Moritzberg ist ein Stadtteil im Westen Hildesheims. Zusammen mit den Siedlungen Waldquelle, Godehardikamp und Bockfeld bildet er eine der 14 Ortschaften der Stadt. Das alte Stiftsdorf wurde 1911 eingemeindet.
Geografie Nördlich grenzt der Moritzberg an Himmelsthür, das durch die B 1 vom Moritzberg getrennt wird. 2011 wurden der Stadtteil Moritzberg mit Godehardikamp und Bockfeld sowie der östlich angrenzende Stadtbezirk West mit dem Steinbergviertel, der sich von der Schützenwiese im Norden bis zum Waldgebiet Steinberg tief im Süden erstreckt, zu einem Stadtteil mit dem Namen Moritzberg vereinigt. Im Westen befinden sich umfangreiche Grün- und Waldflächen im Zuge Gallberg – Rottsberg – Lärchenberg, im Süden das ehemalige Dorf Neuhof. Sie gehören alle zum Stadtbezirk Neuhof/Hildesheimer Wald.
Geschichte mini|260px|Moritzberg, im Vordergrund Hildesheimer Schützenhaus, Lithografie um 1860 Mittelalter Die schriftlich nachweisbare Geschichte des Moritzbergs beginnt 1028 mit der Einweihung der (ersten) Mauritiuskirche auf dem damals noch „Zierenberg“ genannten Höhenzug durch Bischof Godehard. Ab etwa 1025 hatte er dort eine befestigte Anlage und ein „monasterialem ecclesiam“, also ein Stift oder Kloster, errichten lassen.Hans Goetting, Die Hildesheimer Bischöfe von 815 bis 1221/1227 (Das Bistum Hildesheim 3 = Germania Sacra N.F. 20), Berlin/New York 1984, S. 250; s. auch zum Folgenden Michael Geschwinde: „We, dat gantze capittel to sentte Mauriciuse uppe dem Berghe vor Hildensem…“ Eine Geschichte des Moritzberges im Mittelalter. In: Arbeitsgruppe Moritzberg 1989, S. 1–26 Aber schon vor diesem Zeitpunkt war der Berg besiedelt, dafür war die landschaftliche und strategische Lage zu günstig. Wahrscheinlich gab es schon im 5. Jahrhundert eine Befestigung auf dem Berg sowie kleinere Kapellen, von denen eine über einem heidnischen Quellheiligtum zu Ehren des Gottes Ziu errichtet worden war. Im 8. Jahrhundert soll Bonifatius eine Kirche auf dem Zierenberg gegründet haben, im 9. Jahrhundert der erste Hildesheimer Bischof Gunthar eine bischöfliche Burg und Hauskapelle.s. Artikel des , aufgerufen am 8. Februar 2008
1058 bestätigte der Papst dem Hildesheimer Bischof die Stiftung eines Nonnenklosters auf dem Moritzberg, das schon wenige Jahre später in ein Kollegiatstift umgewandelt wurde. Ein größerer Kirchbau entstand, den man 1072 in Anwesenheit Kaiser Heinrichs IV. weihte. 1151 wurde der Grundbesitz des Stifts St. Mauritius erstmals schriftlich festgehalten. Neben der Stiftskirche erwähnt die Urkunde die St. Godehardkapelle, die Propsteikapelle und ein „Altkloster“ („vetus monasterium“), bei dem es sich vielleicht um den ersten St. Mauritiusbau handelte. Im 12. und 13. Jahrhundert dehnte das Stift seinen Grundbesitz erheblich aus und wurde recht wohlhabend. Wahrscheinlich bereits im 11. Jahrhundert wurde am später Kupferstrang genannten Innerste-Seitenarm die Moritzberger Bergmühle errichtet, die im Jahr 1500 in den Besitz der Stadt Hildesheim überging. 1451 ist eine Kupfermühle an der Trillke belegt.Urkundenbuch der Stadt Hildesheim. Bd. 7. Hildesheim 1899, Nr. 8
1196 überließ das Moritzstift flämischen Siedlern Land an der Dammstraße, die vom Moritzberg nach Hildesheim führt. 1232 wurden weitere Flamen angesiedelt und dem Ort vom Vogt des Stiftes Stadtrecht verliehen. Der Dammstadt genannte Ort machte den Hildesheimern wirtschaftlich Konkurrenz. 1332 überfielen Truppen des designierten Hildesheimer Bischofs Erich von Holstein-Schauenburg (Schaumburg) den Ort, töteten die Einwohner und brandschatzten die Stadt. Dabei drangen sie bei der Verfolgung von Flüchtenden auch ins Bergdorf und das Moritzstift ein.s. Michael Schütz: „Keine Sühne für grausame Taten“. Sona Dammonis – Versöhnung wegen der Dammstadt. (Historische Dokumente aus dem Stadtarchiv, Folge 109). In: HAZ v. 11. Februar 2006 (Beilage) 1347 griffen die Hildesheimer den Moritzberg direkt an, zerstörten Kirchen und Häuser, plünderten und vertrieben alle Einwohner. Der Neuaufbau verlief schleppend, obwohl das Stift Teile seines Grundbesitzes verkauft. Noch 1382 war St. Mauritius nicht vollständig wiederhergestellt. Und die zahllosen Auseinandersetzungen der Hildesheimer Bischöfe mit benachbarten Landesherren zogen die Moritzberger noch jahrzehntelang in Mitleidenschaft.
