinteren Backenzähne zeigten einen molarenartigen Bau. Charakteristisch war die für späte Mylodonten flache bis leicht eingesenkte Kaufläche, die so eine lappenartige (lobate) Gestaltung erhielt. Die Zähne bestanden im Innern aus einer harten Variante des Zahnbeins (Orthodentin) und wurden außen von einer Hülle aus Zahnzement umschlossen. Die Länge der gesamten Zahnreihe im Unterkiefer betrug bis zu 19 cm, wovon die molarenartigen Zähne etwa 11 cm beanspruchten. Die Länge der einzelnen hinteren Backenzähne variierte hier zwischen 3 und 4 cm, der hinterste war in der Regel am größten.

Körperskelett mini|Oberschenkelknochen von Lestodon mini|links|Fuß von Lestodon Das Körperskelett ist relativ gut überliefert. Der Oberarmknochen wurde bis zu 51 cm lang und besaß ein für Bodenfaultiere typisches massives unteres Gelenk mit einem Durchmesser von gut 26 cm. Im Vergleich zu anderen großen Mylodonten war der Oberarmknochen aber relativ grazil gebaut. Dem gegenüber betrug die Länge der Elle bis zu 46 cm. Sie verfügte entsprechend anderen nahe verwandten Formen über einen recht ausgedehnten körpernahen Gelenkfortsatz, das Olecranon, welches bis zu 16 cm in der Länge maß. Der charakteristisch gestaltete Oberschenkelknochen, der eine Länge von bis zu 74 cm aufwies und am oberen Gelenkende bis zu 34 cm breit wurde, war extrem abgeplattet und wirkte dadurch brettartig flach. Er ähnelte dem von Mylodon, hatte aber größere Ausmaße. Von den Megatherien unterschied sich der Oberschenkelknochen durch die weniger deutlich rechteckig-breite Gestaltung in der Ansicht von vorn. Am Schaft war ein dritter Trochanter als Muskelansatzstelle ausgebildet, der aber nicht sehr erhaben wirkte. Schien- und Wadenbein waren teilweise am oberen Ende miteinander verwachsen, was aber innerhalb der Gattung eher variabel auftrat. Beide zeichneten sich durch ihren wiederum eher flachen und sehr kurzen Bau aus, das Schienbein erreichte gegenüber dem Oberschenkelknochen nur knapp die Hälfte an Länge. Dies ist typisch für zahlreiche Mylodonten und unterscheidet diese von den Megatherien, bei denen die unteren Beinabschnitte verhältnismäßig länger waren. Der Hinterfuß von Lestodon stimmte weitgehend mit dem anderer Mylodonten überein. Er besaß insgesamt vier Strahlen (II bis V), wobei nur die beiden inneren (II und III) Krallen trugen. Die ersten beiden Zehenglieder des zweiten Strahls waren üblicherweise miteinander verwachsen, abweichend von Paramylodon und übereinstimmend mit Glossotherium bestand der dritte Strahl aber aus drei Phalangen. Die jeweiligen Endglieder konnten hier mit 14 bis 17 cm sehr lang werden. Die beiden äußeren Strahlen (IV und V) wiesen nur jeweils zwei Zehenglieder auf, demzufolge waren hier keine Krallen ausgebildet. Dafür besaßen die Mittelfußknochen hier einen deutlich massiveren Bau. Wie bei zahlreichen großen Bodenfaultieren war der Fuß nach innen gedreht und stützte mit dem äußersten Strahl und dem Fersenbein auf den Boden auf (pedolateral).

Verbreitung und bedeutende Fossilfunde mini|Skelettrekonstruktion von Lestodon mini|hochkant|Verschiedene Funde von Lestodon (Schädel, Unterkiefer, Rippen- und Oberarmfragment, Metapodium, Halswirbel) Lestodon lebte vom Pliozän bis zum ausgehenden Pleistozän vor rund 5 Millionen bis vor etwa 10.000 Jahren, sein hauptsächliches Verbreitungsgebiet umfasste die heutigen Pampagebiete in Südamerika. Dabei überschnitt sich das Vorkommen mit dem des riesigen Megatheriums (speziell Megatherium americanum). Möglicherweise bestanden in diesen damals teils offenen Landschaften gewisse ökologische Unterschiede, die eine direkte Konkurrenz der beiden Faultiervertreter minimierten, was aber bisher noch nicht genau untersucht ist. Auffällig ist eine häufige Konzentration von Fundstellen mit Resten von Lestodon im heutigen Uruguay östlich des Río de la Plata, wo Megatherium allgemein nur selten nachgewiesen wurde. Westlich des Flusses im heutigen Argentinien dagegen ist Lestodon weitaus weniger häufig überliefert. Nach Norden hin reichen Fossilfunde der Faultiergattung bis zum brasilianischen Bundesstaat São Paulo, wo es teilweise auch zu Überschneidungen mit Eremotherium kommt. Als nördliche Verbreitungsgrenze wird der 23. südliche Breitengrad angegeben. Des Weiteren haben die Schelfgebiete als wichtige Fossillager in jüngerer Zeit an Bedeutung zugenommen. Insgesamt sind Fossilfunde von Lestodon aber deutlich seltener als solche von Megatherium oder Eremotherium.