Rudolf „Rudy“ Herz (geboren am 23. August 1925 in Stommeln, heute zu Pulheim; gestorben am 18. Oktober 2011 in Charleston, South Carolina) war ein aus dem Rheinland stammender US-Amerikaner jüdischer Herkunft. Er überlebte den Holocaust, dem mindestens 19 Angehörige seiner engeren Familie zum Opfer fielen.

Kindheit und Jugend Der Vater von Rudy Herz, Ernst Herz, nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil und kam anschließend in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1921 in seinen Heimatort Butzheim zurückkehrte. 1923 heiratete er Lily Jacobsohn („et Jacobsohns Lily“), eine in der Erinnerung ihrer Söhne lebensfrohe und liebevolle Frau, acht Jahre jünger als er selbst.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 141. Beide stammten aus in Stommeln und Umgebung alteingesessenen jüdischen Familien. Das Paar bekam sechs Kinder, fünf Jungen und ein Mädchen. Rudy Herz war das zweitälteste Kind nach seinem älteren Bruder Alfred. Das jüngste Kind, ein Junge namens Jona, kam noch 1942 im Israelitischen Krankenhaus in Köln zur Welt. Die Familie praktizierte den jüdischen Glauben.

Nach dem Tod seines Vaters Max Herz betrieb Ernst Herz gemeinsam mit seinem Schwager Ludwig („Louis“) Spier einen Land- und Getreidehandel. Vor 1930 verlegte er sein Geschäft nach Eckum, wo er auch ein neues Haus für die Familie baute. Rudy Herz wurde dort in die katholische Volksschule eingeschult. Doch 1931 musste Ernst Herz seinen Handel wegen der Folgen der Weltwirtschaftskrise wieder einstellen. Die Familie geriet in wirtschaftliche Not, auch weil für das neue Haus Hypotheken aufgenommen worden waren.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 35f.

Zeit des Nationalsozialismus mini|hochkant|Das Haus Sebastianusstr. 46 in Butzheim, ehemaliger Wohnsitz der jüdischen Familie Herz Noch 1929 wurde der Geburtstag der 99-jährigen Amalie Kappel, der Großmutter von Lily Herz, groß in Stommeln gefeiert. Ihr Haus wurde von der Nachbarschaft bekränzt, der katholische Pfarrer kam zum Gratulieren, und das Kölner Tageblatt berichtete von „Weisheit und Würde“ der Jubilarin.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 24. Doch schon Anfang der 1930er Jahre kam es zu ersten antisemitischen Anfeindungen der Familie Herz bis hin zu verleumderischen Anzeigen im Mai 1933 gegen Ernst Herz wegen angeblich „unlauterer Manipulationen“ in seinem Geschäftsgebaren. Man werde „die Schädlinge am deutschen Volk zu vernichten“ wissen, so wurde gedroht.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 37. 1936 beschloss die Familie Herz, nach Köln zu ziehen, da sie hoffte, in der Anonymität einer großen Stadt und in einer größeren jüdischen Gemeinde mehr Schutz zu finden als in der dörflichen Umgebung. Rudy Herz erinnerte sich:

In Köln bewohnte die Familie gemeinsam mit der Großmutter Henriette Jacobsohn, der Mutter von Lily Herz, eine Wohnung im Haus Neue Maastrichter Straße 3, das in jüdischem Besitz und hauptsächlich von jüdischen Mietern bewohnt war. Rudy Herz wechselte auf die dortige Israelitische Volksschule.

Sein Vater übernahm ein kleines Transportunternehmen,Wißkirchen, Rudy Herz, S. 49. plante aber gleichzeitig die Emigration seiner Familie nach Argentinien und besuchte eine landwirtschaftliche Schulung für auswanderungswillige Juden in der Nähe von Berlin. Die Jewish Colonization Association (JCA) bewilligte die Auswanderungspläne, und alle erforderlichen Papiere lagen vor, jedoch nicht für die 74-jährige Henriette Jacobsohn, da sie an Diabetes litt; auch wollte sie nicht auswandern. Hermann Jacobsohn, ein Bruder von Lily Herz, der mit einer katholischen, „arischen“ Frau verheiratet war, weshalb es zu Familienstreitigkeiten gekommen war, konnte oder wollte die Mutter nicht aufnehmen, da er und seine Familie selbst unter schwierigsten Bedingungen lebten. Ernst und Lily Herz beschlossen deshalb, in Köln zu bleiben.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 49f. Ein späterer Versuch, in die Vereinigten Staaten auszuwandern, scheiterte am fehlenden, aber notwendigen Affidavit. Rudy Herz: „[…], die Falle klappte zu, wir konnten nicht mehr weg.“Wißkirchen, Rudy Herz, S. 53.

