mini|hochkant|1984 aufgestellte Büste im Zoologischen Garten Berlin (Foto: 2016) Ludwig Georg Heinrich Heck, genannt Lutz Heck (* 23. April 1892 in Berlin; † 6. April 1983 in Wiesbaden), war ein deutscher Zoologe, Tierforscher und Tierbuchautor. Von 1932 bis 1945 war Heck Direktor des Zoologischen Gartens Berlin. Heck spielte eine aktive Rolle in der Plünderung und der Tötung der Tiere des Warschauer Zoos nach dem Überfall auf Polen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.
Leben Frühe Jahre Lutz Heck kam am 23. April 1892 als drittes Kind des Zoodirektors Ludwig Heck und seiner Frau Margarete, geborene Nauwerk, im Zoologischen Garten Berlin zur Welt.Klös (1984), S. 106. Er studierte in Berlin, Freiburg im Breisgau sowie Königsberg i. Pr. und wurde 1922 zum Dr. phil. promoviert. Er wurde Assistent und schließlich stellvertretender Direktor des Zoologischen Gartens Halle (Saale). 1924 übernahm er die Assistentenstelle und 1927 die stellvertretende Leitung des Zoologischen Gartens von Berlin. 1932 wurde er Nachfolger seines Vaters als wissenschaftlicher Direktor des Zoos.
Zoodirektor in der Zeit des Nationalsozialismus mini|Informationstafel zur Büste von Lutz Heck im Zoologischen Garten Berlin Unter seiner Leitung wurde der Zoo umfassend modernisiert. Es gab erstmals Freianlagen ohne Trenngitter. Schon 1925 hatte er die Errichtung des ersten Tierkinderzoos veranlasst. Heck, der ab dem 1. Juni 1933 Förderndes Mitglied der SS war, trat zum 1. Mai 1937 auch in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 3.934.018).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/14011474Andreas Gautschi: Der Reichsjägermeister. 4., überarbeitete Auflage. Nimrod, Melsungen 2006, Seite 66, ISBN 978-3-7888-1038-2.
Zusammen mit seinem Bruder Heinz Heck, dem Leiter des Tierparks Hellabrunn in München, unternahm Heck Versuche, aus von ihnen als ursprünglich erachteten Rinderrassen ein dem Auerochsen ähnliches Rind zu züchten. Diese Zuchtmethode ist heute als Abbildzüchtung bekannt. Obwohl der Erfolg in wissenschaftlicher Literatur bereits früh als unzureichend bezeichnet wurde,Cis van Vuure: Retracing the Aurochs – History, Morphology and Ecology of an Extinct Wild Ox. 2005, ISBN 954-642-235-5. präsentierten die Brüder Heck ihre Rinder publikumswirksam als „rückgezüchteten Auerochsen“, eine Fehlbezeichnung, die man auch heute noch oft in Tierparks findet. Die heutigen Heckrinder gehen auf die Versuche von Heinz Heck in München zurück, da die Berliner Linie am Ende des Zweiten Weltkriegs verlorenging. Ab 1934 setzte Lutz Heck sich für die Wiederansiedlung des Alpensteinbocks in den deutschen Alpen bei Berchtesgaden ein.
Heck stand in engem freundschaftlichem Kontakt zu Hermann Göring, mit dem er die Leidenschaft für die Großwildjagd teilte. Dieser förderte persönlich Hecks Abbildzüchtungsversuche des Auerochsen und veranlasste 1935 eine großzügige Geländeschenkung aus preußischem Staatsbesitz an den Berliner Zoo. Das ermöglichte es Heck, angrenzend an die bestehenden Anlagen einen eigenständigen „Deutschen Zoo“ einzurichten.
1938 wurde der promovierte Zoologe – anlässlich des „Führergeburtstages“ – ehrenhalber zum Professor ernannt. Im selben Jahr wurde er Leiter des Referates bzw. der Abteilung (ab 1941) Naturschutz im Reichsforstamt.
