Die Erschaffenheit des Korans () ist eine auf den Koran bezogene theologische Doktrin im Bereich des Islams, die auf die beiden Gelehrten al-Dschaʿd ibn Dirham (gest. 724) und Dschahm ibn Safwān (gest. 746) zurückgeht und besagt, dass der Koran von Gott erschaffen wurde. Mit dieser Lehre stellten sich die beiden Gelehrten gegen die von anderen muslimischen Gelehrten vertretene Position, wonach der Koran als Rede Gottes präexistent ist, also bereits von aller Ewigkeit her existiert. Während des neunten Jahrhunderts wurde der Lehrsatz von der Erschaffenheit des Korans im Abbasidenstaat zeitweise zur Staatsdoktrin erhoben, während diejenigen, die sie ablehnten, im Rahmen der Mihna verfolgt wurden. Später hat diese Doktrin auch Eingang in die Dogmatik der islamischen Strömungen der Muʿtaziliten und Ibaditen gefunden.

Im sunnitischen Islam hanbalitischer Prägung wird die Lehre von der Erschaffenheit des Korans als häretisch abgelehnt. Eine Kompromissposition hinsichtlich des Chalq al-Qur'āns entwickelte der Theologe Ibn Kullāb, indem er zwischen dem Inhalt (maʿnā) und der Ausdrucksform (ʿibāra) des Korans unterschied und die Lehre vertrat, dass nur der Inhalt unerschaffen, die Ausdrucksform jedoch erschaffen sei. Diese Position wurde später von den Aschʿariten übernommen. In der Gegenwart hat die Kontroverse über die Erschaffenheit des Koran stark an Bedeutung verloren. Die Anhänger der Lehre vom Chalq al-Qur'ān werden in der islamischen Häresiographie nach Dschahm ibn Safwān als Dschahmiten (Ǧahmīya) bezeichnet.

Hintergrund: die Lehre von der Präexistenz des Korans Schon in den ersten Jahrzehnten nach dem Tod Mohammeds wurde dem Koran ein übernatürliches Wesen und Präexistenz zugeschrieben.Vgl. Wolfson: The philosophy of Kalām. 1976, S. 238f. Im Koran selbst gibt es einige Stellen, aus denen sich eine derartige Präexistenz herleiten lässt. So ist in Sure 85:22 von einer wohlverwahrten Tafel (lauḥ maḥfūẓ) die Rede, auf der sich der Koran befinden soll, und in Sure 97:1 wird mitgeteilt, dass Gott den Koran in der Lailat al-Qadr hinabgesandt habe. Von dem Prophetengefährten ʿAbdallāh ibn ʿAbbās wird überliefert, dass er aus der Beschreibung des Korans in Sure 39:28 als einer „Lesung auf Arabisch, an der nichts Krummes ist“ (qurʾānan ʿarabīyan ġaira ḏī ʿiwaǧin) schloss, dass er unerschaffen (ġair maḫlūq) sein müsse.Vgl. al-Ašʿarī: al-Ibāna ʿan uṣūl ad-diyāna. 1994. S. 82.

Der kufische Gelehrte Sufyān ath-Thaurī (gest. 778) soll seine ʿAqīda mit dem Glaubenssatz begonnen haben: „Der Koran ist die Rede Gottes, ungeschaffen, von ihm nahm er seinen Anfang und zu ihm kehrt er zurück.“Vgl. van Ess: Theologie und Gesellschaft. 1997, Bd. IV, S. 629. Die Auffassung, dass der Koran als Rede Gottes anfangsewig sei, fand offenbar auch in der breiten Bevölkerung viel Anklang. Der abbasidische Kalif al-Ma'mūn schrieb in einem Brief an seinen Gouverneur von Bagdad kurz vor seinem Tod im Jahre 833: „Die Menge und große Mehrheit von den Untertanen und das niedrigstehende Volk, die nicht nachdenken und überlegen, und nicht die Argumente und die Rechtleitung nutzen, die Gott zur Verfügung stellt, und nicht durch das Licht der Wissenschaft erleuchtet sind, […] stellen Gott und den Koran, den er herabgesandt hat, auf die gleiche Stufe. Sie stimmen alle darin überein, dass er anfangsewig (qadīm) ist, vom ersten Augenblick an existiert und Gott ihn weder erschaffen, hervorgebracht oder erzeugt hat.“Vgl. Peters: God’s created speech. 1976, S. 2f. und aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ al-rusul wa-l-mulūk. Bd. II, S. 1112f. Al-Ma'mūn stellte die Vermutung an, dass diese Idee der Präexistenz des Korans von christlichen Lehren über die Präexistenz Christi beeinflusst sei.Vgl. Wolfson: The philosophy of Kalām. 1976, S. 240f und aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ al-rusul wa-l-mulūk. Bd. II, S. 1118, Z. 10f.

