Hermann Raphael Rodensteen (* um 1525 in Vollenhove; † 8. Juli 1583 in Weimar) war ein niederländischer Orgelbauer, der in verschiedenen Ländern Europas von Skandinavien bis Österreich tätig war. Ab 1559 ließ er sich dauerhaft in Zwickau nieder.
Leben Als Namensvarianten sind Herman Raphael(szoon) Rottenstein-Pock, Rottenstein, Rötenstein, Rotenstein, Rottenpock überliefert.. Der Vater Raphael I. Rodensteen († zwischen 26. Okt. 1552 und 4. Sept. 1554) hatte neben Herman Raphael als weitere Söhne der Orgelbauer Gabriel Raphaels(zoon) (* um 1535 in Bolsward; † nach 1607) und Michael Raphaels(zoon) († am 10. April 1593). In Vollenhove, das damals zum Bistum Utrecht gehörte, erwarb Raphael I. im Jahr 1527 das Bürgerrecht als Orgelbauer. Unklar ist, bei wem Rodensteen den Orgelbau erlernte, vermutet wird ein Meister aus Utrecht; er bezeichnet sich später als aus „Vollenhove im Stift Utriche“ stammend.Vente: Die Brabanter Orgel. 1963, S. 133. Rodensteen arbeitete anfänglich von Bolsward aus in Westfriesland.Flade: Hermann Raphael Rottenstein-Pock. 1932, S. 2.
Im Jahr 1550 erhielt Rodensteen einen Auftrag in Dänemark, für einen Orgelneubau im Dom von Roskilde, den er 1555 vollendete. Er wird in dieser Zeit als „ehrlicher und bescheidener Mann“ (erlüg og beskeen Mand) beschrieben.Flade: Hermann Raphael Rottenstein-Pock. 1932, S. 3. Er baute in Dänemark weitere Instrumente, um im Jahr 1559 nach Zwickau zu ziehen, wo er sich dauerhaft niederließ. Er heiratete in diesem Jahr Clara Hofmann († 1594), die Tochter des Organisten Paul Hofmann.Dähnert: Historische Orgeln in Sachsen. 1980, S. 309. Als Kinder sind Raphael II., Herman II. und Johanna nachgewiesen. Im Jahr 1562 erwarb er das Bürgerrecht in der Stadt.Pape: Lexikon norddeutscher Orgelbauer. 2012, S. 318. Nach einer Erkrankung im Jahr 1576 ist Rodenstein mit keinen größeren Arbeiten mehr nachweisbar.Flade: Hermann Raphael Rottenstein-Pock. 1932, S. 21.
Werk Rodensteen war ein Orgelbauer von internationalem Ruf, worauf seine Aufträge in vielen Ländern Europas hinweisen, zeitlich parallel zur Tätigkeit der Orgelbauerfamilie Scherer.Vente: Die Brabanter Orgel. 1963, S. 149, 215. Neben Johann Lange wirkte Rodensteen ab 1559 fruchtbar im albertinischen Sachsen. Unklar ist, ob er Springladen oder Schleifladen baute.Dähnert: Historische Orgeln in Sachsen. 1980, S. 12. Rodensteen schuf Orgeln im Stil der Renaissance, deren Prospekte reich verziert waren und Flügeltüren aufwiesen. In der Regel waren die Orgeln pedallos. Der Klaviaturumfang begann wahrscheinlich nicht bei C, sondern bei F.Klotz: Über die Orgelkunst der Gotik, der Renaissance und des Barock. 1986, S. 192.
Im Jahr 1554 errichtete Rodensteen in Roskilde eine neue Orgel mit Rückpositiv, dessen Gehäuse sowie drei bis vier Flötenregister erhalten sind. Das Untergehäuse stammt von der Vorgängerorgel aus dem 15. Jahrhundert. Die friesischen Bildschnitzer und Schreiner Per Jensoen aus Leeuwarden und Jan van Boelswart aus Bolsward sowie Gregorius von Lübeck gestalteten den Prospekt und die Emporenbrüstung. 1556 baute er ein Positiv und 1557 eine zweimanualige Orgel für die Kopenhagener Schlosskirche.
In Zwickau arbeitete er an der Orgel in St. Marien und reiste nach Franken und Wien, wo er weitere Orgeln schuf. Möglicherweise stammt auch die Orgel in der Kapelle von Schloss Sonderburg (um 1570) von ihm. Im Jahr 1563 legte er dem sächsischen Kurfürsten den Dispositionsentwurf einer Orgel mit 13 Registern vor, die 78 Registerkombinationen ermöglichen sollte.Vente: Die Brabanter Orgel. 1963, S. 159–160. Auch: Die Registrierungen von Herman Raphael Rodensteen 1563 für die Orgel der Schlosskirche Dresden, abgerufen am 20. März 2015 (PDF-Datei; 91,2 kB) Dieses Werk kam zur Ausführung und wurde von 1610 bis 1614 durch Gottfried Fritzsche ersetzt.Michael Praetorius: Syntagma musicum. Band 2: De Organographia. S. 187. (online), gesehen am 20. März 2015. Auch für seine Orgel in Döbeln (1568–1569) lieferte er Registerkombinationen.Ernst Flade, Hermann Raphael Rottenstein-Pock. Ein niederländischer Orgelbauer des 16. Jahrhunderts in Zwickau (Sachsen). Zeitschrift für Musikwissenschaft 15, 1932/33, S. 1–24, auf S. 24, Anm. 1. Auch: Die Registrierungen von Herman Raphael Rodensteen für die Orgel der Stadtkirche Döbeln 1568, abgerufen am 21. Dezember 2017 (PDF-Datei; 98 kB) Werkliste Die römische Zahl bezeichnet die Anzahl der Manuale, ein großes „P“ ein selbstständiges Pedal, ein kleines „p“ ein nur angehängtes Pedal und die arabische Zahl in der vorletzten Spalte die Anzahl der klingenden Register.
