mini|Regionale Verteilung der Weizenproduktion weltweit Lokale bzw. regionale Lebensmittel sind Lebensmittel, die in derselben Region erzeugt und verbraucht werden. Dabei ist der Begriff „Region“ als solcher weder geschützt noch gibt es eine allgemein verbindliche bzw. von Wissenschaftlern vorgegebene Definition oder Norm. Das Thema wird nicht nur in Untersuchungen über Verbraucherpräferenzen gegenüber regionalen Produkten, sondern auch als Marketingkonzept, in der regionalen Strukturpolitik und unter ökologischen Aspekten diskutiert.
Historisches 1826 begründete Johann Heinrich von Thünen die landwirtschaftliche Regionalökonomie mit den sog. Thünenschen Ringen, welche die maximale Marktentfernung für bestimmte Agrarprodukte regional festlegten, wobei alle Lebensmitteltransporte seinerzeit zu Fuß oder per Pferdefuhrwerk und ohne Kühlmöglichkeit durchgeführt werden mussten. Diese technischen Begrenzungen existieren heute nicht mehr, so dass sich regionale Lebensmittel im Wettbewerb mit nationalen, kontinentalen und globalen Angeboten befinden.
Die im Jahr 2020 ins Leben gerufene Initiative „Österreich isst regional“ sieht vor, dass der Bund künftig bei öffentlichen Beschaffungen, regionalen und saisonalen Produkten den Vorzug gibt. Als Nächstes soll es bei der Bundesbeschaffung ähnliche Initiativen geben.
Ökonomie Konsumentenpräferenzen Die Produktherkunft hat tatsächlich empirisch nachweisbar auf die Käuferpräferenzen einen deutlichen Einfluss. Dies gilt sowohl für den Absatz auf dem regionalen Markt (das Thema dieses Artikels) als auch den überregionalen Absatz (siehe hierzu Herkunftsbezeichnung).
In seinem „Ernährungsbericht 2025“ führte das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) im November 2025 ein Ranking der Kriterien an, die befragte Konsumenten angaben, als sie nach der Wichtigkeit von Eigenschaften von Lebensmitteln im Hinblick auf ihre Kaufentscheidung gefragt wurden. Demnach sei „[b]ei der Auswahl von Lebensmitteln […] der Geschmack entscheidend: Dass sie kaufen, was schmeckt, trifft auf 93 Prozent der Befragten voll und ganz oder eher zu. 79 Prozent achten darauf, dass Gemüse und Obst saisonal sind. 77 Prozent geben an, es treffe voll und ganz oder eher zu, dass sie darauf achten, wie das Tier gehalten wurde, von dem das Lebensmittel stammt. Bei ebenfalls 77 Prozent liegt der Wert für die Aussage, dass die Produkte aus ihrer Region kommen. 74 Prozent achten auf Angebote und 59 Prozent darauf, dass es preiswert ist. Vom Jahr 2015 (58 Prozent) bis 2020 (46 Prozent) sank dieser Anteil, seit 2021 (48 Prozent) steigt er wieder deutlich.“ Aus dieser Befragung geht hervor, dass die Herkunft eines Lebensmittels in Deutschland zwar nicht das wichtigste Kriterium bei der Entscheidung für den Kauf eines bestimmten Produkts ist, dass aber seine Herkunft für die meisten Käufer ein wichtiges Kriterium (unter anderen) ist.
