mini|Zeichnung des Prinz-Heinrichs-Gymnasiums, um 1894
Das Prinz-Heinrichs-Gymnasium (auch: Prinz-Heinrich-Gymnasium) war ein humanistisches Gymnasium in Berlin-Schöneberg in staatlicher Trägerschaft. Es wurde 1890 als West-Gymnasium gegründet und bestand bis 1945, ab 1893 unter dem Namen Prinz-Heinrichs-Gymnasium. Viele Lehrer dieses Gymnasiums waren gleichzeitig produktive Wissenschaftler, besonders bis zum Ersten Weltkrieg. Wie die meisten preußischen Gymnasien war auch das Prinz-Heinrichs-Gymnasium eine reine Jungenschule (ohne Koedukation). Zu den berühmten Schülern der Anstalt zählen der Schriftsteller Hans Fallada, die Historiker Fritz Hartung (1924–1948 Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin) und Eric Hobsbawm (Professor u. a. in London und Stanford), der Jagdflieger Hans-Joachim Marseille sowie der Schauspieler Klaus Kinski.
Nach der Evakuierung und Zerstörung des Schulgebäudes im Zweiten Weltkrieg wurde das Gymnasium 1945 aufgelöst. In dem 1958 wiedererrichteten Gebäude wurde eine Berufs- und Berufsfachschule eingerichtet, die spätere Friedrich-List-Schule (Oberstufenzentrum), die im Februar 2016 an zwei neue Standorte neues Gebäude in Berlin-Rummelsburg umzog.Friedrich-List-Schule – Oberstufenzentrum: Aktuelle Informationen, abgerufen am 10. Januar 2018.
Geschichte
Gründung und Direktorat Richter (1890–1910) Im westlichen Teil Berlins gab es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts drei Gymnasien: das Königliche Wilhelms-Gymnasium (gegründet 1858), das Askanische Gymnasium (gegründet 1875) und das Joachimsthalsche Gymnasium (gegründet 1875), das seit 1880 in Wilmersdorf untergebracht war. Im Zuge des Bevölkerungsanstiegs und wegen der teilweise ungünstigen Lage dieser Gymnasien für die Bewohner der westlichen Stadtteile entstand das Bedürfnis, ein weiteres Gymnasium zu errichten. Als Schulträger war zunächst der Magistrat von Berlin vorgesehen, der das Vorhaben jedoch am 10. Februar 1883 ablehnte. Daraufhin beschloss das preußische Finanzministerium, die Finanzierung des Baus und die Schulträgerschaft zu übernehmen.
Die Eröffnung des Gymnasiums in einem provisorischen Gebäude, geplant für Ostern 1885, verzögerte sich zunächst, weil kein geeignetes Baugrundstück gefunden wurde. Am 27. Juli 1886 erklärte sich die Stadtgemeinde Schöneberg bereit, unentgeltlich ein Grundstück für das Gymnasium herzugeben. Sie bestimmte dafür am 24. Oktober 1886 ein rund 5000 m² großes Grundstück an der Grunewaldstraße im sogenannten „Akazienwäldchen“, das allerdings nicht der Stadtgemeinde allein gehörte: Ideeller Mitbesitzer war die evangelische Pfarrei Schöneberg, die dort ihre Domäne betrieb. Die Baukommission verhandelte mit der Pfarrgemeinde und dem preußischen Landwirtschaftsministerium in den folgenden zwei Jahren die Auflassung des Gebiets zugunsten des geplanten Neubaus. Nachdem die Stadtgemeinde Schöneberg das Gebiet aufgekauft hatte, fand am 25. März 1889 die Übergabe statt.
Bis zur Fertigstellung des Schulgebäudes am 1. Oktober 1893 war das Gymnasium in einem Gemeindeschulhaus in Schöneberg untergebracht. Zum ersten Direktor der Anstalt wurde am 26. Mai 1890 Otto Richter berufen, der zuvor Oberlehrer am Askanischen Gymnasium gewesen war. Am 13. Oktober 1890 fand die Eröffnungsfeier der Schule statt, bei der Provinzialschulrat Gruhl den Direktor in sein Amt einführte. Das Gymnasium trug provisorisch den Namen West-Gymnasium.
Bei der offiziellen Eröffnung 1893 erhielt die Schule den Namen Prinz-Heinrichs-Gymnasium nach Prinz Heinrich von Preußen, dem Bruder Kaiser Wilhelms II.
Bei stetig wachsender Schülerzahl entwickelte sich das Gymnasium zu einer bedeutenden Bildungseinrichtung in Berlin. Unter dem Direktor Richter, der die Schule bis 1910 zwanzig Jahre lang leitete, unternahm die Lehrerschaft mit den Schülern Exkursionen zu den neuen Denkmälern an der Siegesallee (1898) und zum neu eingeweihten Kaiser-Friedrich-Museum (1905). Am Gymnasium selbst entwickelte sich ein reges Kulturleben. In der Aula fanden Konzerte und Theateraufführungen statt, außerdem hielten dort die wissenschaftlich ausgezeichneten Lehrer Alfred Brueckner und Paul Graffunder Lichtbildvorträge über ihre Spezialgebiete, die Archäologie von Athen und Rom.
