Die Lady von Shanghai (Originaltitel: The Lady from Shanghai) ist ein US-amerikanischer Kriminalfilm im Stil des Film noir aus dem Jahr 1947. Die Hauptrollen spielten Rita Hayworth und Orson Welles, der auch die Regie führte. Als literarische Vorlage diente Sherwood Kings Roman If I Die Before I Wake, den Welles in ein Drehbuch umschrieb. Seinerzeit sowohl finanziell als auch bei der Kritik ein Misserfolg, entwickelte sich der Film über die Jahre zu einem Klassiker der Filmgeschichte, der mit seinen visuellen Effekten, vor allem in der legendären „Spiegelkabinett-Szene“, neue Maßstäbe setzte. Die Lady von Shanghai wurde 2018 in das National Film Registry aufgenommen.

Handlung In New Yorks Central Park trifft der irische Matrose Michael O’Hara auf eine ebenso schöne wie geheimnisvolle Frau namens Elsa in einer Kutsche. Als Diebe versuchen sie auszurauben, rettet Michael ihr das Leben, und sie lässt sich ein Stück von ihm kutschieren. Elsa ist mit dem bekannten Anwalt Arthur Bannister verheiratet, der wegen einer Behinderung an Krücken geht. Am folgenden Tag bietet Bannister Michael einen Job auf seiner Yacht an. Michael will das Angebot zunächst nicht annehmen, doch als Elsa ihn darum bittet, willigt er ein.

Von New York aus sticht die Yacht mit Namen Circe in Richtung San Francisco in See. Unterwegs stößt auch Bannisters Geschäftspartner George Grisby zu ihnen und geht mit an Bord. Während der Fahrt verfällt Michael zunehmend Elsas Reizen, die, wie er später erfährt, den gehbehinderten und deutlich älteren Bannister nur geheiratet hat, weil dieser damit drohte, ihre zweifelhafte Vergangenheit in Shanghai zu enthüllen. Elsa lässt sich zwar auf eine Liaison mit Michael ein, schließt aber eine Scheidung von ihrem wohlhabenden Mann aus finanziellen Gründen aus. Kurz nachdem die Yacht vor der mexikanischen Küste vor Anker gegangen ist, bemerken Michael und Elsa, dass sie von Sidney Broome, dem Steward der Yacht, beobachtet werden. Dieser wurde von Bannister engagiert, um Elsa im Auge zu behalten.

In Acapulco zieht Grisby Michael ins Vertrauen und erzählt ihm, dass er auf der Reise seinen eigenen Mord vortäuschen will, damit er das Geld seiner Lebensversicherung kassieren und anschließend verschwinden kann. Er erklärt Michael die Einzelheiten und bietet ihm 5000 Dollar an, wenn er sich der Polizei gegenüber als Mörder ausgibt. Grisby versichert Michael, dass er nicht für Mord verurteilt werden könne, wenn keine Leiche gefunden wird. Michael unterschreibt schließlich das Geständnis, um mit dem Geld ein neues Leben mit Elsa zu beginnen. Doch Broome kommt Grisby auf die Schliche und ist überzeugt, dass dessen Vorhaben Teil eines mörderischen Komplotts gegen Bannister, seinen Auftraggeber, ist. Grisby erschießt Broome, der kurz vor seinem Tod Elsa noch mitteilen kann, dass Grisby ihren Gatten töten will.

Michael führt derweil seinen Teil des Plans aus und schießt im Hafen drei Schüsse in die Luft, während Grisby in einem Motorboot davonfährt. Kurz darauf wird jedoch Grisbys Leiche gefunden. Aufgrund seines schriftlichen Geständnisses wird Michael von der Polizei festgenommen. Als ihn Elsa in seiner Gefängniszelle besucht, erzählt sie ihm, dass Bannister bereit sei, ihn vor Gericht zu verteidigen. Obwohl Michael ihrem Gatten nicht traut, bleibt ihm keine andere Wahl. Bannister will den Fall jedoch absichtlich verlieren, damit Michael in der Todeszelle landet. Als er dies seinem Mandanten offenbart, sorgt Michael für einen Tumult im Gericht. Er schluckt eine Handvoll Schlaftabletten, worauf es ihm gelingt zu fliehen und sich in einem Theater in Chinatown zu verstecken. Elsa, die ihm gefolgt ist, findet ihn zwischen den Sitzreihen und bietet ihm ihre Hilfe an. In ihrer Handtasche entdeckt Michael einen Revolver und schlussfolgert, dass sie die wahre Mörderin sein muss. Als die Wirkung der Schlaftabletten einsetzt und Michael das Bewusstsein verliert, bringen ihn Elsas chinesische Gefolgsleute in einen Vergnügungspark, wo sie ihn beseitigen wollen. Als er wieder zu sich kommt, wird ihm klar, dass er in ein Mordkomplott geraten ist. Grisby und Elsa hatten gemeinsam den Mord an ihrem Mann geplant, um sich dann das Erbe zu teilen. Um Bannister zu töten, brauchte Grisby ein Alibi, weshalb er mit Michaels Hilfe seinen eigenen Tod inszenieren wollte. Doch als Broome Grisbys Absichten durchschaute und Elsa befürchten musste, dass Broome die Polizei verständigen und die Spur damit auch zu ihr führen würde, beschloss sie, Grisby umzubringen.

