mini|Thomas Murner als Kanzler der Gauchmatt. Ambrosius Holbein (1519) rahmenlos|zentriert|klasse=skin-invert-image Thomas Murner (* 24. Dezember 1475 in Oberehnheim; † vor dem 23. August 1537 ebenda) war ein elsässischer Franziskaner, Dichter und Satiriker, Humanist und bedeutender Kontroverstheologe der frühen Reformationszeit.
Leben Bildungsweg mini|Ansicht von Straßburg. Schedelsche Weltchronik (1493) Thomas Murner wurde 1475 als Sohn eines angesehenen Bürgers in Oberehnheim (heute Obernai, Elsass) geboren. Wegen eines Geburtsfehlers litt er immer an einem leichten Hinken;Philippe Dollinger: Das Leben Thomas Murners. In: Thomas Murner. Elsässischer Theologe und Humanist. Karlsruhe 1987, S. 21–34. auch eine Kinderlähmung wird erwogen.Deutscher Humanismus 1480–1520. 2009, Sp. 300. 1481 übersiedelte seine Familie in die freie Reichsstadt Straßburg. Der kränkliche Murner besuchte die Klosterschule im Franziskanerkonvent und trat bereits 1490 in die Oberdeutsche (Straßburger) Provinz des Franziskanerordens ein. Vier Jahre später wurde der 19-jährige Murner zum Priester geweiht. In Straßburg wird er mit den Predigten von Johann Geiler von Kaysersberg und dem Narrenschiff von Sebastian Brant bekannt geworden sein. Beide Autoren waren prägend für seine späteren Werke.
Die Ordensobern erkannten die Begabung des jungen Bruders und ermöglichten ihm eine Ausbildung an verschiedenen Universitäten Europas. Ab 1494 ging Murner auf Reisen und studierte an mindestens sieben Universitäten. Er begann sein Studium in Freiburg im Breisgau (1494–1498), absolvierte ein Semester in Köln (1498) und danach ein Semester in Paris (1498/99). Anschließend wandte er sich dem östlichen Mitteleuropa zu. Die Stationen waren die Universitäten von Rostock (1499), Krakau (1499/1500), Prag (1500/01) und Wien.Hedwig Heger: Thomas Murner. In: Stephan Füssel (Hrsg.): Deutsche Dichter der frühen Neuzeit (1450–1600). Ihr Leben und Werk. Berlin 1993, ISBN 3-503-03040-9, S. 296–310. Nachdem er 1498 den Magister der Freien Künste in Freiburg im Breisgau und den Baccalaureus theologiae in Krakau erlangt hatte, kehrte er 1501 nach Straßburg zurück, wo er als Prediger und Lehrer an seinem Mutterkloster zu wirken begann. Schon nach kurzer Zeit kam es zu einer Auseinandersetzung mit den führenden Humanisten der Stadt um die nationale Zugehörigkeit des Elsasses. Der Konflikt artete in eine persönliche Fehde zwischen Murner und Jakob Wimpfeling aus.
Murner und Wimpfeling mini|300px|Thomas Murner (rechts) im Gespräch mit Jakob Wimpfeling und seinen Schülern. Titelblatt einer Flugschrift (1502). Jakob Wimpfeling (1450–1528), der gefeierte elsässische Humanist, hatte sich wie Murner 1501 wieder in Straßburg niedergelassen. Er hatte Ende 1501, vermutlich als Antwort auf eine Vorlesung Murners, die Schrift Germania verfasst, in der er die Behauptung aufstellte, Straßburg und das ganze Elsass seien nie gallisch gewesen, und da auch Karl der Große und dessen Vater Pippin Deutsche gewesen seien, sei der Ursprung des Elsasses ganz und gar germanisch. Dies komme auch in den vielen deutschen Ortsnamen zum Ausdruck. Ein zweites Anliegen der Schrift war die Forderung nach einer weltlichen humanistischen Schule in Straßburg. Die Schrift brachte Wimpfeling viel Lob ein, forderte jedoch die französische Fraktion heraus. Zudem sahen die Franziskaner ihre Schultätigkeit durch Wimpfelings Projekt bedroht. Murner, der 1501 in der Stadt öffentlich zu unterrichten begonnen hatte, machte sich zum Sprecher der Opponenten Wimpfelings. Im Sommer 1502 veröffentlichte er mit Germania Nova eine Gegenschrift, in der er die schwache historische Beweisführung Wimpfelings aufdeckte und, wo ihm dies nicht gelang, sie lächerlich zu machen versuchte.
