Sophie Marianne Frieda Zeller-Plinzner (* 22. März 1883 in PotsdamKürschners Deutscher Literatur-Kalender 1934 nach dem Eintrag in www.literaturport.de, aufgerufen am 1. Oktober 2013.Jürgen Israel, Peter Walther: Musen und Grazien in der Mark: 750 Jahre Literatur in Brandenburg, Band 2 Lukas Verlag 2002 aufgerufen am 1. Oktober 2013.; † 22. Juli 1970 in Waldwimmersbach) war eine deutsche Schriftstellerin und evangelische „Zigeunermissionarin“ in Berlin, Frankfurt am Main und Hamburg. Sie veröffentlichte unter den Namen Frieda Plinzner, Frida Zeller und Frieda Zeller-Plinzner vor allem missionarische Kinderbücher. Einer ihrer Themenschwerpunkte waren Roma. Bei Zeller-Plinzner mischten sich widersprüchlich „christliche Nächstenliebe“ und das Konzept der „Besserungspolitik“ im Anschluss an Gottlieb Grellmann. Ihre Darstellungen von „Zigeunern“ resultierten zum einen aus stereotypen Vorstellungen über deviantes „zigeunerisches“ und normativ richtiges bürgerlich-christliches Verhalten. Ihrer Missionsarbeit lag die Vorstellung zugrunde, Roma seien Heiden. Katholisch geprägte Volksfrömmigkeit und Marienverehrung waren für sie nichtchristlicher Aberglaube.
Elternhaus und Familie, Ehe mini|Kaiser Wilhelm II. auf Pferd mit Gefolge. Aufgrund seiner körperlichen Behinderung bedurfte er auch beim Reiten besondere Unterstützung. (Kassel? 1906, Foto: Oscar Tellgmann)
Frieda Plinzner wurde am 22. März 1883 in Potsdam als Tochter von Paul Ferdinand Plinzner, einem Major und Zehlendorfer Leibstallmeister, und seiner Ehefrau Margarete Theodora Wilhelmine Adolphi geboren. Friedas Vater war ein Schüler Gustav Steinbrechts und publizierte über Reiterei. Nach dem Tod Steinbrechts gab er ab 1886 Das Gymnasium des Pferdes, es gilt als eines der Standardwerke der Reitliteratur, weiter heraus und ergänzte es.Gustav Steinbrecht: Das Gymnasium des Pferdes. Bearbeitet und vervollständigt, herausgegeben von Paul Plinzner. 1. Aufl. Potsdam 1886. Das Reprint besitzt leider keine über das historische Original hinausgehenden Informationen. Plinzner beschreibt im Vorwort seinen Beitrag als bescheiden. Ebenso bedeutend war seine Funktion als Leibstallmeister des deutschen Kaisers Wilhelm II., diese Funktion hatte er seit dessen Jugend inne.Kurzbiographie auf www.reitlehre.de, aufgerufen am 1. Oktober 2013.Verlagsankündigung zum Reprint Paul Plinzner: Ein Beitrag zur praktischen Pferde-Dressur. Aufgerufen am 1. Oktober 2013.Gustav Steinbrecht: Das Gymnasium des Pferdes. Bearbeitet und vervollständigt, herausgegeben von Paul Plinzner. 1. Aufl. Potsdam 1886. Angaben auf dem Titelblatt.
Frieda Plinzner begann in ihrer Heimatstadt Berlin 1911 mit der „Zigeunermission“. Paul Plinzner besuchte gelegentlich seine Tochter in der „Zigeunermission“ und nahm einzelne Kinder mit zu den Pferden im Tattersall. Einem „Goka“ gab er als Pferdejunge Arbeit. Von den Roma soll Paul Plinzner „Pàpa“ genannt worden sein.Stadtmission Berlin: 50 Arbeitsjahre im Dienste des Glaubens und der Liebe. Jubiläumsschrift der Berliner Stadtmission. Vaterländische Verlags- und Kunstanstalt. [Hrsg. Walter Thieme, auch Mitautor] Berlin 1927, S. 83 (im Folgenden zitiert als Festschrift 50). Ein Lexikon der „Zigeunersprache“ kennt dieses Wort allerdings nicht.Siegmund A. Wolf: Großes Lexikon der Zigeunersprache. Hamburg 1993.