Während der Besetzung Osteuropas spielte das SS-Fördermitglied Heck eine maßgebliche Rolle bei der systematischen Verschleppung von Elefanten, Kamelen, Flusspferden und Zebras ins Deutsche Reich. Zur Jahreswende 1939/40 wurde im Warschauer Zoo ein Großteil des dort noch vorhandenen Tierbestandes von Heck und dazu eingeladenen weiteren Mitgliedern der deutschen Besatzungstruppen bzw. der SS erschossen. Während seiner Dienstzeit am Berliner Zoo wurden Zwangsarbeiter ausgebeutet. Aus dem südukrainischen Zoo von Askanija-Nowa wurden Przewalski-Pferde an deutsche Zoos versandt.
Der Vorsitzende des Westfälischen Heimatbundes Karl-Friedrich Kolbow fasste Lutz Heck als Gegenspieler auf. Dieser habe, so Kolbow, Pläne vereitelt, eine volkstumsgemäße Landschaftsgestaltung im Gefüge des NS-Staates zu verankern, und rechnete ihn abwertend zu den „Berliner Asphaltmenschen“.Willi Oberkrome: Deutsche Heimat. Nationale Konzeption und regionale Praxis von Naturschutz, Landschaftsgestaltung und Kulturpolitik in Westfalen-Lippe und Thüringen (1900–1960) (Forschungen zur Regionalgeschichte 47), Schöningh, Paderborn u. a. 2004, ISBN 3-506-71693-X, S. 254 f. Hecks Eintreten für einen einheitlichen Reichsnaturschutzbund wurde von dieser Warte aus scharf kritisiert. Heck stand für eine Priorität der Waldwirtschaft vor dem Naturschutz, um die für die Kriegsführung notwendigen Ressourcen zu erhalten.
Nach Kriegsende Mit Kriegsende wurde Heck wegen seiner Straftaten im besetzten Polen von den sowjetischen Behörden zur Fahndung ausgeschrieben.Willi Oberkrome: Deutsche Heimat, S. 273. Er entzog sich der Verhaftung durch Flucht in die westlichen Besatzungszonen und lebte schließlich als freier Schriftsteller in Wiesbaden. Ab 1953 unternahm er mehrere Expeditionsreisen nach Afrika und betrieb dort biologische Studien. Seine erste Reise führte ihn nach Südafrika, von wo er eine Vielzahl von Tieren mitbrachte, die hauptsächlich für Zuchtzwecke im Münchner Zoo bestimmt waren.
Heck starb am 6. April 1983 im Alter von 90 Jahren in Wiesbaden.Klös (1984), S. 109.
Grabstätte
mini|Familiengrab Heck auf dem Münchner Waldfriedhof
Die Grabstätte von Lutz Heck befindet sich auf dem Münchner Waldfriedhof (Grabnr. 50-W-1)Franz Schiermeier: Waldfriedhof München, Übersichtsplan der Grabmäler, 2021, ISBN 978-3-948974-07-7 Titel auf Verlagsseite. In dem Familiengrab sind auch Lutz Hecks Vater Ludwig Heck (Berliner und Kölner Zoodirektor) und seine Mutter Margarete Heck sowie sein Bruder Heinz Heck (Direktor im Tierpark Hellabrunn in München) beerdigt.
Die Grabstätte ist vom Bildhauer Fritz Behn geschaffen, der für Tierplastiken bekannt ist und von dem einige Tierplastiken im Zoo Berlin und im Tierpark Hellabrunn in München stehen.
Familie Heck war verheiratet mit Helga von Deines, Tochter von Adolf von Deines. Das Paar hatte zwei Söhne:Deutsche Biografie: Heck, Ludwig Franz Friedrich Georg, abgerufen am 7. Februar 2024. Lutz Heck jun. (1924–2009)DNB arbeitete als Nachfolger seines Onkels Heinz Heck zwischen 1964 und 1972 als Direktor des Tierparks Hellabrunn in München; Heinz Heck (1927–2002) war Direktor der Catskill Game Farm in Catskill, New York.
