mini|hochkant=1.5|Armut als Folge der Modernisierung führt in vielen Kulturen zur Rückbesinnung auf die eigenen TraditionenKohl. S. 25, 80, 188, 215, 251.
Revitalisierung ist ein Sammelbegriff aus der Ethnologie für die Wiederbelebung bestimmter Traditionen und/oder Wertvorstellungen in Gesellschaften, die negative Erfahrungen mit der Modernisierung gemacht haben – sprich: mit der zunehmenden kulturellen Angleichung bis hin zur Assimilation in die dominante moderne Weltgesellschaft.
Solche Entwicklungen können durch kolonialen Druck, Machtverlust, Unterdrückung, Marginalisierung oder existentielle wirtschaftliche Nöte ausgelöst werden. Der kulturelle Wandel wird reflektiert und die Werte der modernen Kultur werden in Frage gestellt. Revitalisierung reagiert auf den Wandel, gibt ihm eine neue Richtung und treibt ihn gleichzeitig an.Dieter Haller u. Bernd Rodekohr: dtv-Atlas Ethnologie. 2. vollständig durchgesehene und korrigierte Auflage 2010, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005, ISBN 978-3-423-03259-9. S. 89.
Revitalisierungsbewegungen können sich auf religiöse Vorstellungen beziehen (→ Rituelle Revitalisierung) auf die Rückkehr zu traditionellen Kulturelementen (→ Retraditionalisierung) oder in der umfassenden „innovativen Neuerfindung“ der Tradition (→ Re‑Indigenisierung) und sie liegen in einem Spannungsfeld von der passiv-friedlichen Vermarktung der Folklore (→ Folklorisierung) bis hin zur „aggressiv-irrationalen“ Widerstands-Ideologie (→ Traditionalismus).Walter Hirschberg (Begründer), Wolfgang Müller (Redaktion): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005. S. 314.
Die genannten Begrifflichkeiten werden allerdings nicht immer klar voneinander unterschieden.
Häufig wird Revitalisierung bei indigenen Gemeinschaften rund um den Globus beschrieben, kommt jedoch ebenso bei Nationen vor, die sich von der westlichen Kultur abgrenzen möchten.Birgit Bräuchler and Thomas Widlok: Die Revitalisierung von Tradition: Im (Ver-)Handlungsfeld zwischen staatlichem und lokalem Recht. In: Zeitschrift für Ethnologie. Bd. 132, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2007, S. 5–14.
Rituelle Revitalisierung mini|Sonnentanz bei den Blackfeet 1890. Heute revitalisiert und nicht mehr für Außenstehende zugelassen
In der Regel sind traditionelle Kulturen eher „kalte Gesellschaften“, das heißt, ihre Mitglieder identifizieren sich durch gemeinsame Wertvorstellungen, Mythen, Riten und ihr kulturelles Erbe intensiv mit ihrer Gemeinschaft. Der Kontakt mit der modernen Welt führt demgegenüber zu einer zunehmenden Individualisierung der Menschen. Dies wiederum hat häufig eine Spaltung der Gesellschaft in „Modernisten“ und „Traditionalisten“ zur Folge. Während die Modernisten alles Neue annehmen und auf verschiedene Weise in ihre Kultur integrieren, lehnen die Traditionalisten es ab und wenden sich stattdessen bewusst den überlieferten Strukturen zu. Dies gilt in diesem Fall weniger für die Übernahme neuer Alltagsgegenstände oder wirtschaftlicher Praktiken, sondern vielmehr für weltanschauliche Dinge. Macht die Gruppe dann negative Erfahrungen mit der dominanten Kultur, kann von den Traditionalisten eine rituelle Revitalisierung ausgehen – eine Rückkehr zu den rituellen Praktiken und Glaubensvorstellungen der Vorfahren, verbunden mit einer Heilserwartung auf eine bessere Zukunft.Annemarie Gronover: Theoretiker, Ethnologen und Heilige: Ansätze der Kultur- und Sozialanthropologie zum katholischen Kult. LIT-Verlag, Münster 2005, ISBN 3-8258-8403-1. S. 25–62, insbesondere 61–62.
In der Vergangenheit entstanden so zum Beispiel die Cargo-Kulte Melanesiens (Riten zur Wiederkehr der Ahnen, jedoch „beladen“ mit westlichen Waren) und verschiedene Krisenkulte, wie zum Beispiel die indianische Geistertanz-Bewegung (Beschwörung der Geister für die Rückkehr der Büffel und das Verschwinden der Weißen).