Bei den imamitischen Schiiten vertrat der Theologe Hischām ibn al-Hakam (gest. 795 oder später) die Lehre, dass der Koran ein Attribut Gottes sei, das weder erschaffen noch erschaffend genannt werden könne.al-Ašʿarī: Maqālāt al-islāmīyīn. 1963, S. 582, Zeile 10f. Diese Position wird auch dem sechsten schiitischen Imam Dschaʿfar as-Sādiq (gest. 765) nachgesagt.van Ess: Theologie und Gesellschaft. Bd. I, S. 376. H.A. Wolfson vermutet, dass man sich mit dem Zusatz, dass der Koran auch kein Schöpfer sei, von christlichen Positionen abzusetzen versuchte, wonach die Präexistenz Christi einschließt, dass Christus auch Weltenschöpfer ist.Vgl. Wolfson: The philosophy of Kalām. 1976, S. 244. Der schiitische Gelehrte Ibn Bābawaih (gest. 991) erklärte diese Position später mit den Worten: „Wir hielten nur deswegen davon Abstand, den Koran als maḫlūq („erschaffen“) zu bezeichnen, weil maḫlūq von der Lexik her etwas Erlogenes sein kann“.Aṣ-Ṣadūq: at-Tauḥīd. Ed. Hāšim al-Ḥusainī aṭ-Ṭahrānī. Muʾassasat an-Našr al-islāmī, Qom, 1430h (= 2008/09 n. Chr.). S. 219. Digitalisat

Dschaʿd ibn Dirham und Dschahm ibn Safwān Widerstand gegen diese Lehre der Präexistenz des Korans bildete sich zum ersten Mal in den letzten Jahrzehnten der umaiyadischen Herrschaft. In dieser Zeit sollen Dschaʿd ibn Dirham und Dschahm ibn Safwān, die Lehre verfochten haben, dass der Koran von Gott erschaffen (maḫlūq) ist. Von Dschaʿd, der ein Lehrer des späteren Kalifen Marwān ibn Muhammad war und 742/43 von Chālid al-Qasrī hingerichtet wurde, wird auch überliefert, dass er die Auffassung vertrat, Gott könne nicht, wie es im Koran ausgesagt wird, mit Mose gesprochen haben.Vgl. Wolfson: The philosophy of Kalām. 1976, S. 266. Tilman Nagel vermutet, dass Dschaʿd mit dieser Leugnung einer kommunikativen Berührung zwischen Gott und Mensch darauf abzielte, die Transzendenz Gottes zu wahren.Vgl. Tilman Nagel: Geschichte der Islamischen Theologie. Beck, München, 1994. S. 102.

Dschahm, der möglicherweise ein Schüler von Dschaʿd war und später in Transoxanien dem Murdschi'ten Hārith ibn Suraidsch als Sekretär diente, hatte ebenfalls ein sehr abstraktes Gottesbild, das er in Auseinandersetzung mit der Sumanīya, einer wahrscheinlich buddhistischen Sekte, entwickelt hatte.Vgl. Tilman Nagel: Geschichte der Islamischen Theologie. Beck, München, 1994. S. 102f. Er meinte, dass es neben Gott nichts geben könne, das wie er anfangsewig sei. Dies bezog er auch auf Himmel und Hölle sowie die Urschrift des Korans, das sogenannte Umm al-Kitāb, die seiner Auffassung nach alle in der Zeit erschaffen sein mussten. Einer der Gründe für Dschahms Beharren darauf, dass der Koran erschaffen sein müsse, war seine strikte Ablehnung des Anthropomorphismus. Nach dem Bericht Ahmad ibn Hanbals vertrat er die Auffassung, dass Gott niemals gesprochen habe und auch nicht spreche. Anders als seine Geschöpfe habe Gott keinen physischen Körper, weswegen er Rede, die von den Menschen wahrgenommen werden kann, nur erschaffen könne.Vgl. Martin: „Createdness of the Qurʾān“ 2001, S. 468b.

Ein legendarischer Bericht in Ibn al-Athīrs Weltchronik gibt der Lehre von der Erschaffenheit des Korans eine längere Traditionskette. Demnach soll Dschahm ibn Safwān diese Lehre von Dschaʿd ibn Dirham übernommen haben, dieser wiederum von dem schiitischen Häretiker Bayān ibn Samʿān, Bayān von Tālūt, dem Neffen und Schwiegersohn des Juden Labīd ibn al-Aʿsam, von dem berichtet wird, dass er versucht habe, den Propheten Mohammed mit einem Zauber zu verhexen. Labīd ibn al-Aʿsam habe seinerseits die Lehre von der Erschaffenheit der Tora vertreten. Tālut habe dann zum ersten Mal ein Buch darüber abgefasst.Vgl. Ibn al-Aṯīr: Al-Kāmil fī t-tārīḫ. Ed. C.J. Tornberg. Brill, Leiden, 1865. Bd. VII, S. 49, Z. 7–11. Digitalisat Zwar hatte diese Legende sicherlich vor allem den Zweck, die Vertreter der Lehre von Erschaffenheit des Korans zu diskreditieren, doch ist nicht auszuschließen, dass diese Lehre jüdischen Ursprungs ist, weil sich in der Tat im babylonischen Talmud und in den Midraschim Äußerungen über die Erschaffenheit der Tora finden.Vgl. Martin Schreiner: Der Kalâm in der jüdischen Literatur. Berlin 1895. S. 3f. Digitalisat