Wimpfeling reagierte äußerst gereizt auf Murners Antwort und erreichte, dass der Straßburger Rat den Vertrieb dieser Schrift unterband. Zudem sandte er ein Rundschreiben an seine Freunde und Schüler mit der Aufforderung, ihn gegen die unverschämten Angriffe des noch jungen und unbekannten Murners zu verteidigen. Schon bald wurde eine Schrift zur Verteidigung Wimpfelings von dessen Verehrer Thomas Wolff (1475–1509) herausgegeben (Defensio Germaniae Jacobi Wympfelingii, Freiburg i. B. 1502). Auf dem Titelblatt ist auf der einen Seite Thomas Murner allein mit dem Spruchband preter me nemo („außer mir keiner“) dargestellt, auf der anderen Seite stehen Wimpfeling und zahlreiche seiner Schüler und Parteigänger. Die Defensio war weniger eine Verteidigung Wimpfelings als eine eigentliche Abrechnung mit Murner. In einer zweiten, ebenfalls von Thomas Wolf herausgegebenen Schrift (Versiculi Theodorici Gresemundi, Straßburg 1502) wurde Murner mit einer Reihe derber Schimpfwörter eingedeckt. Ein Schimpfname Mur-nar (närrischer Kater) sollte ihn das Leben lang begleiten. Murners Antwort auf die Beschimpfungen war eine Lobschrift (Honestorum poematum condigna laudatio, Straßburg 1503), in der er seine Gegner zu einer öffentlichen Auseinandersetzung aufforderte. Die Schrift ist wohl unmittelbar nach ihrem Erscheinen verboten worden und bildet so den vorläufigen Schlusspunkt der Auseinandersetzung.Zur Auseinandersetzung vgl. Emil von Borries: Wimpfeling und Murner im Kampf um die ältere Geschichte des Elsasses: Ein Beitrag zur Charakteristik des deutschen Frühhumanismus. Heidelberg 1926 (Digitalisat).
Geistliche und akademische Laufbahn mini|hochkant|Didaktische Spielkarte aus Logica memorativa (1509) Thomas Murner war in der Folge viel unterwegs. Er wurde von seinem Orden mit verschiedenen Aufgaben betraut. So nahm er als Prediger an mehreren Ordenskapiteln teil und war in verschiedenen Klöstern als Lektor (Lesemeister) tätig, unter anderem in den Franziskanerklöstern von Freiburg im Breisgau (1508), Bern (1509), im Barfüßerkloster in Frankfurt am Main (1511–13) und in Straßburg (1520). Das Oberenamt des Guardians hatte er in Speyer (1510) und Straßburg (1513–14) inne.
Neben seinen Aufgaben im Orden trieb Murner auch seine akademische Laufbahn voran. Das Theologiestudium schloss er 1506 in Freiburg im Breisgau mit Lizenziat und dem Doktortitel ab. Von 1506 bis 1507 unterrichtete er an der Universität Krakau Logik. Zu weiteren Studienaufenthalten hielt sich Murner verschiedentlich auch in Italien auf. Bereits im reiferen Alter entschloss er sich 1518 zu einem Zweitstudium an der juristischen Fakultät der Universität Basel. Ein Jahr später erwarb er dort, gegen den Widerstand des Freiburger Rechtsgelehrten Ulrich Zasius, den Doctor juris utriusque (Doktor beider Rechte, des bürgerlichen und kanonischen Rechts). mini|links|hochkant|Von den fier ketzeren Prediger. Urs Graf (1509) Die zahlreichen Ortswechsel waren oft von Streitigkeiten begleitet. In Krakau, wo er 1507 für seine Studenten das von ihm erfundene didaktische Kartenspiel Chardiludium logicae verwendete, wurde er von der Universität der Ketzerei bezichtigt, konnte jedoch eine Anklage mit seinen Erläuterungen verhindern. Schon 1502 hatten sich Jakob Wimpfeling und dessen Schüler über die mnemotechnischen Kartenspiele Murners lustig gemacht und auch Zasius und Erasmus hatten sich kritisch dazu geäußert.
In Freiburg geriet Murner erneut in eine Auseinandersetzung zwischen Humanisten. In Streit zwischen Jakob Locher und Wimpfeling stellte er sich auf die Seite Lochers. Er handelte sich damit die Feindschaft von Zasius ein, der Murner als Ordensmann die Kompetenz in Sachen Dichtkunst absprach. Im Anschluss an Entgleisungen in seiner Predigttätigkeit wurde er vermutlich auf Verlangen der Universität 1509 von seinen Oberen nach Bern versetzt.Theodor von Liebenau: Der Franziskaner Dr. Thomas Murner. Freiburg im Breisgau 1913.