Werksauswahl Bücher mit M. Proshauer (Hrsg.): Aus der Wildnis in den Zoo. Auf Tierfang in Ostafrika, 1930 Schrei der Steppe, 1933 (erste Tonaufnahmen afrikanischer Tiere in Verbindung mit einem Buch) mit F. Peltzer: Der Bilder-Zoo, 1934 Der Wald erschallt, 1934 Auf Urwild in Kanada. Berichte, Beobachtungen und Gedanken einer glücklichen Fahrt, 1935 Der deutsche Edelhirsch, 1935 Wegweiser durch den Zoologischen Garten Berlin, 1940 Auf Tiersuche in weiter Welt, Parey, 1941 Schwarzwild. Lebensbild des Wildschweins, 1950 Tiere, mein Abenteuer. Erlebnisse in Wildnis und Zoo, 1952 Großwild im Etoschaland. Erlebnisse mit Tieren in Südwest-Afrika, 1955 Der Rothirsch. Ein Lebensbild, 1956 (Neuausgabe v. Der deutsche Edelhirsch) Fahrt zum weißen Nashorn. Im Auto durch Südafrika, 1957 Tiere in Afrika, 1957 mit Eva Heck: Wildes schönes Afrika, 1960 Waidwerk mit bunter Strecke. Jagd in heimischen Revieren, 1968 Wilde Tiere unter sich. Beobachtungen ihres Verhaltens in Afrika, 1970 Das doppelte Äffchen. Die Hellabrunner Orang-Utan-Zwillinge, 1972 mit G. Raschke: Die Wildsauen. Naturgeschichte, Ökologie, Hege und Jagd, 1980, verm. Neuausgabe 1985
Filme mit Oscar Neumann: Auf Tierfang in Abessinien, 1926 Im Reich des Löwen Mit Büchse und Lasso in Afrika Urwild in Canada
Auszeichnungen 1938 wurde ihm aus Anlass des 49. Geburtstages von Adolf Hitler der Titel „Professor“ verliehen. 1940 erhielt er die silberne Leibniz-Medaille der Preußischen Akademie der Wissenschaften 1972 wurde er zum Ehrenmitglied des Nassauischen Vereins für Naturkunde ernannt. 1978 Literaturpreis des Deutschen Jagdverbandes für sein mehr als 40 Jahre währendes schriftstellerisches Lebenswerk 1984 wurde ihm zu Ehren eine Bronzebüste des Künstlers Heinz Spilker im Zoo von Berlin aufgestellt.
Im Spielfilm In dem Spielfilm Die Frau des Zoodirektors (2017), dessen Handlung im von den Deutschen besetzten Warschau während des Zweiten Weltkriegs angesiedelt ist, wurde Lutz Heck von Daniel Brühl verkörpert.
Literatur Wer ist wer? 16. Ausgabe von Degeners Wer ist’s? Hrsg. v. Walter Habel. Arani, Berlin 1969/70, ISBN 3-7605-2007-3. Heinz-Georg Klös: In memoriam Professor Dr. Lutz Heck. In: Bongo. Beiträge zur Tiergärtnerei und Jahresberichte aus dem Zoo Berlin. Band 8, 1984, S. 105–110, . Clemens Maier-Wolthausen: Hauptstadt der Tiere. Die Geschichte des ältesten deutschen Zoos. Ch. Links, Berlin 2019. Anna-Katharina Wöbse, Mieke Roscher: Zootiere während des Zweiten Weltkrieges: London und Berlin 1939–1945. In: WerkstattGeschichte. Nr. 56, 2011, S. 46–62 (pdf). Max Alfred Zoll: Prof. Dr. Lutz Heck 75 Jahre. In: Der Zoologische Garten (N.F.). Band 35, 1968, S. 179–180.
Weblinks
Frank Fox: Jews and Buffaloes, Victims of Nazi Pseudo-science. In: East European Jewish Affairs 31 (2001), Nr. 2, S. 82–93, online. Lutz Heck: Über den Kaplöwen im Städtischen Museum zu Wiesbaden. Zoo Berlin will seine Nazi-Vergangenheit aufarbeiten hdp.de, abgerufen am 17. März 2016
Einzelnachweise
Kategorie:Zoodirektor Kategorie:Pferdezüchter Kategorie:Person (Jagd) Kategorie:Autor Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Sachliteratur Kategorie:Person (deutsche Besetzung Polens 1939–1945) Kategorie:NSDAP-Mitglied Kategorie:Förderndes Mitglied der SS Kategorie:Träger der Leibniz-Medaille Kategorie:Person (Zoologischer Garten Berlin) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1892 Kategorie:Gestorben 1983 Kategorie:Mann