mini|Arete im Kampf: Sterbender Krieger, 6./5. Jahrhundert v. Chr., Glyptothek, München Das antike griechische Wort Arete (auch Aretä, ) bezeichnet allgemein die Vortrefflichkeit einer Person oder die hervorragende Qualität und den hohen Wert einer Sache. Bei Personen ist Tüchtigkeit gemeint, insbesondere im militärischen Sinn (Tapferkeit, Heldentum). Oft ist damit die Vorstellung verbunden, dass der Tüchtige auch erfolgreich sei. Anfänglich erscheint Arete als exklusives Ideal des Adels. Später wird der Begriff in breiteren Schichten aufgegriffen, vor allem in der bildungsorientierten städtischen Oberschicht. Dies führt zu einem Bedeutungswandel: Soziale Kompetenzen – insbesondere staatsbürgerliche Qualitäten und politische Führungsfähigkeit – treten in den Vordergrund.
In der antiken Philosophie war Arete als „Tugend“ ein zentraler Begriff der Tugendethik. Die unterschiedlichen philosophischen Schulrichtungen stimmten fast alle in der Annahme überein, dass eine gelungene Lebensführung und der damit verbundene Gemütszustand Eudaimonie den Besitz der Arete voraussetze. Manche Philosophen meinten sogar, die Eudaimonie bestehe in der Arete.
Etymologie Die Herkunft des Wortes ist unklar. Im Mittelalter wurde es etymologisch von dem Verb areskein („gefallen“, „befriedigen“) abgeleitet,Eduardo Luigi De Stefani (Hrsg.): Etymologicum Gudianum quod vocatur, Leipzig 1920, S. 190. und auch in der älteren Forschungsliteratur war diese Etymologie verbreitet.Karl Kerényi: Der Mythos der areté. In: Karl Kerényi: Antike Religion, München 1971, S. 240–249, hier: 244; Werner Jaeger: Paideia, Berlin 1973, S. 26 Anm. 3. Nach heutigem Forschungsstand besteht aber kein direkter Zusammenhang mit diesem Verb, sondern Arete wird mit areíōn, dem Komparativ von agathós („gut“) in Verbindung gebracht.Pierre Chantraine: Dictionnaire étymologique de la langue grecque. Histoire des mots, Paris 2009, S. 103; Hjalmar Frisk: Griechisches etymologisches Wörterbuch, Band 1, Heidelberg 1960, S. 136; Eduard Schwyzer: Griechische Grammatik, Band 1, 5. Auflage, München 1977, S. 501. In der archaischen Zeit bezog sich agathos in Aussagen über Personen in erster Linie auf die Kampftüchtigkeit des Mannes, der als „gut“ galt, wenn er tapfer kämpfte. Ein solcher Kämpfer gehörte einer gesellschaftlichen Elite an, er war angesehen, vornehm und in der Regel wohlhabend, daher konnte agathos auch „adlig“ bedeuten. Demgemäß hatte der Komparativ areion die Hauptbedeutung „tapferer, stärker, (im Kampf) tüchtiger“.Belege bei Henry George Liddell, Robert Scott: A Greek-English Lexicon, 9. Auflage, Oxford 1996, S. 4, 237. Vgl. Pierre Chantraine: Dictionnaire étymologique de la langue grecque. Histoire des mots, Paris 2009, S. 6, 106 f.
Arete im allgemeinen Sprachgebrauch Im allgemeinen Sprachgebrauch der Antike bezeichnet Arete die Tüchtigkeit einer Person bei der Erfüllung ihrer besonderen Aufgaben oder die Tauglichkeit einer Sache (auch eines Tieres oder eines Körperteils) für den Zweck, dem sie dienen soll. Beispielsweise kann ein Messer, ein Auge oder ein PferdArete des Pferdes bei Homer, Ilias 23, 276; 23, 374. Arete aufweisen. Bei Personen besteht Arete in einer Gesamtheit von Merkmalen, welche die Person auszeichnen und ihr Vortrefflichkeit verleihen. Das gängige Muster ist das von der homerischen Dichtung geprägte Heldenideal, das in einer Verbindung geistiger und charakterlicher Qualitäten mit körperlichen Vorzügen besteht. Der Held verkörpert dieses Ideal in seinem Leben und in seinem Tod; die Arete befähigt ihn zu überragenden Leistungen, die ihm Ruhm verschaffen. Aspekte der „Tüchtigkeit“ sind praktische Klugheit, Tapferkeit und auch körperliche Kraft.Werner Jaeger: Paideia, Berlin 1973, S. 26–28, 41. Zum homerischen Arete-Ideal siehe auch Arthur W. H. Adkins: Merit and Responsibility, Oxford 1960, S. 34–40, 70 f.; Thomas Michna: ἀρετή im mythologischen Epos, Frankfurt am Main 1994, S. 19–82. Der tüchtige Held verfügt über Tatkraft und Durchsetzungsvermögen. Sein Einsatz pflegt vom Erfolg belohnt zu werden, doch kann ihn auch Unheil treffen. Homers Götter haben ebenfalls eine Arete,Homer, Ilias 9, 498. Siehe dazu Arthur W. H. Adkins: Merit and Responsibility, Oxford 1960, S. 63 f. und es gibt bei ihm auch eine Arete der Frauen, die sich von der männlichen Arete grundlegend unterscheidet.Arthur W. H. Adkins: Merit and Responsibility, Oxford 1960, S. 36 f.
