mini|Griechische Statue des Ares am Rande des Canopus Die Villa Adriana oder Hadriansvilla wurde von 118 bis 134 n. Chr. etwa 30 km nordöstlich von Rom, 6 Kilometer vor Tivoli (antiker Name: Tibur) als Sommerresidenz und Alterssitz des römischen Kaisers Hadrian ausgebaut. Die Anlage umfasste mindestens 125 ha an bebautem Gebiet und Grünflächen und war damit die größte und aufwendigste Palastanlage, die sich je ein römischer Kaiser erbauen ließ.

Als bedeutendes antikes Ruinenensemble gewann sie nach ihrer Wiederbekanntwerdung im 15. Jahrhundert Bedeutung für die weitere Entwicklung der Gartenkunst und war Vorbild für viele barocke Gartenanlagen. Mehr „Palaststadt“ als Villa ist sie die am besten erhaltene derartige Anlage aus römischer Zeit und ein touristischer Anziehungspunkt. Die facettenreiche Architektur der Villa Adriana spiegelte – und spiegelt teils noch – in einer Vielzahl von Bauten und Ausstattungsobjekten die Eindrücke, die Hadrian bei seinen ausgedehnten Reisen in die Provinzen des Römischen Reiches, vor allem in Griechenland und Ägypten, gesammelt hatte.

Entstehung und Gestaltungsmerkmale Dem Grundtypus nach gehörte die Hadriansvilla bei Tibur zu den Landsitzen der römischen Aristokratie, deren Mitglieder sich oft außerhalb der Stadt die für Muße und vielfältige Freizeitgestaltung geeigneten Bauten errichten ließen. Bekannte schriftliche Überlieferungen dazu gibt es von Columella und Plinius dem Jüngeren. Bereits in republikanischer Zeit gab es eine Villa im Zentrum des später von Hadrian genutzten Großareals. Einige andere einflussreiche Römer, die wie Hadrian spanischer Herkunft waren, hatten ihre Landsitze ebenfalls in dieser Region. Teils wird angenommen, dass die Gens Vibia, der Hadrians Frau Sabina angehörte, die Vorläufer-Villa besaß, die dann von Hadrians weiträumiger Umgestaltung abgelöst wurde.

Zu den für das kolossale Bauvorhaben des Kaisers günstigen Voraussetzungen vor Ort gehörte also einerseits eine bereits entwickelte baugewerbliche Struktur; mit der Via Tiburtina gab es zudem eine schon lange bestehende Straßenverbindung nach Rom; und der mit dem Tiber verbundene Fluss Anio in unmittelbarer Nähe ermöglichte die vorteilhafte Verschiffung aller Material- und Warentransporte über längere Strecken. In den tiburtinischen Steinbrüchen konnte hinsichtlich des Baumaterials aus dem Vollen geschöpft werden.Schareika 2010, S. 40 f. Hingegen bestand das Plateau, auf dem sich Hadrians „Palaststadt“ erheben sollte, aus weichem Tuffstein. So war es relativ einfach, diesen Baugrund für unterirdische Zufahrten und Versorgungswege zu perforieren.Henning Fahlbusch: Die Wasserkultur der Villa Hadriana (Ergebnisse der Kampagnen 2003–2006 des DFG-Projekts FA 406/2). Schriften der Deutschen Wasserhistorischen Gesellschaft Band 8, S. 475. Der Arbeitskräftebedarf war gleichwohl enorm. Allein für die Erdarbeiten zur Umgestaltung, Planierung und Terrassierung des Terrains entsprechend der Bauplanung werden 20.000 bis 40.000 Beschäftigte angenommen.Schareika 2010, S. 48.

mini|Aqua Marcia bei Tivoli Die Qualität der örtlichen Wasserversorgung entsprach der, die durch die Aqua Marcia auch Rom erreichte und über die Plinius der Ältere in der Naturalis historia schrieb: „der großartigste aller Aquädukte in der ganzen Welt, das Höchste an Frische und Sauberkeit zum Ruhm der Stadt ist die Aqua Marcia, unter allen Geschenken, welche die Götter der Stadt gewährt haben.“Naturalis historia 31,24,41 („clarissima aquarum omnium in toto orbe frigoris salubritatisque palma praeconio urbis Marcia est, inter reliqua deum munera urbi tributa“); zit. n. Schareika 2010, S. 48. Der Wasserbedarf der Hadriansvilla wurde von unterirdischen hydraulischen Anlagen gedeckt, nicht nur Thermen und Gebäude, sondern auch künstliche Wasserflächen, Nymphäen und Zierbrunnen. Während von Südosten ein eigener Zuleitungsaquädukt für den Wasserzufluss zur Hadriansvilla sorgte, wurde das Brauchwasser nach Norden abgeleitet.Schareika 2010, S. 48 f.