Die Gruppe PricewaterhouseCoopers International gab im Juni 2025 die deutschen Ergebnisse ihrer „Voice of the Consumer“-Befragung 2025 zu den folgenden Fragen bekannt: „Was darf Essen kosten?“, „Wie gesund soll es sein?“ und „Wie nachhaltig ist es?“. Es gebe ein „Spannungsfeld“ bei täglichen Kaufentscheidungen zwischen der finanziellen Belastung und dem Preisbewusstsein, dem Wunsch nach gesunder Ernährung sowie dem Umweltbewusstsein und dem klimafreundlichen Konsum. Die Konsumforscher fanden heraus, dass 61 Prozent der Menschen in Deutschland beim Lebensmitteleinkauf vor allem auf den Preis achteten, sich 48 Prozent Sorgen über den Einsatz von Pestiziden machten und der Klimawandel für 75 Prozent ein Thema sei; jedoch würden nur 31 Prozent einen Aufpreis für Nachhaltigkeit zahlen. Zur Bedeutung des Faktors Regionalität schrieb die pwc: „Für ein Drittel der Konsument[…]en spielt Regionalität beim Kauf von Lebensmitteln eine Rolle. Konsument[…]en, die angeben lokal einzukaufen, möchten dabei die Hersteller und Händler aus der Region unterstützen (53 Prozent) und einen Beitrag zur Wirtschaft vor Ort leisten (48 Prozent). Wer keine lokal hergestellten Produkte kauft, ist häufig (60 Prozent) der Meinung, dass diese teurer sind als andere Waren.“
Eine Konsumentenbefragung des Lehrstuhls für Agrarmarketing der Universität Kiel 1998 ergab, dass Verbraucher vor allem bei Frischwaren eine regionale Herkunft wertschätzen. Auf einer 5-stelligen Skala (1 = sehr wichtig; 5 = völlig unwichtig) beurteilten die Befragten die Wichtigkeit der regionalen Herkunft bei Eiern (1,6), Fleisch (1,7) und Milch(produkten) (1,8) als besonders wichtig. Bei Konserven, Fertiggerichten oder Nudeln (3,6) wurde die Wichtigkeit hingegen niedriger beurteilt. Die Herkunft des Produktes ist ein Entscheidungsfaktor neben anderen. In der Konsumentenbefragung wurden Geschmack, Gesundheit, Aussehen und Freiheit von Gentechnik wichtiger, Markenname, Verpackung oder ökologisches Produktionsverfahren als weniger wichtig als die regionale Herkunft bewertet.Reimar von Alvensleben: Verbraucherpräferenzen für regionale Produkte: Konsumtheoretische Grundlagen online
Marketingstrategien Entsprechend nutzen der Lebensmitteleinzelhandel und die Lebensmittelhersteller die regionale Herkunft als Marketinginstrument. Dies wird unterstützt durch die Bemühungen des Regionalmarketings, Regionen als Marken zu etablieren.Michael Besch: Regionales Marketing im Agribusiness Erfolgspotentiale und Problemfelder dargestellt an lokalen Kooperationsprojekten des regionalen Agrarmarketings; in: Innovative Konzepte für das Marketing von Agrarprodukten und Nahrungsmitteln, Band 13, Schriftenreihe der Landwirtschaftlichen Rentenbank, 1999, Eine Reihe von öffentlichen Förderprogrammen soll die Regionalvermarktung verbessern.als eines der ersten beispielsweise das NRW-Förderprogramms zur regionalen Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse ab 1997 Damit werden sowohl regionalpolitische, ökologische als auch ökonomische Ziele verfolgt.Thilo Marauhn (Hrsg.): Staatliche Förderung für regionale Produkte: Protektionismus oder Umwelt- und Verbraucherschutz?, 2004, ISBN 978-3-16-148322-6
Gelegentlich reagieren Produzenten und Handelsketten auf aus ihrer Sicht unbefriedigende Versuche, an die „Heimatliebe“ von Verbrauchern anzuknüpfen, mit Änderungen ihrer Marketingstrategie. So soll etwa die 2021 eingeführte Eigenmarke „Heimatliebe für regionales Obst und Gemüse“ der EDEKA-internen „Region Hannover-Minden“ in der genannten Region im Frühjahr 2026 vom Markt genommen werden.
Wer darüber hinaus nicht von starkem Lokalpatriotismus gekennzeichnet ist, erkennt z. B. schnell, dass, abgesehen von dem im Abschnitt „Food-Miles-Theorie“ genannten Zusammenhängen, lange Transportwege nicht die Qualität jedes Lebensmittels verschlechtern. Sie erkennen z. B., dass ein Wein, der in der eigenen Region hergestellt wurde, nicht der am besten schmeckende (empirisch nachgewiesene Top-Präferenz!) und höchstwertige sein muss und es meistens auch objektiv nicht ist, denn in jedem Ranking gibt es nur eine Nr. 1. Wer auch im Winter regional nicht verfügbare frische Lebensmittel verzehren will (ebenfalls eine häufig vorkommende Käuferpräferenz), muss entweder auf Importware oder auf Tiefkühlprodukte zurückgreifen.