Von Anbeginn besteht der Ort Moritzberg aus zwei Teilen: Dem kirchlichen Moritzstift auf der Bergspitze und dem von ihm abhängigen Bergdorf. Das Stift genießt engere Immunität („Stiftsfreiheit“), d. h., es unterliegt nicht der normalen Gerichtsbarkeit, sondern ist auf seinem Grundbesitz selbst Gerichtsherr. 1427 wird den Pröpsten des Stifts von Bischof Magnus die „Halsgerichtsbarkeit“ zugestanden. Damit verhandeln sie auch Vergehen wie Mord, Raub und Brandstiftung selbst und können die Todesstrafe verhängen. 1595 wird ihnen dieses Recht wegen „Nichtgebrauch“ wieder entzogen. Seit dem 17. Jahrhundert üben die Bewohner des Bergdorfes im gewissen Rahmen Selbstverwaltung aus: Sie wählen Bürgermeister und Rat.Sabine Brand: Was ist ein Stift. In: Arbeitsgruppe Moritzberg 1989, S. 35–51, hier S. 46ff. Das Bergdorf Moritzberg war nicht von einer Mauer umgeben, sondern lediglich von einem Wall mit Graben. Die Namen von drei Toren sind überliefert: Das ungefähr 1430 in einer Urkunde zum ersten Mal genannte Katztor mit einem 28 Fuß hohen Turm, an das die Straße „Am Katztor“ noch heute erinnert, erhob sich am südlichen Ende der Bennostraße unweit der heutigen Einmündung der Kleinen Steuer kurz vor dem jüdischen Friedhof. Das 1452 errichtete Dingworthtor stand am nördlichen Ende der Dingworthstraße. Am nördlichen Ende des „Obere Bergstraße“ genannten Abschnitts der heutigen Bergstraße befand sich das Krehlator mit seinem 25 Fuß hohen Turm, das auch Schäfertor genannt wurde.Hildesheimer Allgemeine Zeitung v. 2. Februar 2008, S. 16.
Frühe Neuzeit mini|230px|Bergflecken Mauritius um 1770 mit Kreyla- und Katzthor sowie Juden-Begräbnis mini|links|1652 erhielten die Bürger von „S. Mauritiy oder Zierenberges“ ihr erstes Wappen von Kaiser Ferdinand III. 1510 widersetzten sich die Moritzberger dem Hildesheimer Bischof Johannes IV. von Sachsen-Lauenburg, der daraufhin den Ort durch Söldner plündern lässt. Zwischen 1519 und 1523 wurde der Moritzberg während der Hildesheimer Stiftsfehde von Braunschweiger Truppen besetzt und Hildesheim vom Moritzberg aus beschossen.
1542 wurde in Hildesheim die Reformation eingeführt. Dem Stift Moritzberg gelang es aber, die Ansiedlung von Nicht-Katholiken auf seinem Gebiet zu verhindern. 1549 wütete die Pest auf dem Moritzberg. 1553 und 1572 wurde der Ort wieder von Söldnern überfallen und geplündert. Als es 1595 unter dem Vorwand der Blutschande zur Vertreibung der Juden aus Hildesheim kam, flüchteten diese auf den Moritzberg, wo es seit dem 16. Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinde gab, und kehrten erst 1601 in die Stadt zurück.Andrea Germer: Geschichte der Stadt Hildesheim bis 1945. In: Hildesheim – Stadt und Raum zwischen Börde und Bergland. Hannover 2001, S. 70–95, hier: S. 80 () Die kleine Synagoge der jüdischen Gemeinde auf dem Moritzberg war an der Ecke der heutigen Bergmühlenstraße. Der Jüdische Friedhof des Moritzberges, der bis heute erhalten ist und zu den Sehenswürdigkeiten des Moritzberges zählt, lag südlich des Katztores an der heutigen Bennostraße am Rande des Berghölzchens und damit außerhalb des Dorfes.Christian Köhler: St. Mauritius auf dem Berge vor Hildesheim. Band II. Hannover 1980, S. 77f.