Allein aus der Riesenhaftigkeit der Villenanlage und aus der Vielzahl der darauf errichteten BautenÜber 900 Räume und Gänge sind bereits bekannt; bislang unerforschte Bereiche lassen einiges mehr erwarten. (Schareika 2010, S. 129) ergibt sich auch eine Form kaiserlicher Machtinszenierung. Dabei beobachtet Schareika bei Hadrian eine Abkehr von den „axial-frontalen römischen Vorlieben“ in der Monumentalarchitektur der Vorgänger. Stattdessen sei sein architektonischer Kosmos von einer „bewegten, nicht kantigen, sondern multiform wuchernden Vielfalt“ bestimmt. In charakteristischer Häufigkeit seien die Rundung bzw. das Runde anzutreffen, nicht nur beim teatro marittimo in zentraler Lage, das den griechischen Tholos aufnahm und auf markante Weise variierte, sondern auch beim Thermenbau mit Rundform und Kuppel. Öfters Verwendung fand auch das altpersische Architekturelement des Iwan, eine große Halle mit gewölbter Decke, zu einem Hof hin offen. Insgesamt, so Schareika, sei in der Gesamtanlage der Hang zum architektonischen Experiment erkennbar und das Bestreben, konventionelle Bauformen in neuer Funktion zu entwickeln.Schareika 2010, S. 61–75.

Großareale und Funktionsbereiche mini|300px|Plan des Geländes und Stand der Ausgrabungen 1905 mini|300px|Modell der Gesamtanlage Eine „Anlage von weitgehender Rätselhaftigkeit“ nennt Schareika die Hadriansvilla,Schareika 2010, S. 7. die sich in Nord-Süd-Richtung insgesamt über 3 km erstreckt und an der breitesten Stelle in west-östlicher Richtung über etwa 1500 Meter. Als behelfsmäßig anzusehen seien sowohl die Gliederung des Komplexes in vier Großareale, die dem heutigen Betrachter die Übersicht erleichtern können, als auch die Funktionsangabe und Benennung einer Reihe von Bauten, bei denen traditionelle Zuschreibungen und neuere Forschung nur vage oder gar nicht zusammenpassen.

Zu den gemeinten Großarealen zählen 1. der Nordpark mit Terrassengärten und Heiligtümern; 2. die südlich anschließende regio princeps mit den kaiserlichen Wohn- und Repräsentationsbauten sowie dem teatro marittimo im Zentrum; 3. die der Muße gewidmete regio otiosa unter anderem mit Thermenanlagen und einer reizvoll in die Umgebung eingebetteten Banketthalle (auch als Serapeium bezeichnet), der ein als Wasserlandschaft gestaltetes Bankettperistyl vorgelagert ist (als „Canopus“ bekannt); 4. das Südviertel u. a. mit „Rocabruna-Turm“, einem weiteren Palastkomplex und dem als „Odeon“ bezeichneten Südtheater. Im gegenwärtigen Eingangsgebäude für Besucher wird ein Modell ausgestellt, das zeigt, wie die Villa zu Hadrians Zeiten ausgesehen haben könnte.Schareika 2010, S. 68.

Bei der modernen Benennung der einzelnen Ruinenobjekte hat man sich an der spätantiken Historia Augusta orientiert, dem einzigen umfänglicher erhaltenen literarischen Quellenzeugnis: „Hadrian schuf mit der Villa von Tibur ein wundervolles Ensemble, und zwar so, dass er darin die berühmtesten Provinzen und Orte mit Namen benannte, wie etwa das Lykeion, die Akademia, das Prytaneion, den Kanopos, die Poikile, das Tempe-Tal. Und um nichts zu übergehen, erschuf er auch eine Unterwelt.“Tiburtinam Villam mire exaedificavit, ita ut in ea et provinciarum et locorum celeberrima nomina inscriberet, velut Lyceum, Academian, Prytaneum, Canopum, Poicilen, Tempe vocaret. et, ut nihil praetermitteret, etiam inferos finxit. (Historia Augusta, Hadrianus 26,5.)