Im Deutschen kann somit Arete, wenn es um die Bedeutung im nichtphilosophischen antiken Sprachgebrauch geht, mit „Gutsein“ (im Sinne eines hohen Maßes an Tauglichkeit) wiedergegeben werden. Die gängige Übersetzung mit „Tugend“ ist missverständlich und daher sehr problematisch, denn der Grundbedeutung nach ist keine Tugendhaftigkeit in einem moralischen Sinn gemeint (obwohl dies im Einzelfall auch impliziert sein kann). Erst in der Philosophie wird Arete konsequent moralisch aufgefasst.Zur Problematik der Übersetzung des Begriffs siehe Peter Stemmer: Tugend. I. Antike. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 10, Basel 1998, Sp. 1532–1548, hier: 1532 f.
Bei Homer kommt nur Vornehmen Arete zu, dem einfachen Volk ist sie fremd. Für Hesiod hingegen gibt es auch eine Arete der fleißigen Bauern. Damit meint er nicht nur deren Tüchtigkeit, sondern insbesondere das Gedeihen, den Erfolg ihrer Arbeit, der sich in Reichtum und Ansehen zeigt. Arete ist für Hesiod nicht vom Erfolg trennbar.Hesiod, Werke und Tage 289 und 313. Vgl. Hermann Fränkel: Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums, München 1969, S. 136, 614; Arthur W. H. Adkins: Merit and Responsibility, Oxford 1960, S. 71–73; Thomas Michna: ἀρετή im mythologischen Epos, Frankfurt am Main 1994, S. 91–107.
Die kriegerische Arete preist der spartanische Dichter Tyrtaios, dem es besonders auf die Todesbereitschaft ankommt.Zu Tyrtaios’ Vorstellung von Arete siehe Werner Jaeger: Paideia, Berlin 1973, S. 125–137; Werner Jaeger: Tyrtaios über die wahre ΑΡΕΤΗ. In: Werner Jaeger: Scripta minora, Band 2, Rom 1960, S. 75–114, hier: 88–99; Karl Kerényi: Der Mythos der areté. In: Karl Kerényi: Antike Religion, München 1971, S. 240–249, hier: 245. Ähnliches Gedankengut findet sich in Versen, die unter dem Namen des Theognis überliefert sind (Corpus Theognideum). Dort wird wie auch bei Tyrtaios die Leistung hervorgehoben, die der Tüchtige für den Staat erbringt. Nicht mehr die überragende individuelle Leistung, wie im homerischen Einzelkampf, sondern das Aushalten in der Schlachtreihe macht im Bürgerheer die Arete des tapferen Kriegers aus.Georgios Karageorgos: Die Arete als Erziehungsideal in den Dichtungen des Theognis, Frankfurt am Main 1979, S. 98 f. Im Corpus Theognideum wird ein Arete-Ideal propagiert, das besonders die Gerechtigkeit als adelsspezifische Tugend in den Vordergrund stellt. Den Nichtadligen (Demokraten), die den Einfluss des Adels im Staat zurückgedrängt haben, wird ein Mangel an Arete unterstellt. Der Dichter beklagt das mangelnde Verständnis seiner Zeitgenossen für die traditionelle Arete. Er unterstellt ihnen, sie seien nur am Reichtum interessiert. Diesen hält er zwar auch für einen Aspekt der Arete, doch dürfe die Tüchtigkeit nicht auf das Vorhandensein von Besitz reduziert werden. Wichtig seien auch Gerechtigkeit, Tapferkeit, Götterverehrung, Besonnenheit und praktische Lebensklugheit.Georgios Karageorgos: Die Arete als Erziehungsideal in den Dichtungen des Theognis, Frankfurt am Main 1979, S. 76–156; Lena Hatzichronoglou: Theognis and Arete. In: Arthur W. H. Adkins u. a. (Hrsg.): Human Virtue and Human Excellence, New York 1991, S. 17–44; Harald Patzer: Der archaische Areté-Kanon im Corpus Theognideum. In: Gebhard Kurz u. a. (Hrsg.): Gnomosyne. Menschliches Denken und Handeln in der frühgriechischen Literatur, München 1981, S. 197–226, hier: 213–215.
