mini|hochkant|Amerikanisches Kriegsplakat: „Wir können diesen Krieg nicht gewinnen, ohne dass auch die Heimatfront Opfer bringt.“
Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg war der Umbau der Volkswirtschaften zu einer Zentralverwaltungswirtschaft durch totale Mobilisierung ökonomischer Ressourcen zur Sicherung der materiellen Versorgung der Armee und der Ernährung der Bevölkerung, um die Kriegsziele im Zweiten Weltkrieg um jeden Preis zu erreichen. Dabei trafen alle Kriegsparteien eine Reihe von Entscheidungen, mit denen Marktmechanismen ausgehebelt wurden. Die Kriegswirtschaft war von entscheidendem Einfluss auf den Kriegsverlauf und seinen Ausgang. Während anfangs die jeweilige Militärtaktik entscheidend war, beeinflusste die quantitative Übermacht der Kriegsproduktion der Alliierten den Kriegsverlauf ab 1942 wesentlich.Mark Harrison: The Economics of World War II: Six Great Powers in International Comparison. Cambridge University Press, 2000, ISBN 0-521-78503-0, S. 1–2. NS-Deutschland und Japan verfolgten eine Blitzkriegstaktik, für die eine hohe Auslastung der vorhandenen Industrieanlagen zur Herstellung einer breiten Palette an modernen Waffensystemen (Breitenrüstung) ausreichen sollte, und waren nicht auf einen längeren Krieg vorbereitet. Das Ziel der Alliierten war, den Zweiten Weltkrieg nach Art eines Abnutzungskriegs zu gewinnen. Die Sowjetunion hatte seit 1928 systematisch eine hochstandardisierte Massenproduktion von Waffen herbeigeführt (Tiefenrüstung). Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika hatten nach Kriegsbeginn ebenfalls mit Tiefenrüstung begonnen und die Kriegswirtschaft bei der Zuteilung knapper Ressourcen wie Material, Personal und Produktionsmittel gegenüber der Konsumgüterindustrie priorisiert. Erst nach dem offenkundigen Scheitern der Blitzkriegstrategie erfolgte ab ca. 1942 im Deutschen Reich und Japan eine Umorganisation der Kriegswirtschaft hin zur Tiefenrüstung, die dann zu ähnlich hohen Produktionsniveaus wie bei den Alliierten führte (Rüstungswunder). 1944 umfasste die Kriegsgüterproduktion in den USA 40 % des Bruttonationaleinkommens, in Großbritannien und Japan 50 % und im Deutschen Reich etwas über 50 %.
Eine verbreitete Kriegsstrategie war auch, die gegnerischen Parteien von Rohstoff- und Lebensmittelimporten abzuschneiden. Das Deutsche Reich entwickelte bei der Rohstoffsubstituierung einen hohen Einfallsreichtum.
Die Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg führte vor allem bei den Alliierten zu einer deutlichen Ausweitung der Frauenarbeit. Im Deutschen Reich, in Japan und der Sowjetunion kam es zu Zwangsarbeit.
Ökonomische Vorstellungen der Kriegsparteien mini|Propagandaplakat in Großbritannien gegen blaumachen. mini|US-Propagandaplakat zur Steigerung der Arbeitsmoral
Die Weltwirtschaftskrise hatte bei den meisten Ländern zu Wirtschaftspolitiken wie Protektionismus, Währungskrieg und Beggar-thy-Neighbor-Politik geführt. Den Achsenmächten gemeinsam war ein großer Pessimismus, was die Wiederherstellung einer liberalen, von Freihandel geprägten Weltwirtschaftsordnung anging. Gleichzeitig sahen sie, dass die Vereinigten Staaten und die UdSSR wirtschaftliche Großräume darstellten, die autark funktionieren konnten und groß genug waren, um die Vorteile der Economies of scale zu nutzen. Einen solchen wirtschaftlichen Großraum zu schaffen, strebten insbesondere das Deutsche Reich und Japan an.Alan Milward: War, Economy and Society 1939–1945. University of California Press, ISBN 0-520-03942-4, S. 9.
