Willy Obrist (* 1918 in Langenthal; † 2013) war ein Schweizer Arzt und Psychologe, der eine Reihe von Werken zum Thema „Evolution des Bewusstseins“ (Mutation des Bewusstseins) publizierte. Das zentrale Thema in Obrists Werk ist der Wandel des (europäischen) Welt- und Menschenbildes, der zu der gegenwärtigen religiösen Orientierungskrise führte.

Leben und wissenschaftliche Arbeit Willy Obrist trat als Jugendlicher in den Jesuitenorden ein, um dort Philosophie und Geschichte zu studieren. Da ihn das Ordensleben aber nicht befriedigte, verliess er den Orden nach wenigen Jahren, um Medizin zu studieren. Nach Abschluss des Medizinstudiums eröffnete er eine Arztpraxis als Internist und Angiologe in Zürich.Die Darstellung ist entnommen aus Obrists eigener biographischer Notiz in Obrist (2006), S. 139–150 Im Alter von etwa 40 Jahren befasste sich Obrist eingehend mit den Schriften von C. G. Jung. Hierdurch beschloss er, seine Praxis aufzugeben, um am C. G. Jung-Institut in Zürich eine Ausbildung zu absolvieren. Nach der Ausbildung wurde er dort selbst Dozent. Zusätzlich wurde er Mitarbeiter in der Stiftung für Humanwissenschaftliche Grundlagenforschung (SHG), einem transdisziplinären Arbeitskreis für Dozenten von Schweizer Hochschulen. Obrist sah es im Folgenden als seine Lebensaufgabe an, den grundlegenden Wandel des Menschen- und Weltbildes, der sich im Verlauf der Neuzeit vollzogen hatte, zu erforschen. In den 1970er-Jahren arbeitete er an einer Synthese zwischen dem Gesamtwerk von C. G. Jung und den neuesten Erkenntnissen aus der Evolutionsforschung, Ethnologie und Religionswissenschaft. Dies führte zur Publikation seines ersten Buchs „Die Mutation des Bewusstseins“ (1980). Im Folgenden weitete Obrist seine Theorie der Bewusstseinsevolution auf die Gesamtevolution aus, was zu seinem Buch über die Evolution „Die Natur – Quelle von Ethik und Sinn“ (1999) führte. Willy Obrist verstarb 2013.

Methodischer Ansatz Obrists zentrales Thema ist die Evolution des Bewusstseins. Er selbst definiert Bewusstsein in zweifacher Hinsicht: Als die Fähigkeit, zwischen Ich (Subjekt) und Nicht-Ich (Objekt) zu unterscheiden und, darauf aufbauend, die Fähigkeit des Ich, immer mehr Einzelheiten am Nicht-Ich, das heisst an der objektiven Wirklichkeit, zu unterscheiden. Für den ersten Teil der Definition beruft sich Obrist auf Spiegelversuche mit Schimpansen, die Russell Tuttle durchgeführt hatte und in denen die Schimpansen im Spiegelbild sich selbst zu erkennen schienen. Obrist sieht in diesem Verhalten das erste Aufdämmern von „Bewusstheit“. Evolution definiert Obrist im Sinn einer Höherentwicklung: der Nachweis, dass eine Evolution stattfand, ist dann erbracht, wenn nachgewiesen ist, dass das zu untersuchende System über lange Zeiträume hinweg fortschreitend an Komplexität zugenommen hat. Auf diesen Definitionen baut Obrist seine Theorie von der Mutation des Bewusstseins auf.