Nach der Reichspogromnacht im November 1938 wollte die Familie mit einem Kleintransporter zu Verwandten nach Belgien flüchten, aber Ernst Herz verließ unterwegs der Mut, und man kehrte nach Köln zurück. Seine Mutter und zwei seiner Schwestern, die weiterhin in Butzheim im Elternhaus lebten, wurden von SA-Leuten drangsaliert, die das Haus verwüsteten und ein Wasserrohr zerschlugen. Das Haus wurde überschwemmt, und die gehbehinderte Helene Herz wäre beinahe im Keller ertrunken, wäre sie nicht von zwei Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehr gerettet worden. Weil sie einer Jüdin geholfen hatten, wurden die beiden Helfer angezeigt und aus der Feuerwehr ausgeschlossen.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 56. Auch andere Verwandte der Familie in Butzheim und Nettesheim wurden Opfer von Ausschreitungen. Alle verließen bis spätestens 1939 ihre Heimatorte.

1939 beendete Rudy Herz die Volksschule, durfte aber wegen der Einschränkungen für Juden keine Lehre machen. Stattdessen besuchte er eine jüdische Lehrwerkstätte, wo er sich in Bauschreinerei ausbilden ließ. Anschließend erhielt er eine Anstellung in einem Unternehmen, das Baracken und anderes für die Wehrmacht baute. Inhaber und Geschäftsführer waren Mitglieder der NSDAP, die nach Ansicht von Herz ebenso wie die Kollegen wussten, dass Herz Jude war, ihn aber stillschweigend akzeptierten. Man ließ ihm die Lebensmittelkarte für Lang- und Nachtarbeiter zukommen, so dass Lily Herz die ganze Familie, die als Juden nur Anspruch auf eingeschränkte Rationen hatten, mit besseren Lebensmitteln versorgen konnte.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 60f.

1942 musste die Familie Herz in eine jüdische Massenunterkunft an der Synagoge St. Apern-Straße ziehen; dort war sie Wohnnachbar der Familie von Erich Klibansky, dem Leiter und Lehrer der „Jawne“, des ersten jüdischen Gymnasiums des Rheinlandes. Viele Angehörige waren zu diesem Zeitpunkt bereits deportiert und ermordet worden.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 87f. Die Familie von Ernst Herz genoss mutmaßlich einen gewissen einstweiligen Schutz, weil er im Ersten Weltkrieg als Soldat mit dem „EK II“ ausgezeichnet worden war.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 96

Deportation und Aufenthalt im Lager Im Juli 1942 kam schließlich doch der Deportationsbefehl für den 27. desselben Monats; die Familie Klibansky war inzwischen schon deportiert worden. Die Familie Herz ging zu Fuß zur Messehalle, von wo aus sie am Tag darauf vom Bahnhof Köln-Deutz aus in einem Sonderzug nach Theresienstadt transportiert wurde. Bei der Ankunft wurden sie von der Großmutter Henriette Jacobsohn getrennt (sie starb im März 1944 in einer Krankenstation), vor Ort in Theresienstadt auch die Familie, in Männer einerseits sowie Frauen und Kinder andererseits. Im Mai 1944 wurde die Familie ins KZ Auschwitz-Birkenau transportiert.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 127. Im Juli 1944 wurden Rudy Herz und sein Bruder Alfred zu Aufräumarbeiten in ein Lager innerhalb des Deutschen Reiches zurückverlegt. Nur wenige Tage später wurde Karl Otto Herz Augenzeuge davon, wie seine Mutter und die drei jüngsten Geschwister in die Gaskammern geschickt wurden.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 139, 143 und 147.

Der Vater Ernst Herz war kurz zuvor in das KZ Blechhammer verlegt worden. Dort starb er, Umstände und genauer Todestag sind unbekannt.

