Ein Amauti, auch Amaut oder Amautik (Plural amautiit), ist ein Parka, die Wetterjacke der Eskimofrauen der Arktis und damit auch der Inuitfrauen der östlichen kanadischen Arktis. Der Amauti wird charakterisiert durch den aufgeweiteten Rücken, der in eine Kapuze, manchmal Amaut genannt, übergeht. In der Rückentasche kann ein Kleinkind bis zum Alter von etwa zwei Jahren transportiert werden. Zum Stillen kann sie das Kind an die Brust holen, ohne dass der Säugling dabei den Witterungseinflüssen ausgesetzt ist.
Die Pauktuutit Inuit Women’s Association und andere NGOs setzen sich seit dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung für die Anerkennung und den Schutz der Amauti-Herstellung als Traditionelles Wissen ein. Ziel ist, dass das Geistige Eigentum der indigenen Gemeinschaften am Amauti, anders als es beim Parka, Kayak, Anorak und Kamik geschehen ist, anerkannt wird und den Gemeinschaften nachhaltig zugutekommt.
Die Herstellung des Amauti Bezeichnungen in den verschiedenen Dialekten Sprache langschwänziger Amauti hemdartiger AmautiIñupiaq nicht in Gebrauch amaaġun ~ amaunnaqNattiliŋmiut akulik amautiInuinnaqtun ᐊᑯᖅ akuq ᐊᒪᐅᑎ amautiPaallirmiut ᐊᑯᖅ akuq ᐊᖏᔪᖅᑕᐅᔭᖅ angijuqtaujaqNord- und Süd-Qikiqtaaluk ᐊᑯᖅ akuq ᐊᖏᔪᖅᑕᐅᔭᖅ angijuqtaujaq Der Amauti kann aus verschiedenen Materialien gearbeitet sein, wie Robbenfell, Karibufell oder Düffel, einem schweren Wollstoff, darüber eine winddichte äußere Umhüllung. Üblicherweise transportieren die Frauen der in der östlichen Arktis lebenden Völker der Nunavut und Nunavik ihre Kleinkinder auf diese Art. Das Kleidungsstück ist aber auch in den Nordwest-Territorien, auf Grönland, Labrador, in der russischen Arktis und auf Alaska zu finden. Amautis aus Fellen wurden im Alltag weitgehend durch solche aus Stoff verdrängt.
Zum Nähen wurden früher die Rückensehnen der Karibus, dem nordamerikanischen Rentier, verwendet, aus denen sich sehr gute Fäden herstellen lassen. Als Nadeln benutzten die Frauen fein abgeschliffene und mit scharfer Spitze und Öhr versehene Knochenteile. Bis in die 1990er Jahre hinein nähten Frauen, die in kleinerem Umfang produzierten, noch mit der Hand. Während früher verschiedene Größen gearbeitet wurden, wird der Amauti heute oft individuell für die Trägerin passend angefertigt. Ältere Frauen messen noch auf die hergebrachte Art, beginnend mit dem Daumen wird die gespreizte Hand aufgelegt, unter Benutzung des Mittelfingers als Merkpunkt, etwa so: „1, 2, 3 Hände plus 1 Finger“; oder „1, 2 Hände bis zum ersten Glied des Merkfingers“.
Im Jahr 1934 berichtete eine deutsche Pelzfachzeitung, dass die Firma Lomen Brothers in Nome in Alaska Eskimofrauen im Gebrauch von Pelznähmaschinen unterwiesen hat. Die damit gefertigten Mäntel aus Rentierfell wurden in den Städten an der Pazifikküste verkauft.„VI“: Die Mäntel der Eskimos. In: Der Rauchwarenmarkt, Nr. 73, Leipzig, 15. September 1934, S. 4.
Fachkräfte brauchen für die Anfertigung eines einfachen Amauti zwei bis drei Arbeitstage. Bei einer Näherin in Ganztagsbeschäftigung kann dies bis zu einer Woche, bei aufwändigen Teilen auch länger dauern.
Die Unterbringung des Kindes Es wirkt zwar so, als würde das Kind in der Kapuze transportiert. Tatsächlich sitzt das Kind aber in dem erweiterten, an die Kapuze anschließenden und zum Rucksack vergrößerten Rückenteil. Wird die Kapuze aufgesetzt, schützt sie beide, Mutter und Kind. Das Kind sitzt mit dem Bauch an die Mutter geschmiegt, die Beine angewinkelt; es kann auch mit dem Rücken zur Mutter befördert werden. Der Amauti wird in der Taille mit einem Band oder Gürtel zusammengehalten, so dass ein Abrutschen des Kindes aus dem Beutel verhindert wird. Das Gewicht lagert auf den Schultern der Mutter, wobei die Last üblicherweise mit zwei weiteren Bändern umverteilt wird, in der Form eines „V“, vom Schlüsselbein ausgehend mit einem Band um die Hüfte gesichert. Ein weiteres Bindeband führt zur Vorderkante der Kapuze und ermöglicht es der Mutter von dort aus, die Kapuze zu öffnen, so dass das Kind sich umschauen kann, oder sie aber bei unangenehmer Witterung über dem Kind zu schließen. Die Babyhöhlung war früher mit einer wiederverwendbaren „Windel“ aus Karibufell oder mit Moos ausgelegt.Valeria Alia: Kunst und Kunsthandwerk in der Arktis. In: Wolfgang R. Weber: Kanada nördlich des 60. Breitengrades. Alouette Verlag, Oststeinbek 1991, ISBN 3-924324-06-9, S. 101–102.