Im Dreißigjährigen Krieg wurde 1626 vor der Stadt Hildesheim gekämpft. Der Moritzberg wurde zweimal von den Dänen geplündert, St. Mauritius angesteckt. Das Stiftskapitel floh. Im Sommer 1632 wurden Stift und Mauritiuskirche von den Schweden und den mit ihnen verbündeten Hildesheimern zerstört. Der kaiserliche Reiterführer Pappenheim, der die zu Moritzberg gehörenden Anhöhen Krehla- und Finkenberg besetzt hielt, musste sich zurückziehen. Als die Schweden aus Hildesheim abzogen, griff Pappenheim im September 1632 erneut an, besetzte die Stadt und ließ die Bewohner des zerstörten Moritzberg dort unterbringen. Evangelische Prediger und Lehrer mussten Hildesheim verlassen. 1633 eroberte Herzog Friedrich Ulrich von Braunschweig die Stadt und übergab die Kirchen wieder den Protestanten. Dabei wurde auch die Bergmühle niedergebrannt. Die Zerstörungen waren gewaltig, und noch 1652 mussten in der Gegend Wölfe gejagt werden.Moritzberg im Dreißigjährigen Krieg in den Tagebüchern des Dr. Conrad Jordan. In: Arbeitsgruppe Moritzberg 1989, S. 97–100
Der Wiederaufbau dauerte lange. 1644 wurde das Stift neu eingerichtet, 1649 war das Richtfest der wieder aufgebauten Mauritiuskirche, 1650 das der Margarethenkirche. 1651 wurde die Bergmühle wieder in Betrieb genommen. Bischof Maximilian Heinrich bestätigte 1652 die Privilegien der Bergbewohner. Der Ort wurde Stadtflecken und erhielt Marktrecht, eine eigene Gerichtsbarkeit und ein eigenes Wappen. 1699 gab es wieder 114 Häuser auf dem Moritzberg. Im 18. Jahrhundert erfolgte ein Neubau der Stiftshöfe (Kurien), um 1770 ließen einige Stiftsgeistliche einen Waldpark errichten, das Berghölzchen, und machten ihn für die Öffentlichkeit zugänglich. 1785 wurden 673 Einwohner gezählt. 1803 waren 64 Einwohner des Moritzberges jüdischen Glaubens, was 9 % der Einwohner entsprach.Sabine Brand et al.: Das Berghölzchen, S. 56. Hildesheim 2018.
Ab 1805 Bevölkerungsentwicklung Jahr Einwohnerum 1580 7001699 5501785 6731810 7111830 1.0001885 1.8891891 2.2971895 3.3261905 4.4421911 4.7001970 9.0001987 11.5002007 9.5062019 15.113 mini|Der Moritzberg um 1900 (Villa Windthorst und St.-Mauritius-Kirche)
1805 wurde das Moritzstift säkularisiert; ab 1806 gehörte Moritzberg zum Königreich Westphalen. 1810 wurde der Stiftsbesitz verkauft und das Stift endgültig aufgehoben, 1812 die Pfarrkirche St. Margaretha. Sie wurde wenige Jahre später abgerissen; neue Pfarrkirche wurde die ehemalige Stiftskirche St. Mauritius. Der Ausfall des Wirtschaftsfaktors Moritzstift führte zu einer Verarmung der Bevölkerung. Einige Einwohner wanderten aus. 1815 fielen das ehemalige Hochstift Hildesheim und der Moritzberg an das Königreich Hannover.
Wirtschaftlich wuchsen Moritzberg und Hildesheim allmählich zusammen. 1818 wurde das Krehlator abgerissen, nach 1832 als letztes der drei Tore auch das Katztor. Neue Fabrikbetriebe siedelten sich am Moritzberg an. Auf dem Platz der ehemaligen Bergmühle wurde 1857 eine Flachsfabrik gegründet, der eine Jutespinnerei und ab 1876 eine Naturkautschuk- bzw. Gummifabrik folgte.Günther Hein: Von der Bergmühle zur Gummifabrik. In: Arbeitsgruppe Moritzberg 1989, S. 176–186 Das Gummiwerk wurde 1878 nach dem Großbrand der Fabrik in Hann. Münden von der dort 1859 gegründeten Gummiwarenfabrik Gebrüder Wetzell gekauft, die den Betrieb an beiden Standorten noch bis 1892 als Münden-Hildesheimer Gummiwarenfabrik Gebrüder Wetzell AG weiterführten und dann zur Wetzell Gummiwerke AG wurde. In den 1960er Jahren übernahmen die Phoenix Gummiwerke Hamburg-Harburg die Mehrheit an dem Hildesheimer Unternehmen. Erst 2004 wurde das Gummiwerk geschlossen. 1865 trat Moritzberg der Hildesheimer Gasversorgung bei; von 1905 bis 1945 fuhr die Straßenbahn-Linie 1 zwischen Hildesheim und Moritzberg (heutige Haltestelle Güldener Löwe). Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dehnte sich die Stadt Hildesheim über den bisherigen Befestigungsring weiter ins Gebiet der ehemaligen Dammstadt (jetzt „Dammtor-Immobilien“ genannt) aus, das von mehreren Gemeinden, darunter Moritzberg, überwiegend als Weidefläche genutzt wurde.