Mutation des Bewusstseins Zur Erklärung des Wandels der Weltsicht in Europa setzt Obrist die idealtypische Abfolge von drei Weltbildern an: Die archaische Weltsicht (mit Diesseits/Jenseits; die Zeit der „Hochreligionen“, der Religionen der Griechen, Römer, Juden, Christen, Muslime; die archaische Weltsicht bleibt bis heute in Gestalt der Kirche(n) bestehen). Als Absetzbewegung von der archaischen Weltsicht entwickelten sich allmählich die empirischen Wissenschaften (Positivismus/Materialismus, mit zunehmender Eliminierung der überirdischen Welt, beginnend seit der Renaissance bis heute). Am Ende des 19. Jahrhunderts bestand eine fundamentale Gegensatzspannung zwischen Kirche und materialistischer Wissenschaft, worauf ein Umschlag erfolgte mit Verschmelzung der beiden Weltsichten zu einer „völlig neuen Zeit“ und „neuen Weltsicht“. Den Fortschritt (die Abfolge: Ganzheit -> Aufspaltung -> Gegensatzspannung und daraus resultierend die Entstehung von etwas Neuem) sieht Obrist in Parallele zu jener Gesetzmäßigkeit psychischen Wandels, wie sie (nach C.G. Jung) bei individueller psychischer Entwicklung vor sich geht: Der Gesetzmäßigkeit von „Gegensatzspannung und transzendierender Funktion“ (von Obrist auch „Fulguration“ genannt), die bei Bewusstwerdungsprozessen das Erreichen einer höheren Stufe der Bewusstheit bewirkt. Der konkrete, historische Ablauf vollzog sich so: Als die Tradition (Kirche) an Strahlkraft verlor (Gründe ab dem Spätmittelalter: Verweltlichung der Kirche, Verwissenschaftlichung der Theologie, Veräußerlichung der Frömmigkeit), da schafften Pioniere in der Neuzeit eine Gegenposition (Positivismus). Dagegen wehrten sich die Traditionalisten. Es kam zu erbitterten Kämpfen zwischen Traditionalisten und Positivisten (Gegensatzspannung zwischen Alt und Neu). Der Höhepunkt war am Ende des 19. Jahrhunderts erreicht. Am Anfang des 20. Jahrhunderts kam es zu einer Übersteigung der Gegensätze. Durch Integration der Gegensätze wurde eine Synthese möglich. Die Menschheit steht an der Schwelle zu einem völlig neuen Zeitalter.

Archaische Weltsicht Die Entwicklung ging „zu Urzeiten“ von einem distanzlosen Eingebunden- und Ausgeliefertsein an die Umwelt der damals lebenden Menschen aus. In einem langanhaltend voranschreitenden Prozess wurde „der Himmel“ immer weiter von den „sichtbaren Dingen“ abgehoben. Obrist benennt diesen Prozess markant als „Hochschieben des Himmels“.Obrist (1999), S. 57 Bei diesem Prozess wurden allmählich zwei Ebenen voneinander abgehoben, der physische Zweig (Welt) und der metaphysische Zweig (Jenseits). Es trat immer deutlicher die für die spätarchaische Zeit charakteristische dualistische Weltsicht von Diesseits/Jenseits zutage.

Vom jenseitigen Bereich glaubte man, er sei von unsichtbaren Wesen bewohnt, die die Fähigkeit haben, auf das Diesseits einzuwirken (Erscheinungen in Traum, Vision; Wunder, Offenbarung)Obrist (1999), S. 42ff.. Da man von den jenseitigen Wesen annahm, sie seien dem Menschen überlegen und könnten ihm Gutes oder Böses antun, setzte sich der Mensch kultisch beschwörend mit ihnen auseinander (Magie, Opfer, Riten). Im Lauf der Zeit wurden die ursprünglich sehr umfangreichen metaphysischen Populationen gestrafft. Gab es auf der animistischen Stufe noch Heerscharen von Geistern, finden sich im klassischen Polytheismus nur noch relativ wenige, in ihrem Charakter klar umrissene Götter. Schließlich zeichneten sich Entwicklungen zum Monotheismus ab. Parallel zum Vorgang des Hochschiebens des Himmels bestand eine Tendenz, die jenseitigen Wesen als immer weniger stofflich bzw. als aus einem immer feineren Stoff bestehend aufzufassen. Der evolutionäre Gewinn der Entwicklung war, dass durch diese „Entmaterialisierung des Jenseits“Obrist (1999), S. 58 die Vorstellung des Geistigen im Gegensatz zum Materiellen in die Welt kam: es entstand das Begriffspaar von Materie und Geist. Bei dieser Entmaterialisierung war im europäischen Hoch- und Spätmittelalter eine Grenze erreicht. Die Mutation des Bewusstseins, die sich bis dahin fast ausschließlich auf dem metaphysischen Zweig (Religion) vollzogen hatte, drohte zum Stillstand zu kommen.

