Die Sammlung Prinzhorn in Heidelberg ist ein Museum für historische Werke aus psychiatrischen Anstalten sowie von heutigen Psychiatriepatienten. Die bedeutende Spezialsammlung ist angeschlossen an die Klinik für Allgemeine Psychiatrie des Universitätsklinikums Heidelberg.
mini|hochkant|August Natterer: Hexenkopf, Sammlung Prinzhorn mini|August Natterer Weltachse mit Hase
Museum Sammlung Prinzhorn Die Sammlung entstand aus dem Grundstock einer kleinen Lehrsammlung des Ordinarius für Psychiatrie Emil Kraepelin, ehemaliger Leiter des Psychiatrischen Klinikums der Universität Heidelberg. Dieser Grundstock wurde von dem Kunsthistoriker und Arzt Hans Prinzhorn (1886–1933) nach dem Ersten Weltkrieg umfassend erweitert.Zu Prinzhorn siehe Thomas Röske: Der Arzt als Künstler. Ästhetik und Psychotherapie bei Hans Prinzhorn (1886–1933), Bielefeld 1995.Zur Geschichte der Sammlung siehe Bettina Brand-Claussen: Das „Museum für pathologische Kunst“ in Heidelberg. Von den Anfängen bis 1945. In: Wahnsinnige Schönheit, Prinzhorn-Sammlung. Ausstellungskatalog Osnabrück, Kulturhistorisches Museum u. a., Heidelberg 1997, S. 6–23.Der Sammlung angeschlossen ist das Hans-Prinzhorn-Archiv. Die Sammlung ist seit 2001 der breiten Öffentlichkeit zugänglich.
Das Universitätsmuseum genießt internationales Renommee und präsentiert in wechselnden Ausstellungen historische Dokumente bildnerischer Werke ehemaliger Patienten des Klinikums und auch bildnerische Arbeiten von Patienten der letzten Jahrzehnte.Eckart Roloff, Karin Henke-Wendt: Kunst aus der Klinik – ein Leidschatz der Menschheit. (Sammlung Prinzhorn, Heidelberg) In: Besuchen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Eine Tour durch Deutschlands Museen für Medizin und Pharmazie. Band 2, Süddeutschland. Verlag S. Hirzel, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-7776-2511-9, S. 56–58.
Kunst aus Anstalten
Anstaltswerke können ‚fremd’ und vertraut wirken; ästhetische Konventionen werden überschritten, eigenwillige Systeme und fiktive Welten imaginiert, doch Konventionen auch bewahrt. Bildfindungen des Ein- und Ausschlusses sind oft ‚anders’ und doch mit dem Außen verbunden. Eigengesetzlichkeit, ästhetische Energien, aber auch Verletzungen durch die Lebensgeschichte und den Ort der Anstalt sind darin eingezeichnet. Sie sind ein „Leidschatz“ (Aby Warburg).Gottfried Böhm: Die Kraft der Bilder. Die Kunst von „Geisteskranken“ und der Bilddiskurs. In: Ders.: Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin 2007, S. 229–242. Böhm bezeichnet die Sammlung als „historischen Sonderfall“ (S. 230) und hebt damit ihre Einzigartigkeit hervor.
Historischer Bestand bis 1933
Die Sammlung Prinzhorn bewahrt rund 6000 historische Werke von etwa 450 Anstaltsinsassen, mehrheitlich aus der Zeit von ca. 1890 bis 1933. Vielfältig, doch von knappen Ressourcen der Anstalten geprägt, sind Bild- und Textsorten, künstlerische Techniken und Materialien: Zeichnungen und Aquarelle, Ölgemälde, textile Arbeiten, Notationen sowie Bücher und Hefte. Unter den Produzenten finden sich alle sozialen Klassen. Etwa 80 Prozent sind männlich, obgleich damalige Anstalten ähnlich viele Frauen wie Männer verwahrten. Als Klassiker gelten heute: Else Blankenhorn, Franz Karl Bühler, Karl Genzel, Paul Goesch, Emma Hauck, August Klett, Peter Meyer, August Natterer, Agnes Richter, Joseph Schneller, Barbara Suckfüll, Oskar Voll und Adolf Wölfli.