Neben wirtschaftlichen Vorteilen erhoffte man sich in NS-Deutschland und Italien zudem spirituelle Vorteile aus einem Krieg. Die Basis der faschistischen und nationalsozialistischen Ideologie war eine Abkehr von den Ideen der Aufklärung. Im Krieg sahen sie ein Werkzeug, den Menschen egoistische Eigeninteressen, menschliche Freiheit, Fortschritt und Demokratie auszutreiben, um eine „ursprünglichere“, kollektivistischere Gesellschaft zu schaffen.Alan Milward: War, Economy and Society 1939–1945. University of California Press, S. 5 f.
Deutsches Reich
Adolf Hitler vertrat die im Deutschen Reich weit verbreitete Ansicht, dass der Kriegseintritt Großbritanniens im Ersten Weltkrieg das Ergebnis eines imperialen Konkurrenzkampfes war mit dem Ziel, das Deutsche Reich als Wirtschaftskonkurrent auszuschalten.J. Adam Tooze: Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus. Pantheon, 2018, ISBN 978-3-570-55056-4, S. 26–27. Er sah ein hohes Maß an Autarkie als notwendig an, um strategisch und militärisch freie Hand zu haben. Dabei spielte auch die Erinnerung an die sehr effektive Seeblockade durch die Alliierten während des Ersten Weltkriegs eine Rolle. Schon länger wurde im Deutschen Reich eine Großraumwirtschaft angestrebt. Nach diesem Plan wäre Deutschland zusammen mit seinen industrialisierten Nachbarstaaten Frankreich, Belgien und Böhmen das industrielle Herzland. Die peripheren Länder würden Rohstoffe und Lebensmittel bereitstellen. Die Großraumwirtschaft sollte einen größeren Markt mit intensiven Handelsbeziehungen bieten, wodurch steigender Handel die Beschäftigungsquote und das Pro-Kopf-Einkommen steigern sollte. Bei der Vorstellung von Großraumwirtschaft spielten auch rassistische Überlegungen eine Rolle. Demnach wären die Menschen der ökonomischen Peripherie aus rassischen Gründen nicht zu einer höheren Wirtschaft in der Lage. Dem Konzept der Großraumwirtschaft folgend schloss das deutsche Reich seit 1933 dem Neuen Plan folgend einige bilaterale Handelsabkommen mit südosteuropäischen Ländern, die günstigere Konditionen ermöglichten als die Handelsabkommen mit anderen Industrieländern, die zum Teil von den devisenknappen deutschen Handelspartnern Vorausbezahlung für Importe verlangten.Alan Milward: War, Economy and Society 1939–1945. University of California Press, S. 8–10. Diese kooperativen Handelsabkommen waren auch für die Kriegswirtschaft von großem Nutzen. Ungarn, Rumänien und Bulgarien exportierten zwischen 40 % und 50 % ihrer gesamten Güter in das Deutsche Reich. Für den rumänischen Handel war vor allem Erdöl ein bedeutendes Handelsgut, für Ungarn Lebensmittel und Rüstungsgüter. Deutsche Firmen investierten in größerem Umfang in Ungarn und halfen so indirekt bei der Industrialisierung.Alan Milward: War, Economy and Society 1939–1945. University of California Press, S. 87–89, 150–152.
