mini|Iossif Bakschtein Iossif Markowitsch Bakschtein (, auch Joseph Backstein; geboren als Bokschtein; * 21. September 1945 in Moskau; † 12. Januar 2024 in London) war ein russischer Kurator, Kunstkritiker und Kultursoziologe.Moskau Biennale abgerufen am 24. März 2015 (englisch) Er gründete das Institut für zeitgenössische Kunst Moskau und war Mitbegründer der Moskau Biennale für zeitgenössische Kunst.
Leben und Ausbildung Bakschtein wurde als Sohn des Künstlers Mark Iossifowitsch Bokschtein (1904–1958) und der Biologin Rachil Lasarewna Mitropolitanskaja (1906–1987) geboren. Er studierte am Moskauer Institut für elektronischen Maschinenbau (Abschluss 1968) und arbeitete anschließend als Wissenschaftler, unter anderem von 1969 bis 1974 am Institut für Wirtschaft und Mathematik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR und von 1974 bis 1991 am Institut für Industriedesign in Moskau. 1985 promovierte er (Kandidat der Wissenschaften) in Kunstsoziologie und Kulturwissenschaft am Institut für Soziologie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR.
In den 1970er und 1980er Jahren gehörte Bakschtein zum Kreis der Moskauer Konzeptualisten um Ilja Kabakow, Andrei Monastyrski, Alexander Melamid und Witali Komar und beteiligte sich an Aktionen der Künstlergruppe „Kollektive Handlungen“.
Kuratorische Tätigkeit mini|Iossif Bakschtein (2. von links; 2009) Bakschtein begann 1987 am „Klub der Avantgardisten“ (Klawa) in Moskau mit kuratorischer Arbeit; im selben Jahr organisierte er die Aktion Parochod-87 (Dampfschiff-87). 1988 kuratierte er eine Ausstellung in den Sandunow-Bäder in Moskau, 1992 eine weitere im Gefängnis Butyrka. Seine erste Auslandsreise führte ihn 1988 nach Berlin, wo er an der ersten Ausgabe der Ausstellungsreihe IsKUNSTwo mitwirkte, die später in Moskau und Stockholm fortgesetzt wurde.
Nach dem Ende der Sowjetunion kuratierte Bakschtein 1990/91 gemeinsam mit David A. Ross, Elisabeth Sussman und Margarita Tupizyn die Wanderausstellung Between Spring and Summer: Soviet Conceptual Art in the Era of Late Communism (Tacoma Art Museum, Institute of Contemporary Art Boston, Des Moines Art Center) – die erste große Ausstellung russischer Kunst in den USA – und war maßgeblich an der Vermittlung nonkonformistischer und konzeptualistischer Kunst aus Russland an westliche Institutionen beteiligt.
Institut für zeitgenössische Kunst Moskau mini|Iossif Bakschtein mit Studierenden des Instituts auf dem Dach von Ilja Kabakows ehemaligem Atelier am Sretenski-Boulevard, Moskau, 2014 1991 gründete Bakschtein das Institut für zeitgenössische Kunst Moskau, das 2001 als Institut für Probleme der zeitgenössischen Kunst neu registriert und ihm zu Ehren 2018 in Iossif-Bakschtein-Institut für zeitgenössische Kunst umbenannt wurde. Das Institut war bis 2018 im ehemaligen Atelier Ilja Kabakows am Sretenski-Boulevard untergebracht; zu seinen Absolventen zählen unter anderem Wiktor Alimpijew, Anna Scholud, Irina Korina, Olja Kroitor und Pawel Otdelnow.
Moskau Biennale mini|Iossif Bakschtein (links) und Jewgeni Sjablow bei der Pressekonferenz am 6. Juli 2004 Bakschtein war Mitbegründer der Moskau Biennale für zeitgenössische Kunst und kuratierte gemeinsam mit Daniel Birnbaum, Iara Boubnova, Nicolas Bourriaud, Rosa Martínez, Hans Ulrich Obrist und Robert Storr das Hauptprojekt der ersten Ausgabe 2005 im ehemaligen Lenin-Museum. Ab 2007 war er, gemeinsam mit demselben Kuratorenteam sowie Fulya Erdemci und Gunnar B. Kvaran, auch Kommissar der Biennale – ein Amt, das er bis zu seinem Rücktritt 2016 innehatte. Weitere Austragungsorte waren unter anderem der Federation Tower, das spätere Jüdische Museum und Toleranzzentrum sowie das Gelände der WDNCh.
Weiteres Wirken und Schriften Bakschtein war künstlerischer Direktor des Staatlichen Museums- und Ausstellungszentrums ROSIZO, von 2001 bis 2010 zugleich dessen stellvertretender Generaldirektor, sowie Kurator von mehr als 30 Ausstellungen, darunter 1999 der russische Pavillon auf der 48. Biennale di Venezia, 2002 Sergej Bratkow auf der 25. Biennale von São Paulo und 2006 Norman Foster: Raum und Zeit im Puschkin-Museum, Moskau.
Als Autor veröffentlichte er unter anderem die Essaysammlungen Внутри картины (Innerhalb des Bildes, 2015) und Статьи и диалоги (Artikel und Dialoge, 2018); für Letztere erhielt er 2018 den Sergei-Kurjochin-Preis für den besten Text über zeitgenössische Kunst.
Auszeichnungen Bakschtein war seit 1995 Mitglied der Internationalen Vereinigung der Kunstkritiker (AICA) und wurde 2007 korrespondierendes Mitglied der Russischen Kunstakademie; im selben Jahr erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Göteborg. 2008 wurde er mit dem Preis „Mann des Jahres“ des Verbands der Jüdischen Gemeinden Russlands ausgezeichnet. Mehrfach zählte ihn die Zeitschrift ArtChronika zu den 50 einflussreichsten Personen der russischen Kunstwelt. 2018 erhielt er den Ehrenpreis des staatlichen Kunstpreises „Innowazija“, 2019 war er für den Kandinsky-Preis nominiert. Zudem war Bakschtein Mitglied der Findungskommission für die dOCUMENTA (13) und wurde mit der Medaille der Russischen Kunstakademie ausgezeichnet.The Calvert Journal Joseph Backstein abgerufen am 24. März 2015 (englisch)
Privatleben Bakschtein war dreimal verheiratet: mit der Künstlerin Katja Kompanejez (1971–1974), mit der Künstlerin Irina Nachowa (1982–1990) und ab 2001 mit der Londoner Kunsthistorikerin Katy Deepwell. Er hatte vier Kinder.
Tod und Nachlass Er starb am 12. Januar 2024 im Alter von 78 Jahren in London und wurde am 19. Januar 2024 in Moskau beigesetzt. Seine Bibliothek von rund 4000 Büchern, Katalogen und Zeitschriften wird im Jüdischen Museum und Toleranzzentrum in Moskau aufbewahrt, sein Nachlass an Papieren im Puschkin-Museum.
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