Positivismus In dieser Situation trat eine „Weichenstellung“Obrist(1988), S. 120 ein, die sich im europäischen Hochmittelalter in Form einer endgültigen Trennung von metaphysischem Zweig (Religion) und physischem Zweig (Welt) vollzog. Der Fortgang der Evolution des Bewusstseins verlagerte sich auf den physischen, empirischen Zweig (Erforschung des Diesseits). Der metaphysische Zweig blieb als mächtiger Block bestehen. In einem mühseligen Prozess bildeten sich über die Jahrhunderte hinweg die empirischen Wissenschaften heraus. Obrist fasst die Entwicklung der neuzeitlichen Wissenschaften unter dem Begriff PositivismusObrist (2006), S. 41f. zusammen. Der Positivismus war nach Obrist eine geistige Absetzbewegung von der archaischen Weltsicht (namentlich deren metaphysischem Zweig), die über die Entfaltung der neuzeitlichen Wissenschaften zuerst zum methodischen Positivismus (17. Jahrhundert: Cartesianismus), dann zum weltanschaulichen Positivismus (18. Jahrhundert: Zeitalter der Aufklärung) und dann zum ideologischen Positivismus (Atheismus/Materialismus des 19. Jahrhunderts) führte. Obrist betrachtet das Weltbild des Positivismus/Materialismus lediglich als Weltbild des Übergangs. Der Positivismus war nach diesem Verständnis notwendig, um die Gegenposition zur archaischen Weltsicht aufzubauen. Aus seinem Charakter als Absetzbewegung von der archaischen Weltsicht erklärt sich die Tatsache, dass – aus Gründen der geistigen Hygiene – die Vorstellung einer überirdischen Welt aus dem Weltbild des Positivismus weitgehend eliminiert wurde. Obrist bezeichnet diese Weltsicht deshalb auch als „eliminatorischen Materialismus“.Obrist (2006), S. 43

Die Entwicklung steuerte auf das zu, was Obrist in seinem Grundgedanken vom Prinzip von „Gegensatzspannung und transzendierender Funktion“ ausdrückt. Am Ende des 19. Jahrhunderts (in der Phase des Kulturkampfs) standen sich schliesslich zwei miteinander völlig unvereinbare Arten des Welt- und Selbstverständnisses gegenüber: die noch der archaischen Weltsicht verhaftete Kirche auf der einen Seite, der Positivismus/Materialismus, der die Vorstellung einer jenseitigen Welt aus seinem Weltbild eliminiert hatte, auf der anderen.Obrist (1988), S. 127f. Es bestand eine fundamentale Gegensatzspannung zwischen Religion/Kirche und Wissenschaft.

Integration der Gegensätze Entscheidend für die weitere Entwicklung waren Entdeckungen auf dem Gebiet der TiefenpsychologieObrist (2006), S. 56 ff.. C. G. Jung erschloss in seiner „Theorie der Vision“ den Projektionsvorgang. Er gelangte zur Überzeugung, dass Visionen nicht den Blick in die jenseitige Welt eröffnen, sondern dass es sich bei dem Geschauten um in der Projektion konkretistisch wahrgenommene Gestaltungen des Unbewussten handelt. Dies liess erkennen, dass alle Vorstellungen von konkreten jenseitigen Wesen sich aus dem auf früheren Stufen der Bewusstseins-Evolution einzig möglichen konkretistischen Verständnis der Gestaltungen des Unbewussten ergeben hatten.

Bei der Integration der gegensätzlichen Anschauungen archaische Weltsicht und Positivismus wurden beide in ihrem Geltungsbereich relativiert: der Geltungsbereich der archaischen Weltsicht wurde durch die „Internalisierung der metaphysischen Welt“ geschmälert (Obrist bezeichnet diese Internalisierung auch bildhaft als „Hereinklappen der metaphysischen Welt“), der Geltungsbereich des Positivismus hingegen wurde erweitert. Das Ergebnis dieses Vorganges nennt Obrist die „Neue Weltsicht“. Obrists Theorie ergibt somit die Abfolge: archaische Weltsicht; Positivismus als Absetzbewegung von dieser archaischen Weltsicht; Integration der beiden Weltsichten zu einer „neuen Weltsicht“ auf höherem Niveau.

Evolutionsschritte des Bewusstseins vollziehen sich über lange Zeiträume hinweg. Der Evolutionsschritt, der von der Trennung von irdischer/überirdischer Welt bis zur Gegensatzspannung von Glaube und Wissenschaft am Ende des 19. Jahrhunderts führte, dauerte, wenn man von 1500 bis 1900 rechnet, im Minimum 400 Jahre. Der Prozess, bei dem sich aus der Integration der beiden gegensätzlichen Weltsichten eine neue einheitliche Weltsicht ergibt bzw. noch ergeben wird, wird ebenfalls einen längeren Zeitraum in Anspruch nehmen. Das bedeutet: der Prozess ist nicht abgeschlossen, die heutige Menschheit befindet sich mitten in diesem Prozess.

An der Schwelle zu einem neuen Zeitalter