Seit der Auflösung der Sowjetunion kann man bei den Tuwinern im Altai eine Revitalisierung des klassischen Schamanismus beobachten: Die Schamanen werden heute nicht mehr denunziert oder verfolgt und das große Interesse des Westens an indigener Spiritualität führt zu einer erneuten Anerkennung der Geisterbeschwörer und Heiler, die traditionell eine bedeutende Rolle als „rituelle Bewahrer und Beschützer“ in den sibirischen Kulturen spielten.Anett C. Oelschlägel: Plurale Weltinterpretationen – Das Beispiel der Tyva Südsibiriens. Studies in Social and Cultural Anthropology, SEC Publications/Verlag der Kulturstiftung Sibirien, Fürstenberg/Havel 2013, ISBN 978-3-942883-13-9. S. 31, 60f.
Die Rückkehr zu überlieferten Riten unter Ausschluss Fremder, wie es beim Sonnentanz der Prärieindianer der Fall ist, belegt die tiefe Überzeugung solcherart Revitalisierungen. Gerade in Nordamerika ist der Versuch, alte religiöse Praktiken neu zu beleben eine fundamentalistische Bestrebung, die zerstörte Ethnizität rückgängig zu machen, beziehungsweise eine neue übergreifende Identität (→ Panindianismus) zu schaffen. Dazu gehört auch die „Mother Earth-Philosophie“, die heute von vielen Indianern als traditionelle Vorstellung betrachtet wird, obwohl dies nicht korrekt ist.Christian F. Feest: Beseelte Welten – Die Religionen der Indianer Nordamerikas. In: Kleine Bibliothek der Religionen, Bd. 9, Herder, Freiburg / Basel / Wien 1998, ISBN 3-451-23849-7. S. 29, 55–59.
Revitalisierte Spiritualität ist heute jedoch sehr häufig von der esoterischen Szene (Neopaganismus, Neoschamanismus) beeinflusst: Echte Schamanen – anfangs insbesondere aus Sibirien und Nordamerika – haben das neue Interesse der westlichen Welt genutzt, um ihr traditionelles Wissen zu sichern und zu verbreiten. Der Dialog mit der Esoterik hat jedoch in vielen Fällen dazu geführt, die Überlieferungen den Wünschen der Anhänger anzupassen, fremde Ideen mit aufzunehmen und in einen offenen Dialog mit anderen Kulturen zu treten. Es gibt dafür Beispiele aus allen Kontinenten. Kritiker geben zu bedenken, dass die vielfach von Wunschdenken, Konsum und modernem Lebensstil geprägte Methodik die ganzheitlich-traditionellen Zusammenhänge zerstört und statt zur Erneuerung der rituellen Traditionen zu synthetischen und unauthentischen Weltanschauungen führe, die kaum noch auf ihre indigenen Wurzeln beruhen.Dawne Sanson: Taking the spirits seriously: Neo-Shamanism and contemporary shamanic healing in New-Zealand. Massay-University, Auckland (NZ) 2012 . S. i, 28–31, 29, 45–48, 98, 138, 269.
Retraditionalisierung mini|Auftritt schwedischer Sámi in traditionellen Trachten als Blickfang für ihre politische Botschaft
Wenn Gesellschaften bestimmte Teile ihrer überlieferten Lebensweise reaktivieren und erneut in den Alltag integrieren, spricht man gemeinhin von Retraditionalisierung.Uta Dossow: Traditionelle Muster in neuem Gewand. Schwindler-Tuch und Mmaban-Stoffe. In: Baessler-Archiv – Beiträge zur Völkerkunde. Band 52, D. Reimer, Berlin 2004, . S. 208. Das kann sich auf die Wiederbelebung einzelner Folklore-Aspekte beziehen oder auf die existentielle Rückkehr zu traditionellen Wirtschaftsweisen.
Retraditionalisierungen sind häufig nicht mit einer wieder erstarkenden Ethnizität verbunden.
In modernen Gesellschaften wird auch der Rückgriff auf eine traditionelle Geschlechterrollenzuschreibung bzw. auf das traditionelle bürgerliche Familienmodell als Retraditionalisierung der Geschlechterrollen bzw. der Arbeitsteilung bezeichnet.
Rückkehr zu traditionellen Wirtschaftsweisen mini|Seit Auflösung der Sowjetunion sind einige Gruppen der indigenen Völker Sibiriens zum nomadischen Leben als Jäger oder Rentierhirten zurückgekehrt.