Hitlers Denken kreiste in einem absonderlichen Universum und ist durch seine Irrationalität schwer greifbar. Einerseits sah er eine „jüdische Weltverschwörung“, von der die USA, Großbritannien und die Sowjetunion beherrscht seien und die das Deutsche Reich einkreiste. Andererseits war er der Ansicht, dass ein hoher Lebensstandard wie in den USA nur durch einen großen Lebensraum erzielbar sei. Er strebte eine rassistische Lebensraum-Politik in Polen und Teilen der Sowjetunion an, mit dem Ziel der Eroberung und Entvölkerung. Diese Planung war dem traditionelleren Gedanken der Großraumwirtschaft unter Nutzung der vorhandenen peripheren Ökonomien diametral entgegengesetzt und führte wegen ihrer sinnlosen Grausamkeit dazu, dass die zeitweise eroberten Ostgebiete trotz ihrer flächen- und bevölkerungsmäßigen Größe für die Kriegswirtschaft des deutschen Reiches wenig Nutzen brachten.Alan Milward: War, Economy and Society 1939–1945. University of California Press, S. 14, 150–152.
Im Detail waren die ökonomischen Vorstellungen innerhalb der NSDAP durchaus vielfältig und inkonsistent.Alan Milward: War, Economy and Society 1939–1945. University of California Press, S. 8–10. So wurden auch Gesetze gemacht, mit denen wirtschaftliche Effizienzzuwächse bekämpft wurden, indem arbeitsintensive Formen der Landwirtschaft und des Handwerks gesetzlich geschützt, große Einzelhandelsfirmen bekämpft und Menschen an der Abwanderung aus der Landwirtschaft in die Industrie möglichst gehindert wurden. Da die Aufrüstung bereits in Friedenszeiten Vollbeschäftigung schuf, führte der Kriegsbeginn mit der Einberufung von Millionen Männern in den Kriegsdienst zwangsläufig zu Produktionsausfällen.Alan Milward: War, Economy and Society 1939–1945. University of California Press, S. 13. Die SS errichtete mit den Konzentrationslagern ihr eigenes, hochgradig ineffizientes und inhumanes Wirtschaftsimperium.Alan Milward: War, Economy and Society 1939–1945. University of California Press, S. 128.
Italien In Italien gab es Ansätze dazu, eine eigene Großraumwirtschaft zu errichten. Dies war jedoch aufgrund der starken Expansion der deutschen Handelsbeziehungen nach Südosteuropa schwierig. Ebenso gab es Ansätze, durch Protektionismus und Subventionen kriegswichtige synthetische Industrien zu schaffen. Die Bemühungen blieben jedoch deutlich hinter den Anstrengungen des Deutschen Reichs zurück. Insgesamt gab es in Italien keine adäquaten Versuche, sich wirtschaftlich auf einen längeren Krieg vorzubereiten.Alan Milward: War, Economy and Society 1939–1945. University of California Press, S. 14 f.
Japan Die japanischen Kriegsziele waren primär ökonomischer Natur. Ähnlich wie im Deutschen Reich wurde eine eigene Großraumwirtschaft angestrebt, die man als Koprosperitätsraum bezeichnete, wobei es hier ausschließlich um die Stärkung der japanischen Wirtschaft und nicht um radikale gesellschaftliche oder rassistische Ziele ging. Die japanische Wirtschaft hätte dabei den industriellen Kernraum gebildet und die peripheren Ökonomien wären in erster Linie zur Rohstoffversorgung und Lebensmittelproduktion über Handelsverträge einbezogen worden. Korea wäre für die Reisversorgung, die Mandschurei für Eisen, Kohle und Lebensmittel, Rehe (Provinz) für Kohle und Baumwolle, Niederländisch-Indien für Öl und Bauxit, Malaysia für Zinn und Kautschuk und Niederländisch-Formosa für Zucker zuständig gewesen.Alan Milward: War, Economy and Society 1939–1945. University of California Press, S. 15 f. Der Haken an der Planung war, dass einige Bodenschätze noch nicht erschlossen waren und die Utilisierung der Koprosperitätszone somit zum Teil hohe Investitionen in Anlagen und Transportinfrastruktur erforderten, obwohl für Japan sowohl Kapital als auch der Faktor Zeit knappe Güter waren.Alan Milward: War, Economy and Society 1939–1945. University of California Press, S. 32.
Die Alliierten