Outsides war ein Streetart-Projekt in Wuppertal, Nordrhein-Westfalen, das nach längerer Vorbereitung im August 2006 in einer corporate streetart attack vollendet wurde. An dem von Red Bull gesponserten Projekt beteiligten sich rund zwanzig Urban-Art-Künstler und Fotografen aus aller Welt, darunter der Italiener Blu, die brasilianischen Brüder Os Gêmeos mit Nina, der Franzose JR und Martha Cooper, eine US-amerikanische Fotojournalistin.

Das Ziel der nicht angemeldeten Aktion, die teils bei Nacht und Nebel durchgeführt wurde, bestand darin, Kunstwerke im Stadtgebiet zu platzieren und einer überraschten Wuppertaler Bevölkerung zu präsentieren. Die Graffiti, Wandbilder und Installationen wurden über das gesamte Stadtgebiet verteilt und bezogen die denkmalgeschützte Schwebebahn mit ein. Die Werke der Künstler wurden zum Teil als makaber und morbide charakterisiert und führten in Wuppertal zu hitzigen Diskussionen, was Kunst ist und wie weit sie in den öffentlichen Raum eindringen darf.

Besonders bekannt wurde aus dem Outsides-Projekt die Armee der verlorenen Seelen, die Os Gêmeos & Nina in dem verlassenen Eisenbahntunnel Rott malten und die in der Fotoausstellung Kunst, die auf der Strecke bleibt im Jahr 2010 gesondert dokumentiert und vorgestellt wurde. Noch im gleichen Jahr wurde das Kunstwerk auf Initiative des gemeinnützigen Vereins Wuppertalbewegung aus stadtplanerischen Gründen (Umwandlung der 22 km langen Trasse der stillgelegten Wuppertaler Nordbahn zu einem Fuß- und Radweg) vernichtet.

Vorbereitung, Ziele und Akteure Projektziel und Wahl Wuppertals mini|Schwebebahn und Wandbild des Künstlers Blu an der Wupper (siehe unten)

Vor dem Hintergrund, dass Streetart in der Regel nicht als Kunst wahrgenommen werde, stellten die Initiatoren die Frage: Wie könnte man Streetart in ihrer – auch illegalen – Ursprünglichkeit und in ihrem speziellen Aktionsraum so organisieren, dass sie für eine breitere Öffentlichkeit als Kunst wahrnehmbar und im öffentlichen Raum akzeptabel wird? Ein Team aus Kunstexperten und Graffiti-Artisten beschäftigte sich über ein Jahr mit der Diskussion und Umsetzung der Ausgangsfrage und einigte sich auf eine groß angelegte „Ausstellung“ im öffentlichen Raum. In: outsides.de Nach Angabe des Streetartisten Blu diente das Berliner Festival Backjumps – The Live Issue #2 aus dem Jahr 2005 als Vorbild.Frank Lämmer (Hg.): We come at Night. … . S. 117. Auf dem in Zusammenarbeit mit dem Kunstraum Bethanien noch ohne Sponsoren durchgeführten zweiten Backjumps-Festival waren von den Wuppertaler Teilnehmern bereits die Künstler Akim, Brom, JR, Os Gêmeos & Nina, Zasd und ZEVS vertreten.Backjumps – The Live Issue #2. In: Reclaim Your City, 20. August bis 16. Oktober 2005. Nach der Klärung des Ziels suchten die Beteiligten eine geeignete Stadt für die Ausführung der Aktion. Die gesuchte Stadt sollte vier Kriterien erfüllen: interessante städtebauliche Struktur industriell geprägte Urbanität gelegen im Randbereich einer Metropolregion außergewöhnliche kulturelle Struktur. Die Projektteilnehmer einigten sich auf Wuppertal, da die Stadt, gelegen am Rand der Metropolregion Rhein-Ruhr, mit ihren rund 350.000 Einwohnern, mit ihrer Industriegeschichte nebst Schwebebahn und mit ihren kulturellen Einrichtungen und Denkmälern den Vorgaben entsprach.

Aktionsquartier Villa Herberts und vorbereitende Workshops mini|Villa Herberts, Künstlerquartier und Aktionszentrale

Als Quartier und spätere Aktionszentrale mietete die Projektleitung im Januar 2006 die zuvor lange leerstehende Villa Villa Herberts (auch: Villa Waldfrieden) an und ließ sie nach den Projekterfordernissen generalüberholen und einrichten. Das denkmalgeschützte Haus erschien den Initiatoren als ideale Unterkunft, da bereits der Erbauer Kurt Herberts ein Kunstsammler und -förderer war. Maßgeblich am Aufbau zweier Waldorfschulen in Wuppertal beteiligt, hatte Herberts seine Villa im Stil der organischen Architektur gemäß seinen anthroposophisch geprägten Vorstellungen bauen lassen. Zudem gelegen in einem großen Park, dem heutigen Skulpturenpark Waldfrieden, erachteten die Organisatoren die Atmosphäre des Hauses und der Umgebung als förderlich für den kreativen Austausch der Künstler.