Regionalisierung der Lebensmittelbranche im Spannungsfeld von Wirtschafts-, Verkehrs-, Umwelt-, Gesundheits- und Kulturpolitik Bezüglich einer Regionalisierung der Lebensmittelbranche werden eine Reihe von Zielen und erwünschten und unerwünschten Wirkungen diskutiert.Ermann: Regionalprodukte, S. 27
Ziel Beschreibung positive Wirkungen negative Wirkungen Wirtschaftspolitik: Erhöhung regionaler Wertschöpfung Die Wertschöpfung findet in der Region selbst statt Höheres „Bruttoregionsprodukt“ durch Wertschöpfung in der Region Geringeres „Bruttoregionsprodukt“ durch komparative Kostennachteile regionale Arbeitsplatzsicherung Sicherung der Arbeitsplätze in der regionalen Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung Ansiedelung von dezentralen Vermarktungs- und Verarbeitungsbetrieben Verlust von Beschäftigungschancen in aus der Region „exportierenden“ Betrieben. Fördern alle Regionen regionale Lebensmittel, kommt es zum Konkurrenzparadoxon Erhöhung der Produktqualität Insbesondere die Frische von Lebensmitteln soll durch regionale Wirtschaft gefördert werden Frische, soziale Kontrolle der (bekannten) lokalen Erzeuger, Vielfalt lokal unterschiedlicher Sorten Schlechteres Qualitätsmanagement durch kleinere, weniger industrialisierte Betriebe, geringere Produktvielfalt durch regionale Beschränkung Verkehrspolitik: Verkehrsvermeidung Die Verteilung der landwirtschaftlichen Produkte verursacht Verkehr. Dieser verursacht ökonomische und ökologische Kosten Die Verkürzung der Wege zwischen Produzent und Verbraucher kann den Güterverkehr verringern Eine schlechtere Auslastung von Verkehrsmitteln, die Verlagerung auf kleinere Transportmittel und der Wegfall von logistischen Bündelungseffekten kann den Güterverkehr vergrößern Umweltpolitik: Umweltschonende Produktion Umweltschonende Produktion dezentrale Rohstoff- und Abfallverwertung, standortangepasste Produktion Höherer Energie- und Flächenverbrauch durch kleinere, ineffektivere Anlagen Gesundheitspolitik: Lebensmittelsicherheit Lebensmittelsicherheit geringeres Risiko der Ausbreitung von Krankheitserregern durch regionale Begrenzung Schlechteres Qualitätsmanagement durch kleinere, weniger industrialisierte Betriebe Kulturpolitik: Kulturelle Identität Bezug auf die eigene regionale Kultur und Tradition Identifizierung mit der Region, Stärkung der regionalen Traditionen Kirchturmdenken, Fremdenfeindlichkeit, Autarkiedenken, Regionalismus
In der Diskussion werden, die oben genannten Aussagen vertiefend, folgende Argumente genannt: Die Ungleichverteilung von Produktion und Konsum stelle ein regionalökonomisches Problem dar. So komme es in Ländern des Globalen Südens trotz guter Produktion zu Unterversorgung im Land, wenn Export einträglicher sei, weil die Industrienationen höhere Preise zahlten. Auch das Bauernsterben Mitteleuropas trotz hohen Lebensmittelkonsums, die Lebensmittelspekulation und das Auslagern zahlreicher negativer Folgen intensiver Bewirtschaftung in andere Weltgegenden (Landrodungen, Übernutzung, Pestizideinsatz, Arbeitbedingen usw.) werden als Argumente für die Notwendigkeit einer regionalisierten Lebensmittelproduktion genannt. Auch gesundheitlich-ökologische Aspekte, wie unter dem Schlagwort „Denaturierung“ zusammengefasst, Aspekte der Qualität der Lebensmittel (wie unreife Ernte und Nachreife während des Transports mit Hilfe gewisser Chemikalien), aber auch die Gefahr von Störungen endemischer Ökosysteme durch Neophyten in Folge der Verlagerung einer Wirtschaftsweise in andere Regionen der Welt werden genannt. Dazu kommen ethisch-psychologische Bedenken wie schlechte Bedingungen beim Tiertransport oder Vorbehalte gegen die jahreszeitenunabhängige permanente Verfügbarkeit beliebiger Produkte. Zuletzt kommt ein auch rechtlicher Aspekt dazu, weil die Standards und Vorschriften – und damit verbundene Erwartungen an Qualität und Konsumentenschutz – weltweit durchaus unterschiedlich sind (einschließlich der Gentechnik-Frage). Damit verbunden entsteht ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Stationen und Akteuren der Lebensmittelproduktion, über die man keine Kenntnis, geschweige denn persönliche Kontrolle hat.Vergl. hierzu Ermann: Regionalprodukte, S. 229 ff
Nachhaltigkeit mini|Video: Einfluss von Lebensmitteln auf unser Klima Historisch geht die Annahme, regionale Lebensmittel seien ökologischer, auf Studien aus den 90ern zurück, in denen die Transportwege von Lebensmitteln betrachtet wurden. Erst in den 2000ern fing man an, die gesamte Umweltbilanz von Lebensmitteln zu untersuchen. Der Transport stellte sich nun nur noch als kleiner Teil der Gesamtumweltwirkung dar.