Frühe Anhänger und Gegner des Chalq al-Qur'ān Dschahm konnte mit seiner Lehre von der Erschaffenheit des Korans einige Anhänger gewinnen, insbesondere unter den Hanafiten und Murdschi'iten. Sie werden in den Quellen als Dschahmiten (Ǧahmīya) bezeichnet.Vgl. van Ess: Theologie und Gesellschaft. 1997, Bd. IV, S. 628. Wahrscheinlich konnte er auch Abū Hanīfa selbst überzeugen. Al-Chatīb al-Baghdādī (gest. 1071) berichtet, dass Chālid al-Qasrī ihn wegen seines Bekenntnisses zum Chalq al-Qur'ān zur Tauba aufgefordert habeVgl. van Ess: Theologie und Gesellschaft. 1991, Bd. I, S. 188. und es deswegen auch zu Spannungen zwischen Abū Hanīfa und seinem Schüler Hammād ibn Abī Sulaimān gekommen sei.Vgl. van Ess: Theologie und Gesellschaft. 1991, Bd. I, S. 191. Der syrische Traditionist Abū Zurʿa ad-Dimaschqī (gest. 894) äußerte sogar die Auffassung, dass Abū Hanīfa der erste gewesen sei, der die Lehre von der Erschaffenheit des Korans öffentlich vertreten habe.Vgl. Madelung: The origins of the controversy. 1974, S. 510.

Ein besonders glühender Anhänger des Chalq al-qur'ān war der Murdschi'it und Hanafit Bischr al-Marīsī (gest. 833). Er stützte sich zur Begründung dieser Lehre insbesondere auf die beiden Koranworte in Sure 43:2–3 „Bei der deutlichen Schrift! Wir haben sie zu einem arabischen Koran gemacht. Vielleicht würdet ihr verständig sein.“ und Sure 42:52 „Wir haben ihn (sc. den Koran) zu jedoch zu einem Licht gemacht, mit dem wir rechtleiten, wen von unseren Dienern wir wollen.“ Aus der Verwendung des Ausdrucks „wir haben … gemacht“ schloss er, dass Gott den Koran erschaffen haben müsse.Vgl. van Ess: Theologie und Gesellschaft. 1993, Bd. V, S. 362.

Auch viele Muʿtaziliten übernahmen die Lehre von der Erschaffenheit des Korans, so Abū Bakr al-Asamm (gest. 817) und Abū Mūsā al-Murdār (gest. 840), die beide eigenständige Schriften zu der Frage abfassten.Vgl. van Ess: Theologie und Gesellschaft. 1992, Bd. II, S. 397. Al-Murdār stellte denjenigen, die an die Unerschaffenheit des Korans glaubten, das Höllenfeuer in Aussicht.Vgl. van Ess: Theologie und Gesellschaft. 1992, Bd. III, S. 136f.

Die Dschahmiten, also die Anhänger des Chalq al-Qur'ān, hatten aber auch viele Gegner. Sufyān ath-Thaurī, ein erklärter Gegner der Murdschi'a, betrachtete jeden, der behauptete, dass der Koran erschaffen sei, als einen Ungläubigen.Vgl. al-Ašʿarī: al-Ibāna ʿan uṣūl ad-diyāna. 1994. S. 82. In der irakischen Stadt Wāsit wetterte der Traditionarier Yazīd ibn Hārūn (gest. 821) gegen diese Lehre und verfluchte Dschahm ibn Safwān. Er erklärte auch Bischr al-Marīsī und Abū Bakr al-Asamm wegen ihres Bekenntnisses zu dieser Lehre für Ungläubige, deren Blut man vergießen dürfe.Vgl. van Ess: Theologie und Gesellschaft. 1997, Bd. II, S. 431.

Andere Gelehrte hielten sich bewusst aus dem Konflikt über die Erschaffung des Korans heraus. Der Hanafit Abū Yūsuf zum Beispiel verbot, hinter einem Imam zu beten, der behauptete, dass der Koran erschaffen oder unerschaffen sei. Da Abū Yūsuf unter Hārūn ar-Raschīd der Ober-Qādī des Abbasidenstaates war, ist dies möglicherweise damals die offizielle staatliche Haltung zu dieser Frage gewesen.Vgl. Madelung: The origins of the controversy. 1974, S. 519f.

Die Mihna und die Befragung Ahmad ibn Hanbals