Zentraler Bestandteil der weiteren Vorbereitungen waren zwei Workshops im März und April 2006, zu denen die Initiatoren 22 Künstler, die eine breite Palette der Urban-Art abdeckten, in die Villa Herberts einluden. Inwieweit die Künstler bereits zu diesem Zeitpunkt wussten, dass Red Bull das gesamte Projekt sponserte, ist unklar. Sicher dürfte sein, dass der Getränkekonzern inhaltlich weder in die Vorbereitungen noch in die späteren Aktionen eingriff.Martha Cooper: From New York to Wuppertal. In: Frank Lämmer (Hg.): We come at Night. … . S. 4.Franz Liebl: A can is a can is a can … (Review). In: Frank Lämmer (Hg.): We come at Night. … . S. 134 ff. Die „Ausstellung“ im öffentlichen Raum, also die Ausführung des Projektziels in Form der Streetart-Attacke, erfolgte zwischen dem 11. und 17. August 2006. In diesem Zeitraum bezog das gesamte Team erneut die Villa Herberts.Jörg Rohleder: Carpe Noctem (Review). In: Frank Lämmer (Hg.): We come at Night. … . S. 9.

Künstler, Guerilla-Marketing und Red Bull Neben den Projektmanagern und einigen Fotografen waren die Künstler Akim, Brom, Mare 139, Blu, JR, Kami & Sasu, Mr. Horse, Nixfitti (Kollektiv), Os Gêmeos & Nina, Dr. Innocent, Zasd und ZEVS beteiligt. Das Sponsoring Red Bulls zielte darauf ab, mit dem Überraschungseffekt des Guerilla-Marketings die Markenbindung seiner jungen urbanen Zielgruppe über positive Erlebnisse zu stärken.Heike Derwanz: Street Art-Karrieren. S. 173 f. Allerdings trat Red Bull nicht direkt in Erscheinung und verzichtete im Gegensatz zu den gängigen Guerilla-Marketing-Aktionen beispielsweise darauf, das Firmenlogo in die Kunstkampagne zu integrieren. Der Name trat erst in der späteren Vermarktung als OUTSIDES. A Red Bull street art procect deutlicher in Erscheinung. Das Marketing erfolgte subversiv, die Werbebotschaft bestand nach Darstellung Leibls letztlich in der Darstellung als nicht-konformistisches Unternehmen, in der Identifikation des Unternehmens mit der nonkonformistischen Kunstaktion. Das überwiegend konsum- und gesellschaftskritische Selbstverständnis der Streetart-Akteure wurde als abgrenzendes Gut zur Identifikationsstiftung instrumentalisiert.Jens Thomas: Subversiv und selbstverklebt, in: Katrin Klitzke / Christian Schmidt (Hrsg.): Street Art. Legenden zur Straße, Verlag Archiv der Jugendkulturen e. V. 2009, ISBN 978-3-940213-44-0

Nach Angabe der – gleichfalls von Red Bull geförderten – Dokumentation des Gesamtprojekts (siehe unten) verheimlichten die Künstler nicht, dass sie im Auftrag eines großen Wirtschaftsunternehmens tätig und für ihren Spaß finanziert wurden.Frank Lämmer (Hg.): We come at Night. … . S. 142. Demgegenüber stellte die Westdeutsche Zeitung (WZ) in einem Beitrag vom 6. Mai 2008 fest: Wie sich erst Wochen nach der Aktion herausstellte, war die Wuppertaler Guerilla-Kunst von Redbull gesponsert worden. Die Kuratoren meldeten sich bei der WZ und beklagten selbstkritisch die Kommerzialisierung des Projekts.Nina May: Wie die Guerilla-Kunst entstand. In: Westdeutsche Zeitung (WZ-Newsline), 6. Mai 2008

Werke und Aktionen (Beispiele) In der finalen Aktionswoche zwischen dem 11. und 17. August 2006 arbeiteten die Künstler nahezu Tag und Nacht in der Stadt und in der Villa Herberts. In der Villa waren sämtliche Räume für Planungen und Vorbereitungen der Werke belegt. Für die Fahrten in das Zentrum der Stadt und zur Ausführung ihrer Arbeiten stand den Künstlern eine Fahrzeugflotte aus PKWs und Kleintransportern zur Verfügung. Enthusiastisch resümierte die offizielle Web-Projektseite: As Wuppertal rose back to life on the morning of August 18, works of art were to be found all over the city. The city had turned into an exhibition space. (Als Wuppertal am Morgen des 18. August erwachte, waren überall in der Stadt Kunstwerke zu finden. Die Stadt hatte sich in einen Kunstraum verwandelt.) Der Berliner Dr. Innocent hatte beispielsweise Bürgersteige, Treppen, Parkbänke, Parkmauern, Laternen und Müllkästen in unschuldiges Weiß getüncht. Dahinter stand die provokante Frage an die Wuppertaler, ob Weiß nun sauber oder schmutzig ist.Frank Lämmer (Hg.): We come at Night. … . S. 98. Zu den Skulpturen, Installationen, Graffiti, Wandbildern und Aktionen gehörten ferner unter anderem:

Os Gêmeos & Nina: Armee der verlorenen Seelen

mini|Der Rott-Tunnel

Als eins der eindrucksvollsten Werke des Outsides-Projekts gilt die Armee der verlorenen Seelen der drei brasilianischen Streetartisten, die zu dritt als „Os Gêmeos & Nina“ auftreten. Nina Pandolfo ist mit Otavio Pandolfo, einem der beiden Os-Gêmeos-Zwillinge, verheiratet. Ihr Wuppertaler Hauptwerk schufen sie in der Dunkelheit des stillgelegten Rotter Tunnels. Wandbilder mit dreißig menschengroßen Gestalten zeigten Frauen, Männer und Kinder als traurige Kreaturen, deren Trostlosigkeit und Verlorenheit die düstere Atmosphäre des alten Tunnels eindrucksvoll in Szene setzte. Die Figuren mit den für Os Gêmeos typischen gelbstichigen Gesichtern und dürren Gliedmaßen sowie den Nina-typischen großäugigen, knallbunten Mädchen sollten das Grauen des Zweiten Weltkriegs spiegeln.Frank Lämmer (Hg.): We come at Night. … . S. 33.Lars Mader: Kunst einfach weggefräst. In: Rheinische Post (RP online), 25. August 2012.

Unter der Schlagzeile Kunst einfach weggefräst berichtete die Rheinische Post, dass das Kunstwerk im Jahr 2010 auf Initiative des gemeinnützigen Vereins Wuppertalbewegung aus stadtplanerischen Gründen (Umwandlung der 22 Kilometer langen Trasse der stillgelegten Wuppertaler Nordbahn zu einem Fuß- und Radweg) vernichtet wurde. Die Zeitung konstatierte, dass sich die städtischen Verantwortlichen nicht mit diesem eindrucksvollen Werk identifizieren konnten und kommentierte: Sicher ist, dass sich die Gestalter der Nordbahntrasse mit dem Entfernen der Bilder um eine touristische Attraktion gebracht haben. Im Jahr 2007 machten zwei Wuppertaler Fotografen Bilder jeder Figur. Die Bilder wurden im Frühjahr 2010 in der Universität Wuppertal als dokumentarische Fotoausstellung Kunst, die auf der Strecke bleibt präsentiert. In: Homepage des Hochschul-Sozialwerks Wuppertal, 22. März 2010. Eine Ausstellung im Haus der Jugend am Geschwister-Scholl-Platz zeigte eine Installation von Os Gêmeos (The Guitar, Mixed media) und ein Werk von JR (Actor, Project Face 2 Face). In: Webseite der Stadt Wuppertal.

Blu: Gollum und Broschüren Den Italiener Blu zählt das Goethe-Institut Madrid zu den international bedeutendsten und kritischsten Street-Artisten des Muralismus.Goethe-Institut Madrid: Street-Art to go. Madrid Río Blu. Stand: 2015. Blu schuf in der Aktionswoche auf Wuppertaler Hausfassaden und Mauern fünf Wandbilder mit seinen charakteristischen, skurrilen menschlichen Figuren. Vier Bilder trug er in der von ihm bevorzugten unbunten Farbe Weiß auf, ein Werk war in pinkfarbenem Grundton gehalten. Zwei Werke sind mit Stand März 2015 noch erhalten. Eins der noch vorhandenen Werke befindet sich in Unterbarmen auf einer der Wupper zugewandten Mauerseite mit der Firmenaufschrift Peter Holzrichter & Co. Das Bild zeigt eine auf dem Rücken liegende Kreatur mit Unterhemd und Unterhose, deren Arm sich in einem überlangen Hals verheddert. Der Kopf ist mit zwei Gesichtern ausgeführt. Hinter einem deprimierten menschlichen Gesicht erscheint ein abgeflachtes, fischähnliches Gesicht mit einem breiten Maul mit Barten, durch die das Wesen einen Strom von Kleintieren filtert. In der Projekt-Dokumentation interpretiert Jörg Rohleder die bemitleidenswerte Figur als Gollum/Sméagol. Die gespaltene Persönlichkeit Gollum/Sméagol ist eine der Hauptpersonen in Tolkiens Roman Der Herr der Ringe.