Bei Pindar zeigt sich die Arete im sportlichen Wettkampf; einerseits ist sie Veranlagungssache, andererseits werden solche „Tüchtigkeiten“ auch erlernt. Auch die Leistung nennt Pindar Arete.Pindar, Zweite olympische Ode 53; Neunte olympische Ode 101; Zehnte olympische Ode 20; Elfte olympische Ode 6; Dritte isthmische Ode 4; Siebte isthmische Ode 22. Vgl. Hermann Fränkel: Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums, München 1969, S. 557. Für den Lyriker Simonides von Keos sind Arete und Erfolg untrennbar; wer – auch ohne eigenes Verschulden – erfolglos bleibt, hat keine Arete, sondern ist „schlecht“.Simonides, F 260 Poltera (= 542 Poetae melici Graeci), hrsg. von Orlando Poltera: Simonides lyricus. Testimonia und Fragmente, Basel 2008, S. 203–209, 454–467 (kritische Ausgabe mit Übersetzung und Kommentar). Vgl. Hermann Fränkel: Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums, München 1969, S. 352 f., 614.
In der archaischen und der klassischen Zeit wurde Herrschaft dadurch legitimiert, dass der Herrscher zeigen konnte, dass er über ein besonders hohes Maß an Arete verfügte. Da man solche Tüchtigkeit und Tugendhaftigkeit für erblich hielt, pflegten Machthaber ihre Abstammung mittels einer fiktiven Genealogie auf einen mythischen Heros zurückzuführen. Dies reichte aber nicht aus, vielmehr musste der Herrscher durch sein Handeln seine Arete beweisen und damit zeigen, dass seine Behauptung, einen Heros zum Ahnen zu haben, glaubwürdig war. Man nahm an, dass einem so Qualifizierten die Herrschaft von Natur aus zustand. Wer seine Herrschernatur durch Taten bewies, etwa durch militärische Leistungen, durch Siege in panhellenischen Wettkämpfen oder durch die Großtat einer Stadtgründung, dem ordnete man sich willig unter.Lynette Mitchell: The Heroic Rulers of Archaic and Classical Greece, London 2013, S. 57–80.
In der Zeit des Hellenismus wurde die Arete, wie Ehrendekrete zeigen, insbesondere mit bürgerlichen Tugenden assoziiert. Sie manifestierte sich konkret in Leistungen für das Gemeinwohl aus philanthropischer Großzügigkeit, etwa der privaten Finanzierung öffentlicher Bautätigkeit, oder in künstlerischen Beiträgen zu Festen. Auch besondere politische und diplomatische Verdienste wurden als Zeichen von Arete staatlich gewürdigt. Die Ehreninschriften stellten der Bürgerschaft die Tüchtigkeit und großherzige Gesinnung von Wohltätern als Vorbild vor Augen. Für die staatliche Gemeinschaft hatte das öffentliche Rühmen vorbildlicher Arete auch eine identitätsstiftende Wirkung.Antiopi Argyriou-Casmeridis: Aretē in a Religious Context: Eusebeia and Other Virtues in Hellenistic Honorific Decrees. In: Elias Koulakiotis, Charlotte Dunn (Hrsg.): Political Religions in the Greco-Roman World, Newcastle upon Tyne 2019, S. 272–305, hier: 273–276, 296 f.
Literarisch und poetisch personifiziert wurde Arete in der Antike nur gelegentlich; im Gegensatz zur römischen Virtus gab es keine kultische Verehrung als Gottheit. In der bildenden Kunst finden sich Darstellungen der personifizierten Arete.Zu Arete in der bildenden Kunst siehe Jean-Charles Balty: Arete I. In: Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae (LIMC), Band 2/1, Zürich 1984, S. 581 f. (Text) und Band 2/2, Zürich 1984, S. 425 f. (Abbildungen) sowie Nachtrag im Supplementum 2009 des LIMC, Düsseldorf 2009, Band 1, S. 85 (Text) und Band 2, S. 196 (Abbildung); Cecil Maurice Bowra: Aristotle’s Hymn to Virtue. In: The Classical Quarterly 32, 1938, S. 182–189, hier: 187 f.
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