Neue Sammlung nach 1945 Rund 30.000 ObjekteIngrid von Beyme, Thomas Röske (Hrsg.): Einführung in die Sammlung Prinzhorn. Sammlung Prinzhorn, Heidelberg 2020, ISBN 978-3-9807924-8-6, S. 12, 15 (online verfügbar). umfasst die neuere Sammlung, darunter den Fundus des Malateliers von Gisela Petschner in der Anstalt Merxhausen (Sammlung Petschner [1963–1983]) und die Sammlungen der Psychiater Manfred in der Beeck aus Schleswig und Hemmo Müller-Suur aus Göttingen sowie Werkbestände der Outsider Art, wie Friedrich Boss, Gudrun Bierski, Sonja Gerstner, Marcia Blaessle, Vanda Vieira-Schmidt, Alfred Stief und Clemens von Oertzen. Im Jahr 2021 konnte das Museum 250 Werke von Elfriede Lohse-Wächtler aus ihrem Früh- und Spätwerk mit Hilfe großzügiger Stiftungen ankaufen.Werke von Elfriede Lohse-Wächtler im Museum Prinzhorn zu sehen. Rhein-Neckar-Zeitung, 27. April 2023, S. 15. Im Jahr 2024 konnte das Museum mit Unterstützung der Weinheimer Hector-Stiftung das letzte im Kunsthandel verfügbare Selbstbildnis von Elfriede Lohse-Wächtler erwerben, ebenso Werke von Friedrich Schröder Sonnenstern, der als wichtiger Künstler im Bereich der Kunst von Psychiatrieerfahrenen nach dem Zweiten Weltkrieg gilt. Rhein-Neckar-Zeitung, 2. März 2024 S. 14.
Konservatorischer Zustand
Die meist fragilen Bildträger aus minderwertigen Alltagspapieren (Zeitung, Zuckertüten, Apfelsinenpapier) sowie eine über Jahrzehnte unsachgemäße Lagerung sind verantwortlich für die Fragilität der Werke. Von 1980 bis 1984 konnte der Zerfall durch ein Restaurierungsprojekt der Volkswagenstiftung gebremst werden. Doch bleibt die kontinuierliche konservatorische und restauratorische Bearbeitung besonders der hochempfindlichen Altbestände eine Kernaufgabe des Museums.
Museumsgebäude
Von 2000 bis 2001 erfolgte der Umbau des Hörsaals der alten Medizinischen Klinik zum Ausstellungshaus mit Depot- und Arbeitsräumen. Im Hörsaalgebäude, von Josef Durm 1890/91 im Stil der Neorenaissance gebaut, hielt der Begründer einer anthropologischen Medizin, der Neurologe Viktor von Weizsäcker, von 1920 bis 1941 Vorlesungen. Mit erfolgreicher Etablierung des Museums und weiterhin wachsenden Beständen sind die Ansprüche an das Haus gestiegen. Eine Erweiterung der Flächen wird angestrebt mit Platz für Dauerausstellung, Depots, grafisches Kabinett, Bibliothek, Medien- und Seminarraum.
Ausstellungen, Forschungsprojekte und Geschichte
Temporäre Ausstellungen und universitäre Forschungsarbeiten sind vor allem in Kunst- und Kulturwissenschaft sowie Psychiatrie- bzw. Medizingeschichte eingebunden. Untersucht wurden z. B. psychotische Bildproduktionen,Inge Jádi, Bettina Brand-Claussen (Hrsg.): Vision und Revision einer Entdeckung. Katalog zur Eröffnungsausstellung, Sammlung Prinzhorn, Heidelberg 2001. die Geschlechterverhältnisse,Bettina Brand-Claussen, Viola Michely (Hrsg.): Irre ist weiblich. Künstlerische Interventionen von Frauen in der Psychiatrie um 1900. Ausstellungskatalog Sammlung Prinzhorn, Heidelberg 2004, 2. Auflage 2009. der Ort der Anstalt, LebensgeschichtenThomas Röske, Doris Noell-Rumpeltes (Hrsg.): Durch die Luft gehen – Josef Forster, die Anstalt & die Kunst, Ausstellungskatalog, Heidelberg 2011 (mit einer erstmals vollständig publizierten Krankengeschichte aus dem Archiv der Sammlung). und die Rezeption des Heidelberger Fundus vom Expressionismus bis heute in Kunst, Literatur und Musik.Herwig Guratzsch (Hrsg.): Expressionismus und Wahnsinn, bearb. von Thomas Röske. Ausstellungskatalog Schleswig, Schloss Gottorf, München / Berlin / London / New York 2003. Thomas Röske und Ingrid von Beyme (Hrsg.): Surrealismus und Wahnsinn, Ausstellungskatalog, dt./engl., Heidelberg 2009. Ingrid von Beyme und Thomas Röske (Hrsg.): Ungesehen und Unerhört I. Künstler reagieren auf die Sammlung Prinzhorn, Heidelberg 2013. Ingrid von Beyme und Thomas Röske (Hrsg.): Ungesehen und Unerhört II. Künstler reagieren auf die Sammlung Prinzhorn, Heidelberg 2014. Über Kooperationen mit Institutionen, die auf Art brut und Outsider Art spezialisiert sind, rückt ein lange Zeit ignoriertes ästhetisches Feld in den Fokus.