Jahr Ort Gebäude Bild Manuale Register Bemerkungen um 1550 Bolsward Martinikerk zentriert|160x160px II seit 1991 in der Der Aa-kerk (Groningen); Gehäuse erhalten → Orgeln der Der Aa-kerk (Groningen) 1550–1555 Roskilde Dom zu Roskilde zentriert|160x160px II 24 Neubau unter Einbeziehung des Untergehäuses aus dem 15. Jahrhundert; Gehäuse und drei bis vier Register erhalten 1556 Dänemark I Neubau eines Positivs 1557 Kopenhagen Christiansborg, Schlosskirche II/P Neubau 1559 Chemnitz StadtkircheI/angehängtes Pedal12→ nicht erhalten Orgel 1762-65 durch Orgelneubau von Georg Lorenz Leube ersetzt 1561, 1569, 1577 Leipzig Nikolaikirche Erweiterung der Orgel von 1479 1562 Zwickau St.-Marien-Kirche Renovierung der Orgel von Blasius Lehmann (1542?) 1562 Zwickau St. Katharinen I Neubau einer kleinen Orgel, die 1668 ersetzt wurde 1563 Waldenburg I Neubau 1563 Dresden Schlosskapelle I 13 Neubau; 1614 durch Gottfried Fritzsche ersetzt 1564 Nürnberg Spitalkirche Renovierung, die die Erneuerung von 300 Pfeifen beinhaltetFlade: Hermann Raphael Rottenstein-Pock. 1932, S. 13. 1564–1565 Weiden in der Oberpfalz St. Michael Renovierung 1565 Kronach St. Johann Baptist Neubau 1566–1567 Wien Stephansdom Neubau einer kleinen Orgel auf dem Orgelfußwww.musiklexikon.ac.at: St. Stephan (Wien), abgerufen am 21. März 2015. → Orgeln des Stephansdoms 1568 Wien Bürgerspital Neubau 1568 Wien Michaelerkirche Neubau 1568–1569 Döbeln Stadtkirche St. Nicolai I 9 Neubau; 1604 ersetzt 1569–1570 Oelsnitz/Vogtl. Stadtkirche St. Jakobi I 10 Neubau; 1632 mit der Kirche zerstört um 1570 Sønderborg Schloss Sonderburg zentriert|160x160px I 9 1626 um ein zweites Manual erweitert; in Teilen original erhalten, 1996 rekonstruiert → Orgel von Schloss Sonderburg 1570 Schweinfurt Stadtkirche Neubau 1572 Augustusburg Jagdschloss Augustusburg zentriert|160x160px I 7 Neubau; nach 1740 ersetzt 1572–1573 Bayreuth Stadtkirche I 11 Neubau, nachträglich von Rodensteen ein Krummhorn eingebaut; 1596/1597 Pedal ergänzt von Timotheus Compenius;Klotz: Über die Orgelkunst der Gotik, der Renaissance und des Barock. 1986, S. 230–231. nicht erhalten 1573 Nürnberg St. Egidien Neubau 1577 Leipzig Nikolaikirche I 8 Neubau eines Positivs, das 1693 abgetragen wird 1578 oder 1579 Freiberg Nikolaikirche I 5 oder 6 Neubau eines Positivs mit 324 Pfeifen
Literatur
Ernst Flade: Hermann Raphael Rottenstein-Pock. Ein niederländischer Orgelbauer des 16. Jahrhunderts in Zwickau. In: Zeitschrift für Musikwissenschaft. 15. Jg., 1932, S. 1–24.
Auke H. Vlagsma: Hermann Raphaëls Rodensteen. Een Nederlandse orgelmaker in Duitsland ten tijde van de Renaissance. In: Het Orgel. Bd. 111, 2015/2, S. 12–23 (niederländische Zusammenfassung).
Einzelnachweise
Kategorie:Orgelbauer (16. Jahrhundert) Kategorie:Orgelbauer (Deutschland) Kategorie:Orgellandschaft Sachsen Kategorie:Person (Zwickau) Kategorie:Niederländer Kategorie:Geboren im 16. Jahrhundert Kategorie:Gestorben 1583 Kategorie:Mann