In einem Spiegelkabinett wird Michael nun Zeuge, wie sich Elsa und Bannister gegenseitig erschießen. Zuvor hat Bannister dafür gesorgt, dass der Staatsanwalt einen Brief erhält, in dem er alles über Elsas Vergangenheit und ihre Schuld offenlegt und damit Michael entlastet. Mit letzter Kraft ruft Elsa verzweifelt dem sich abwendenden Michael hinterher.

Hintergrund Vorgeschichte mini|Orson Welles (1948) Multitalent Orson Welles hatte 1941 im Alter von nur 26 Jahren mit Citizen Kane einen innovativen Meilenstein der Filmgeschichte geschaffen. Da seine Filme, allen voran Der Glanz des Hauses Amberson (1942), jedoch oftmals das Budget überschritten und an der Kinokasse floppten, wurde es für Welles zunehmend schwieriger, seine Filmprojekte in Hollywoods Studiosystem zu realisieren. Im Sommer 1946 inszenierte er stattdessen am Broadway eine üppige Musical-Version von Jules Vernes In 80 Tagen um die Welt (1873) mit der Musik und Songs von Cole Porter. Als Produzent fungierte Mike Todd, der zehn Jahre später die gleichnamige Leinwandadaption mit David Niven produzieren sollte. Nachdem Todd aus Welles’ kostspieligem Broadway-Projekt ausgestiegen war, sah sich Welles gezwungen, das Musical selbst zu finanzieren. Als ihm das Geld ausging und er dringend 50.000 Dollar brauchte, um die bereits angefertigten Kostüme zu bezahlen, wandte er sich an Harry Cohn, den Chef von Columbia Pictures.Bert Rebhandl: Orson Welles. Genie im Labyrinth. Zsolnay, Wien 2005, S. 89–90.

Welles überzeugte Cohn am Telefon, ihm das nötige Geld zu geben, mit dem Versprechen, für ihn im Gegenzug das Drehbuch für einen Columbia-Film zu schreiben sowie Regie, Produktion und eine Hauptrolle zu übernehmen. Da Welles kurz zuvor mit dem Krimi Die Spur des Fremden (1946) bewiesen hatte, dass er durchaus in der Lage war, einen kommerziell erfolgreichen Film zu inszenieren, ließ sich der Produzent auf den Handel ein. Auf Cohns Frage hin, wie der neue Film denn heißen sollte, nannte ihm Welles spontan den Titel eines Buches, das er von seiner Telefonzelle aus sehen konnte: If I Die Before I Wake von Sherwood King – ein Kriminalroman, den Welles, wie er später erzählte, nie gelesen hatte. Die Filmrechte für den Roman waren zu diesem Zeitpunkt bereits im Besitz von Produzent William Castle, der daraufhin zum Koproduzenten ernannt wurde..

Drehbuch Das Drehbuch, das Welles daraufhin verfasste, basierte jedoch nur teilweise auf Kings Vorlage. Einen ersten Entwurf schrieb er innerhalb von drei Tagen, als er sich in einem Hotel auf Catalina Island aufhielt. Dabei wandelte er den männlichen Helden von einem Chauffeur in einen irischen Seemann um und fügte dem Plot zahlreiche Details und überraschende Wendungen hinzu. Zudem verlegte Welles den Großteil der Geschehnisse nach Mexiko und San Francisco, während im Roman New York und Long Island die Schauplätze der Handlung bilden. Der englische Filmtitel änderte sich während des Entstehungsprozesses mehrfach vom ursprünglichen If I Die Before I Wake, zu Black Irish oder auch Take This Woman, bis man sich schließlich für The Lady from Shanghai entschied.. Noch während der Dreharbeiten nahm Welles spontan Änderungen am Skript vor, zumal auch die Zensur in Hollywood, der Production Code, einige Szenen als unmoralisch und damit als inakzeptabel einstufte.