An der Schule entstanden mehrere Sportvereine. Neben dem obligatorischen Schwimmunterricht wurde das Gymnasium 1907 Mitglied des Rudervereins Wannsee und veranstaltete regelmäßig Ruderübungen. Einige Primaner schlossen sich dem Sport-Club 1896 an, aus dem später der Berliner Sport-Club hervorging.Heinz Stallmann: Das Prinz-Heinrichs-Gymnasium zu Schöneberg 1890–1945. Geschichte einer Schule. Berlin 1965, S. 22 f.
Abgesehen von den üblichen Schulausflügen ins Berliner Umland veranstaltete das Prinz-Heinrichs-Gymnasium auf die Initiative des 1898 angestellten Oberlehrers Ernst Herrmann auch Reisen nach Rom. Über die erste Romreise vom 24. März bis 9. April 1899 berichtete Herrmann im Jahresbericht des Gymnasiums 1900.Ernst Herrmann: Eine Schülerreise nach Rom. In: Jahresbericht des Königlichen Prinz-Heinrichs-Gymnasiums für das Schuljahr 1899/1900. Berlin 1900; . Die Romreisen wurden bis 1910 unter der Leitung des Direktors Richter durchgeführt, der ein ausgewiesener Experte für die Topographie der Stadt Rom war. Er führte zusammen Herrmann 1900 die zweite Romreise durch. Die nächsten Romreisen führte der Direktor ab 1903 jährlich im Frühjahr durch (mit Ausnahme von 1908). Über die Erfahrungen der ersten sieben Reisen und ihren Zweck äußerte sich Richter im Jahresbericht des Gymnasiums 1908.
Unter den Direktoren Michaelis (1910–1913) und Busse (1913–1922) Als Richter 1910 in den Ruhestand trat, zählte das Prinz-Heinrichs-Gymnasium 640 Schüler und 33 Lehrer. Zum neuen Direktor wurde noch 1910 Gerhard Michaelis berufen, der zuvor das Reform-Realgymnasium in Barmen geleitet hatte. Die jährlichen Romreisen 1911 bis 1914 wurden vom Oberlehrer Graffunder durchgeführt. Neben dem Turnverein und dem Ruderverein entstanden im Herbst 1910 ein Schülerorchester und 1912 ein photographischer Verein.
Michaelis wechselte bereits 1913 ins Provinzialschulkollegium. Sein Nachfolger wurde Rudolf Busse, vormals Direktor des Kaiser-Friedrichs-Gymnasiums in Frankfurt am Main. Er leitete das Prinz-Heinrichs-Gymnasium zehn Jahre lang. Während des Ersten Weltkriegs leisteten mehrere Lehrer und Schüler des Gymnasiums Kriegsdienst; bereits im ersten Kriegsjahr waren 24 Schüler, Lehrer und Ehemalige des Prinz-Heinrichs-Gymnasium gefallen. Im weiteren Kriegsverlauf wurde 1916 die Veröffentlichung des Jahresberichts eingestellt. Im Winter 1918/19 diente das Schulgebäude als Quartier für die Arbeiter- und Bauernräte.Heinz Stallmann: Das Prinz-Heinrichs-Gymnasium zu Schöneberg 1890–1945. Geschichte einer Schule. Berlin 1965, S. 28 f.
Direktorat Sorof (1922–1929) und Schönbrunn (1929–1933) Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zusammenbruch des Kaiserreichs ergaben sich auch für das Prinz-Heinrichs-Gymnasium viele Änderungen. Als 1922 der erste Jahresbericht seit 1915 erschien, gehörte die Schule bereits zu Groß-Berlin. Das Kollegium bestand aus 32 Lehrern, die nun die Amtsbezeichnung Studienräte führten; die Zahl der Schüler betrug 603.
Unter dem neuen Direktor Gustav Sorof fanden mehrere Trauerfeiern statt: Am 19. Juni 1922 anlässlich der Teilung Schlesiens, am 28. Juni 1922 nach der Ermordung Walther Rathenaus und am 13. Januar 1923 anlässlich der Besetzung des Ruhrgebiets.Heinz Stallmann: Das Prinz-Heinrichs-Gymnasium zu Schöneberg 1890–1945. Geschichte einer Schule. Berlin 1965, S. 31 f. Am 4. April 1922 errichtete die Schule ein Denkmal für die Gefallenen des Weltkriegs.Heinz Stallmann: Das Prinz-Heinrichs-Gymnasium zu Schöneberg 1890–1945. Geschichte einer Schule. Berlin 1965, S. 34. 1923 wurde die Vorschule vom Gymnasium abgetrennt.