Vorgeschichte: Kraepelin, Weygandt, Wilmanns mini|hochkant|Emil Kraepelin Emil Kraepelin (1856–1926) sammelte als Leiter der Psychiatrischen Klinik Heidelberg kuriose Zeichnungen und anderes für ein kleines, 1896 eingerichtetes Psychiatriemuseum. Er war bestrebt, durch vermehrte Asylierungen vor Geisteskranken wie „gegen ansteckende Kranke“ zu schützen.Emil Kraepelin: Die psychiatrischen Aufgaben des Staates. Jena 1900, S. 16, zitiert nach Hans Walther Schmuhl: Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie – von der Verhütung zur Vernichtung ‚lebensunwerten Lebens‘, 1890–1945 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 75). Göttingen 1987, S. 82. Dazu unternahm er 1896, ähnlich wie zuvor Cesare Lombroso und Max Nordau, einen frühen Versuch, moderne Kunst als ‚entartet’ zu pathologisieren.Bettina Brand-Claussen: »Sciens nescieris« Max Klingers Philosoph und Emil Kraepelins diagnostisches Bildwissen. In: Wissen und Nicht-Wissen in der Klinik: Dynamiken der Psychiatrie um 1900. Bielefeld 2012. S. 143–169. Zwei seiner Heidelberger Assistenten sammelten mit konträren Absichten weiter. Wilhelm Weygandt (1870–1939) suchte nach „Irrenkunst“. Als Direktor der Klinik Hamburg-Friedrichsberg setzte er die volkshygienischen Ansätze Kraepelins fort und wandte sich in den 1920er Jahren öffentlich gegen das ‚Entartete‘ moderner Kunst.Bettina Brand-Claussen: Häßlich, falsch, krank. ‚Irrenkunst’ und ‚irre Kunst‘ zwischen Wilhelm Weygandt und Carl Schneider. In: Christoph Mundt, Gerrit Hohendorf, Maike Rotzoll (Hrsg.): Psychiatrische Forschung und NS-Euthanasie. Heidelberg 2001, S. 265–320. Karl Wilmanns (1873–1945), seit 1902 Assistent Kraepelins, bewahrte die Zeichnungen von Vagabunden und Bettlern, deren Gefängnispsychosen er erforschte. Dabei wuchs die „Lehrsammlung“ auf etwa 80 „Fälle“. Als Klinikleiter (1919–1933) förderte Wilmanns das Projekt Hans Prinzhorns.
Sammeltätigkeit Hans Prinzhorns Der promovierte Kunsthistoriker und Arzt Hans Prinzhorn (1887–1933) baute als Assistent der Heidelberger Klinik (1919–1921) die „Lehrsammlung“ aus, um sie im Kontext von Krankheit zu erforschen. Verstört durch die Katastrophe des Ersten Weltkriegs hoffte er „Echtes“ in den Werken in sich gekehrter Anstaltsinsassen zu finden. Mit dieser Intention mobilisierte Prinzhorn Anstaltsdirektoren im deutschen Sprachraum, ihm Arbeiten zu schicken. Als Prinzhorn Juli 1921 die Klinik verließ, war die Sammlung auf über 4500 Werke von etwa 450 (anonymisierten) „Fällen“ gewachsen. Und sie wuchs weiter.
Prinzhorns „Bildnerei der Geisteskranken“ (1922) mini|hochkant|Hans Prinzhorn als Abiturient 1904 Prinzhorn suchte nach dem „Ausdruck von eigenem Erleben“, sammelte also mit einer zentralen Kategorie der Kunst der Moderne im Kopf. Ausgeklammert war dabei jedoch alles, was allzu gegenständlich oder aber ‚deformiert’ war, mithin der spätexpressionistischen Sicht des Autors nicht entsprach.Bettina Brand-Claussen, Thomas Röske (Hrsg.): Künstler in der Irre. Ausstellungskatalog. Heidelberg 2008. Prinzhorns Konstrukt verlangte nach spontanen Werken ungeübter Geisteskranker.Röske 1995. Sein Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ (1922) suggerierte, es repräsentiere die Heidelberger Sammlung und damit die Gestaltungsmodi „Geisteskranker“; dass zur ‚Irrenkunst’ auch künstlerische bzw. kulturell geprägte Werke gehörten, unterschlug er. Von der Anstaltsrealität der Künstler, die oftmals tatsächlich kreative Vorbildung hatten, war das weit entfernt. Wegen seines ästhetischen Reichtums wurde das Buch über Sprachgrenzen hinaus berühmt – ‚Bibel der Surrealisten’ nannte es Werner Spies. Bis heute ist die Anziehungskraft der Anstaltskunst ein Phänomen.vgl. Gottfried Böhm, 2007.
Impulse zur Umwertung als Kunst gab neben Prinzhorn der Schweizer Psychiater Walter Morgenthaler. 1921 erschien in Bern sein Buch über Adolf Wölfli „Ein Geisteskranker als Künstler“. Doch schon damals dachten deutsche Juristen und Psychiater an die „Euthanasie“ angeblich „leerer Menschenhülsen“Karl Binding, Alfred Hoche: Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form. Leipzig 1920. – gemeint waren genau jene Langzeitpatienten, für deren schöpferische Intelligenz Prinzhorn mit Sammlung und Buch ein Forum geschaffen hatte.
Ausstellungen bis 1933