Das Natrinai (Tamil: Naṟṟiṇai [] „die guten tinais (Liebessituationen)“) ist ein Werk der alttamilischen Sangam-Literatur. Es handelt sich um eine Anthologie von 400 Liebesgedichten mittlerer Länge, von denen 398 erhalten sind. Innerhalb der Sangam-Literatur gehört es zur Gruppe der „acht Anthologien“ (Ettuttogai).
Formale Aspekte Von den zwei Genres der Sangam-Literatur (Liebes- und Heldendichtung) vertritt das Natrinai das Genre der Liebesdichtung (agam). Die 400 Gedichte des Natrinai sind, wie der Großteil des Sangam-Korpus, im Agaval-Metrum verfasst und haben eine Länge von acht bis dreizehn Zeilen. Innerhalb der acht Anthologien bildet das Natrinai zusammen mit dem Kurundogai und dem Agananuru eine Gruppe von Liebes-Anthologien mit jeweils 400 Gedichten. Im Natrinai sind dabei mittellange Gedichte gesammelt, während das Kurundogai kurze und das Agananuru lange Gedichte enthält. Die Gedichte des Natrinai werden 175 verschiedenen Dichtern zugeschrieben. Ein Gedicht (234) ist nicht erhalten, ein weiteres (385) nur fragmentarisch überliefert. Dem Werk vorangestellt ist ein Einleitungsvers mit einer Anrufung des Gottes Vishnu.Kamil Zvelebil: Tamil Literature, Leiden, Köln: E. J. Brill, 1975, S. 89.
Datierung Die Gedichte des Natrinai werden anhand inhaltlicher und sprachlicher Kriterien zur ältesten Schicht der Sangam-Literatur gerechnet. Die absolute Chronologie der Texte ist nicht sicher, doch wird für die Gedichte des Natrinai ein Entstehungszeitraum zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert n. Chr. vorgeschlagen.Eva Wilden: Manuscript, Print and Memory. Relics of the Caṅkam in Tamilnadu, Berlin, München, Boston: De Gruyter, 2014, S. 8. Das Natrinai ist größtenteils homogen, einzelne Gedichte können aber auch jüngeren Datums sein.Wilden 2014, S. 12. Einige Jahrhunderte nach ihrer Entstehung wurden die ursprünglich mündlich überlieferten Einzelgedichte zu einer Anthologie zusammengefasst.Wilden 2014, S. 413–414.
Textbeispiel
Einzelnachweise
Literatur Textausgaben Naṟṟiṇai. Herausgegeben und kommentiert von A. Narayanasami Iyer. Ceṉṉappattaṉam 1915. (Erstausgabe, mehrere Nachdrucke.) A Critical Edition and an Annotated Translation of the Naṟṟiṇai. Herausgegeben und übersetzt von Eva Wilden. 3 Bände. Pondicherry/Chennai: École Française d’Extrême-Orient / Tamilmann Patippakam, 2008. (Kritische Ausgabe mit annotierter Übersetzung ins Englische)
Übersetzungen Kandasamy Pillai, N. (ed.). 2008. Naṟṟiṇai: Text and Translation. Pondicherry: Institut Français de Pondichéry. [Komplettübersetzung ins Englische.] A. K. Ramanujan: Poems of Love and War. From the Eight Anthologies and the Ten Long Poems of Classical Tamil. New York: Columbia University Press, 1985. [Übersetzung von ausgewählten Gedichten u. A. aus dem Natrinai ins Englische.] George L. Hart: Poets of the Tamil Anthologies. Princeton: Princeton University Press, 1979. [Übersetzung von ausgewählten Gedichten u. A. aus dem Natrinai ins Englische.]
Sekundärliteratur Eva Wilden: Manuscript, Print and Memory. Relics of the Caṅkam in Tamilnadu. Berlin, München, Boston: De Gruyter, 2014. Kamil V. Zvelebil: Tamil Literature. Leiden, Köln: E. J. Brill, 1975.
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Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Lyrik-Anthologie Kategorie:Sangam-Literatur