In Regionen, die noch genügend große und intakte Wildnisgebiete aufweisen, kommt es zur Wiederaufnahme der althergebrachten Subsistenzformen, wenn die moderne wirtschaftliche Basis zusammenbricht oder wenn die Abhängigkeit von staatlichen Unterstützungszahlungen verringert werden soll. Freilich werden dabei zum Teil moderne Hilfsmittel (Schusswaffen, Motorfahrzeuge, Mobiltelefone usw.) eingesetzt.
Ein Beispiel für die notgedrungene Retraditionalisierung der traditionellen Subsistenzwirtschaft sind die kleinen indigenen Völker Russlands: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam es zu einer drastischen Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Situation. Plötzlich waren die vormals in Rentier-Kolchosen oder Jagdgenossenschaften (zwangs)organisierten Menschen auf sich allein gestellt und den Prinzipien des freien Marktes ausgesetzt. Um der einsetzenden Not zu entgehen, besannen sich viele indigene Sibirier auf ihre frühere Lebensweise außerhalb der Geldwirtschaft.. Website der Berliner Zeitung. Artikel vom 26. November 1997.
Einige Aborigine-Gruppen der abgelegenen Outstations West- und Nord-Australiens ernähren sich seit der Klärung ihrer Landrechte in den 1970er Jahren wieder teilweise (5 bis 50 %) von Bush Food. Tiere (neben einheimischen Arten auch verwilderte Katzen) werden sowohl mit traditionellen Methoden (z. B. Speere, Feuer) als auch mit Gewehren und Autos gejagt. Auf diese Weise verringern die Menschen ihre Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung.Kohl. S. 86–88.Eckhard Supp: Australiens Aborigines: Ende der Traumzeit?. Bouvier, 1985, ISBN 978-3-416-01866-1. S. 239, 303–306.
Wiederbelegung der Folklore mini|Modenschau samischer Designer, die traditionelle und moderne Elemente verbinden
Die Folklore einer Ethnie ist die Summe ihrer Materialkultur, der Bräuche, Sitten, Musik und Kunst sowie der Kulte und Riten (in dieser Form der Revitalisierung allerdings ohne Bezug zu ihrem weltanschaulichen Hintergrund).
Häufig ist die Folklore „der letzte überlebende Ausdruck“ der Ethnizität einer Kultur und der Identifizierung des Einzelnen mit der ursprünglichen Gemeinschaft. Erfahren solche kulturellen Ausdrucksweisen eine Wiederbelebung und eine zunehmende Akzeptanz auch bei den Jüngeren, sind sie als Retraditionalisierung zu werten. Das wird einerseits bewusst gegenüber der Öffentlichkeit eingesetzt – etwa als strategisches Mittel, um auf Missstände aufmerksam zu machen oder um die erstarkte ethnische Identität zur Schau zu stellen. Andererseits handelt es sich um die Bewahrung beziehungsweise Reaktivierung vormaliger sozialer Strukturen innerhalb der Gesellschaft – wie zum Beispiel die Powwow-Veranstaltungen nordamerikanischer Indianer. Dabei ist zu beachten, dass die folkloristischen Elemente durchaus nicht nur den historischen Vorgaben entsprechen, sondern oftmals einem deutlichen Wandel unterliegen. So mischen sich bei den Powwow-Tänzern Merkmale verschiedenster Stämme und die Kostüme sind verändert, farbenfroher und aufwändiger als früher. Ein weiteres Beispiel sind samische Modedesigner aus Schweden, die versuchen, Kleidungsstücke zu etablieren, die traditionelle und moderne Elemente miteinander verbinden.Kohl. S. 215–216.
Die Wiederbelegung der Folklore darf nicht mit der sogenannten „Folklorisierung“ verwechselt werden, bei der ganz andere Beweggründe vorliegen.Hans Schulz u. Gerhard Strauss / Institut für Deutsche Sprache (Hrsg.): Deutsches Fremdwörterbuch: Eau de Cologne-Futurismus. Band 5, Walter de Gruyter, Berlin 2004, ISBN 3-11-018021-9. S. 995–1001.
Folklorisierung Die schwächste Form der Retraditionalisierung ist die Folklorisierung: die reine Vermarktung von Kulturgütern oder der politisch motivierte Einsatz folkloristischer Elemente, sofern sie aus dem traditionellen Bedeutungszusammenhang gelöst wurden und nur noch den genannten Interessen dienen. Das sind etwa schamanistische Zeremonien für Touristen in Lappland (der Schamanismus ist dort seit dem 19. Jahrhundert erloschen) oder der Handel mit Kunsthandwerk nach den Vorstellungen der Käufer (indianische Traumfänger mit Metallring statt eines Zweiges, Armbänder mit indigenen Mustern und aus Naturmaterialien Südamerikas oder afrikanische Masken).