Anfang Juli 1944 wurden Rudy Herz und sein Bruder Alfred gemeinsam mit 1000 weiteren Häftlingen in das KZ-Außenlager Schwarzheide, ein Außenlager von Sachsenhausen, transportiert, um auf dem Gelände der BRABAG nach Bombardements der Alliierten bis zur Erschöpfung Aufräum- und Wiederaufbauarbeit zu leisten. Als Herz einmal das Pfeifsignal zum Sammeln überhörte, weil er eingedöst war, wurde er von einem SS-Mann fast bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt. Er wurde mit inneren Blutungen auf die Krankenstation gebracht, wo er nach eigener Aussage von einem Krankenpfleger sexuell missbraucht wurde. Er war anschließend nur noch zu leichteren Arbeiten fähig. Mitte August gab es weitere Bombardierungen, bei denen viele Häftlinge ums Leben kamen.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 55f.

Etwa Anfang September wurden einige Häftlinge, darunter Rudy Herz, die nicht mehr arbeitsfähig waren, in das 50 Kilometer entfernte Lager KZ Lieberose gebracht, von wo aus sie eigentlich nach Auschwitz zurückgebracht werden sollten, mutmaßlich, um dort getötet zu werden. Der Rücktransport verzögerte sich, und Herz verbrachte den Winter in diesem Lager und wurde Zeuge von schrecklichen Vorfällen, darunter Exekutionen und Prügelstrafen, so dass er später sagte:

Am 2. Februar 1945 wurden rund 1500 Häftlinge auf den Todesmarsch nach Sachsenhausen geschickt, mehrere Hundert nicht mehr gehfähige Männer erschossen und verscharrt. Von dort aus wurde Herz nach Mauthausen transportiert. Zuletzt arbeitete er im KZ Gusen II; sein Bruder Karl Otto war in Gusen I, doch konnten die Brüder keinen Kontakt zueinander aufnehmen.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 180f. Alfred Herz war in Schwarzheide zurückgeblieben und wurde, als sich die Rote Armee näherte, nach Bergen-Belsen transportiert. Dort starb er wenige Wochen vor Kriegsende im Alter von 21 Jahren, mutmaßlich an Fleckfieber.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 168f.

In die USA, nach Frankreich und zurück Am 5. Mai 1945 wurde Gusen II von den Amerikanern befreit. Zu Fuß gelangte Rudy Herz, der nur noch etwa 42 Kilogramm wog, nach Linz, wo sich auch sein Bruder Karl Otto befand, ohne dass die beiden jungen Männer voneinander wussten. Herz, der sich im KZ von anderen Häftlingen die niederländische Sprache angeeignet hatte, gab sich als Niederländer aus, um dorthin mitgenommen zu werden. Auf dem Transport von Linz nach Rotterdam hielt der Zug auch in der Nähe von Köln, und Herz war unschlüssig, ob er bleiben sollte. Er sah in der Ferne die Domtürme, weil er aber von der Zerstörung der Stadt wusste und kaum Hoffnung auf Überlebende aus seiner Familie hatte, stieg er schließlich wieder in den Zug nach Rotterdam. Dort wurde er von Angehörigen der jüdischen Gemeinde betreut.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 193f.

Mit Hilfe der Jewish Brigade gelangte er nach Frankreich, wo er in Heimen für Überlebende des Holocaust untergebracht wurde, die auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitet wurden.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 195. Als er 1946 durch den Brief eines in Köln lebenden Onkels erfuhr, dass sein Bruder Karl Otto inzwischen in die USA ausgewandert war, beschloss er jedoch, diesem zu folgen. Karl Otto lebte in New York, wo sich Rudy Herz aber nicht wohl fühlte.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 198f. Nach mehreren Stationen landete er in Chicago, wo er eine Uhrmacherlehre machte und ein eigenes Geschäft eröffnete.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 208f. Ab 1950 diente er im Koreakrieg als Soldat; zu diesem Dienst war er als Holocaustüberlebender nicht verpflichtet, aber Herz wollte von dieser Sonderregelung keinen Gebrauch machen.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 210. Anschließend kehrte er nach Chicago zurück und eröffnete sein Geschäft wieder, das er aber 1963 aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben musste.Wißkirchen, Rudy Herz, S. 211.