Der Parka für Frauen ohne Kleinkinder heißt arnautit, in der westlichen Arktis niviaqsiaqsiuti, und hat keine Rückentasche.Phillip Bird: Intellectual Property Rights and the Inuit Amauti. A Case Study. Prepared for The World Summit on Sustainable Development by Pauktuutit Inuit Women’s Association, Juli 2002, auf www.wipo.int, S. 5. Abgerufen am 6. Mai 2023.
Winter- und Sommer-Amauti Die traditionelle Kleidung der Eskimos besteht aus mehreren Schichten. Je nach Jahreszeit, Art des Gebrauchs und der Verwendung für außen oder in Innenräumen werden mehr oder weniger Teile übereinander angezogen. Am wärmsten sind die Eskimo-Winter an der arktischen Atlantikküste mit durchschnittlich −10° Celsius, in der Westarktis kann die Temperatur auf −60 bis −70 °C fallen. Das oberste Teil ist der Parka beziehungsweise Anorak, für die Mütter in der Form des Amauti. Eine Eigenschaft dieser Überbekleidungen ist der geräumige Schnitt, insbesondere der Ärmellöcher. Er hilft, die Körperwärme zu halten, ohne dass die Teile verschwitzen. Ein weiteres Merkmal ist das Weglassen von Verschlüssen, die Jacken sind über den Kopf zu ziehen. Dadurch kommt kein Wind hinein und die Temperatur bleibt konstant. Schulter-, Ärmelloch- und Halsnähte werden so gelegt, dass sie möglichst wenig durch das Gewicht des Kleidungsstückes belastet werden und die Nähte sich nicht vorzeitig lösen.mini|links|Abbildung 1: Inuitfrau mit langschwänzigem Amauti (Akulik) mit Baby (Kinngait, Nunavut, 2002) mini|Abbildung 2: Zwei Inuitfrauen mit Amautis in Hemdform (Angijuqtaujaq) (Nunavut, 1995)
Es bestehen zwei Typen des Amauti: Der nach hinten frackartig verlängerte Amauti Akulik (Abbildung 1), und der hemdartig geschnittene, ebenfalls mit verlängertem Rücken, aber mit unten rundum schrägem, nicht gerundetem Saum, der Angijuqtaujaq (Abbildung 2). Ende des 17. Jahrhunderts hatten noch die Parkas der Männer und der Frauen lange Rückenschöße, ein Merkmal, das bei den Stämmen der gesamten Arktis zu unterschiedlichen Zeiten aus der Mode kam.L. Jolliet: Journal de Louis Julliet allant à la descouverte de Labrador. Manuscript: Archives du Service Hydrographique, Paris, 1694; Nachdruck: Rapport de l'Archiviste de la Province de Québec pour 1943-1944. Nach Oakes/Riewe, S. 101. Beispielsweise trugen schon Anfang des 18. Jahrhunderts die Labrador-Männer keine Schöße mehr, während die Parkas der Karibu- und der benachbarten Ungava-Inuit sie noch bis in das 20. Jahrhundert hinein aufwiesen.William C. James: A Fur Trader's Photographs. A. A. Chesterfield in the District of Ungava, 1901-4. McGill-Queen's University Press, Kingston und Montreal 1985, ISBN 0-7735-0593-8.
Anhand der unterschiedlichen Kapuzenformen, der Verzierungen und der Form des Schwanzes lässt sich die Region oder der Stamm bestimmen, aus dem die Trägerin stammt. Die Ärmel und der Saum des Winter-Amauti sind in der Regel mit kräftigfarbigen Streifen besetzt, die den Schwung des Frackschoßes betonen. Der klassische Winter-Amauti hat einen weißen Baumwollüberzug (silapak), daneben gibt es ihn auch in kräftigen Farben, mit einem Innenfutter aus Wollstoff, auch verbrämt, in dunkleren Farben. Auch werden heute alle geeigneten, modernen Oberstoffe (Synthetikfasern) verwendet.