Besetzung Neben seiner Funktion als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent wollte Welles von Anfang an auch die männliche Hauptrolle übernehmen, was ihm eine zusätzliche Beteiligung am Gewinn des Films versprach.Gene Ringgold: The Films of Rita Hayworth. Citadel Press, Secaucus 1974, S. 169–172. Einige Nebenrollen gingen an Mitglieder von Welles’ Schauspieltruppe des Mercury Theatre, darunter Everett Sloane als verkrüppelter Strafverteidiger Arthur Bannister und Erskine Sanford als Richter. Carl Frank, ein bekannter Radiosprecher und ebenfalls Schauspieler des Mercury Theatre, gab in der Rolle des Bezirksstaatsanwalts Galloway sein Leinwanddebüt.

Für die Titelfigur hatte Welles eigentlich die junge, noch unbekannte französische Schauspielerin Barbara Laage vorgesehen, aber auch Ida Lupino war für die Rolle zeitweilig im Gespräch. Doch Rita Hayworth, Columbias größter Star und zu diesem Zeitpunkt noch Welles’ Ehefrau, wollte unbedingt in einem Film ihres Mannes mitspielen und mit ihrem Status bei Columbia zugleich dafür sorgen, dass das Projekt von einem zunächst geplanten B-Film in eine aufwändige Großproduktion umgewandelt wird. Auch auf Betreiben des Studios hin erhielt sie schließlich die Rolle der skrupellosen Elsa Bannister. Gegen ihren Typ besetzt, versuchte sich Hayworth zudem von ihrem Image als „Glamourstar“ zu befreien, das vor allem von ihrer Titelrolle in Gilda (1946) geprägt war. Um endlich als Schauspielerin von den Kritikern ernst genommen zu werden, willigte sie ein, sich optisch zu verändern. „Rita konnte nicht einfach als das sehr bekannte Pin-Up-Girl daherkommen; sie brauchte einen vollkommen neuen Look“, erzählte Welles später.Heinz-Jürgen Köhler: Die Lady von Shanghai. In: Filme der 40er. Jürgen Müller (Hrsg.), Taschen, 2005, S. 397–401. Er schlug vor, ihr Markenzeichen, die berühmte tizianrote Mähne, in eine „topazblonde“ Kurzhaarfrisur umzuwandeln, um für die neue Rolle die Gilda-typische Sinnlichkeit durch einen eiskalten „Femme-fatale-Look“ zu ersetzen. An dem Tag, als Columbias Hairstylistin Helen Hunt Hayworths Locken abschnitt, waren 16 Fotografen anwesend, um das Ereignis werbewirksam zu dokumentieren. Viele Hayworth-Anhänger zeigten sich schockiert über die neue Frisur, andere baten in ihren Fanbriefen vergeblich um eine Locke.John Kobal: Rita Hayworth. The Time, The Place and the Woman. W. W. Norton, New York 1977, S. 167–170.

Dreharbeiten mini|Errol Flynns Yacht, die Zaca Die Dreharbeiten erstreckten sich von Oktober 1946 bis Ende Februar 1947. Während dieser Zeit waren Orson Welles und Rita Hayworth noch miteinander verheiratet, lebten aber bereits getrennt. Trotz ihrer ehelichen Differenzen verlief die Arbeit des Regisseurs mit seiner Hauptdarstellerin nach Angaben von Crewmitgliedern freundschaftlich und respektvoll. An drehfreien Wochenenden flogen sie bisweilen nach Mexiko-Stadt, um sich vor Ort Stierkämpfe anzusehen. Einige Quellen behaupten, Hayworth habe durch den gemeinsamen Dreh versucht, ihre Ehe zu retten. Andere wiederum belegen, dass sie sich bereits endgültig mit dem Ende ihrer Beziehung abgefunden hatte.Caren Roberts-Frenzel: Rita Hayworth. A Photographic Retrospective. Abrams, New York 2001, S. 131.

Für die erste Szene in New York verwendete man Archivaufnahmen von Brooklyn Bridge und Central Park, während die Aufnahmen von Welles und Hayworth in einer Kutsche in den Studios von Columbia Pictures in der Gower Street in Hollywood entstanden. Als luxuriöse Yacht mit dem Namen Circe, der auf Hayworths bzw. Elsa Bannisters verführerische Aura verweist, diente Errol Flynns berühmter Schoner, die Zaca. Da Flynn mit Welles befreundet war, erklärte er sich bereit, ihm das Segelschiff für den Film zur Verfügung zu stellen und auch selbst zu steuern. mini|Das Hafengelände von Sausalito, ein Drehort des Films