Am 15. Dezember 1914 heiratete Frieda in Berlin-Zehlendorf Adolf Friedrich Hermann Zeller (geb. 11. Oktober 1886). Adolf Zeller stammte aus einer tief protestantischen Familie.Stefan Hildebrand: Otto Hölder, Briefe an die Eltern 1878 bis 1887. BoD – Books on Demand, 2014, ISBN 978-3-937219-76-9, S. 342 (). Er war 1910 bis 1912 im unständigen Pfarrdienst in Württemberg, dann Missionar in Frankfurt am Main von 1913 bis 1915. Adolf Zeller publizierte 1914, er war an die Berliner Zigeunermission abgeordnet: Unter Zigeunern in Berlins.Elmar Spohn: Zwischen Anpassung, Affinität und Resistenz LIT Verlag Münster, 7. März 2016, S. 443. In der Folge leistete er Kriegsdienst und war von 1916 bis 1920 Divisionspfarrer.
mini|Erhängte Armenier auf einer Straße in Aleppo 1915 Das Ehepaar war im Orient tätig, zunächst 1916 in einem Soldatenheim in Konstantinopel, 1917 in Aleppo, dann in Palästina und dem Libanon. Die Rückkehr erfolgte mit einem Internierungsschiff 1919. Sie waren vermutlich Augenzeugen des Völkermordes an den christlichen Armeniern.Elmar Spohn: Zwischen Anpassung, Affinität und Resistenz. LIT Verlag, Münster 2016, S. 278. Aleppo war ein Zentrum des Völkermordes. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg war Oktober 1915 der Adressat eines von zahlreichen evangelischen Persönlichkeiten, darunter auch Adolf Zeller, unterzeichneten Briefes gegen das „jammervolle Geschick des armenischen Volkes in der Türkei [...] dem nach glaubhaften Nachrichten die Ausrottung droht.“http://uir.unisa.ac.za/bitstream/handle/10500/18533/thesis_spohn_e.pdf?sequence=1 S. 252. Zeller gibt hier schon eine Adresse in Aleppo als Wohnort an.Dokument online auf: http://www.armenocide.de (Volltext). Aufgerufen am 31. August 2016. Quellenangabe dort: Quelle: DE/PA-AA/BoKon/171, Zentraljournal: 1915-A-31375: Botschaftsjournal: A53a/1915/6751; Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 857; Johannes Lepsius: Deutschland und Armenien 1914–1918. Potsdam 1919, S. 189. Von Frieda Zeller selbst ist keine Reaktion bekannt, allerdings war die Geheimhaltung und ein Verbot, darüber zu berichten die Leitlinie der deutschen Politik.http://uir.unisa.ac.za/bitstream/handle/10500/18533/thesis_spohn_e.pdf?sequence=1 S. 235. Elmar Spohn weist darauf hin, dass – weil sie am Ort des Völkermordes weilte – es kaum möglich sei, dass sie davon nichts mitbekommen habe.http://uir.unisa.ac.za/bitstream/handle/10500/18533/thesis_spohn_e.pdf?sequence=1 S. 252
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war Adolf Zeller Mitglied eines Freikorps.Reimar Gilsenbach: Django, Oh sing deinen Zorn. Berlin 1993, S. 295. Er starb am 15. März 1920 in Königsberg (Preußen). Als Todesursache ist die „asiatische Grippe“ überliefert.Dapp 1991:47 nach http://uir.unisa.ac.za/bitstream/handle/10500/18533/thesis_spohn_e.pdf?sequence=1 S. 235. Spohn gibt als Todesdatum nicht den 15. März 1920, sondern den 15. Dezember 1920 an. Die Ehe blieb kinderlos. Nach dem Tod ihres Mannes kehrte Frieda Zeller-Plinzner zur „Zigeunermission“ zurück, die ihr weiteres Leben bestimmte.
„Zigeunermission“ und ihre Publikationen zu Roma mini|„Zigeunermission“ der Berliner Stadtmission in Berlin-Weißensee 1932 (Aufnahme des Scherl-Bilderdienstes) Der mobile Wagen besaß ein Harmonium sowie Tische und Bänke.Stadtmission Berlin: Gott liebt diese Stadt. 100 Jahre Berliner Stadtmission 1877-1977. [Redaktion: Siegfried Dehmel] Berlin 1977, S. 79
1910 wurde die „Zigeunermission“ von der Berliner Stadtmission eingerichtet.Festschrift 50, S. 81, Festschrift 100 S. 79 Die Berliner Stadtmission war vom 1909 verstorbenen ehemaligen Hof- und Domprediger Adolf Stoecker 1877 gegründet und geprägt worden.Daten zur Stadtmission aus dem WP-Artikel, auch Festschrift 50 Bedeutende Personen der Stadtmission sind dem Pietismus zuzurechnen, so die beiden Nachfolger Stockers, aber auch die damalige Stadtmission selbst gilt – im Gegensatz zur Landeskirche – als eine der Berliner Hochburgen des Pietismus.Martin Brecht (1988): Forschungsberichte über den Pietismus in deutschen Territorien. Vandenhoeck & Ruprecht, S. 130 online aufgerufen am 13. Januar 2014
Die Lehrerin Maria KnakFestschrift 50, S. 81, Enkelin des Theologen Gustav Knak, hatte bei privater Hausaufgabenhilfe einen Bedarf und die Möglichkeit einer Zigeunermission erkannt.Festschrift 50, S. 81 Nach der Gründung der Zigeunermission tauschte sie den Beruf der Lehrerin durch den schlechter bezahlten der Missionarin. Plinzner wird 1911 die zweite Missionarin.Festschrift 50, S. 83 Die ersten vier Missionarinnen verließen ihre Arbeit schnell, da sie heirateten.Festschrift 50, S. 81Zeller-Plinzner 1927, Vorwort ohne Seitenzahl Zeller-Plinzner übernahm die Leitung nach der Hochzeit von Knak, die der Berliner "Zigeunermission" bis über das Jahr 1935 verbunden blieb.http://uir.unisa.ac.za/bitstream/handle/10500/18533/thesis_spohn_e.pdf?sequence=1 S. 234Maria Michalsky-Knak, Kurt Süßkind (1935): Zigeuner – und was wir mit ihnen in Berlin erlebten. Berlin: Kommissions-Verlag Ernst Röttgers.