In den 1920er Jahren entstanden einige neue Schülervereine, darunter ein literarischer Verein (der unter anderem Dramen von Henrik Ibsen und Gerhart Hauptmann las), ein Bibelkreis, ein Tennisverein und ein naturwissenschaftlicher Verein. Der Schülerruderverein und der Schülerturnverein prosperierten weiterhin unter der Leitung von Sportlehrern.Heinz Stallmann: Das Prinz-Heinrichs-Gymnasium zu Schöneberg 1890–1945. Geschichte einer Schule. Berlin 1965, S. 37–40.
1921 wurde am Prinz-Heinrichs-Gymnasium ein Elternbeirat gegründet, der alle zwei Jahre neu gewählt wurde.Heinz Stallmann: Das Prinz-Heinrichs-Gymnasium zu Schöneberg 1890–1945. Geschichte einer Schule. Berlin 1965, S. 40. Eine vielbeachtete Kulturveranstaltung an der Schule war die Aufführung der Sophokles-Tragödie König Ödipus in griechischer Sprache am 19. Dezember 1925 von Schülern der Unterprima unter der Leitung des Lehrers Otto Rubensohn.Heinz Stallmann: Das Prinz-Heinrichs-Gymnasium zu Schöneberg 1890–1945. Geschichte einer Schule. Berlin 1965, S. 41–44.
1929 trat Sorof in den Ruhestand. Sein Nachfolger wurde Walter Schönbrunn, der im Jahresbericht 1930 sein pädagogisches Programm darlegte. Er ging auf die Bedeutung des altsprachlichen Unterrichts ein, dem er eine große Bedeutung für die „Kulturerweckung“ zuschrieb. Seine Lehrerkollegen Junge und Heinrich gingen im selben Jahresbericht auf den Unterricht in modernen Fremdsprachen und den Sportunterricht ein. Gleichzeitig stärkte Schönbrunn die Schülerselbstverwaltung, indem er den Schülern ein Mitspracherecht in verschiedenen Bereichen gewährte, etwa bei der Aufbau der Schülerbibliothek, mit einem Schülergericht bei Schadenersatzfällen und mit der Beteiligung an Beratungen bei Disziplinarfällen.Heinz Stallmann: Das Prinz-Heinrichs-Gymnasium zu Schöneberg 1890–1945. Geschichte einer Schule. Berlin 1965, S. 46–50. Die Wanderfahrten der Schule führten nicht mehr nur ins Berliner Umland, sondern auch nach Hamburg, ins Rheinland, ins Riesengebirge, ins Weserbergland, nach Mecklenburg, in die Sächsische Schweiz und nach Ostpreußen.
Am 28. Februar und 4. März 1930 führten Schüler des Realzweiges unter Leitung des Studienrats Bodsch ein englisches Theaterstück auf, Die andere Seite von R. C. Sherriff, das den Weltkrieg in unparteiischer Weise darstellte.Heinz Stallmann: Das Prinz-Heinrichs-Gymnasium zu Schöneberg 1890–1945. Geschichte einer Schule. Berlin 1965, S. 53.
Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945): Direktorat Deidert Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Schulleiter Schönbrunn seines Amtes enthoben (in den Sommerferien 1933). Das Direktorat wurde zunächst vom Oberstudienrat Blankenburg vertreten, dann ab dem 23. Oktober 1933 vom Studienrat Erich Deidert, der 1934 offiziell zum Direktor ernannt wurde. Zwei weitere Lehrer, die Studienräte Salomon Birnbaum und Moritz Hirsch, wurden wegen ihrer jüdischen Herkunft im Herbst 1933 in den Ruhestand versetzt. Hirsch starb am 13. März 1934, Birnbaum wurde 1943 nach Auschwitz deportiert.Heinz Stallmann: Das Prinz-Heinrichs-Gymnasium zu Schöneberg 1890–1945. Geschichte einer Schule. Berlin 1965, S. 57 f. Der Hebräisch-Unterricht und der jüdische Religionsunterricht wurden abgesetzt. Bemühungen der Schule, jüdische Schüler und Lehrer zu schützen, sind nicht bekannt.
Die Aufsatzthemen der Reifeprüfung lauteten in der Oberprima des Gymnasiums 1934: „Die Erziehung zur Gemeinschaft im platonischen und nationalsozialistischen Sinne“ oder alternativ: „Ein Jahr nationalsozialistischer Staat: Erlebnisse und Gedanken seit dem 30. Januar 1933“. Die Themen hatte ein Studienassessor gestellt, der im selben Jahr als Deutschlehrer an das Prinz-Heinrichs-Gymnasium gekommen war. Die anderen Lehrer des Prinz-Heinrichs-Gymnasiums hielten ihre Abituraufgaben von nationalsozialistischen Schlagwörtern frei.Heinz Stallmann: Das Prinz-Heinrichs-Gymnasium zu Schöneberg 1890–1945. Geschichte einer Schule. Berlin 1965, S. 58.