Der Amauti war ursprünglich ganz aus Fell gefertigt. Dabei können alle Pelztierarten Verwendung finden, Robbenfell (behaart und enthaart), Karibufell, Hundefell, Eisbärfell, Zieselfell und sogar Vogelfelle verschiedener Arten. Festliche, mit dem Haar nach außen zu tragende Amautis weisen kunstvolle Muster auf. Kontrastierendes Pelzwerk wird geschickt nebeneinander gesetzt und sauber mosaikartig verarbeitet, mal in Gestalt grotesker Ornamente oder als breite Besätze sowie schmalen Randeinfassungen. Möglichst alle Fellteile, wie Pfoten oder Kopfstücke, finden dafür Verwendung. Für langhaarige Verbrämungen wird neben Polarfuchsfell die Mähne des Karibus benutzt. Leichte Parkas können aus den flachhaarigen Fellen der Jungtiere (pijiki) gearbeitet werden.
Ursprünglich wurden in nördlichsten Gegenden die dort anfallenden Seehundfelle für den Amauti verwendet, daraus dürfte sich die dem Seehundfell entsprechende geschwänzte Rückenform ergeben haben. Diese Verlängerung bewirkt, dass man sich damit auf den Boden oder in den Schnee setzen kann, ohne sich zu verkühlen. Früher war sie mit Amuletten verziert, wie Perlen, Muscheln und durchstochenen Münzen. Da die Kirche dies als „heidnisch“ ablehnte, nahm der Gebrauch ab. Es hieß, die Amulette sollten die Geister anlocken und sie dazu bringen, durch den schwingenden Rückenschwanz die Eierstöcke anzuregen, und die vorn angebrachten, die Fruchtbarkeit fördern.
Der moderne Sommer-Amauti hat keine Ärmel und ist weniger warm gefüttert. Er ermöglicht es der Mutter, das Kind beim Beerenpflücken oder anderen sommerlichen Tätigkeiten mit sich zu führen. Er wird aber auch im Winter getragen, und zwar mit einem übergroßen Parka darüber, der gleichzeitig Mutter und Kind umhüllt. Der Sommer-Amauti besteht typischerweise aus abgestepptem Stoff in beliebigen Mustern.
Unterschiede nach Bevölkerungsgruppen (Stand: Anfang 1990er Jahre) Oakes/Riewe führen 1995 für die unterschiedlichen Eskimostiefel-Ausführungen der kanadischen Inuit folgende Bevölkerungsgruppen auf: Iglulik-Inuit Baffinland-Igluit Labrador-Inuit Ungava-Inuit Karibu-Inuit Netsilik-Inuit Kupfer-Inuit Inuvialuit
Anhand der Muster und Machart der Stiefel, Parkas und Amauti können Kundige die Herkunft beziehungsweise die Zugehörigkeit des Trägers zu seinem Stamm erkennen.
Die Iglulik-Inuit mini|Amauti der Iglulingmiut zum Unterziehen, 1910–1914, Royal Ontario Museum. Die Region der Iglulik-Inuit, sie selbst bezeichnen sich als Iglulingmiut, umfasst die Gemeinden Iglulik, Sanirajak, Naujaat, Coral Harbour, Pond Inlet und Arctic Bay.
Die Iglulik-Inuit trugen als Sommerkleidung Schichten aus Robbenfell und als Winterkleidung solche aus Karibu- und Eisbärfell. Die Amautis hatten breite Schöße mit hinten längerem Rücken, der in den späten Jahren immer kürzer geworden war. Sie unterschieden sich von denen anderer Gebiete durch zahlreiche Bänder aus hell- und dunkelhaarigem Fell, die am Saum, der Kapuzenkante, den Taschen und Ärmeln angebracht waren. Von den Walfängern erhaltene Perlen wurden so verschwenderisch wie möglich an der unteren Parkakante angebracht.G. F. Lyon: The Private Journal of Captain G. F. Lyon of H. M. S. Hecla. During the Recent Voyage of Discovery under Captain Parry. John Murray, London, 1824.
T. Mathiassen: Material Culture of the Iglulik Eskimos. Report of the Fifth Thule Expedition, 1921–1924. Vol. 6. Kopenhagen, 1928. (aus Oakes/Riewe, S. 76–77). Kurz nach 1910 übernahmen die Iglulik-Inuit-Frauen von den südlichen Baffinland-Gemeinden einen neuen Parkastil.Mathiassen 1921. Er zeichnete sich durch einen kurzen geraden Saum aus, einen A-förmigen Umriss und viele Bänder aus hell- und dunkelhaarigem Karibufell, die um die Saumkante herumgenäht waren. Der Parka wurde zusammen mit Leggings getragen und Stiefeln aus Karibufell mit Sohlen aus Robbenfell.
Die heutigen Iglulik-Frauen tragen eine Mischung aus Kleidung südlichen Typs (darunter Jeans) und traditioneller Fellkleidung, im Sommer fast ausschließlich südlicher Art. Die Frauen mit kleinen Kindern wählten noch um 1990 lieber handgearbeitete Amautis aus Stoff.
Die Baffinland-Inuit mini|Arnaq und ihr Sohn Nutaaq aus Iqaluit, zwischen 1585 und 1593 von John White gezeichnet