Bereits 1910 muss der Kindergarten der Mission existiert haben.Johan Miskow: A Recent Settlement in Berlin. In: Journal of the Gypsy Lore Society 1910, S. 14 online. Die Akten der Mission wurden im Zweiten Weltkrieg vernichtet, so dass die Veröffentlichungen der Missionare und Missionarinnen eine der wenigen Quellen zu dieser Mission sind.Joachim Stephan Hohmann (1990): Verfolgte Ohne Heimat: Geschichte Der Zigeuner in Deutschland. Peter Lang S. 67 Sniplet.
Plinzner begann in Berlin 1911 mit ihrer „Zigeunerarbeit“, kurzzeitig unterbrochen von einem Aufenthalt in Frankfurt am Main. Unter „Zigeunerarbeit“ verstand sie besonders die Arbeit mit „Zigeunerkindern“.Zeller-Plinzner 1927, Vorwort ohne Seitenzahl Schon 1912 erschien ihre erste Publikation, die aus der Mission hervorgeht: Bilder aus dem Leben Berliner Zigeunerkinder (Hefte zur Zigeunerkunde 5) im Striegauer Huss Verlag. Der Verlag war zu diesem Zeitpunkt für die "Zigeunerkunde" bzw. "Zigeunermission" nicht randständig, im Vorjahr war dort Reinhold Urbans Die Sprache der Zigeuner in Deutschland: eine volkstümliche Einführung. (Hefte zur Zigeunerkunde 1) und die Erstauflage von Engelbert Wittichs Blicke in das Leben der Zigeuner: Von einem Zigeuner. (Hefte zur Zigeunerkunde 2) erschienen. Urban war ebenfalls ein Missionar und Prediger.Beiträge zur Zigeunerkunde: Engelbert Wittich. Lang, 1990 Sniplet. Aufgerufen am 1. Oktober 2013 Urban, der 1911 Die Leidensgeschichte unseres Herrn Jesu Christi in der Sprache der deutschen ZigeunerNachweis bei www.alsatica.eu aufgerufen am 1. Oktober 2013 publiziert hatte, wollte mit der Heftreihe „dem armen, heimatlosen Volk eine gerechtere Beurteilung und ernstliches Wohlwollen bei allen edel denkenden Deutschen erwirken.“Nach Wittich 1927, [S. 8].
Eric Otto Winstedt schrieb im April 1912 für das Journal of the Gypsy Lore Society eine lobende Sammelrezension der ersten fünf Bände der Heftreihe. Das Bändchen von Plinzner gefiel ihm nicht: „The spectacle of healthy children reduced to a state of sentimentality, in which they burst into hymn and prayer with a glibness bordering on profanity, appears to delight the heart of some people. To me it is inexpressibly nauseating.“Band V der Zeitschrift ebd. S. 306–331 hier S. 309 online. Die Zeitschrift für Ethnologie vermerkte den Eingang von Bilder aus dem Leben Berliner Zigeunerkinder, rezensierte sie aber nicht.Zeitschrift für Ethnologie Jg. 1912, S. 255. Der Titel der Heftreihe variiert in den Literaturangaben.
Für die Bilder aus dem Leben Berliner Zigeunerkinder schildert Zeller-Plinzner eine im Norden Berlins gelegene Siedlung von Sinti. Sie ist von der „Fremdheit“ überrascht: „Das ganze sieht gar nicht mehr deutsch, sondern wie ein Bild aus dem Orient aus.“Klaus-Michael Bogdal: Europa erfindet die Zigeuner - eine Geschichte von Faszination und Verachtung. Berlin 2011, S. 353. Hier entsteht die "Zigeunermission" die vor allem der religiösen Unterweisung der Kinder dient. Sie schildert eine Mischung aus religiösen Erweckungserlebnissen und die heilsame Wirkung von Jesus im Alltag der Kinder. Enthalten sind auch Schilderung der Armut, Unterernährung und daraus folgenden Krankheiten. Obwohl die Mission auch materielle Hilfe leistet ist die steht die religiöse Unterweisung im Vordergrund. Ihr Ansatz ist akzeptierend, allerdings behandelt sie auch die Erwachsenen wie Kinder.Bogdal 2011, S. 353f.