Auf dieser teils zweifelhaften Grundlage – denn die Historia Augusta ist als Quelle von stark schwankender Zuverlässigkeit – wurden Zuordnungen bei den vorgefundenen Bauten getroffen und Bezeichnungen mitunter spekulativ vergeben, die sich als solche zwar etabliert haben und beibehalten werden, mit den neueren Forschungsbefunden aber nicht immer übereinstimmen.Schareika 2010, S. 53 f. Während die Gesamtanlage der Hadriansvilla möglicherweise das Römische Reich in seiner Vielfalt und Einheit symbolisieren sollte, ist das im Zentrum der regio princeps gelegene teatro marittimo (auch Inselpavillon genannt), von dem angenommen wird, dass es dem Kaiser als intimer Rückzugs- und Besprechungsraum im kleinsten Kreis dienen konnte, seiner Anlage nach zugleich als symbolischer Mittelpunkt des Kosmos gedeutet worden. Mehr als begründete Hypothesen lassen sich aus den baulichen Überresten aber oft nicht herleiten.Schareika 2010, S. 84 und 88 f.

Einzelobjekte und Besonderheiten mini|300px|Villa Adriana: das sogenannte teatro marittimo oder Inselpavillon Als „Solitär der Architektur“Schareika 2010, S. 84. führt Schareika jenes im Zentrum der regio princeps platzierte Bauwerk ein, das als teatro marittimo oder Inselpavillon bezeichnet wird. Den Kern der kreisförmigen Anlage bildet ein zylindrischer Steinsockel, umgeben von einem ringförmigen, mit Wasser gefüllten Kanal. Der somit inselartige Sockel von etwa 20 Metern Durchmesser war im Randbereich mit Säulen bestanden, bebaut und überdacht. Auch der Außenrand des Kanals war von Säulen eingefasst und bot mit der ebenfalls ringförmigen Außenmauer Gelegenheit für einen geschützten Rundgang. Der steinerne „Pavillon“ in der Mitte war über zwei drehbar-bewegliche Brücken zu erreichen. Lage und Gestaltung dieses Baukörpers haben Anlass zu der Deutung gegeben, dass der kreisrunde, scheinbar im Wasser liegende Innenbereich den Orbis, also den vom Weltmeer umspülten Erdkreis verkörpern sollte.Fiska 2013, S. 9 und 16. Für Schareika liegt es hypothetisch nahe, den „Inselpavillon“ als architektonische Realisierung einer Idee zu sehen, die Oceanus, Orbis, Himmelsrichtungen, Firmament und Gestirne „zu einem Kosmos integrierte, dessen Mittelpunkt der römische Kaiser Hadrian ist.“ (Schareika 2010, S. 88)

Außenverbindungen gab es sowohl zum kaiserlichen Wohnpalast als auch zu dem heute fälschlich als „Lateinische“ und „Griechische Bibliothek“ bezeichneten zweiflügligen Gebäudekomplex, der nordöstlich anschloss und unterdessen als Verwaltungs- und Diplomatentrakt angesehen wird. Dem Inselpavillon-Komplex westlich angeschlossen war eine große Empfangs- bzw. Audienzhalle mit Halbkuppelapsis (heutzutage grundlos als „Philosophensaal“ firmierend), zu erreichen über den als Poikile bezeichneten und 230 × 96 Meter großen Empfangshof auf der künstlich angelegten Ost-West Terrasse. Dabei handelt es sich um eine überdimensional abgewandelte Form des in die traditionelle römischen Villa integrierten Peristylhofes, der hier aber mit seinem äußerst weiträumigen Bassin aus den Wohnanlagen herausgerückt und ihnen vorgelagert ist – ein für ankommende Besucher zweifellos imposanter Eindruck.

mini|300px|Villa Adriana: Poikile Unterhalb dieser gewaltigen, künstlich angelegten Ost-West-Terrasse befanden sich – gänzlich außerhalb des Blickfelds der in der Hadriansvilla weilenden oder sie aufsuchenden römischen Aristokraten – die Unterkünfte des Arbeits- und Dienstpersonals, von dessen Verrichtungen und Anblick man sich möglichst wenig im eigenen Tun und Genießen stören lassen wollte. Die für geschätzt 1.500 Personen ausgelegten kleinen und teils recht niedrigen Räume in den bis zu 15 Meter hohen Substruktionen der Terrasse waren auf drei bis vier Stockwerke verteilt und wurden über Holztreppen und Holzgalerien erreicht. Außer diesem unterirdischen Wohnanlagenkomplex verliefen aber auch die Verbindungs-, Versorgungs- und Anlieferungswege in gewölbten Tunneln unterschiedlicher Breite, die mit Luft und Licht von oben nur mäßig versorgt waren. „Insgesamt war durch den Verlauf der Gänge und Wege penibel dafür gesorgt, dass die höheren sozialen Gruppen mit den Sklaven und Bediensteten nicht in Berührung kamen.“Schareika 2010, S. 55.