Während seines Aufenthaltes in Bern erlebte er als Lesemeister im Barfüsserkloster die Endphase des berühmten Jetzerprozesses, der 1509 mit der Hinrichtung von vier Dominikanern endete. Murner veröffentlichte dazu mehrere Flugschriften gegen die Dominikaner: De quattuor heresiarchis , auf Deutsch Von den fier ketzeren Prediger ordens der observantz zü Bern im Schweytzer land verbrannt. Die Schriften Murners fanden große Beachtung und erfuhren mehrere Auflagen.Vgl. Eduard Fuchs: Einleitung. In: Thomas Murner: Von den fier ketzeren. Berlin 1926. Murner verwendete in dieser Schrift zum ersten Mal deutsche Reimpaare, eine literarische Form, die er in der Folge gerne anwandte.
Poeta laureatus mini|hochkant|Patientia: Wappen und Wahlspruch von Thomas Murner. Aus: Benedicite iudeorum (1512) Erster Höhepunkt als Schriftsteller war für Murner das Jahr 1505, als er in Wien vom römisch-deutschen König und späteren Kaiser Maximilian I. zum Poeta laureatus gekrönt wurde. Diese Auszeichnung war mit hohem Ansehen verbunden und berechtigte Murner, ein eigenes Wappen zu tragen. Murners erste Veröffentlichungen entstanden 1498/99. 1498 gab er eine Practica, einen Kalender mit Jahreshoroskop heraus, im Jahr 1499 die Invecta contra astrologus, eine Schrift, in der er im Zusammenhang mit dem Schwabenkrieg den Nutzen der Astrologen anzweifelte. Ebenfalls 1499 wurde der Tractatus pertulis de phitonico contractu, in dem er seine frühkindliche Lähmung mit Hexenzauber in Verbindung brachte, gedruckt.
Die insgesamt mehr als 70 Werke Murners, die erhalten geblieben sind, weisen auf seine vielschichtigen und umfangreichen Interessen hin. Neben theologischen Abhandlungen verfasste er unter anderem Schriften zu astrologischen, historischen, didaktischen und juristischen Themen. Zahlreich sind seine Streitschriften, die er als Antwort gegen seine Widersacher verfasste. Daneben betätigte sich Murner auch als Übersetzer fremder Werke. Er übersetzte Schriften von Martin Luther, Erasmus und Ulrich von Hutten vom Lateinischen ins Deutsche. Im Auftrag seines Ordens übersetzte er auch einige Texte aus dem Hebräischen ins Lateinische und Deutsche (Der iuden benedicite wie sy gott den heren loben, und im umb die speyß dancken). Zu seinen bedeutendsten übersetzerischen Arbeiten zählen: eine erste deutschsprachige Übersetzung von Vergils Aeneis (Vergilii Maronis dreyzehen Bücher von dem tewren Helden Enea, 1515), eine volkssprachliche Übersetzung der Institutiones des Justinian (Instituten ein warer vrsprung vnnd sundament des Keyserlichen rechtens, 1519) und die Übersetzung der Weltgeschichte von Sabellicus (Hystory von der anbeschaffener welt), sein Spätwerk, das nicht mehr zum Drucke kam. Dieses Werk, das er vermutlich eigenhändig mit zahlreichen Illustrationen versehen hatte, ist teilweise als Manuskript erhalten geblieben. Obwohl mehr als zwei Drittel seiner Schriften in Latein abgefasst waren, sind es vor allem seine deutschen Satiren, die das Murnerbild bis heute am nachhaltigsten bestimmt haben und ihm den Ruf eines der bedeutendsten Satiriker des 16. Jahrhunderts eingetragen haben.
Murner als Satiriker mini|links|hochkant|Doctor Murners Narrenbeschwerung. Straßburg, bei Matthias Hupfuff, 1512 Große Beachtung fand Murner durch seine deutschsprachigen Satiren.Vgl. Dirk Jarosch: Thomas Murners satirische Schreibart. Studien aus thematischer, formaler und stilistischer Perspektive. Hamburg 2006, ISBN 3-8300-2436-3. Er orientierte sich anfänglich stark an der Narrenliteratur seiner Vorbilder Sebastian Brant und Johann Geiler von Kaysersberg. Er erwies sich in dieser Gattung als Meister und erntete großen Beifall. Im Jahr 1512 veröffentlichte Murner gleich zwei in deutschen Versen verfasste Satiren: die Narrenbeschwerung und die Schelmenzunfft.